Journal Sonntag, 1. Februar 2026 – Sigrid Nunez, For Rouenna, Sonntagsessen mit allen vier Eltern

Montag, 2. Februar 2026 um 6:26

(Schlimmes Titelbild, glauben Sie ihm nicht.)

Ich weiß nicht, ob ich derzeit besonders empfänglich für solche Geschichten bin, oder Nunez in For Rouenna tatsächlich meisterlich das Thema Erinnern und was Erlebnisse mit uns machen kombiniert mit dem Thema Erzählen von Erinnerungen sowie einem Blick auf ein bestimmtes Milieu in einer bestimmten Zeit: So oder so ging mir dieser Roman nahe und beschäftigte mich sehr.1

Zunächst fiel mir an diesem 2001 veröffentlichten Roman die eigentümliche Struktur auf: Die Ich-Erzählerin, eine Schriftstellerin auf dem Weg ins mittlere Alter, berichtet im ersten von drei Teilen recht trocken, dass sie nach der Veröffentlichung ihres ersten Romans von zahlreichen Menschen aus ihrer Vergangenheit kontaktiert worden sei. Dazu gehörte auch die titelgebende Rouenna: Sie hatten zur gleichen Zeit als Kinder in einem Wohnblock gewohnt (die englische Bezeichnung project transportiert automatisch niedrigen sozialen Stand und gesellschaftliche Ausgrenzung). Die Erzählerin lässt sich auf ein Treffen ein und nimmt eine Einladung zum Sonntagsbraten bei Rouenna an. Daraus werden dem in den folgenden Monaten regelmäßige Begegnungen – bis zu Rouennas Tod, der bereits in einem Detailreichtum beschrieben wird, der deutlich weg vom Bericht und ins Romanhafte führt: Diese Details kann die Erzählerin nicht wissen, weil sie nicht dabei war, sie muss sie sich ausgemalt haben.

Erst jetzt unternimmt die Erzählerin etwas, das sie eigentlich zusammen mit Rouenna machen wollte: Eine Fahrt auf der Staten Island Ferry, die die sie als Kind und junge Frau regelmäßig nahm. (Dass ich dabei durchgegehen die Film-Bilder von Working Girl vor Augen hatte und Carly Simon in meinem Kopf sang, ist natürlich ausgesprochen persönlich – belegt aber einmal mehr, dass die Leserin den Inhalt schafft.) Daraus wird eine besonders ausführliche und poetische Passage.

Im zweiten Teil nimmt die Erzählerin ihre Gespräche mit Rouenna zum Anlass, deren Leben zu erzählen, vor allem ihr Jahr als Krankenschwester im Vietnamkrieg. Das wird wieder so lebendig und detailliert geschildert, als wäre die Erzählerin dabei gewesen. Vereinzelte wörtliche Zitate/Kommentare Rouennas erhalten den Eindruck der Authentizität. Dafür hat die Erzählerin vorgesorgt: Sie berichtet von einem Gespräch mit Rouenna, in dem sie sich übers Erinnern an Vietnam unterhalten, über PTBS, über Therapiegespräche. Rouenna meint, mit dem großen zeitlichen Abstand würde sie sich immer selbst misstrauen, ob ihre Erinnerungen die wirklichen Geschehnisse wiedergeben.

Genau diesen Roman schreibt die Erzählerin jetzt also – und erzeugt dadurch ein Vexierbild2 der Erzählhaltung: Wer erzählt hier eigentlich? Wessen Geschichte lese ich gerade?

In einem Teil 3 sind wir wieder in der Erzählgegenwart, die Erzählerin schreibt ihre Erinnerungen an Rouenna auf, eigene Recherchen, doch auch den Uni-Schreibkurs, den sie gibt, und wie sich die dort gelehrten Techniken geraden in diesem Roman spiegeln.

Ich mochte den Roman, weil ich selten eine solche Nähe zur Handlung und seinen Personen empfand. Aber es fällt mir schwer, die Gründe dafür im Text zu finden.

§

Nicht ganz so lang durchgeschlafen wie ideal, aber erfrischt aufgestanden. Beim Fensterschließen bemerkte ich im Lichtstrahl der Straßenlampen kleine Schneeflocken – also eine weitere Runde Winter. Wenigstens war es in der Innenstadt mild genug, dass nur die Grünflächen eine neue Schicht Weiß bekamen. Es wurde ein grauer, hochnebliger Tag.

Am späten Vormittag Aufbruch zum Zug nach Augsburg, eng und durchdacht bepackt mit den Bestandteilen des Sonntagsmahls bei Schwiegers.

Das war dann sehr schön mit allen Elternteilen, ich vergaß völlig das Fotografieren. Nach Aperitif (Aperol Spritz mit alkoholfreiem Sekt ist eine großartige, leichte Alternative zum Original) gab es Makrelen-Paté auf Chicoreeblättern, dann Bœuf bourguignon mit Spätzle (auf allgemeinen Wunsch geschabt, nicht gehobelt), Rosenkohl und grünen Bohnen, abschließend Orangencreme (trotz etwas Abkühlenlassen hatte sich Gelatine zum Teil unten abgesetzt, zefix, schmeckte dennoch). Ein Weilchen später Kaffee und Tee mit den Strauben, die meine Mutter selbstgebacken mitgebracht hatte.

Mit Naturalien bepackt fuhren wir noch bei Tageslicht zurück.

Ich hatte sogar noch Abendessenhunger, es gab restliche Fischpaté sowie Blaukraut mit Linsen vom Vorabend, restliche Orangencreme.

§

Wenn Sie neugierig sind, wie sich ein Teil der legendären Wiener Ballsaison von innen anfühlt? Katatonik schreibt über
“Ballaballa, die zweite”.

  1. Was ich übrigens schon vor langer Zeit als eine Bremse meiner Lese-Schlagzahl erkannt habe: Wenn eine Lektüre mich beschäftigt und in mir arbeitet, kann ich nicht gleich die nächste anpacken. Paralleles Lesen mehrer Romane war mir schon immer ein Rätsel. []
  2. Offiziell Linienrasterbild. []
die Kaltmamsell

1 Kommentar zu „Journal Sonntag, 1. Februar 2026 – Sigrid Nunez, For Rouenna, Sonntagsessen mit allen vier Eltern“

  1. Nina meint:

    Danke für diese ausführliche Rezension. Das kommt auf meine Leseliste. Von Sigrid Nunez habe ich noch nichts gelesen. Hier immer paralleles Lesen von mind. 2 Büchern, immer eines in Papierform und eines digital, meist Roman und Sachbuch, oft auch 3 Bücher. Erhöht meinen Grundumsatz an Büchern pro Jahr allerdings auch nicht. Es geht halt dann insgesamt langsamer bis ich ein Buch ausgelesen habe. Mein Hirn scheint seit Studien- und Promotionstagen an maximale Überforderung beim Lesen aufgrund schierer Menge an Seiten gewöhnt zu sein.

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