Archiv für Oktober 2026

Journal Freitag, 2. Oktober 2026 – Oktoberfestflucht ins Homeoffice, Abendgäste

Samstag, 3. Oktober 2026

Guter Nachtschlaf, der Wecker unterbrach einen lebhaften Traum, in dem ich in der Arbeit gerade in ein neues Gebäude umzog. Lobby und Atrium aus glänzendem Holz boten so aufregende Ansichten, dass ich mit dem Fotografieren schier nicht hinterher kam. Wohnungsträume kenne ich ja und mag ich besonders, ich weiß noch nicht, was ich von Büroträumen halten soll – Hauptsache Architektur?

Morgenroutine durchbrochen, weil ich ja daheim arbeiten würde. Also richtete ich nach Morgentoilette und Ankleiden einen Arbeitsplatz am Schreibtisch von Herr Kaltmamsell ein – der mir sogar Arbeiten im Stehen ermöglicht. Und dachte fast rechtzeitig an doppelte dicke Socken und Wollpulli, weil Homeoffice heißt frieren.

Draußen tagte es wie angekündigt düster, bald verschwand auch die anfängliche Milde der Luft und ich schloss die Fenster.

Ebenfalls erwartet hatte ich die mehrfachen Neustarts, bis ich wirklich arbeitsfähig war: Ich nutzte sie wieder zum Brotbacken.

Die Situation im Mehlschrank hat sich übrigens verändert. Einen eigenen Mehlschrank haben wir, weil die eine Küche, die wir vor zwölf Jahren selbst einrichteten, vor dem Heinzkörper Platz für einen nur wenig tiefen Schrank bot – genau richtig für die vielen Mehlsorten einer abenteuerlustigen Brotbäckerin. Das war das einzige Küchenmöbel, das wir beim Umzug zwei Stockwerke nach oben mitnahmen: Diese bereits bestehende Küche bot dafür einen Winkel hinter der Tür.

Seit einigen WochenMonaten erschlugen Herr Kaltmamsell und ich in der Küche regelmäßig Mehlmotten. Herr Kaltmamsell hatte vergangenes Wochenende den Mut, das Verdrängen bleiben zu lassen und forschte nach der Ursache. Mit erwartbarem Ergebnis. Auf Mastodon fragte ich nach einer selbst erprobten Dauerlösung, die möglichst kein Umfüllen erforderte – und bekam viele, wunderbar hilfreiche Vorschläge.

Wir entschieden uns für das System von Mepal; auch den Tipp, in die Schränke Klebefallen zu hängen, setzte ich um.

Beim Arbeiten war mir dann gar nicht so kalt wie sonst immer, ich wechselte in eine leichte Jacke. Aus dem Düster wurde draußen ein wenig Regen, viel zu wenig. Aber die Geräuschkulisse war den ganzen Tag und den Abend von Oktoberfestfeiernden geprägt, ich sah mich in meiner Entscheidung für Homeoffice bestätigt.

Doch auch diesmal behagte mir das Arbeiten daheim überhaupt nicht. Dieses Einsickern von Arbeitsthemen, -sorgen, -mühen in mein heimisches Refugium und Rückzugsgebiet fühlt sich nach Vergiftung an.

Mittagscappuccino gab’s aus der heimischen Cafetera, für die eigentliche Mittagspause stempelte ich mich aus und ging auf eine Runde in die Innenstadt. Fast wäre ich wieder umgekehrt, weil mir eine Frau aus den ewigen Spenden-Akquise-Geschwadern am Sendlinger Tor die Laune verhagelte, genauer: Meine aggressiv unfreundliche Reaktion auf ihr fröhlich-munteres Angelaber verhagelte mir die Laune, so jemand will ich eigentlich wirklich, wirklich nicht sein – es gibt ja wohl weniger anständige Arten Geld zu verdienen als ihre. Was auch meine ungelenke Schluss-Aussage war.

Nach einer Weile Fußgängerzone-Laufen war ich zumindest so weit wiederhergestellt, dass ich meinen Vorsatz Blumenkauf (Dahlien) umsetzte – zur eigenen Erfreuung, als Deko für die Abendessensgäste und um mal wieder mit dem Blumenladen in unserer Straße Geschäfte zu machen. Dort bekam ich einen besonders schönen Strauß sowie ein ausführliches Gespräch mit der Inhaberin: Die deutlich nicht Deutsch-Muttersprachlerin erzählte, wie sie im Großmarkt immer bei den heimschen Anbauern kauft, so lange die Saison dauert, weil sie möchte, dass es die weiterhin gibt. Woraufhin ich ihr verriet, dass ich meine Dahlien ja woanders auch günstiger bekäme – aber ich bittegerne möchte, dass es weiterhin in meiner Straße einen Blumenladen gibt. Wir strahlten einander an, jetzt BFF.

Zu Mittag gab es Trauben, Birne, Apfel, außerdem Skyr mit Joghurt.

Am frühen Nachmittag kam Herr Kaltmamsell heim von Arbeit und Einkaufen. Er überließ mir seinen Schreibtisch weiterhin, denn jetzt hielt er sich in der Küche auf, um das Abendessen für die Gäste zu kochen – sich hin und wieder versichernd, dass ich damit zurechtkommen würde, wenn er viel zu viel zu essen machte.

Freitäglich pünktlich klappte ich den Arbeits-Laptop zu und verräumte mein Handwerkszeug. Mit dem Räumen machte ich dann gleich weiter. Gemütlich richtete ich die Wohnung für die Abendessengäste her, Arbeitskolleg*innen von Herrn Kaltmamsell: Tisch ausziehen und decken (Einmerker: Vom Christkind wünsche ich mir dann doch eine passende Tischdecke. Die viele Tischwäsche für den früheren runden/ovalen Tisch wird endlich weggegeben, aber eine Tischdecke für unausgezogenen, eine für ausgezogenen Tisch sollten wir wirklich haben), Papiernester (überraschend wenige) und andere Nester verstecken, ein bisschen staubsaugen.

Die Gäste kamen, brachten Blumen, Wein, Süßigkeit als Gastgeschenke. Fröhliches Plaudern über Aperitiv (Negroni oder alkoholfreiem Campari Soda), dann servierte Herr Kaltmamsell als Vorspeise Zucchini auf Ricotta-Creme (dazu das Brot von mir), als Hauptspeisen Kichererbsen mit Spinat, Ottolenghi-Kürbiscreme, und wer mochte, bekam gebratenes Entrecôte – alles ganz hervorragend. Eine Enttäuschung war der Weißwein, den ich eigens für den Abend nachbestellt hatte: Der Ziereisen Grauer Burgunder 2022 war gekippt und oxidiert, ungenießbar – dabei hatte er nicht mal in unserem Kammerl gelagert. Ich kam nicht auf die Idee, eine weitere Flasche zu öffnen (hoffentlich ist nicht das ganze 6er-Kistlein verdorben), sondern wir hielten uns an den ebenfalls bereitgestellten roten Côtes du Rhône. Zum Nachtisch gab es von mir den Flan de queso und Trauben. Ich lernte freundliche und kennenlernenswerte Menschen kennen und einen Hund.

Noch vor Mitternacht waren wir wieder zu zweit und räumten noch eine Weile, um die erste Ladung Geschirrspüler starten zu können – und am nächsten Morgen nicht noch alles vor uns zu haben.

Journal Donnerstag, 1. Oktober 2026 – Der Spätsommer bleibt

Freitag, 2. Oktober 2026

Mittelgute Nacht: Lange Störung durch ausdauernde und laute Partygaudi mit Musik um Mitternacht.

Immer noch machen Wespen unsere Wohnung zum Friedhof, morgens kommen sie zu jedem geöffneten Fenster herein, am Abend tragen wir Dutzende Leichen in den Müll.
(Dafür endete auf instagram endlich die Flut an neufolgenden/likenden Männer-Accounts; nach meiner Schätzung habe ich mehrere hundert blockiert.)

Wieder startete der Morgen sonnig, in die Arbeit marschierte ich mit offener Jacke.

Letzer Morgenarbeitsweg mit Blick auf Oktoberfest: Am heutigen Freitag arbeite ich von daheim, um mich nicht mit den dazugehörigen Umständen auseinandersetzen zu müssen.

Im Büro geordnetes Arbeiten, mittags ging ich raus in die mittlerweile fahle Sonne auf Mittagscappuccino und Obsteinkäufe auf dem Markt.

Zu Mittag gab es zwei Äpfel und Hüttenkäse.

Zäher Nachmittag, schön fand ich die Luft, die durchs dauergekippte Fenster hereinkam.

Heimweg ohne Zwischenstopps, lediglich mit Umweg um Oktoberfest-Ausläufer, ich hatte noch Pläne: Herr Kaltmamsell hat für Freitagabend Gäste zum Abendessen eingeladen, ich machte mich zuständig für Nachtisch-Erstellung. Und so erstellte ich gestern Abend erstmal Flan de queso.

Der Ernteanteil hatte Frisee-Salat gebracht, den servierte ich mit Joghurt-Dressing, Birne, Trauben, Eiern als Abendessen.

Nachtisch Schokolade, immer noch standen Fenster und Türen ins milde Draußen offen. Echter Regen ist immer noch nicht angekündigt, dafür werden am Rhein immer neue historische Tiefststände gemessen, und die 20-Uhr-Tagesschau berichtete über verschwindende Schweizer Gletscher. Gleich nach dem Bericht über weitere klimaschädliche und Mobilitätswende verhindernde politische Maßnahmen wie Tankrabatt und Erhöhung des Preises fürs Deutschlandticket.

Früh ins Bett zum Lesen.

§

Herr Buddenbohm gerät auffallend häufig in Situationen, die derart schulmeisterlich übergriffig den Zeigefinger schwingen, dass selbst gelassenere Gemüter nur mit “JA! IST GUT!” reagieren können. Zum Beispiel zum Gedanken:

Aber was sieht man nicht alles prinzipiell ein, ohne daraus spontane Aktionen abzuleiten.

Ausführlicher:
“Es finden Belehrungen durch den Alltag statt”.

§

Vor 20 Jaren war die Frau, die meinen Namen trug, jemand sehr andere. Deshalb verlinke ich sie ohne Angst vor Selbstlob-Verdacht: Das bin ich nicht.
Damals erzählte ich meine jugendliche Vergangenheit in einer Happy-Clappy-Band – und wie gut, dass ich sie vor 20 Jahren aufschrieb, denn an das meiste erinnere ich mich heute gar nicht mehr.
“Happy Clappy in der fränkischen Diaspora”.

Auch die Kommentare waren vor 20 Jahren noch bereichernde Lektüre.

§

Croco sammelte im September deutlich aufmerksamer Beviloquia als ich, bitte freuen Sie sich an ihren
“Lieblingsposts im September 26”.

Journal Mittwoch, 30. September 2026 – Zahnkostenüberlegungen

Donnerstag, 1. Oktober 2026

Recht gut geschlafen, doch ich bedauerte sehr, dass ich wegen Lärmbelästigung die herrliche Nachtluft nicht durch ein offenes Fenster hereinlassen konnte.

In recht kalter, aber wunderbar sonniger Morgenluft spazierte ich zu meinem zweiten Termin beim Oralchirurgen.

Als erstes stellte sich heraus: Der Kostenvoranschlag war nicht per Post eingetroffen. Die Mitarbeiterin zeigte sich über diesen Umstand nachvollziehbar vergnatzt: Sie habe ihn bereits am Tag nach dem ersten Beratungstermin abgeschickt, um mir genug Zeit zur Durchsicht vor dem gestrigen Termin zu geben. Ich nehme an, dass mal wieder ein Postbote nicht gesehen hat, dass es Briefkästen zu beiden Seiten der Eingangstür gibt, und bat Frau Dentalchirurgbüro, sich nicht über einen wahrscheinlichen Rückläufer mit der Behauptung, ich wohnte dort nicht, zu wundern.

Die gute Seite daran: Diese Kostenvoranschlag-Erstellerin druckte die Aufstellung jetzt nochmal aus und ging sie grob mit mir durch – sie wusste aus Erfahrung, aus welchen Positionen sich oft Fragen ergeben. Mit veranschlagt war einiges an High-Tech: Wenn ich das richtig verstanden habe (!), wird über zwei verschiedene 3D-Aufnahmeverfahren der Eingriff genau berechnet, Herr Chirurg führt nur noch aus. Eine Aufnahme war bereits vor einer Woche erstellt worden, gestern machte eine weitere Angestellte mit einer kleinen Superfotokamera am Stab ein exaktes 3D-Abbild von Zähnen und Mundinnenraum (und war so freundlich und geduldig, mir viele neugierige Fragen zu beantworten), das sie mir auf dem Bildschirm von allen Seiten zeigte.

Die Summe des Kostenvoranschlags hatte ich so ungefähr erwartet.
“17 Impl. mit extrenen Sinuslift und Aug. DVT. Scan und nav. Bohrschablone/Planung”:
4.236,53 Euro
(Ich vermute den Kostenanteil für das Foyer der Dentalchirurgie hinter den zwei Posten “Zuschlag bei nicht stationärer Durchführung” für 123,73 Euro und 22,50 Euro.)

Diese genauen Beträge halte ich hier aus Chronik-Gründen fest
(-> aufschreiben! alles aufschreiben!), Jane Austen und Frances Burney machten das in ihren Romanen ja auch und lieferten wertvolle zeithistorische Dokumente (nicht dass ich mich mit Burney oder Austen vergleichen wollte). So ein Implantat kostet damit also deutlich mehr als mein Monats-Einkommen.

Zahnzusatzversicherung habe ich ja keine, weil laut meiner Zahnärztin vor 13 Jahren meine besonders guten Zähne keine nötig machen (“Wenn’S jeden Monat fünf Euro ins Sparschwein werfen, ham’S mehr davon.”). Aus Jux rechnete ich mal durch, wie viel ich bei meiner Krankenkassen in diesen 13 Jahren bis heute für eine Zahnzusatzversicherung eingezahlt hätte, die die gesamten Kosten für das obige Implantat übernehmen würde: über 11.000 Euro. Meine Zahnärztin lag also richtig – allerdings hätten die 5 Euro ins Sparschwein nicht gereicht.

Der Herbst ist schon da, er ist nur nicht gleichmäßig verteilt.

Im Büro Emsigkeit, aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie am Hochhaus vorm Bürofenster zwei Krähen einen Falken attackierten.

Spaziergang auf einen Mittagscappuccino im Westend.

Vor mir holte sich eine Oktoberfestbedienung in gebrandetem Arbeitsdirndl auf dem Weg zur Schicht ihren Morgenkaffee Togo.

Mittagessen: Bananen, Birne (überraschend geschmacksfrei), Feigen, Nüsse.

Emsiger Nachmittag, zu Feierabend war ich müde und erschöpft.

Heimweg über Einkäufe im Vollcorner, der restliche Weg wurde anstrengend: Ein LALÜ! am nächsten, beim Ausweichen vor Betrunkenen (einer ließ gerade seine Lederhose herunter) lief ich irgendwann lieber auf der Straße.

Ab daheim wurde es schön: Ich holte Herrn Kaltmamsell zum Abendessen im Honghong ums Eck ab.

Sehr gut und wohltuend. Daheim zum Nachtisch Vanillepudding und Schokolade. Früh ins Bett zum Lesen.

§

Vanessas lesenswerte Analyse:
“Meine 5cent zur politischen Situation – ohne, dass der Name des Kanzlers vorkommt”.

Unter anderem:

Wenn man sich die Wanderungsbewegungen hin zur AfD hinschaut, wird vor allem eines klar: Die rechtradikale Partei gewinnt, weil sie Nichtwähler mobilisiert – Menschen, die sich im Parteiensystem bislang nicht repräsentiert gefühlt haben. Das war bereits vor den diesjährigen Landtagswahlen bekannt. Wir sind beseelt von der offenen Gesellschaft und haben vergessen, dass rechtsradikales Gedankengut tief verwurzelt ist.

Aber Vanessa wäre nicht Vanessa, wenn sie nicht auch ganz handfeste Ideen für eine Verbesserung hätte.