Journal Donnerstag, 3. August 2017 – Morgentlicher Isarlauf und antike Charakterköpfe

Freitag, 4. August 2017 um 6:54

Den Wecker hatte ich wieder auf halb sechs gestellt, diesmal aber, um im ersten Morgenlicht an der Isar Laufen zu gehen.
Es war wunderschön.

An vielen Stellen sah ich Reste des Hochwassers in Form von angeschwemmten Baumstämmen und Ästen. Und es waren erstaunlich viele Läuferinnen und Läufer unterwegs.

Aber: Meine Schmerzen im Arm wurden beim Radeln in die Arbeit unerträglich, ich konnte kaum atmen. Es gab eine direkte Verbindung zur Kopfhaltung, ich radelte lieber mit Blick nach unten. Am Schreibtisch probierte ich millimeterweise Haltungen, die die Stiche und das Toben im Arm verringerten. Der linke Trapezmuskel war durch die (vermutlich ausgleichenden) Verspannungen seit Tagen fast doppelt so dick wie der rechte. Ich rief dann doch bei der Anfasserin an, also der Physio- und sonstigen manuellen Therapeutin, die mir vor drei Jahren andere Schmerzen am Rücken gelindert hatte – ich will nicht dauerhaft wie jüngst jeden Tag 600 Milligramm Ibuprofen einwerfen müssen. Kennen Sie das: Wenn der Kopf für den Nacken zu schwer scheint? Dass die Anfasserin gleich am nächsten Vormittag Zeit für mich hat, erleichterte mich ungeheuer.

Nach Feierabend war ich mit Herrn Kaltmamsell verabredet: Die Glyptothek bietet donnerstags Kuratorenführungen zur Sonderausstellung „Charakterköpfe“ an. Gestern stand „Von echtem Schrot und Korn – Republikanische Bildnisse“ auf dem Programm, das wollte ich hören.

Es erklärte und zeigte Dr. Christian Gliwitzky im Saal 11 viel vor allem zur römische Geschichte am Ende der Republik und legte unter anderem seine Sicht dar, warum das republikanische System zusammenbrach (die Gracchischen Reformen hätten und die Einführung der Berufsarmee hatte Einzelnen zu viel Macht durch parteiische Wählerstimmen verschafft). Ich merkte, wie lange ich schon niemanden mehr auf Deutsch zur Antike gehört hatte; die deutsche Forschung hat dann doch eine andere Tradition und Perspektive (Mommsen!) als die britische, die ich die vergangenen Jahre gelesen und gehört hatte. Die Erläuterungen waren sehr interessant, zu den Zuschreibungen der besprochenen Köpfe hätte ich allerdings noch Detailfragen gehabt (zu viele Leute um Herrn Gliwitzky, als dass ich sie nach dem Vortrag angebracht hätte).

Ich war überrascht, wie viele Leute gekommen waren (ca. 50), wir gehörten zu den jüngsten.

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Schon am Vorabend hatte ich beim Scrollen durch instagram ein neues Vergnügen entdeckt: Auf Werbung antworten. Sonst schimpfe ich ja vom Absender ungehört in die Zeitungsseite oder an den an den Fernseher hin. Aber auf instagram hat die unerwünschte und bescheuerte Werbung eine Kommentarfunktion!

Ich kann also unter dem „must have“-Modeschmuck darauf hinweisen, dass das überhaupt niemand „must“, auf launige rhetorische Fragen „Nein.“ antworten (das passt ohnehin am häufigsten), unter den in Alltags-untauglichem Werbesprech angepriesenen Produktneuheiten „Na und?“ kommentieren. Social Media ist super!

Und dann der Volltreffer: VW-Werbung! Irgendwas mit einem blinden Fotografen, der Bilder von VW-Autos macht. Da passte dann natürlich: „Schützt Blindheit vor Schadstoff-Ausstoß?“
Später am Tage Werbung für Reisen nach Dubai: Konnte ich gleich mal auf die täglichen Menschenrechtsverletzungen dortselbst hinweisen, die mir Urlaubsentspannung unmöglich machen würden.

Das fühlt sich derart herrlich nach Krückstockgefuchtel an! Jetzt freue ich mich richtig über Werbung!

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Altphilologin Mary Beard ist im Internet in eine Streitwelle geraten, als sie die Aussage unterstützte, die Alten Römer auf den britischen Inseln seien sehr divers gewesen (was ich für hinreichend belegten Stand der Forschung gehalten hatte). Denn anscheinend gibt es Kräfte, für die die Vorstellung beängstigend ist, Alte Römer könnte es in mehr Hautfarben als Weiß gegeben haben. Beards Zusammenfassung:
„Roman Britain in Black and White“.

Wichtig finde ich ihre Haltung:

So why not just block them, as many kind voices suggested? Well I see the point, but have always felt ambivalent about blocking. It doesn’t stop them tweeting, it only means that you don’t see it, and it feels to me like leaving the bullies in charge of the playground. And it’s rather too much like what women have been advised to do for centuries. Don’t answer back, and just turn away. Besides, although one will probably make no difference to the hardcore, one might change the minds of some of the penumbra, as well as showing everyone that it is possible to stand your ground.

Dafür braucht es eine Menge Kraft. Ich würde die nicht aufbringen, umso höher ist mein Respekt für sie.

die Kaltmamsell

4 mal Beifall zu “Journal Donnerstag, 3. August 2017 – Morgentlicher Isarlauf und antike Charakterköpfe”

  1. berit meint:

    And it’s rather too much like what women have been advised to do for centuries. Don’t answer back, and just turn away.
    >> Wie recht sie hat. Und den Frauen, die sich wehren wird ihre Weiblichkeit abgesprochen. Es ist zum Brechen.

  2. Joël meint:

    Das erste Foto finde ich sehr schön. Das hat Posterqualität.

  3. Stefan meint:

    Krückstockgefuchtel – made my day…

  4. Alessa meint:

    Danke für die Idee zum Umgang mit Werbung in Instagram… da bin ich tatsächlich auch nicht drauf gekommen, so abgestumpft durch allgegenwärtige Werbung bin ich wohl schon.

    Wäre es eine blinde Fotografin gewesen, hätte ich vermutet, dass in Justitias Digitalwaage Schummel-Software entdeckt wurde und sie sich nun ein neues Beschäftigungsfeld gesucht hat, in dem sie das Offensichtliche dokumentiert.

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