Journal Karfreitag, 10. April 2020 – Carolin Emcke, Wie wir begehren auf dem Balkon

Samstag, 11. April 2020 um 8:35

Unruhige Nacht wegen Kopfweh, das mich schon am Donnerstagnachmittag geplagt hatte und das eindeutig keine Migräne war. Ein Aspririn am Morgen half.

Beim Aufstehen bemerkte ich Muskelkater am gesamten Rücken. Ich war sehr verwundert, denn die 20 Minuten Yoga am Donnerstag hatten doch nur aus Dehnenübung bestanden. Erst später fiel mir die ausgiebige Brücken-Position ein, die durchaus angestrengt hatte. Die sollte ich wohl öfter machen.

Gestern, an diesem weiteren strahlenden und warmen Frühlingstag, war nach ausgiebiger Kräftigung und Dehnung wieder Crosstrainerstrampeln dran. Ich fand interessant, das mich dabei ganz andere Musik ansprach als während meiner Strampelrunden davor.

Nach Duschen und Anziehen ging ich raus in den wundervollen Tag. Ich verband das Semmelholen mit einem kleinen Umweg über den Südfriedhof.

Einsamer Spielplatz im Nußbaumpark.

Alter Südfriedhof.

Die Kastanie vorm Haus legt sich ins Zeug.

Auf meinem Gang hatte ich in den Straßen aus offenen Fenstern gehört: einmal Balalaika, einmal Klarinette, einmal Klavier – jeweils auf hohem Niveau. Brav daheim geblieben.

Mit dem mittäglichen Frühstück verspielete ich jegliche Chance auf Auswanderung nach Hessen: Die übrigen Grie Soß vom Vorabend streckte ich mit dem Saft einer halben Zitrone und verwendete sie als Dressing für den ersten Salatkopf aus Ernteanteil der Saison.

Den Nachmittag verbrachte ich, unterbrochen von einem Stündchen Siesta, lesend auf dem Balkon.

Die frischen Kastanienblätter leuchteten wie hunderte kleine Lampions.

Zum Nachtmahl hatte ich mir Kalbsleber mit Äpfel und Zwiebeln auf Feldsalat gewünscht – und bekam das Gericht.

Meine Balkonlektüre war Carolin Emcke, Wie wir begehren. Ich mag ihre Stimme ohnehin, in diesem Buch faszinierte mich, wie verschieden unser Heranwachsen gewesen ist, auch wenn wir im selben Jahr im selben Land geboren sind und unser Abitur auf derselben Schulart gemacht haben. Tochter aus gutem Hause in Norddeutschland ist halt eine andere Ausgangsbasis als Gastarbeiterkind in oberbayerischer Provinzstadt (wobei ich bezeichnenderweise die Herkunftsausnahme bin, die sich Emcke explizit im altsprachlichen Zweig eines humanistischen Gymnasiums nicht vorstellen konnte).

Eine große Gemeinsamkeit: Wir wurde beide von guten Lehrerinnen und Lehrern geprägt, ziehen bis heute von ihnen erlerntes heran. In Carolin Emckes Fall nahm ein Musiklehrer die zentrale Rolle ein: Die Schilderung des Unterrichts bei ihm zieht sich als roter Faden durch das Buch, und die verschiedenen Aspekte von Musik, die sie dadurch und selbst entdeckte. (Bei mir war das ja der Griechischunterricht bei Herrn Nusser in meinen letzten drei Schuljahren.) Doch sehr unterschiedlich wieder unsere Sexualität, wobei noch der unbedeutendste Unterschied ist, dass Caroline Emcke seit ihrem 26. Lebensjahr Frauen begehrt: Schon ihre Beschreibung der Rolle von Sexualität in ihrer Jugend war mir komplett fremd, das kannte ich alles nur aus viel späteren Erzählungen.

Wichtig und erhellend fand ich die Beschreibung, was Schweigen über Sexualität von klein auf anrichtet: Auch ich kämpfe bis heute damit, dass zwar Fortpflanzung thematisiert wurde, nicht aber Sex – der in meiner repressiv katholischen Umgebung zusätzlich mit einem erbarmungslosen Moralkorsett verbunden war.

Auf erfreulichste Weise überholt war der letzte Abschnitt des Buchs: Das leidenschaftliche Plädoyer für eine Gleichstellung der schwulen und lesbischen Ehe mit der heterosexuellen. Es bleibt als Argumentationshilfe nützlich, wenn rechte und grundgesetzfeindliche Kräfte eine Aufhebung fordern.

§

Mich erreichen fast keine Corona-Märchen (ich mag den verwässerten und missbrauchten Begriff „Fake News“ nicht), Beweis für die Vernunft meiner Familie und Freunde sowie für die sorgfältige Zusammenstellung meiner Twitter-Timeline. Alle paar Tage schaue ich allerdings in Kanäle, die sich mit dem Faktencheck solcher Märchen beschäftigten, z.B. in den von AP-Associated Press:
„NOT REAL NEWS: A week of false news around the coronavirus“.

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Karfreitag, 10. April 2020 – Carolin Emcke, Wie wir begehren auf dem Balkon“

  1. Pippilotta meint:

    In Feedly ist die kursive Setzung des Titels verlorengegangen, was bei mir zu leichten Irritationen führte: „Wie wir begehren auf dem Balkon“? Und was hat Carolin Emcke damit zu tun?
    Jetzt weiß ich wieder, warum ich bei Literaturangaben eine große Freundin eines Doppelpunkts nach dem Namen der Autorin und des Buchtitels in Anführungszeichen bin. Auf jeden Fall danke für die Empfehlung!

  2. die Kaltmamsell meint:

    Aber, aber, aber, Pippilotta – wie soll ich dann selbstständige Veröffentlichungen noch von Aufsätzen/Artikeln unterscheiden!

  3. Sandra meint:

    Nein, kommen Sie, wenn’s wieder möglich ist, ruhig her. Auch in Hessen steht die Grie Soß auf vielen Brunch-Buffets der Restaurants bei den Salatdressings. Sehr lecker finde ich das immer.
    Ich glaube, ich dürfte viel weniger nochmal nach München kommen, weil ich meine Weißwurst mit Messer und Gabel esse und nicht zuzele oder wie das heißt.

  4. Cathy73 meint:

    Danke für diesen Blogeintrag. Auch ich habe in den letzten Tagen “ Wie wir begehren“ von Carolin Emcke gelesen und war erstaunt festzustellen, dass auch im westlichen Teil Deutschlands die sexuelle Aufklärung u. a. im schulischen Rahmen sich mehr oder weniger nur um die Anatomie und den Akt der Fortpflanzung drehte. Bisher hatte ich die Vorstellung, dass im Westteil Deutschlands eine umfassenderere Aufklärung stattfand bzw. der Zugang zu Informationen darüber leichter war und nur im Osten z. Bsp. Homosexualität tot geschwiegen wurde und darüber im Allgemeinen nur hinter vor gehaltener Hand gesprochen wurde. Ich bedauere bis heute keinen Zugang zu Informationen gehabt zu haben in der Kleinstadt meiner Kindheit und Jugend. Ich denke mein Leben wäre anders verlaufen und ich hätte viele Gefühle und Empfindungen konkreter einordnen können und würde jetzt in der Mitte meines Lebens nicht vor einem Neuanfang stehen und versuchen all das zu erfahren, was in der Jugend viel leichter und zugänglicher war, weil alle in meinem Alter damals noch auf der Suche waren.

  5. Margarete meint:

    „… ziehen bis heute von ihnen ERLERNTES heran …“ :
    Ach, ja !?


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