Klettern

Mittwoch, 3. Oktober 2012 um 9:50

Ist es die Konzentration auf den halben Quadratmeter vor der Nase, kombiniert mit dem Blick für die ganze Tour? Die Bewegung nach oben mit eigener Körperkraft, doch gleichzeitig in der Sicherheit eines Gurtes und im Halt am Seil, das wiederum in den Händen eines Menschen liegt, der im Geist mitklettert? Das Spielgerät-artige der Kletterwand, das Spielplatz-artige der Kletterhalle mit schier unendlichen Möglichkeiten? So oder so: Dieses Kletter-Dings hat mich überdurchschnittlich begeistert.

Als die Freunde im Berner Oberland fragten, ob ich an meinem Oktoberfestflucht-Wochenende mitkommen wolle zum Klettern, sagte ich sofort zu – vor allem, weil ich praktisch keine Vorstellung von “Klettern” hatte. In meinem Kopf gab es lediglich vage Bilder von Kletterwänden in Hallen, an denen schmale, nur aus Sehnen und Muskeln bestehende Menschen in ärmelfreien Shirts hingen. Da ich zum einen ein komplett anderer Körpertypus bin (ich sehe mich als phänotypische Schwimmerin), zum anderen im schulischen Sportunterricht an jeder Reck- oder sonstigen Turnstange wie ein Mehlsack gehangen war, würde ich mich beim Klettern ganz sicher total zum Hirschen machen. Egal, ein Erlebnis würde es auf jeden Fall.

Vorher ließ ich mir von der Schweizer Freundin, die vor ein paar Jahren das Klettern für sich entdeckt hat, einige praktische und organisatorische Details erklären: Dass ich mir in der Halle einen Gurt leihen würde, an dem man beim Klettern gesichert wird. Dass ich mir dort auch spezielle Kletterschuhe ausleihen würde, die sich deutlich zu klein anfühlen würden, dadurch aber Zehen und Füßen das Greifen ermöglichten. Dass diese Schuhe allerdings so unbequem seien, dass man sie abseits der Kletterwände immer sofort abstreife, ich deshalb irgendwelche Schlappen für die Fußwege dazwischen mitnehmen solle. Auch das Notensystem für die Schwierigkeitsgrade der “Touren” erkärte mir die Freundin, verbunden mit Erlebnissen und Anekdoten.

Das alles ergab allerdings erst Sinn, als ich in der Kletterhalle selbst ankam, nach mehreren Ankleidungsanläufen in meinem alpinen Keuschheitsgürtel stand, meine Füße in einen Kletterschuh gequetscht hatte, und meinen Freunden bei der ersten Tour zusah: Der ganz bestimmte Knoten, mit dem das Sicherungsseil am Gurt befestigt wurde (das selbständige Knoten desselben war mein erklärtes Lernziel dieses Tages – das ich nur ganz knapp erreichte), die Vorrichtung, mit der der sichernde Kletterpartner das Seil hielt und regelte, wie die Kletterin sich ruhig und sicher Stück für Stück nach oben schob, dabei das Sicherungsseil in die Karabiner am Weg hängte, und wie sie sich elegant abließ, gehalten vom Sicherungsseil. Bei ihr sah das alles total einfach aus.

An der ersten Wand zum Eingewöhnen war ich noch so hektisch und aufgeregt, dass ich kaum etwas mitbekam – außer, dass es sich beim Klettern eindeutig um Kraftsport handelt. Doch bei jeder weiteren Tour, die die erfahrene Kletterin für uns aussuchte und beseilte (das heißt “vorsteigen”, lernte ich), machte ich neue und weitere Erfahrungen: Es pressiert nicht, auch wenn mit jedem Anhalten und Nachdenken der Sicherer unten länger warten und angestrengt nach oben sehen muss / es geht irgendwie weiter, auch wenn es erst mal nicht so aussieht (die Freundin feuerte mich nicht nur an, sondern gab auch Tipps, mit welchen Bewegungen ich aus der scheinbaren Klemme herausfinden könnte) / in dem Gurt kann ich mich auch mal kurz ausruhen / eine Tour kann in den wenigen Minuten ihrer Dauer bis zur Erschöpfung anstrengen / wenn ich nicht mehr kann oder auch mit Tipps nicht weiterkomme, kann ich einfach abbrechen / ich bin nicht allein mit der Aufgabe, sondern gehalten nicht nur von Gurt und Seil, sondern auch von der Zuwendung und Aufmerksamkeit des Kletterpartners. Letzteres zu akzeptieren und anzunehmen, könnte für mich der größte Gewinn der Kletterei sein; in der einen sonntäglichen Runde kam ich noch nicht soweit, in der Kletterpartnerschaft Ruhe zu finden, sondern fühlte mich immer ein wenig als Belastung – zumal ich mich bei meinem ersten Mal noch nicht mit Sichern revanchieren konnte.

Am meisten Spaß machten mir die Wände mit strukturierter Oberfläche, die neben den angeschraubten Knubbeln (wie heißen die eigentlich offiziell?) felsenähnliche Möglichkeiten zum Greifen und Vorangehen boten. Und bereits ein erster Blick auf die Nutzer der großzügigen Kletterhalle lehrte mich, dass es Kletterer in fast allen Formen und Körpertypen gibt (nicht allerdings in ganz dick – die hinterhältige Schwerkraft sorgt dafür, dass man jedes Kilo Körpergewicht in der Wand mitheben muss).

Jetzt will ich mehr davon. In München, so stellte ich bei einer ersten oberflächlichen Recherche fest, gibt es überraschend viele Kletterhallen, die durchwegs gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen sind. Rein auf der Basis der Websites gefallen mir am besten die Kletterhalle High-east und das Kletterzentrum Gilching. Nächste Schritte: Kletterpartner oder -partnerin suchen, Einführungskurse belegen. Stay tuned.

die Kaltmamsell

9 mal Beifall zu “Klettern”

  1. Anke meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. Frau Zeitlos meint:

    Auch in ganz dick…. Ist zwar total schwer, macht aber trotzdem Spaß :-)

  3. Sigourney meint:

    …zum Hirschen machen….Schöne Redewendung!

  4. Sebastian meint:

    Melde mich hiermit

  5. Elorac meint:

    Es hat riesigen Spass gemacht mit dir, gerade weil du so begeistert (und äusserst talentiert, das muss hier definitiv erwähnt werden) dabei warst. Ich freue mich auf das nächste Mal in einer Münchner Kletterhalle!

  6. antje meint:

    Jepp, genauso ist sie die erste Faszination – die ich als leider als jahrzehntelange Klettererin nur noch dunkel erinnern kann. Aber eben manchmal an Neulingen wiedersehe – und mich dran freue.
    lG
    antje – aus dem flacheren Teil der CH

  7. die Kaltmamsell meint:

    Wie großartig! Dank der Info von Frau Zeitlos traut sich jetzt auch der (bauchige) Mitbewohner, mit Sebastian sind wir zu dritt (erhöht die Verfügbarkeit eines Kletterpartners), die Einschätzung von Elorac trage ich als Referenz in meinen Lebenslauf ein. Und dass die Schweiz flach ist, antje, wissen wir ja aus dem entsprechenden Asterixband.

  8. Modeste meint:

    Das klingt gut, das macht Mut fürs selber Probieren. Plane ich seit Jahren, hab’ aber bisher noch nicht umgesetzt.

  9. Angel meint:

    Die bunten Knubbel heissen ganz einfach ‘Griffe’ – selbst dann, wenn man sie zum Drauftreten nutzt ;-)

    Ja, Wände steigen Menschen in nahezu allen Körperformen hoch. Nur die eigene Kraft und Geschicklichkeit zählen :-)

    Eines der schönsten Dinge am Klettern finde ich übrigens, ist dass man den Erfolg so unmittelbar erlebt. Oben – Juhu!!

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