Elisabeth Rank, Und im Zweifel für dich selbst

Sonntag, 9. Mai 2010 um 16:32

Es ist ein ganz besonderer Lebensabschnitt: Die Zeit, in der man vor dem einen oder anderen Jahr aus dem Elternhaus ausgezogen ist, die meisten Erwachsenendinge (Wohnen, Autofahren, Essen Einkaufen, Reisen) ganz selbstverständlich allein tut, in der das Erwachsensein aber noch nicht an einem zieht und zerrt, in der es noch die Eltern sind, die sich notfalls kümmern, aber Freunde schon sehr wichtig werden.

Dass dieser Lebensabschnitt in der Literatur als Schauplatz fehlt, habe ich erst bemerkt, als ich Und im Zweifel für dich selbst las und damit diese Lücke füllte.

Eine Ich-Erzählerin, Tonia, ist mit ihrer engsten Freundin Lene im Auto und ziellos unterwegs: Lenes Freund Tim, die Liebe ihres Lebens, ist tödlich verunglückt – Lene will einfach nur weg.

Es passiert sehr wenig in Elisabeth Ranks Roman; es wird eher das Echo von Dingen erzählt, die passiert sind. Auch wenn der Roadtrip der beiden jungen Frauen durch Mecklenburg führt, steckt viel Berlin in dem Buch – ein implizites Berlin, das weder erklärt noch eingeordnet wird, sondern einfach ein Zuhause ist. Die Erzählerin und die Figuren der Rückschauen im Roman teilen sich Wohnungen, haben nur wenige richtige Möbel, sitzen vor improvisierten Cafés, feiern an der Spree. Die Fahrt der Freundinnen führt über kleine Straßen durch Landschaften, zu merkwürdigen Menschen in kleinen Dörfern, ans Meer und zu einem Wohnwagen-Campingplatz.

Die Handlung beschreibt viel mehr Wahrnehmungen, als dass sie sie einordnen oder analysieren würde. Selbst Gefühle sind nicht geschrieben – nicht die abgrundtiefe Trauer, nicht die Hilflosigkeit -, sondern mit Symptomen und Details gezeichnet. Vielleicht übertragen sie sich beim Lesen dadurch so unmittelbar. Gleichzeitig ist die Darstellung wieder typisch für das Alter, in dem auf die meisten Menschen zwar Eindrücke und Wahrnehmungen einprasseln, sie aber noch kein Koordinatensystem zur Bestimmung haben. Die Zeit, in der das Leben noch so jung ist, dass Erinnerungen fast immer zum Elternhaus führen, oder zu den Großeltern. Eigene Erinnerungen als Bezugssystem gibt es noch ganz wenige. Man hat in Freunden seine erste eigene Familie, ein neues Netz von Verantwortungsgefühl füreinander. Bis hin zu dem Moment, in dem auch diese Bande sich auflösen, durch große Lebensentscheidungen dünner werden.

Ich war 200 Seiten lang gefesselt von diesen Menschen und von der unkonventionellen und unkomplizierten Sprache Ranks. Und am Ende habe ich, wie isabo, geweint.

die Kaltmamsell

2 mal Beifall zu “Elisabeth Rank, Und im Zweifel für dich selbst

  1. Ms K meint:

    Klingt gut, koennte mir gefallen! Danke, fuer den Buchtipp.

  2. lihabiboun meint:

    Gute Literatur schreibt ja nicht: „Sie war traurig“ sondern irgendwas, irgendeinen Satz. Und dann weiß der Leser, daß sie traurig ist. Danke für die Empfehlung.

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