Familienalbum – 6: Auf dem Land

Freitag, 5. August 2005 um 9:18

Als ich ein Kind war, fuhr ich mit meiner Famile alle zwei Jahre nach Spanien. Eine alljährliche Spanienreise konnten wir uns nicht leisten, dafür fuhren wir dann aber die gesamten sechseinhalb Wochen der Schulferien. Diese Wochen wurden aufgeteilt zwischen der einen oder anderen Woche im Geburtsdorf meiner Yaya in der Sierra nördlich von Madrid, ein paar Tagen im sommerlich brüllend heißen Madrid, und ein paar Wochen am Meer, meist Mittelmeer.

Das Dorf in der Sierra lag kurz hinter dem Abschluss der Meseta, also der Hochebene, auf der Madrid liegt. Das ist mein Spanien, dort wohnen Leute, mit denen mich Lebensweg verbindet (wenn auch nur alle zwei Jahre). Es ist nicht mal richtig malerisch, einfach ein ärmliches Zeilendorf, dessen Häuser durch Modernisierungsversuche jeden Ansatz von Romantik eingebüßt haben.

In meiner Kindheit lag El Olmo nicht nur räumlich weit weg (30 Stunden Autofahrt), sondern schien auch in einem anderen Jahrhundert angesiedelt. Bis Mitte der 70er Jahre gab es kein fließendes Wasser: Brauchwasser wurde aus dem hauseigenen Ziehbrunnen (el pozo) geholt, Trinkwasser in Kanistern im nächstgelegenen größeren Ort. Vermutlich hätte auch das eiskalte Brunnenwasser Trinkwasserqualität gehabt, doch alles, was vom eigenen Grund und Boden kam, wurde von vorneherein als wertlos und unbrauchbar deklariert (dazu gehörten auch die Minze und der Thymian, die hinterm Haus wuchsen). Elektrischer Strom war zu dieser Zeit zwar in jedem Haus vorhanden, Telefon hatte aber bis Ende der 70er nur die Bauernfamilie von Luis, der im ersten Haus bei der Straße wohnte. Wenn dort ein Anruf für jemand aus dem Dorf eintraf, lief eines der Kinder los und holte den Gewünschten.

Die Ernte war Knochenarbeit. Bestellt wurden kleine Felder, die in dieser unfruchtbaren, karstigen Gegend weit entfernt voneinander lagen, und zwar mit Weizen. Ich kann bis heute kein reifes Weizenfeld riechen, ohne in die Sommerurlaube meiner Kindheit geschleudert zu werden. Gedroschen wurde das Korn damals noch mit einer Technik, die ich bis heute nirgendwo anders gesehen habe (andererseits: Hätte ich es mitbekommen?).

Auf den Fotos (wahrscheinlich 1972) sieht man die Methode zum Teil: Der geerntete Weizen wurde auf dem Dreschplatz ausgebreitet. Darauf wurde ein dickes Brett gelegt, etwa 1,50 mal 2,50 Meter groß, in dessen Unterseite spitze Steine steckten. Vor dieses Brett spannte man ein Maultier, auf das Brett setzte sich mit einem Hocker der Bauer oder die Bäurin. Und dann ging es im Kreis über den Weizen, stundenlang und Runde um Runde. Auf dem Foto macht das gerade mein Vater, neben ihm sitzt hochwichtig die fünfjährige Kaltmamsell (im Hintergrund mein Onkel Rafa und sein kleiner Sohn Rafita). Bei Sonnenuntergang warfen die Bauern dann die so behandelte Ernte mit großen Heugabeln in die Luft, und die Abendbrise trennte so die Spreu vom Weizen.

Oben sieht man mit dem typischen Strohhut meinen Großonkel Flores, unten mit der Heugabel nochmal meinen Vater. Mähdrescher lösten diese Methode erst in den 80ern ganz ab.

die Kaltmamsell

7 mal Beifall zu “Familienalbum – 6: Auf dem Land”

  1. aufpasser meint:

    Aufgepasst: das zweite und dritte Bild sind identisch: Triar_1.jpg

  2. die Kaltmamsell meint:

    Dankeschön, jetzt verbessert.

  3. Lila meint:

    I lurve these pics. Keep them comin’.

  4. gaga meint:

    wirklich großartige bilder. besonders das erste. und was für erinnerungen.

  5. Buster meint:

    Sieht – wie häufig bei älteren Bildern – gar nicht nach Knochenarbeit aus: Alle ruhen in sich selbst und freun sich des Lebens. Solche Bilder aus dem Arbeitsleben gibt es heute selten.

  6. Hb meint:

    Beim Reinigen des Korns bediente man sich nicht nur des abendlichen Windes, sondern auch einer mechanischen “Windfege”, zu sehen im Hintergrund.

    Wieviele Bauern gibt es heute in dem Dorf?

  7. die Kaltmamsell meint:

    Danke, Hb, ich hatte mich immer gefragt, wozu das Maschinchen eigentlich gut war.

    In den späten 80ern habe ich mal eine Reportage über die Bauern in diesem Dorf gemacht; damals waren noch vier der etwa 20 Höfe bewirtschaftet. Ich kann mir vorstellen, dass das so geblieben ist. In den 40ern bis 60ern migrierten die meisten Bewohner weg, in die Großstädte (meist Madrid) oder ins Ausland. In der Nähe gibt es einige völlig verwaiste Geisterdörfer. Die verbliebenen Bauern bewirtschafteten deren Felder gegen Pacht, was durch die Modernisierungen, die der EU-Beitritt Spaniens brachte, auch machbar wurde. In den vergangenen 15 Jahren ist das Dorf sogar gewachsen: Viele der ehemaligen Dorfbewohner kehren im Alter zurück, bauen sich ein Häuschen, setzen sich auf dem Dorf zur Ruhe.

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