Küchenehrgeiz und Lässigkeit: Das Upper Eat Side in Giesing

Donnerstag, 10. Januar 2013 um 10:28

Es war Herr Mittagesser, der mich auf das Upper Eat Side brachte. Und meine Münchner Restaurantwelt damit so bereicherte, dass ich sogar über den Friseurhumor des Namens hinwegsehe.

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Mitte Dezember verbrachte ich mit Herrn Mittagesser einen ausgedehnten Mittag dort und aß überdurchschnittlich köstliche Entenleberterrine mit Glühweingelee und einem knusprig getoastetem Brioche.

Damals kündigte der durchgehend Begeisterung ausstrahlende junge Wirt Jogi Kreppel bereits an, dass das Lokal im neuen Jahr mittags nicht mehr aufmache: Das sei einfach zu viel, und schließlich wollten sie noch besser werden. Zu den Plänen, von denen er uns erzählte, gehörten “eigene” Schafe und Gemüse aus “eigenem Garten”. Das passt gut zu dem, was schon bisher im Upper Eat Side gemacht wird, zum Beispiel zu dem sensationellen Bier auf der Karte, das nach Auskunft von Jogi auf eine Kooperation mit der kleinen Münchner Brauerei Crew zurückgeht: Indian Pale Ale, IPA.

Letzte Woche war ich mit dem Mitbewohner zu einem Abendessen dort und hatte das Bier als Apperitiv: Wundervolle Aromen von Grapefruit und Passionsfrucht.

In der Küche steht Thomas Strobel. Er kocht jeden Tag sechs Vorspeisen, angeschrieben an einer Tafel an der Wand. Man wird durchaus aufgefordert, sie nach Tapas-Art zu teilen (die Halbspanierin in mir möchte wie immer korrigieren, dass es sich eigentlich um “raciones” handelt, nicht um “tapas”, ist aber erwachsen genug einzusehen, dass das niemand verstünde) und sich an mehreren Vorspeisen satt zu essen. Daraufhin hatte ich eine Servierform erwartet, wie ich sie in den vergangenen Jahren in London erlebt habe: Kleine Schälchen, die man gut zu zweit oder mehreren herumschieben kann. Tatsächlich wird konventionell serviert, man muss größere Teller oder Bretter über den Tisch reichen. Aber das ist praktisch das einzige Konventionelle im Haus: Das Upper Eat Side kombiniert überdurchschnittliche Sorgfalt in der Küche (u.a. wird einmal am Abend Risotto gekocht, und das gibt es halt, solange was da ist; und Jogi Kreppel legt Wert darauf, dass er alle Lieferanten persönlich kennt) mit Lässigkeit: Der Service umsorgt die Gäste aufmerksam, doch mit einer kameradschaftlich bayrischen Note inklusive Bergsteiger-Du, Wasser und Wein schenkt man sich selbst nach.
Lässig sind auch die Preise: Alle Vorspeisen kosten 6 Euro, für das am Stück gebratene Entrecote mit genauer Herkunftsbezeichnung und Pfannengemüse zahlten wir 25 Euro (das andere Fleischstück kostete 19 Euro).

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Unkonventionell ist die Weinkarte: Stolz wird den Gästen der “Weinfächer” erklärt. Er besteht aus Karten, deren Vorderseite die dominierenden Aromen aufführt, auf der Rückseite stehen die Weine, die dazu angeboten werden. Das Upper Eat Side bezieht seine Weine direkt von den Herstellern in Deutschland, Österreich und Südtirol, gibt sie mit einem pauschalen Korkgeld von 12 Euro weiter – ein transparentes System, das zudem zu erschwinglichen Preisen führt. Am Ende dieser Seite stehen einige der Weinlieferanten.

Der Mitbewohner und ich ließen uns schmecken (zu einem Sauvignon Blanc Steirische Klassik vom Polz):

Renkenkaviar mit Hollandaise und Blini (der Kaviar völlig unfischig, hatte eher etwas von Tartare)

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Iberico auf heißem Stein zum Selberbraten

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Süßwasserfischsuppe mit Rouille (in der ich bayrischen süßen Senf schmeckte)

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Bereits erwähntes Entrecote mit Pfannengemüse (das mit Zucchini und Paprika nicht wirklich saisonal war – Luxusgemäkel)

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Als Dessert (es hätte auch ein Sorbet gegeben) weißes Schokoladenmousse mit Mangopüree und Shortbread (fruchtig und leicht)

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Ich fühlte mich im Upper Eat Side sehr wohl und lasse mich von der herzerfrischenden Begeisterung der Betreiber mitreißen. Dennoch war ich versucht, mir den Hinweis hier im Blog ganz egoistisch zu verkneifen: Schon jetzt ist das Lokal sehr gut ausgelastet. Doch die Burschen dort verdienen einfach Lob, vor allem öffentlich.

die Kaltmamsell

11 mal Beifall zu “Küchenehrgeiz und Lässigkeit: Das Upper Eat Side in Giesing”

  1. lihabiboun meint:

    Ok, ich blättere schon im Kalender wegen eines Essenstermins … DANKE!!!
    Nur: Was bitte ist Friseurhumor?

  2. L9 meint:

    @lihabiboun: was dem Friseur sein “Haarlekin”, ist dem Gastronom sein “Upper Eat Side”. Oder so.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Zur Innungsprüfung scheint der Schwur zu gehören, lihabiboun, dass Friseursalonnamen kalauern müssen – wie im Beispiel von L9. Herr Deef hat dazu eine eigene Sammlung angelegt:
    http://www.gefuehlskonserve.de/tag/friseursalonnamen

  4. lihabiboun meint:

    Oh dear …. mir sträubt sich das Gefieder … Dank für die Aufklärung!

  5. Sebastian meint:

    Ne jetzt – Deefs Frisörseite? Endlich gefunden! Unglaublich.

    Ansonsten sehr gerne gelesen – außer dass sie jetzt tatsächlich mittags nicht mehr auf machen. Außer sie fangen dann wirklich erst um zwei mit kochen an. Ich glaub übrigens, der Jogi kocht auch.

  6. trippmadam meint:

    Hört sich gut an, allerdings mag ich im Restaurant eigentlich nicht geduzt werden. Aber ich bin da vielleicht ein bisschen komisch.

  7. Julia meint:

    Einer der raren Augenblicke, in denen ich bedaure, nicht mehr in München zu leben. Konzept und Bericht gefallen mir ausgesprochen gut. Wie schön, dass ich öfter beruflich noch im Süden bin…

  8. Ilse meint:

    Sieht gut aus. Untergiesing wird ja langsam zum Münchner EastEnd.

  9. Sabine meint:

    Das ist aber Obergiesing. Für Menschen von links der Isar heißt das, einen steilen Berg hinanzusteigen.

  10. Sebastian meint:

    Deswegen der Name, @ilse & @sabine Wir wären dann am Lower Eat End? Klingt nur ein bisschen proktologisch…

  11. ilse meint:

    Gerade gesehen: Upper Eat End dann?

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