Zeitschriftenfrauen

Donnerstag, 21. August 2008 um 13:36

Jemand hat mir einen ganzen Stapel aktueller Frauenzeitschriften (deutschsprachig, hochwertig) auf den Tisch gelegt – eine gute Gelegenheit, Überblick über das Frauenbild deutscher Frauenzeitschriftenredakteure und -redakteurinnen zu bekommen. Welche Interessen werden angenommen? Welche sollen sie leben? Mit welcher Sprache werden sie angesprochen?

Ich bilde mir die Fähigkeit zu einem etwas distanzierten Blick ein, da es einige Jahre her ist, seit ich das letzte Mal diese Art von Gazette in Händen hatte, mehr als zehn Jahre, seit ich (von Berufs wegen) regelmäßig darin blätterte, über 20 Jahre, dass ich fast monatlich eine davon las.

Amica, September 2008

Eignet sich für ein hübsches Spiel: Legen Sie einem Leser ohne große Magazinerfahrung Doppelseite für Doppelseite vor – und er soll sofort und ohne Nachdenken raten, ob es sich um Modereklame oder um eine redaktionelle Modeseite handelt. Die Fehlerquote müsste enorm sein: Ob die Redaktion PR-Material der Hersteller verwendet oder eigene Aufnahmen macht, die Seiten unterscheiden sich fast nicht. (Tipp an den Verlag: Eigene Shootings, die mit die höchsten Kosten in der Heftherstellung erzeugen, ganz einstellen.)

Themen: Klatsch und Tratsch (welche Prominente trägt was?), England (Mode), London (Mode), Mode (an einer Schauspielerin), Mode (aus den 60ern), Mode (Kopftuch – leider ohne Verweis auf die vielen Araberinnen, die man im Sommer in deutschen Großstädten sieht und die sehr verwegene Muster und Wickelarten vorführen), England (Models, Mode, Film und Fernsehen, Klatsch über Politiker, Model in Disco). Es schließt sich an: Der Modeteil der Zeitschrift!

Hervorstechendes Zitat: „Ohne die High-Heel-Loafers von Giorgio Armani (um 525 Euro) mit runder Kappe und stabilem Absatz geht im Herbst nichts!“ Sie dachten, nur in TV-Satiren wird so getext?

Ah, beim Weglegen erst habe ich gesehen, welchen Untertitel Amica heutzutage trägt: „Das Fashion-Magazin“. Fazit: kein leeres Versprechen. Zudem habe ich mir sagen lassen, dass in Moderedaktionen mit Textbausteinen gearbeitet wird, die gerne auch Praktikantinnen in Fotoseiten einfügen dürfen. Das erklärt fast alles.

InStyle, August 2008

Ein ganz schweres Trum – obwohl es nicht auffällig viele Seiten hat. Die Erklärung: Pröbchen über Pröbchen sind eingeheftet, genauer 1 Männerparfüm, 1 Gesichtscreme, 1 Lippencreme, 1 Shampoo, 1 Rasierer mit Vibration – achnee, nur ein sehr lebensechtes Foto davon, dabei hätte ich genau den gut brauchen können, noch 1 Shampoo (mit Zement drin, sapperlott). „Das Heft voll kriegen“ bekommt eine völlig neue Bedeutung. Möglicherweise handelt es sich aber um einen heimlichen Humantest, um Tierversuche zu umgehen.

Themen (Inhaltsangabe auch in dieser Ausgabe zwischen den Dutzenden Doppelseiten Reklame am Anfang schwer zu finden): Stilbildend gekleidete Prominente nach Themen (Reise, Baby, Party, Hund), Prominentenkleidung nach Ähnlichkeit, Kombinationsvorschläge für Kleidungsstücke, Kleidung und Einrichtung von älteren, berufstätigen Frauen mit Ferienhäusern, mehr Kleidung an Prominenten und welche Hersteller einem helfen, sie zu kopieren, mehr Prominentenkleidung nach Themen (England, 70er), ein Autotest („Taugt er auch als Kinderwagen?“), Lesetipps von Prominenten, Kosmetikwerbung von Prominenten, selbst gemachte Modestrecke an einer Prominenten, Mode von einer Prominenten, mehr Kosmetikwerbung von Prominenten, Frisurentipps von Prominenten, Besuch bei Prominenten.
(UND leehrreich: Die Titelseite kündigt an, „Wie stylishe Frauen ihren Urlaub verbringen“ – so beugt man im Deutschen also „stylish“.)

Hervorstechendes Zitat: „Best of Günstig“.

Ausgesprochen anstrengendes Layout weil kleinstteilig und überladen. Hat was von Ali-Mitgutsch-Bilderbüchern (Fachausdruck „Wimmelbilderbücher“).

So, wie früher Kleidung, Frisuren und Schmuck bei Hofe die Epoche prägten, sind es heute Berühmtheiten aus Film, Musik und Fernsehen (gerne auch adlig), denen anscheinend nachgeeifert werden soll.

To be continued

die Kaltmamsell

16 Kommentare zu „Zeitschriftenfrauen“

  1. Charlotte meint:

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    Made my day

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  2. Claudi meint:

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    Gerne gelesen

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  3. Susanne meint:

    “Stylish” ist ja eines meiner größten Haßwörter. Vor allem in der “stylishen” Variante.

    Die Textbausteine erklären so einiges.

  4. Sebastian meint:

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    Genau!

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  5. maike meint:

    warum gelten die als hochwertig?

  6. Helga meint:

    Hervorstechende Aussage: Wimmelbilderbücher. Sie kennen sich mit Kinderbüchern aus??

  7. Remington meint:

    Herrgott, dieser Mist. Hab ich früher im Fitnesstempel gelesen, wenns was zu lesen drin gab. Mich hat interessiert, wie man heutigen Frauen einredet, wie sie zu sein haben und ich bin manches Mal vor Lachen fast vom Trimmrad gefallen. Mittlerweile sind das alles nur noch aggressive Kaufzwangauslöser und Angstmacherpostillen, wenn auch die psychologische Seite interessant geblieben ist. Aber der Ekelfaktor erreicht schon die Kotzgrenze. Die überschritten wird, wenn man Frauen begegnet, die sowas wirklich ernst nehmen.

  8. die Kaltmamsell meint:

    Hochwertig, maike, im Vergleich zu den Produkten, die aus Baden-Baden kommen (Bauer).

    Ich gestehe, Helga: Bin dem Begriff beim Prüfen der Schreibung von Ali Mitgutsch begegnet. Den wiederum hatte ich noch im Kopf, weil als Kind selbst genossen.

    Manchmal habe ich Angst, Remington, Männer könnten ihr Frauenbild der Zielgruppe solcher Gazetten anpassen.

  9. croco meint:

    Früher hab ich die Mädels eingeteilt nach den Zeitschriften, die sie gelesen haben, oder besser gesagt: angeguckt.
    Hühner lesen Hühnerheftchen.
    Naja, ich werde wirklich pampig, wenn beim Friseur die Brigitte nicht rumliegt. Die Modefotos finde ich richtig gut. Ich habe einige ausgeschnitten und lange aufgehoben.
    Und die Mama dann nachmachen lassen, wenn ich einen bestimmten Mantel haben wollte, oder ein Kleid.
    Diese Zeitschriften sollten eigentlich umsonst sein, bei so viel Werbung.

  10. Tanja meint:

    In den Sommerferien sind mit Frauenzeitschriften von der Lifestylefront immer lieb und teuer, es gibt wenig Unterhaltsameres und Grusligeres als deren Tipps (du hast es glaub’ ich schonmal inbezug auf Kosmetik angesprochen).

    Noch was: Liebe Kaltmamsell, schönen Geburtstag! Diesmal nicht in England, dafür mit selbstgemachten Lesezeichen. Viel Feines heut!

  11. Anke meint:

    Aber „Best of Günstig“ ist doch totaler „twinkle in the eye“.

  12. Duden meint:

    Leerreich?

  13. die Kaltmamsell meint:

    Gna, Herr Duden, gna.

  14. KochSchlampe meint:

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    Gerne gelesen

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  15. kaltmamsell meint:

    Vielen Dank für die Glückwünsche!

  16. dirtgirl!? meint:

    Sehr, sehr guter Kommentar!

    Man liest ihn beschwingt geschwindt.

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