Verurteilt

Donnerstag, 3. Mai 2007 um 12:14

„Pyknisch.“ Sie hatte zwar eine Sekunde überlegt, während sie meinen unterbewäschten Spätkinderkörper betrachtete, aber das Urteil der Schulärztin fiel mit fester Stimme: „Pyknisch.“
Alle Mitschülerinnen, die vor mir an ihren Tisch getreten waren, hatten ohne jedes Zögern ein „Körperbau: athletisch“ bekommen.
Der Tisch war im Sportlehrerzimmer aufgebaut, drumrum hatte man eine provisorische Arztpraxis eingerichtet – Vorhang, Liege, Waage, Messlattenständer, Tischchen für die Schreibkraft. Meiner Erinnerung nach waren wir bei der schulärztlichen Reihenuntersuchung im Gymnasium um die 12 Jahre alt. Man hatte uns geheißen, uns bis auf die Unterwäsche auszuziehen und alphabetisch nach Nachnamen nacheinander der Schulärztin unter die Augen zu treten. Mit dem üblichen Geratsche und Gelächter hatten wir das brav getan.

Die Schülerinnen nach mir bekamen ebenfalls ein „athletisch“, bis auf die Monika, die einen guten Kopf größer war als wir, eine dicke Brille trug, ein Doppelkinn über dem mächtigen Körper hatte, die sich schwerfällig bewegte, und die immer rot anlief, wenn sie etwas sagen sollte, vermutlich weil sie wegen eines Geburtsfehlers nicht sehr deutlich sprach.*
Die war ebenfalls „Körperbau: pyknisch“. Mehr brauchte es nicht, um mir die Bedeutung des Fachwortes klar zu machen: Athletisch war ganz offensichtlich schlank und normal, pyknisch war fett und unnormal.
Damit war das Urteil meiner superschlanken Mutter bestätigt, die jede Gelegenheit nutzte mich darauf hinzuweisen, wie dringend ich abnehmen musste, wie hübsch ich sein könnte, würde ich mich nur „ein bisschen beherrschen“.
Ich hoffe, die Ergebnisse dieser Reihenuntersuchung hatten in irgendeiner Statistik irgendeinen Nutzen. Dann hätte sich wenigsten ein bisschen gelohnt, dass mich das Urteil der Schulärztin bis ins Erwachsenenalter als Makel verfolgte.

—————————————–

* Hier ein weiterer Beleg, in welch netter und freundlicher Umgebung ich zur Schule ging: Diese Mitschülerin wurde keineswegs ausgegrenzt, sie war ganz selbstverständlich Teil unserer Klassengemeinschaft. Na gut, wenn im Sportunterricht Mannschaften für Völkerball zusammengestellt wurden, gehörte sie zu den letzten beiden, die gewählt wurden. Aber es war unausgesprochen ausgemacht, dass sie und die andere extrem unsportliche Mitschülerin auf beide Mannschaften verteilt wurden. Monika war in anderer Hinsicht besonders: Sie schrieb Geschichten. Es fing damit an, dass wir uns in der 6. Klasse den todeslangweiligen Handarbeitsunterricht (die Buben durften mangels Werklehrer schon nach Hause gehen) mit Geschichtenerzählen versüßten. Die von Monika waren mit Abstand die besten und fast immer Gruselgeschichten. Irgendwann schrieb sie ihre Geschichten auch auf, und wir bekamen unseren Klassleiter (Lateinlehrer) dazu, dass sie diese im Unterricht vorlesen durfte. Das wurde ein regelmäßiger Stundenausklang.

die Kaltmamsell

16 Kommentare zu “Verurteilt”

  1. Petra meint:

    Es gibt noch eine 3 Form von Körperbau: „Leptosom“. So wurde ich als Kind nämlich eingestuft- Leptosom heißt so etwas wie sehr schlank, m.a.W. „spirreldürr“. Seit Mitte 30 ist mein Körperbau allerdings eher auch als „pyknisch“ zu bezeichnen *grummel*

  2. Gonzo meint:

    Bei mir war’s ein Sportlehrer, der irgendwann auch mal nix Besseres zu tun hatte, als eine Klasse in Athleten, Pykniker und Leptosomen einzuteilen. Ich weiss noch genau: Obwohl’s mich aergerte, Pykniker zu sein, war ich doch gottsfroh, noch auf die Leptosomen herabschauen zu koennen – das war ja nun wirklich ein unangenehm klingendes Wort, wie eine richtige Krankheit geradezu, dagegen erschien Pykniker ja richtig gemuetlich und irgendwie kompetent („Herr Dr. Pykniker betrachtet einen lebenden Leptosomen unter dem Mikroskop…“).
    Schon recht bloed, wie man Kindern ganz frueh klarmacht, was sie von sich und anderen zu halten haben…

    Kann mich jemand berichtigen – ist dieser ganze Physiognomie-Einstufungsdreck nicht auch urspruenglich auf dem Mist der Nazis gewachsen?

  3. stephan.el meint:

    @Gonzo
    Nein, das gab’s schon vorher, siehe Wikipedia hier und hier.
    Hier findest Du einen Artikel, der sich kritisch mit der Konstitutionstypologie auseinandersetzt und zeigt, das diese geradewegs zum „“Konzept des „Herrenmenschen““ führt

  4. die Kaltmamsell meint:

    Jetzt wo Sie fragen: Diese Einteilung geht laut Wikipedia auf einen Psychiater namens Kretschmer zurück, der aus den Konstitutionen Chraktereigenschaften ableitete. „Zweites Viertel des 20. Jahrhunderts“, wohl kein direkter Zusammenhang mit den Nazis, eher allgemein ein damaliger Trend. Dann lieber gleich Phrenologie.

  5. Gonzo meint:

    Oder vielleicht noch sinnvoller:
    Retro-Phrenologie.

  6. Mareike meint:

    I wonder what brought that to your mind today…

  7. Tanja meint:

    Bei mir war’s die Musiklehrerin, die mich über Jahre vor der ganzen Klasse mit Dreiklängen quälte, mich Dur und Moll unterscheiden liess und verlangte, dass ich eine TerzQuartQuint ortete nur um mir wieder vor der ganzen Klasse zu sagen, dass ich nie, nie im Leben ein Musikstück würde geniessen geschweige denn spielen können.

    Bei meiner Bekannten war’s der Französischlehrer, der vor der ganzen Klasse ihr Mäuschen-Französisch nachäffte. Noch während der Lehre schwängerte sie ein unmöglicher marokkanischer Kerl, mit dem sie bis zur Scheidung unsicher und duckmäuserisch und letztendlich nur noch via Anwälte kommunizierte.

    Unfassbar, was Schule alles verbrechen kann.

  8. Maik meint:

    Da hier ja ohnehin schon jeder Wikipedia zitiert, möchte ich noch den aus meiner Sicht entscheidenden Punkt nachtragen: „Aus heutiger Sicht gelten die Konstitutionstypologien als wissenschaftlich überholt.“ Was wohl bedeutet, daß ich mich nicht darüber ärgern muß, daß der Artikel über den epigastrischen Winkel, der bei mir als Leptosom offensichtlich weniger als 80 Grad zu betragen hat, bei Wikipedia noch nicht existiert. Neugierig bin ich trotzdem…was bitte ist das für ein Winkel? (Ich könnt’s ja googeln, aber ich find’s netter, hier zu fragen.)

  9. lülü meint:

    Was ist denn aus Monika geworden?
    Schreibt sie noch immer?

  10. Sushi69 meint:

    Ebenfalls mit einer superschlanken Konfektionsgrösse 34/36-Mutti gesegnet, darf ich mir mit meiner 46/48 bis heute anhören, dass ich ja so hübsch sein KÖNNTE, und dass sie selbst hochschwanger noch 30 kg weniger als ich gewogen hat. Seufz. Manche Dinge ändern sich nie, aber es ist beruhigend, dass ich da anscheinend nicht allein bin. ;)

  11. Indica meint:

    Sorry, das mit der Schrägschrift funktioniert bei Textpattern anders!

  12. stefan meint:

    In der DDR war diese Untersuchung ein klein wenig später (9. Klasse?) und es war wohl neben dem Arzt auch ein Psychologe beteiligt. Auf jeden Fall habe ich absolut keine Erinnerungen an die »körperlichen« Einschätzungen, aber ich habe mir bis heute gemerkt, wie mich der Psychologe eingeschätzt hat ;-)

    Es wurde schon einiges über den Unsinn solcher Einteilungen geschrieben. Aber eines finde ich noch wichtig: der Mensch muss auch mit 40 nichts so hinnehmen, wie es ist. Und wenn es wirklich so etwas wie eine Einstufung nach dem Körperlichen geben sollte, dann würde ich sie nach der Körpersprache, Körperspannung und Körperhaltung eines Menschen vornehmen. Das hat nun mit pyknisch oder athletisch überhaupt nichts zu tun, aber man kann sehr viel mehr daraus ablesen. Es gibt antriebslose Schlaffis, die formell mit einem ganz guten Körperbau ausgestattet sind und es gibt energische Menschen voll innerer Kraft, die eben irgendwo an der Grenze zum pyknischen Körperbau stehen.

  13. Indica meint:

    Vor allem kann frau ja auch nicht viel an ihrem Körperbau ändern – meine (ebenfalls nicht schlanke) Mutter ist der „Apfel“, ich die „Birne“. Ihre schlanken Rehbeinchen hätt ich bis heute gern, aber ganz bestimmt nicht ihren Bauch. Dafür hab ich die Taille und die dicken Oberschenkel. Äpfel und Birnen vergleichen geht eben nicht.

    Im Übrigen schaffen es Mütter immer: Kind, bist du dicker geworden? ist so eine Killerfrage, mit der es meine Mutter bis heute beim jährlichen Besuch hinkriegt, mich innerweltlich aus dem Tritt zu bringen. Allerdings bin ich mit zunehmendem Alter zunehmend energischer geworden und verbitte mir derlei taktlose Bemerkungen.

    Genau: Was ist aus Monika geworden?

  14. die Kaltmamsell meint:

    Bei mir stellen html-Tags schräg, Indica, so besser?

    Monika hat nach der 10. Klasse in die Fachoberschule gewechselt. Ich vergaß sie erst mal, und da sie auch in Echt einen sehr verbreiteten Vor- und Nachnamen hat, fand ich sie nicht mehr, als sie mir später wieder in den Sinn kam.

    Meine Mutter hinwiederum ist bekehrt. Sie bereut tief, was sie mir mit ihrem Schlankheitswahn angetan hat, kommentiert mein Äußeres ausschließlich positiv (Kritik oder kritische Einschätzuing muss ich explizit einfordern, was ich hin und wieder gerne tue, weil die Frau wirklich Stil und Geschmack hat), und wenn sie mal wieder über körperliche Eigenheiten anderer Frauen lästert („also, bei dem Hintern eine weiße Jeans, das ist doch unmöglich“), genügt ein Augenbrauenheben von mir und sie zieht den Kopf ein.

    Ich glaube, ich unterdrücke meine Mutter.

  15. Remington meint:

    In der Kampfkunst wird das anders definiert. Kraft ist Masse mal Beschleunigung. Ohne entsprechende Masse dahinter wirkt kein Schlag. Diese Masse kann ich mit Schnelligkeit teilweise ausgleichen, aber wie auch in der Motorenkunde gilt der Satz: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen.

    Power rules

  16. Flüge meint:

    Ich habe es geschafft, von einem pyknischen Körperbau zu einem athletischen zu schrumpfen. Dabei machen sich 30Kg weniger schon ganz gut bemerkbar! Aber von den Leptosen halte ich nichts!

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