Heimlich evangelisch

Freitag, 22. April 2005 um 9:30

Kann es sein, dass ein beachtlicher Teil der deutschen Katholiken und Katholikinnen (von denen sogar mehr) eigentlich evangelisch ist – sie haben es nur noch nicht gemerkt? Die häufigsten Forderungen nach Veränderungen in der katholischen Kirche betreffen die Rolle der Frau (vor allem Frauenpriestertum), Liberalisierung von Verhütung und überhaupt Sexualität, hier wiederum Tolerieren von Homosexualität. Halten zu Gnaden, meine Lieben, das findet Ihr alles bei den deutschen Evangelen (auch wenn ich weiß, dass schwule Pastoren sich genau überlegen, in welchen Bistümern sie sich bewerben).

Schauen wir uns doch mal an, was an Katholischem übrig bleibt, wenn man diese Punkte sowie die Gemeinsamkeiten mit der evangelischen Glaubenslehre subtrahiert. Mir als Nicht-Theologin aber einstmals sehr aktiver Katholikin fallen ein:
– Transsubstantiation (dass Brot und Wein während der Wandlung tatsächlich Leib und Blut Christi werden und bleiben)
– jungfräuliche Empfängnis Christi, Geburt Marias ohne Erbsünde, leibliche Himmelfahrt Marias
– fünf Sakramente: Beichte, Firmung, Ehe, Priesterweihe, Sterbesakrament (Taufe und Abendmahl / Eucharistie haben die Evangelen auch)
– Papst als Nachfolger des Apostel Petrus, unantastbarer Glaubensführer und Stellvertreter Gottes auf Erden
– geweihtes Priestertum: Die Priesterweihe macht nach katholischem Glauben einen anderen Menschen aus dem Mann, nur dieser Geweihte kann u. a. die Eucharistie vollziehen.
– Verehrung Marias und der Heiligen als „Fürsprecher“
– Interpretationshoheit der Bibel liegt bei der Kirche
Ist jemand, der an den Großteil dieser Liste nicht glaubt, überhaupt katholisch? (Ratzinger hätte in seiner bisherigen Funktion gesagt: Nein.)

Dann schauen wir uns mal den gemeinsamen Nenner der evangelischen Kirchen an:
– Sola Fide: Allein durch den Glauben wird der Mensch gerechtfertigt (nicht durch gute Werke).
– Sola Gratia: Allein durch die Gnade Gottes (wird der Mensch errettet, nicht durch eigenes Tun).
– Solus Christus: Allein Christus (nicht die Kirche) hat Autorität über Gläubige.
– Sola Scriptura: Allein die (Heilige) Schrift (ist die Grundlage des christlichen Glaubens, nicht die Tradition).
Na? Alle Katholiken, mit denen ich näher bekannt bin, würden diese vier Soli unterschreiben. Komisch.

Vielleicht hilft ja dieser Belief-O-Matic (haben wir so ähnlich als Wahl-o-mat kennen gelernt): Kreuzel deine Überzeugungen an sowie die Priorität des Themas und erfahre, welcher Glaubensrichtung du eigentlich vertrittst.
(via Lila bei Dailymo)

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Heimlich evangelisch“

  1. blue sky meint:

    Touché, Frau Kaltmamsell. (Wobei ich gerade stark im Zweifel bin, was „Sola Fide“ und „Sola Gratia“ angeht – ich war bislang der Auffassung, dass das eher katholische Auffassungen seien?) In der Tat habe ich als Katholik wenig Probleme, mich in einer evangelischen Kirche heimisch zu fühlen – ganz besonders bei den Lutheranern hier in Bayern, etwas schwieriger ist es bei den strenger reformierten. Für mich hat sogar das evangelische Abendmahl den gleichen Wert wie eine katholische Eucharistiefeier.

    Hingegen habe ich – wie vermutlich die meisten Katholiken hierzulande – so meine gepflegten Probleme mit Marien- und Heiligenkult (warum brauche ich Fürsprecher, wenn ich mit Gott selbst in Kontakt treten darf?) und Beichte, mit der Behandlung derer, die Ehe oder Priesteramt aufgeben, mit dem Umgang mit Homosexualität, und auch mit dem grundsätzlichen Misstrauen, dass die kath. Kirche ihren Gläubigen gegenüber hegt, was sich in diversen Unfehlbarkeits- und anderen hoheitlichen Dogmen äußert.

    Aber auf der anderen Seite stehen bildreiche Rituale, der Mensch mit allen seinen Sinnen wird angesprochen (nicht nur intellektuell über das Wort), und nicht zu vergessen die Universalität: In allen Gemeinden der Welt wird im Kern die gleiche Messe gefeiert, die gleiche (spirituelle) Sprache gesprochen, kann ich sofort heimisch sein, selbst wenn ich nicht einmal die Landessprache spreche. Und die Realität an der „Kichenbasis“ lässt gottseidank eine wesentlich größere Vielfalt zu als die offizielle Lehrmeinung und ist in meinen Augen meist näher an der Botschaft der Evangelien.

    („Transsubstantiation“ – das werde ich demnächst mal geflissentlich in eine Diskussion einfließen lassen.)

  2. der Haltungsturner meint:

    Lustig. Und danke.
    Wenn ich ein bisschen Klugscheißen darf: Sola Fide und Sola Gratia haben inzwischen beide gemeinsam (seit Ende der 90er Jahre, als die Lutheraner und die Katholiken sich in der Substanz auf ein gemeinsames Verständnis der so genannten Rechtfertigungslehre geeinigt haben, wobei Ratzinger da ein bisschen gebremst hat), und die Transsubstantiation haben die Lutheraner im Grunde auch (wenn auch nicht ganz so magisch) – nicht aber die Calvinisten.
    Die Heiligen und auch die Mutter Gottes stehen bei richtigen Evangelen ebenfalls hoch im Kurs, allerdings nicht als Mittler, sondern als Vorbilder.
    Auch als Antipapist bin ich ja immer verkappter Katholik gewesen – das einzige, was mich nachhaltig stört, ist, dass nur die Priester im Gottesdienst aus dem Evangelium lesen dürfen und der Gestank des Weihrauchs.

    Ein sehr guter Freund von mir gehörte lange zu einer katholischen Sekte, der Priesterbruderschaft Pius XII, der die katholische Kirche nicht mehr katholisch genug war nach dem zweiten Vatikanum. Und für ihn ist es bis heute – wie ich finde, recht überzeugend – ähnlich, wie du es beschreibst: Katholisch sein, heißt auch konservativ sein (also im Glauben, nicht unbedingt politisch). Sonst kann man es auch lassen…

  3. nevesita meint:

    Sehr interessant Ihr Beitrag! Ich denke die wenigsten Menschen wissen so genau, was für Glaubenspfeiler ihre Religion hat.
    Was Sie außer Acht gelassen haben: Die katholische Mannschaft hat eindeutig die hübscheren Trikots!

  4. Clio meint:

    Da frage ich mich gerade, was die richtigen Evangelen sind – ich stamme nämlich aus der ev. Kirche, und bei uns sind sowohl die Heiligen als auch Maria kein Thema. Maria wird zwar mal in den Predigten angesprochen, aber nur wegen ihres Glaubens, und nicht, weil sie als Mutter Jesu eine besondere Stellung hätte. Aber ich habe es niemals erlebt, daß Heilige als Vorbilder erwähnt worden wären. Auch aus anderen evangelischen Gemeinden ist mir das nicht bekannt.

  5. Lila meint:

    Bei uns in der Gemeinde (evangelisch) wurden die Gebete vom Hl. Franzikus gebetet.

    Bein Bonhoeffer findet sich (wenn ich mich nicht gänzlich falsch erinnere) eine Neubewertung und -beachtung sowohl der Beiche (ohne Priester und Absolution) als auch des Kreuzeszeichens (als Vergewisserung des Kreuzestodes in besonderen Situationen) – aber ob er diese als katholisch geltenden Praktiken im normalen Gemeindeleben praktiziert hätte, weiß man nicht.

    Ich denke auch, daß mittelalterliche Mystiker wie Meister Eckhard und Gertrud von Helfta überkonfessionell interessant sind, aber das sind keine Heiligen im wörtlichen Sinne.

    Interessant zu lesen: http://www.heiligenlexikon.de/index.htm

    (Auch wenn ich den Ausdruck „Blutzeuge“ für Bonhoeffer gräßlich finde!)

  6. Lila meint:

    Genauer hier: http://www.heiligenlexikon.de/Grundlagen/Heilige_protestant.htm

  7. der Haltungsturner meint:

    @Clio:
    Die Reformatoren selbst hielten die Heiligen für gute Vorbilder im Glauben – nicht mehr und nicht weniger – und haben geraten, sie als eben diese Vorbilder im Blick zu behalten. Ähnlich mit Maria. Und in den letzten Jahren sind sie in vielen evangelischen Gemeinden auch wieder in den Fokus gerückt. Maria vor allem auch in feministischen Zusammenhängen.

    Beichte wird übrigens in vielen evangelischen Gemeinden praktiziert. Und in den „normalen“ Abläufen einen Gottesdienstes mit Abendmahl ist sie auch noch rudimentär mit drin im so genannten „Rüstgebet“, in dem die Gemeinde um Vergebung der Sünden bittet. Die Beichte gibt es bei den Evangelen eigentlich erst seit dem sehr späten 18. Jahrhundert nicht mehr so viel. Vorher war sie völlig normal (aber kein Sakrament).

  8. der Haltungsturner meint:

    ach ja, noch mal @Clio, hab ich eben vergessen:
    mit richtige Evangelen meinte ich die, die zu den beiden großen reformatorischen Kirchen gehören – zur Unterscheidung von den Pfingtgemeinden und den Baptisten und so. Tschuldigung, etwas unklar und vielleicht arrogant ausgedrückt oben.

  9. Huflaikhan meint:

    Das erinnert mich alten Katholiken-Sack an ein Gespräch mit einem evangelischen Pastor (Pfarrer, Priester?). Damals mit 17, 18 Jahren wollte ich in beiden Kirchen sein, oder gar nicht. Also römisch-katholisch und evangelisch. Der sagte mir: Nein, das geht nicht, das sei nicht vorgesehen und schlicht nicht möglich. Außerdem sagte er mir: In welche evangelische ich denn wolle, da gäbe es so viele. Und manche schwäbische Dingens sei viel „konservativer“ als die „römische-katholische“ etc. Ich ließ es also sein und bliebt bei meinem Weihrauch. Katholik bleibt man sowieso auf Lebenszeit, da hilft gar nichts. Ich wollte sogar schon mal eine Selbsthilfegruppe für Katholisch-Abtrünnnige gründen, ehrlich. Nun bin ich eben mongolisch-katholisch, ist ja auch was ;-)

  10. hinterlektuelles meint:

    Ertappt.

  11. maz meint:

    Die Popen vom Dorf verjagen
    Hey, sehr scharf beobachtet.
    Es gab ja mal diese „light“-Welle. Alles hatte bitteschön leicht verdaulich zu sein. Sich im Süßen von allem erlaben – das ist die Sehnsucht eines jeden Individuums unserer Ich-bin-eigentlich-ein-Held-weil-ich-existiere-Gesellschaft.
    Niemand aber muss müssen, steht in einem der Werke des großen Lessing.
    Also.
    PS: Auf der anderen Seite denke ich, dass es heutzutage ziemlich schwierig wäre, vom Volk zu verlangen, die Kirchen zu stürmen damit sie deren Reichtum ihm zurückgibt ;-)

  12. Arztgatte meint:

    1. Orthodox Judaism (98%)
    2. Islam (89%)
    3. Sikhism (83%)
    4. Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints (Mormons) (73%)
    5. Jehovah’s Witness (72%)
    6. Bah�’� Faith (71%)
    7. Reform Judaism (71%)
    8. Jainism (71%)
    9. Orthodox Quaker (67%)
    10. Hinduism (65%)
    11. Mainline to Conservative Christian/Protestant (61%)
    12. Eastern Orthodox (60%)
    13. Roman Catholic (60%)
    14. Seventh Day Adventist (59%)
    15. Mahayana Buddhism (55%)
    16. Liberal Quakers (53%)
    17. Mainline to Liberal Christian Protestants (45%)
    18. Theravada Buddhism (45%)
    19. Neo-Pagan (45%)
    20. Unitarian Universalism (42%)
    21. New Age (31%)
    22. Scientology (29%)
    23. Christian Science (Church of Christ, Scientist) (25%)
    24. New Thought (24%)
    25. Secular Humanism (23%)
    26. Nontheist (19%)
    27. Taoism (17%)

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