Familienalbum – 5: Die spanische Weinbauernseite

Freitag, 29. Juli 2005 um 13:28

An meinen Großvater spanischerseits erinnere ich mich gar nicht. Er starb, als ich acht war, also habe ich ihn auf etwa vier Spanienurlauben erlebt – mehr nicht. Und auch mein Vater weiß nicht einmal, ob sein Vater sieben oder acht Geschwister hatte. Aber er konnte mir sagen, dass er aus einer alten Weinbauernfamilie stammte, aus El Puente del Arzobispo bei Toledo.

Nicht nur mein Großvater zog in den 30ern nach Madrid, auch einige seiner Geschwister. Schon Legende ist meine lang verstorbene Großtante Julia: Sie wurde eine hochdotierte Prostituierte, hatte angeblich die gesamte Franco-Regierung als Kunden, und wohnte in einem luxuriösen Vier-Zimmer-Appartement hinterm Parque del Retiro, in der Calle Juan de Urbieta.

Ein anderer Großonkel von dieser Seite, der tío Felix meines Vaters, hatte in Madrid eine Bodega, also ein Weinlokal. Dort wurde das Foto oben aufgenommen. Die Bodega lag bei der Plaza San Juan und hatte zwei Eingänge, einer mit der Adresse Calle Santa María 46, einer Moratín 33. Ganz offensichtlich gibt es dort immer noch ein uriges Altstadtlokal, das heute Taberna Moratín heißt (ein wenig runterscrollen).
Tío Felix ist der Herr rechts mit den dicken Brillengläsern, vor ihm macht sich mein späterer Vater recht wichtig (ah, liegt also in den Genen), rechts hinter ihm steht der ältere Bruder meines Vaters. Tío Felix ist der Verwandte, der meinen Vater protegierte und dafür sorgte, dass er eine gute Ausbildung bekam. Mein Vater erzählt, dass er als Bub immer nach der Schule in der Bodega vorbeischaute und mithalf. Aus den drei Zapfhähnen auf dem Bild kamen verschiedene Arten Rotwein. Es gab die Sorten billig (mit viel Wasser verdünnt), mittelteuer (mit ein wenig Wasser verdünnt), teuer (unverdünnt) – der Spanier ist halt von Natur aus ein Weinkenner.

In der Nähe der Bodega lag die Berufschule. Mein Vater hatte die Schule der Salesianer besucht, die damals einen exzellenten Ruf hatte und sicherstellte, dass mein Vater bis heute ein echtes Hassverhältnis zur katholischen Kirche hat. Obwohl sie darauf ausgelegt war, spätere Büroangestellte auszubilden, wollte mein Vater unbedingt ein Handwerk lernen. Berufsschulen sind bis heute in Spanien die Ausnahme (man lernt einen Beruf halt beim Arbeitgeber), damals war es fast unmöglich, auch nur in Sichtweite eines Platzes zu kommen. Doch die Lehrer der Berufschule kehrten jeden Tag auf dem Heimweg in der Bodega des Tío Felix ein. Und dieser bearbeitete sie so lange, bis sie seine Neffen, also meinen Vater und seinen Bruder, zur Aufnahmeprüfung zuließen. Mein Vater lernte Elektriker, mein Onkel wurde Dreher.

die Kaltmamsell

14 Kommentare zu “Familienalbum – 5: Die spanische Weinbauernseite”

  1. hasenkind meint:

    Liebe Kaltmamsell,

    bin durch den Kocherlball – auf dem ich auch war – auf Ihre Seite gestossen und bin seitdem fast schon süchtig danach. Ihre Geschichten sind interessant und Ihr Schreibstil ist klasse.

    Schönes Wochenende

  2. die Kaltmamsell meint:

    Oh, danke!

  3. Gonzo meint:

    Dreher? Dreher???

    Heisst das denn nicht schon seit Jahren „Zerspanungstechniker?“

  4. die Kaltmamsell meint:

    Wenn, dann „Zerspanungsmechaniker“. Aber doch nicht in den 60ern. Es gibt ja auch keine Elektriker mehr.

  5. KleinesF meint:

    Das hab ich mir immer gewünscht – eine Familie mit Bodega. *glugg*

  6. Buster meint:

    Wie, verehrte Frau Kaltmamsell, kommen Sie denn zur Meinung, „der“ Spanier sei kein Weinkenner? Also ich hab da schon ganz anderes erlebt … Schade aber, dass Sie nicht die Bodegatradition fortgeführt haben dann könnte ich jetzt zum Notenumblättern Gläserspülen vorbeikommen … *seufz*

  7. die Kaltmamsell meint:

    „Der“ Spanier hält sich tatsächlich für einen Weinkenner von Geburt an – sonst wüsste er ja auch nicht ungekostet, dass französische oder (HA!) italienische Weine nicht mal in Reichweite der atemberaubend überragenden Qualität der spanischen kommen. Niemals.

    Das ist derselbe Spanier, der sich jahrzehntelang Gaseosa (weißes Limo) oder – an hohen Festtagen – Cola in seinen Rotwein geschüttet hat. Darunter eine Menge konkrete Spanier (allesamt Männer und mit mir verwandt), die heute total inhaltsleere Macho-Vorträge über die Weine der Welt und ihre eklatante Inferiorität den spanischen Produkten gegenüber halten.

    Deshalb der Seitenhieb.

    (Sie kennen das lustige Spiel unter Gastarbeiterkindern „meine spanischen/italienischen/türkischen/jugoslawischen Verwandten sind schlimmer als deine“ nicht?)

  8. Erwin meint:

    Frau Kaltmamsell, für das Spiel „meine Verwandten sind schlimmer als deine” muß man wahrlich kein Gastarbeiterkind sein. Das spielen man auch mit rein deutscher Verwandschaft sehr gerne.

    Das Problem mit Verwandschaft ist nicht die Nationalität, sondern die schiere Existenz.

  9. Buster meint:

    Oh ja, das „Verwandschaftsspiel“ wird immer wieder gerne gegeben. Ich denke, da Mensch sich ja die Verwandschaft nicht ausgesucht hat, kann er ungehemmt, heftig und viel lästern …

  10. Lila meint:

    „Der Spanier“ soll ja auch ein Feinschmecker sein. Ich erinnere mich an den Schock, mit dem eine Freundin von mir von einem Auslandssemester in Madrid wiederkam. Die waschen Salat mit Domestos!!! Cola im Rotwein klingt auch sehr lecker… Ich sehe, die Israelis koennen durchaus noch was lernen.

  11. Pernod meint:

    Cola mit Rotwein (auch „Corea“ genannt) ist in manchen Gegend Deutschlands ein bei der Landjugend weitverbreitetes Getränk. Und wenn ich mir ansehe was mache Deutschen sich an „Weißherbst“ und „Affenfelsen“ ins Glas schütten überkommt mich das kalte Grausen.
    „Meine Verwandten sidn schlimmer als Deine“ ist in Zeiten der Globalisierung nicht mehr angesagt. Ich spiele lieber „Meine Landsleute sind schlimmer als Deine“.

  12. die Kaltmamsell meint:

    Ah, jetzt kommen wir langsam an die Besonderheit des Verwandtschaftslästerns unter Gastarbeiterkindern: Deutsche suhlen sich am liebsten im nationalen Selbsthass und finden alle Kulturen interessanter als die eigene. Deshalb schauen sie uns Gastarbeiterkinder mit großen Augen an und fragen uns nach unserer „Heimat“, da sei es doch sicher ganz toll und so. Und sie wissen schon vor dem ersten Wort, dass sie uns für die Exotik unserer Herkunft bewundern und darum beneiden werden. Spätestens als Jugendliche beginnen wir daher, trotzig in erster Linie die Unarten und Klischee-Abweichungen dieser Verwandtschaft aufzuzählen.
    (In diesem Absatz sind zwölf unzulässige Verallgemeinerungen versteckt. Wer sie als erste findet, darf hier zwei Absätze Landsleute-Bashing veröffentlichen.)

  13. Erwin meint:

    Ne, ne. Frau Kaltmamsell. So einfach kommen Sie nicht davon. Als Deutscher hat man nun mal mit großer Wahrscheinlichkeit deutsche Verwandte. Die kann man sich nicht aussuchen. Man muß bashen was man hat, und wenn man nur versoffene deutsche Verwandtschaft hat, dann halt die. War Ostverwandschaft dabei, dann war das mehr Exotik als ein Gastarbeiterkind aufbieten konnte. Die „von Drüben“ waren nämlich wirklich anders.

  14. Pernod meint:

    Einen Augenblick Frau Kaltmamsell. Die Exotik haben nicht nur die Gastarbeiterkinder gepachtet.
    Als Deutscher sind sie in vielen Gegenden der Welt noch viel exotischer als Sie es jemals in Deutschland sind oder waren (ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen).
    Fahren Sie mal nach Djerba und erzählen Sie den Dortigen daß Berlin 3 Millionen Einwohner hat. Da sehen Sie mal große Augen.

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