Vaters Tochter

Donnerstag, 21. September 2006 um 13:37

An den gut bezahlten Ferienjob 1994 in der Fabrik bin ich ausschließlich deshalb gekommen, weil mein dort angestellter Vater Einfluss nahm. Meine Bewerbung kam nämlich zunächst mit einer Absage zurück. Daraufhin ging mein Vater, der damals bereits seit über 20 Jahren in der Fabrik arbeitete (!), persönlich (!) mit meiner Bewerbung in die Personalabteilung (!) und wies darauf hin, dass diese Bewerberin trotz ihres Namens nicht etwa eine beliebige dahergelaufene Ausländerin sei, sondern seine (!) Tochter (!). Da bekam ich den Job.

Und wem das nicht reicht: Dass ich heute in einem Unternehmen Geld verdiene, das aus der Firma hervorgegangen ist, die meinen Vater 1960 als Gastarbeiter nach Deutschland holte, DAS KANN JA WOHL KEIN ZUFALL SEIN!

Es ist natürlich viel Koketterie dabei, wenn ich bei jeder passenden Gelegenheit (Definition derselben höchst subjektiv) fallen lasse, dass ich Gastarbeiterkind bin / aus einer Arbeiterfamilie stamme. Zum einen macht mich das größer, da ich implizit betone, überdurchschnittlich weit aufgestiegen zu sein, es besonders schwierig gehabt zu haben, viel geleistet zu haben – was meinen Eltern gegenüber gemein ist, da sie mich immer sehr gefördert haben.
Zum anderen setze ich den Verweis auf meine bescheidene Herkunft als Beweis meiner Autarkie ein: Indirekt betone ich damit, dass ich ohne Hilfe von Blutsverwandten Erfolg habe.

Auch das ist wieder irreführend: Mein Vater ist Handwerker, nämlich Elektriker. Und ich bin sicher, dass jedes Handwerkerkind mir zustimmen wird, dass Handwerkertum untrennbar mit networking verbunden ist; mein Vater hatte immer überall Kontakte. Das Licht an meinem Fahrrad ließ sich nicht mehr reparieren? „Da gehst’ zum Franz im Fahrradladen in der Münchner Straße und sagst ihm einen schönen Gruß von mir, dann macht er’s dir billiger.“ Beule im Auto? „Du, ich ruf den Herbert an, weißt schon, den ausm Autohaus Kramer. Der kommt dann am Sonntag zu dir und macht dir des für an Fuchz’ger.“ Es braucht dann doch einen neuen Fernseher? „Gehst zum Erich seim G’schäft draußen in Haunhofen, da, wo ich immer mein Material kaufe, sagst ihm an schönen Gruß von mir, dann macht der dir einen guten Preis.“
Das Sesamöffnedich für alle Vergünstigungen: „Sagst ihm an schönen Gruß von mir.“
Und wissen Sie was: Ich hab das nie gemacht. Zum einen aus diesem kranken Stolz heraus, mit dem ich auf die Welt gekommen bin, zum anderen, weil ich selbst keine Gegenvergünstigung bieten kann. Du machst mir die Beule am Kotflügel weg, dafür – äääääääh – übersetze ich dir einen Songtext aus dem Englischen? Nein, geht nicht. Und die möglichen Leistungen meines Elektrikervaters wollte ich nicht als Währung einsetzen, waren ja nicht meine eigenen.

Es ist für mich selbstverständlich, dass ich so weit als möglich nur ernte, was ich selbst gesät habe, und dass ich Vergünstigungen aufgrund meines familiären Hintergrunds oder meiner beruflichen Position ablehne. Mikromeritokratie. Restaurantessen mit Geschäftspartnern oder Kunden, Einladungen zu Geschäftsveranstaltungen oder Lieferantenpartys sind da Lohn genug für meinen Job-Erfolg.

Ich weiß, dass ich bei Weitem nicht die Einzige mit dieser Einstellung bin. Der Haken: Menschen, für die es ebenso selbstverständlich ist, jeden Vorteil zu nutzen, den ihnen Familie und Beziehungen bieten („ich bin doch nicht blöd!“), können sich das einfach nicht vorstellen. Und deswegen glauben sie es nicht nur nicht, sondern unterstellen bis zum aktiven Gegenbeweis erst mal allen, die es zu etwas bringen, dass sie dorthin gehoben wurden. Anders kann ich mir viele niederträchtige Reaktionen auf echte Erfolge nicht erklären.

die Kaltmamsell

16 Kommentare zu „Vaters Tochter“

  1. walkuere meint:

    als „kranken stolz“ würde ich es nicht unbedingt bezeichnen, wenn man nach autarkie strebt, zumal diese das selbstwertgefühl schon sehr hebt. dieses auf-kein-entgegenkommen-angewiesen-sein vermittelt ein sehr starkes gefühl der unabhängigkeit – mir zumindest.

  2. kid37 meint:

    Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage. Ohne Netzwerken ginge es mir wie Ihnen bei Ihrem ersten Ferienjob. Ich müßte mich jedesmal aufs neue irgendwo anstellen. Die Jobs in meiner Branche gibt es häufig nicht, weil man nun unbedingt „der Beste“ ist, sondern weil man zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Um diesen Zeitpunkt zu treffen, braucht es oft jemanden, der einen emfpiehlt. Berufliche Kontakte, keine durch meine Eltern. Bei genauerer Betrachtung wäre das ein Ernte, „die ich selbst gesät“ habe, wie Sie sagen.

    Was „berufliche Vergünstigungen“ angeht: Ja, die gibt es, und einige nutze ich auch. Möglicherweise sind deshalb die Honorare so niedrig ;-)

  3. die Kaltmamsell meint:

    Empfehlungen, kid, sind doch essenziell! Wie käme ich denn sonst an verlässliche neue Dienstleister ran: Ich rufe jemanden an, mit dem ich gute Erfahrungen gemacht habe (oder eine Ex-Kollegin), und bitte um einen Tipp. Das ist aber ein Gegengeschäft, finde ich: gute Arbeit ergibt Empfehlung.
    (Oder vermurksen Sie jeden Job und müssen deshalb ständig die Stadt wechseln?)

  4. Kirsten meint:

    Ich bin da auch irgendwie zwiegespalten – ich möchte Sachen gern allein machen, aber ohne Beziehungen gehts dann doch nicht. Aber inzwischen habe ich einen Nachfolgejob bekommen, weil ich den ersten Job in dem Hause gut gemacht hab. Den erste hatte ich nur durch Beziehungen und Zufalle bekommen, den zweiten durch Leistung. Gleicht sich dann irgendwie wieder aus, finde ich. :-)
    Aber ich muss gestehen, dass ich zum Beispiel bei Konzertkarten oder anderen Dingen, die ich über Beziehungen kriegen kann, weit weniger hohe Moralvorstellungen hab. ;-) Und irgendwann gleicht sich doch alles wieder aus…

  5. kid37 meint:

    (Pöh. Ich wechsel doch gar nicht ständig die Stadt. Höchstens tourneeweise für ein paar Tage. Mit meinen vielen Sachen wird man schnell seßhaft ;-))

  6. Tanja meint:

    Ich glaube nicht, dass es kokett ist, sich als Gastarbeiterkind zu bezeichnen. Ich halte die Erwähnung für ein legitimes dramaturgisches Element. Alle Leben kennen den Vorteil von Besonderheiten und ich bin überzeugt, dass es etliche Therapiestunden spart, diese zu nennen und zu nutzen.

  7. Tim meint:

    Ich bin auch Gastarbeiterkind. Meine Eltern kamen in den 1948 aus Siebenbürgen.

  8. die Kaltmamsell meint:

    Ich seh schon, Tim, die deutsche Geschichte wird umgeschrieben werden müssen: Die ersten Gastarbeiter wurden nicht etwa von der Bundesrepublik in Italien angeworben, sondern bereits viel früher in Rumänien!

  9. croco meint:

    Ich mag es , stolz darauf zu sein, mit eigener Kraft das geworden zu sein, was ich bin. Ich hätte Beziehungen gehabt, und hab sie auch nicht benutzt, bin lieber weit weg gezogen.Ach ja , ich bin stolz wie Bolle .
    Übrigens finde ich es süß, dass Sie sich heute noch als Gastarbeiter“kind“ bezeichnen.

  10. Tim meint:

    Ich wollte nur darauf hinweisen, dass es in Deutschland in den 60er Jahren noch andere Menschen gab, die nicht mit offenen Armen empfangen wurden und die praktisch von 0 sich etwas aufgebaut haben. Die Erzählungen meiner Eltern aus diesere Zeit sind alles andere als lustig.

    Ich gebe auf Herkunft wenig. Ziel sollte sein, sein Potential zu nutzen. Klar hat das auch was mit der Herkunft zu tun. Aber meine Erfahrungen sind, – ohne Kaltmamsell zu nahe zu treten: Wer seine Herkunft herausstellt, der versucht oft eine Ausrede zu finden, dafür dass er/sie nicht das erreicht hat, was intellektuell möglich, realistisch machbar und persönlich erstrebt war. Eine Ausrede für die Unzufriedenheit.

    Ein Beispiel: Je desaströser Schröders Regierung wurde, desto mehr wurde von den Medien – mit der Billigung und Unterstütung von Schröder – die Herkunft des Kanzlers (Arbeiterkind, Alleinerziehende Mutter usw) herausgestellt.

  11. croco meint:

    Her Tim, nach den neuesten Studien ist es aber immer noch erstaunlich, wenn Kinder aus armen Familien einen Universitätsabschluß machen.Wir werden ja laufend von der OECD dafür gerügt.Und Kinder aus Gastarbeiterfamilien haben noch das Manko, andere kulturelle Wurzeln UND Deutsch als erste Fremdsprache zu haben.
    Also, Faru Kaltmamsell, Sie können stolz sein.

  12. Don Alphonso meint:

    „ich bin doch nicht blöd!“ – Oha. Das war aber gerade sehr doppeldeutig, mei Liaba.

  13. creezy meint:

    Wieso soll ein Gastarbeiter bescheidener Herkunft sein …?

  14. hape meint:

    @Tim

    naja, ich würd sagen, wir Siebenbürger hatten es aebr einfacher als andere Einwanderer, einmal aufgrund der nciht vorhandenen Sprachbarriere und andererseits weil ihnen teilweise ganze Siedlungen/Siedlungsgebiete zu Verfügung gestellt worden sind.

  15. Thinkabout meint:

    Mikromeritokratie – da verwendet doch tatsächlich ein Gastarbeiterkind Fremdwörter, die mich eingebildeten Sprachenfreund am Berg stehen lassen, und weder Google noch Wikipedia will helfen…
    Ich kombiniere mal:
    mikro > klein
    merito > die Merite ist eine Art Gunst, ein Verdienst, ein Erwerb (?)
    kratie > Gesellschaftsvorm, Personenverbund
    Also eine Art Günstlingswirtschaft im Kleinverband? Ach ja, davon handelt ja der ganze Artikel.
    Liebe Frau Kaltmamsell
    In der Schweiz leben 20% Ausländer mit Aufenthaltsbewilligung – und zig %e mehr mit Schweizer Pass aber „fremden“ Wurzeln. Unter meinen Freunden bin ich wohl der einzige, der reisen muss, um Fremdes in sich zu fühlen. Sie sind ein Musterbeispiel für diese Vielfalt, die uns doch so gut tut, wenn wir ihr so begegnen können: Durch Menschen, die unsere Mentalität kennen, mit ihr umgehen können und doch diesen fremden Reichtum in sich haben.
    LG und echte Wertschätzung versichert Ihnen
    Thinkabout

  16. stefanolix meint:

    @Thinkabout:
    Aber die Meritokratie kann man doch aus dem Wort „Meriten“ herleiten. Meriten sind (gute) Leistungen oder Verdienste. Vielleicht hilft Dir ja http://de.wikipedia.org/wiki/Meritokratie weiter(?) — Und schon immer gab es unter Handwerkern und Facharbeitern auch ein klein wenig Meritokratie; sie nennen es nicht so, aber sie verstehen es.

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