Archiv für Juli 2008

Mittagessenkunst

Donnerstag, 3. Juli 2008

Mittags auf dem Münchner Opernplatz auf einer Bierbank sitzen und Idyll mimen, inklusive Jägerzaun, Semmelknödel und Schweinsbraten – das kann nur Kunst sein. Ist es auch, aber lustige. Sie heißt „Soiz in da Suppn. Eine Münchner Idyllenstudie.“, dahinter stehen Schauspielerin und Verrichterin Ruth Geiersberger sowie Mittagesser Sebastian Dickhaut, das Ganze ist ein RischArt-Projekt.

Abgefahren genug, dass ich gestern Mittag an die Oper fuhr und mich zum Studienobjekt machen ließ. Zu meinem Glück war die Bedingung fürs Gasttum in dieser Runde, eine Frau ohne Halskette oder ein Mann ohne Krawatte zu sein – das passte. Die Verrichterin (in kleinem Schwarzen mit Glitzerdiadem!) kündigte das Menü an: Kraftbrühe und Schweinsbraten mit Mini-Semmelknödel und Krautsalat, alles jeweils in Mongtratzerl-Mengen. Und festgehalten von einem Filmteam, wir hatten schließlich eine künstlerische Funktion.

Die Mitesser kannte ich alle nicht, was die Gaudi keineswegs schmälerte. Als die Suppe aufgetragen wurde (in einem Haferl für alle, jeder nutzte seinen Löffel), bekam ich vom Herrn gegenüber erklärt, was ein Suppenbrunzer ist. Während Sebastian Dickhaut (in gelbem Rennradlershirt und schwarzer japanischer Kochmütze) den Braten verteilte („Wir verwenden nur lokale Zutaten; der Braten kommt zum Beispiel direkt vom Franziskaner da drüben.“), fuhr eine Limousinenflotte mit Polizei-Eskorte vor. Daraus stiegen viele schwarzhäutige Menschen, der Herr neben mir raunte: „Des is a afrikanische Prinzessin, hab i in da Zeidung glesen.“ Ruth Geiersberger versuchte vergeblich, die Berühmtheiten in ihr Jägerzaungehege zu lotsen; das Sicherheitspersonal sorgte dafür, dass die Gäste statt dessen ins Spatenhaus gingen.

Es hat geschmeckt, es war schräg, ich kann das Erlebnis sehr empfehlen. Hier nochmal die Termine und Orte. Gehen Sie doch mal hin und hören Sie Sebastian Dickhaut sagen: „Die Idylle in München ist oft nicht selbstgekocht.“

Natürlich?

Mittwoch, 2. Juli 2008

Manchmal sperrt sich einem die eigene Muttersprache. Ich zum Beispiel komme immer noch nicht zurecht mit der Verwendung des Attributs „natürlich“.

„Nur mit natürlichen Inhaltsstoffen“, betont die Chefin der winzigen Münchner Kosmetikfirma, als sie mir ihre Karottencreme überreicht. No na, denke ich, Ameisensäure oder Arsen sind ja auch natürlich – deswegen möchte ich sie mir noch lange nicht ins Gesicht schmieren. Und reagieren Allergikerinnen nicht vor allem auf ganz besonders natürliche Stoffe mit Ausschlag? Warum also glaubt die Dame, dass die Natürlichkeit der Inhaltsstoffe etwas besonders Lobenswertes ist? Wie definiert sie wohl „natürlich“?

Mein bandscheibengeschädigter kleiner Bruder erzählt vom jüngsten Besuch beim Orthopäden. Das viele Sitzen, habe der gesagt, sei für den Menschen ja auch ganz unnatürlich: „Früher…!“ „Ja, früher“, werfe ich ein, „da hatten sich die Menschen durch schwere körperliche Arbeit ihre Bandscheiben bereits mit 40 völlig ruiniert. Ganz natürlich. Falls die vielfältigen anderen Krankheiten sie dieses Alter überhaupt erreichen ließen. Auch ganz natürlich.“ Nein, nein, meint mein Bruder, der Orthopäde habe die Haltung des Rückgrats beim Sitzen gemeint.
Aber, so denke ich dieses Argument weiter, war dann die Sache mit dem aufrechten Gang nicht schon eine saublöde Idee der Evolution? Oder das Verlassen des Wassers als Lebensraum? Gibt es Meeresbewohner mit Rückenschmerzen? Wie definiert der Orthopäde wohl „natürlich“?

Vielleicht hilft es, sich dem Wort über das Nomen zu nähern. Nahrungsmittel „aus der Natur“, „Naturkost“ – was sagt das aus? „Bio“ wurde in den vergangenen Jahren immer genauer definiert. Aber „Natur“? Schädlingsbekämpfungsmittel und Dünger scheinen nur dann nicht natürlich zu sein, wenn sie durch chemische Veränderungen hergestellt wurden. Aber der Schritt des Menschen zu Ackerbau und Viehzucht scheint in diesen Natur-Begriff zu passen. Ebenso der Transport der Früchte mit einem Fahrrad oder gar Auto. Nicht aber das Abtöten von Pilzen und Keimen auf Erdbeeren durch Bestrahlung. Wo grenzt wer ab?

Dann hätten wir da die „Renaturierung“ der Isar. Der Mensch greift mit allen Fertigkeiten, die ihm Jahrhunderte technischen Fortschritts verliehen haben, in den Verlauf eines Flusses ein und erklärt das Ergebnis zu Natur. Ist Natur also doch einfach ein menschliches Konzept? Das zum Beispiel im Gegensatz zum Konzept „unberührte Natur“ steht? Letzteres ist etwas einfacher zu fassen, da es anscheinend einfach die Welt minus Mensch bedeutet. Sieht sich der Mensch also als generell unnatürlich an? Bezeichnet „unnatürlich“ also alle Eigenschaften und Tätigkeiten, die die Spezies Mensch von allen anderen Lebewesen unterscheiden?

Dann wiederum: Wie kommt es, dass Menschen mit besonders großer Sehnsucht nach diesem Naturkonzept auffallend wissenschaftsfeindlich eingestellt sind und sich von esoterischen Ritualen (die man von Tieren nun garantiert nicht kennt) besonders angezogen fühlen?

In anderen Sprachen ist das Problem nicht geringer. Hier schreibt eine US-Amerikanerin über ihre natural birth: „Natürlich“ heißt für sie ohne Medikamente und Schnitte. Das Erleiden von Wehenschmerzen, das habe ich in Gebärendenkreisen regelmäßig mitbekommen, ist essentiell für die Natürlichkeit einer Geburt. Andere Schmerzen von Kopfweh über Menstruationsbeschwerden bis zu entzündeten Nebenhöhlen aber nicht – dagegen sind dieselben Damen durchaus bereit, Medikamente zu nehmen. Sie finden es allerdings auch nicht natürlich, im Kindbett zu verbluten und akzeptieren zur Rettung ihres Lebens alles, was die Hightech-Medizin hergibt. Gibt es gutes Natürlich und schlechtes? Das würde erklären, warum das Aussterben des Süßwasserdelphins betrauert wird, gleichzeitig die Ausrottung der Tsetse-Fliege aber mit allen Mitteln vorangetrieben.

Ist „natürlich“ vielleicht alles, was möglichst weit vom Menschen entfernt ist, aber gleichzeitig ihm nicht schädlich?

Ich bin halbwegs ernsthaft auf der Suche nach einer Antwort.


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