Journal Samstag, 29. August 2026 – Wie man einmal am Viktualienmarkt richtig nett zu mir war / Wandern von Gauting über Starnberg nach Possenhofen
Sonntag, 30. August 2026 um 9:20Okaye Nacht, aber müde aufgestanden – zumindest zum versprochenen wolkenlosen Sonnenschein mit kühler Luft, zu kühl für Morgenkaffee auf dem Balkon. Was wiederum wunderbar zu meinen Wanderplänen passte (Herr Kaltmamsell musste wegen doofer körperlicher Unpässlichkeit passen).
Erstmal kümmerte ich mich ums Brotbacken. Der Teig fürs Roggenmischbrot 70/30 entwickelte mords Aktivität, ich befürchtete bereits Übergare und Flachbrote mit Wasserrand.
Ging im Ofen aber nochmal auf –
und erwies sich beim Anschnitt am Abend als sogar besonders fluffig.
Vor Aufbruch zum Wandern ging ich auf eine kurze Einkaufsrunde zum Viktualienmarkt: Ich wünschte mir nach dem Wandern zum Abendessen eine Brettlbrotzeit, dann halt daheim, und für Exotisches wie Presssack zwingt mich das Metzgersterben der vergangenen Jahre in der Innenstadt zur Metzgerzeile.
Aufstieg ans Sendlinger Tor.
In der Metzgerzeile konnte ich meine Einkaufsliste leerkaufen, und wenn ich schonmal da war, schaute ich auch nach einem Gartenblumenstrauß.
Ich hatte ja schon erwähnt, dass ich kein gutes Verhältnis zum Münchner Viktualienmarkt habe: In meinen ersten München-Jahren hat man mich einmal zu oft ‘pratzelt (Hochdeutsch: übers Ohr gehauen), und in den vergangenen Jahren gibt es immer weniger interessante Stände, der Markt wird wie seine internationalen Pendants Boqueria in Barcelona und Borough Market in London von der Quelle für gute und saisonale Zutaten immer mehr zur Snackeria für Touristen. Und das zu den legendär absurden Preisen, die auf dem Viktualienmarkt aufgerufen werden (gestern kam ich an Renekloden mit Preisschild 16,99 Euro fürs Kilo vorbei).
Doch ich fand das Standl einer lokalen Gärtnerei (auf der Freifläche ohne hölzerne Hütten – dorthin gehe ich eh noch am ehesten auf der Suche nach saisonalem Obst und Gemüse), daran viele Kübel mit frischen Astern in Rosa- und Lilatönen, hier stellte ich mich hinter die eh nur zwei Kunden vor mir. Und bekam ein so charmantes Viktualienmarkt-Erlebnis wie noch nie. Nach mir kam erstmal niemand, Herr Standler und Frau Standlerin konzentrierten sich ganz auf mich.
Gebunden war erst ein Asternstrauß, weil ich doppelt so viele wollte, band mir Frau Standlerin meinen frisch: “I tua Eana des ganze Grüne glei weg, des is doch sonst immer so a Sauerei in da Küch.” Und wir plauderten, über ihre Freude, hier mit ihrem Onkel zu arbeiten, über die schönen Astern, die dieses Jahr wegen der Hitze nicht so hoch wuchsen wie sonst, über Anbau und Wetter. Während mein Asternstrauß sorgfältig und mit Hingabe gebunden wurde, kam eine greise Kundin hinzu und schaltete sich ein, fragte nach Details der Standl-Arbeit seit Jahrzehnten, bekam gutmütge Antworten, es wurde mit einem Passanten über die Schönheit von Standler*innen und Kundschaft gescherzt.
Resultat: Ich bekam einen mächtigen, wunderschönen Strauß Astern, in den Herr Standler noch eine Karotte steckte, ein paar beim Binden abgefallene Asternköpfe (“Kenna’S in ara Schale tua.”) eigens in Zeitung eingewickelt und den Abschiedsgruß “Beehren’S uns bald wieder!”, der von Herzen klang. Ich war völlig verwirrt. (Und plane tatsächlich einen baldigen gezielten Einkauf dort.)
Als Wanderziel wünschte ich mir die Strecke Gauting-Starnberg, die ich noch nicht aus dem Hochsommer kannte, mit Erweiterung Prinzenweg nach Possenhofen. Zur passenden S-Bahn nach Gauting schaffte ich es nach Abladen meiner Einkäufe nur durch zackigen Marsch; die paar Minuten Verpätung kamen mir grad recht. Merke: Wenn in der MVG-App “München Hauptbahnhof, Gleis 2” angegeben ist, handelt es sich um den S-Bahnhof im Untergeschoß; die Gleise des südlichen Flügels Holzkirchner Bahnhof starten bei Nummer 5.
Das Wanderwetter war perfekt mit Sonne und lediglich milder Temperatur. Dennoch suchte ich auch gut sonnengecremt den Schatten. Der Körper beschwerdefrei, die Landschaft sonnenbunt. Dennoch dauerte es diesmal sehr lange, bis mir das Wandern half runterzukommen, eigentlich spürte ich erst in der letzten Stunde ab Starnberg die ersehnte Leichtig- und Fröhlichkeit.
Dieser GPS-Track führt ja erstmal eine ganze Weile durch Gauting selbst, hat mir ganz bezaubernde Schleichwege verraten.
Man kreuzt ein paarmal die Würm auf Holzbruckerln. Auf einem blieb ich stehen und suchte in der Würm nach Fischen (erfolgreich), als eine andere Bruckerl-Guckerin mir zurief: “Da sitzt ein Eisvogel!” Ich folgte ihrer ausgestreckten Hand und sah ihn von einem Ast auffliegen. Wie wunderbar! Ich dankte herzlich – so macht man das nämlich, man gibt besondere Sichtungen weiter (ich war verunsichert gewesen, weil ich schon mehrfach irritierte Blicke darauf geerntet hatte).
Reismühle
Verzauberter Weg entlang der Würm. Ich sah eine Weile einer Wasseramsel zu, die an einem bemoosten Ast herumpickte, dabei entzückend knickste.
Weg von der Würm Richtung Leutstetten, erster Blick auf den Starnberger See, einst Würmsee.
Nach gut zwei Stunden erstes Ausruhen auf einem Bankerl an der Villa rustica; Appetit hatte ich noch keinen. Über den Wiesen hörte ich erst und sah dann zwei Bussarde Thermik-kreisen.
Unterführung nach Perchta, am Uferweg nach Starnberg.
Hier war reger Besucherverkehr, aber noch weit vor Überlaufenheit. Dennoch bekam ich für meinen verspäteten Mittagscappuccino keinen Platz am Tisch (zugegeben: weil ich mich nirgends dazusetzen wollte).
Hoch zum Prinzenweg, Blick zurück auf Starnberger See im Sommerlicht.
Brotzeitblick, kurz nach drei setzte ich mich zur großen Pause. Die geschenkte Karotte hatte ich gleich eingesteckt; eigentlich vertrage ich seit einiger Zeit rohe Karotten nicht und bekomme Bauchweg davon, doch in meinem Grant beschloss ich, es einfach nochmal zu probieren. Wenn ich davon Bauchweh bekam, geschah es mir gerade recht, und der Hunger wäre trotzdem weg, und wenn nicht – umso besser. Ich greife vor: kein Bauchweh, ich könnte es also mal wieder versuchen. Außerdem aß ich mitgebrachte Mango mit Sojajoghurt.
Prinzenweg
Nach den Birkengeschwistern, die mir vor vielen Jahren beim ersten Vorbeiwandern von der Maisinger Schlucht aufgefallen waren, hielt ich gezielt Ausschau: Sie wirkten sehr krank, wie so viele Birken dieses Jahr. Dabei wirkte die Landschaft, durch die ich gestern wanderte, gar nicht ausgedörrt.
Nach knapp fünf Stunden Wanderung kam ich am S-Bahnhof Possenhofen an. Einige durchgesagte Zug-Ausfälle (Weiche, Stellwerk, Diesdas), doch nach einer halben Stunde Warten fuhr mich eine zurück nach München. Ich fühlte mich gut durchbewegt und angemessen körpermüde.
Zu Hause Räumen, Körperpflege, bis Herr Kaltmamsell von letzten Einkäufen zurück kam. Wir einigten uns als Alkohol des Abends auf Cuba libre, der mich wieder beim ersten Schluck in mein Jugend-Spanien beamte.
Den Abendessenstisch deckte ich mit einem Teller verschiedener Käsen, einem Teller Pressack rot und weiß, Schweinskopfsülze, schwarzgeräuchertem Schinken, frischem Brot, Butter, Tomaten. Sehr gutes German Abendbrot.
Abendunterhaltung: Die Dolly-Parton Doku “Everybody’s Darling” in der arte-Mediathek.
























