Zwischenstand: Buchreich des Bösen führt 3:0

Donnerstag, 16. Februar 2006 um 7:47

Das mit der guten Tat wird mir wirklich schwer gemacht. Denn: Was will ich in erster Linie von einem Buchhändler? Dass er mir die Bücher beschafft, die ich möchte. Habe ich mich ja schon aus ideologischen Gründen durchgerungen, erst mal auf die Bequemlichkeit der Lieferung zu verzichten, aber beschaffen soll er sie mir. Genau dieses konnte der kleine, fördernswerte Buchhändler in drei Fällen nicht.

Im Dezember bestellte ich online eine von der Süddeutschen Zeitung gepriesene illustrierte Neuübersetzung von Pinocchio, gleichzeitig bei Amazon und beim kleinen Buchhändler. Ein Exemplar wollte ich zu Weihnachten verschenken, das andere behalten. Das Ergebnis: Der kleine Buchhändler informierte mich, der Verlag sei mit der Bestellflut überfordert und könne nicht liefern, es bestehe auch keine Aussicht, dass er das in den nächsten Monaten wieder könne. Das evil empire des Buchhandels lieferte, wenn auch erst drei Wochen nach Bestellung.

Ebenfalls online bestellen wollte ich Ende letzten Jahres beim kleinen Buchhändler das Büchlein von Ina Bruchlos: Es war in keinem bestellbaren Verzeichnis zu finden (inzwischen übrigens schon). Amazon listete und lieferte umstandslos.

Kürzlich ließ ich mir wieder von der Süddeutschen Zeitung einen neuaufgelegten Interview-Bildband über Fernandel empfehlen. Ich bestellte zwei Stück davon beim kleinen Buchhändler, eines für meinen Vater, den Fernandel-Bewunderer, eines für mich. Kurz nach der Bestellung erhielt ich eine Mail des Buchladens, meine Bestellung könne abgeholt werden. Doch im Laden informierte man mich wieder, wenn auch mit Bedauern, wegen der großen Nachfrage könne der Verlag nicht liefern. Punkt. Keine Aussicht auf weiteres Bemühen, im Gegenteil: „Des wern’S auch sonst nirgens kriegen.“ Bei Amazon waren es zwei Klicks zur privaten Anbieterplattform (meist für Gebrauchtbücher genutzt), dann hatte ich zwei Exemplare (wenn auch plus Versandkosten) bestellt. Gestern, zehn Tage nach Bestellung, kamen die Bücher fabrikneu, noch in Folie verschweißt.

Klar gebe ich dem kleinen Laden noch weitere Chancen. Doch wer wie ich bei 99 Prozent der Buchkäufe exakt weiß, was sie will, hat im Buchreich des Böses schon ein angenehmes Leben.

die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Zwischenstand: Buchreich des Bösen führt 3:0“

  1. Distel meint:

    Ah, das geht nicht nur Ihrem kleinen Buchhändler so und ist auch keine Ignoranz dessen (von der Falsch-Info-Email mal abgesehen). Selbst kaufe ich immer wieder beim kleinen Comichändler, da er ein alter Freund ist. Der soziale Druck siegt hier regelmäßig. Auch hier habe ich auf mein Weihnachtsgeschenk (Neal Stephenson, The Confusion) flotte 6 Wochen gewartet. „Derzeit vom Großhändler nicht lieferbar“.
    Dennoch hat mir der kleine Comichändler ob ähnlicher Aktionen schon vor längerem sein Leid geklaft, dass er im Vergleich zu großen Buchhändlern, -ketten oder gar dem Buchreich des Bösen zu wenig Umsatz macht und daher nachrangig beliefert wird.
    Damit sind die Kleinen dann doppelt abgestraft.

  2. kid37 meint:

    Der Bildband mit den Fotos von Halsman ist exzellent.

    Ich bestelle gern in der „kleinen Buchhandlung um die Ecke“. Wenn es sie denn noch gibt. Eine zeitlang hatte ich eine in der Nähe, die am Programm von libri.de teilnahm. Da konnte ich online meine Bücher zur Abholung dort bestellen. Das, so fand ich, war ein guter Kompromiß. Jetzt, wo ich weiß, wie rabiat einige Buchhandelsketten mit den Verlagen umgehen, nutze ich vermehrt Plattformen wie eurobuch.com – und natürlich weiterhin den kleinen spezialisierten Kunstbuchhändler, der auch nur noch dank der Buchpreisbindung überlebt. Zum Glück.

  3. Don Alphonso meint:

    Das Problem ist nicht der kleine Buchhändler, sondern der Umgang der Verlage mit dem Grosskunden Amazon. Der wird halt anders und in vielen Fällen direkt beliefert. Sprich, wenn dann ein Lob kommt, nimmt Amazon direkt vom Verlag ein paar hundet Stück. Die machen da auch entsprechend Druck und versuchen mit aller Kraft, den Zwischenhandel auszuschalten – bei allem, was gesucht wird. Was nicht gesucht wird, landet im Frankfurter Ramsch. Lagerkosten rulen.

    Bei allen anderen Sachen ist der normale Buchhändler schneller. Hier gibt´s einen, der hat mir noch alles beschaffen können.

  4. Don Alphonso meint:

    Und ich hasse Amazon, um das noch dazu zu sagen.

  5. zonebattler meint:

    Dem Internet im Allgemeinen und Amazon im Besonderen ist freilich zuzugestehen, daß sie zu einer tatsächlichen Vergrößerung des gesamten Marktvolumens nicht unerheblich beitragen: Auch vor dem Online-Zeitalter hat der lokale Buchhandel nicht wirklich verkaufen können, wofür keine nennenswerte Nachfrage existierte. Und just diese schaffen das Internet durch Aufmerksamkeits-Verteilung und Amazon durch Omnipräsenz und leichte Bedienbarkeit. Hass scheint mir bei derartig zwangsläufigen Entwicklungen fehl am Platze zu sein: Man mag für einzelne Vertriebswege Sympathien empfinden oder Aversionen hegen, den Autor eines Werkes wird jedes zusätzlich verkaufte Exemplar freuen!

  6. Oweh meint:

    Ich bestelle auch gern alles Mögliche beim kleinen Zahnbuchladen um die Ecke. Ein Hoch! auf die Buchpreisbindung. Den Pinocchio habe ich allerdings unter Umgehung des Buchhandels direkt vom Christkind bekommen! Glaube ich zumindest…

  7. Tanja meint:

    Fast habe ich gehofft, dass „no news, good news“ sind. Aber eigentlich habe ich es nicht anders erwartet, liebe Kaltmamsell. Alle, wirklich alle (unter anderem meinetwegen) in die Buchhandlung Zurückgekehrten schreiben (mir), dass und in welcher Form der stationäre Buchhandel in ihrem Fall kläglich versagt hat.

    Dass Sie mit einer falschen Nachricht in den Laden gesprengt wurden, ist der Gipfel. Ich hoffe, Sie haben sich beschwert!

    Die Kundschaft bestimmt die Buchlandschaft und wenn sie den guten Buchladen (oder war der die letzten zweihundert Jahre ein Phantom?) und die Buchhändlerin durch einen Multi ersetzt, dann sind diese halt irgend einmal weg. Zu meinem Bedauern geht das nicht auf einen Schlag, sondern ist ein Prozess, der sich unter anderem schleichend bemerkbar und in der Folge auch vor Rückkehr-Willigen keinen Halt macht.

    Warum es bei mir tadellos und in verschiedensten Buchhandlungen, entweder fix via Buchkatalog oder auch mit kargen Angaben und samt Sonderwünschen à la „könnten-Sie-mir-bitte-noch-einen-Kartonschuber-dazu…?“ oder „bitte-Experess-als-Geschenk-auf-den-Hasliberg-und-diese-Karte-hinten-ins-Buch-legen“ klappt, bleibt ein Rätsel. Vielleicht investiert die deutschschweizer Branche ihren letzten Rest Können in meine Bedienung, weil die Hälfte davon einmal bei mir die Berufsschulbank gedrückt hat.

    Der Pincchio von Innocenti ist übrigens eines der schönsten Bücher der Welt. 1988 noch im schweizerischen und lebendigen Sauerländer Verlag erschienen, wurde das Buch 1987 von meiner Patentante initiiert und lektoriert, ich habe die Druckfahnen gesehen. Doch die Patentante ist bei der Verlagsübernahme gestorben, man hat gesagt an zu vielen Pall-Mall, aber es war das Herz.

    Ich war erfreut, dass Patmos oder genauer die Cornelsen Holding, nach Jahren doch noch begriffen hat, dass sich eine vom gleichen Team (Innocenti und Bausch) überarbeitete Neuauflage lohnen könnte. Diese Verlagsgruppe weiss die Innovation der geschluckten Unternehmen zu recyklieren – vom Anfängerfehler des Lieferengpasses vor Weihnachten einmal abgesehen.

    @Don Alphonso: Dafür (weniger für den Amazon-Hass – den ich aus tiefsten Herzen teile – sondern für das Zwischenhandels-Know-how) muss ich direkt mal an eine Blog-Lesung kommen. Und das, obwohl ich mich schon mit Buchlesungen schwer tue.

  8. die Kaltmamsell meint:

    Oh Tanja, wie schön, dass ich zu dem wunderschönen Pinocchio-Buch auch noch eine Entstehungsgeschichte habe, danke! Ich werde es noch ein paar Mal mit dem kleinen Händler versuchen.

    Und so eine Bloglesung ist ja eher eine Kuschelveranstaltung als ein Frontalevent wie eine Buchlesung. (Allerdings komme ich dieses Jahr eh ganz sicher noch nach Bern.)

  9. Tanja meint:

    Das mit den Lesungen hat hauptsächlich mit meinem mangelhaften Antrieb zu tun, das, was ich lesen kann, hören zu wollen. Aber beruflich haben mich Lesungen zu interessieren, auch Hörbücher. (Hörbuchhandlungen sind übrigens die einzigen hoffnungsvollen Neugründungen – gerade wieder in Basel).

    Bern: Wenns zeitlich und bedürfnistechnisch drinliegt, gerne bei uns zum „Znacht“ (Saures exkl.). Auch Lehrer sind herzlich willkommen.

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