Der Weltmeister im Stinken

Dienstag, 2. Dezember 2008 um 6:49

Berlin ist eine Stadt der Superlative1. Auf manche davon ist Berlin nicht einmal stolz, weil sie mit Schulden und Arbeitslosigkeit zu tun haben. Zunächst sieht dieser wie ein weiterer Superlativ aus, auf den niemand stolz sein mag – aber zu Unrecht. Denn ich gebe hiermit mit echtem Respekt bekannt: In Berlin lebt der Weltmeister im Stinken.

Als ich letzte Woche in Berlin ankam, nahm ich am Bahnhof Zoo eine S-Bahn. Und schon als sie vor mir hielt, noch bevor ihre Türen sich öffneten, nahm ich wahr: Hier stinkt es aber ganz schön nach Kuhstall. Nach schon lange nicht mehr ausgemistetem Kuhstall. Der S-Bahn-Wagen, den ich mit meinem Reisegepäck betrat, war auffallend leer. Es saß nur eine Person darin: Ein Mann mittleren Alters mit ungepflegtem Haar und Bart, dessen Hose und Jacke vor Schmutz starrten. Und von dem eindeutig der durchdringende Gestank nach Misthaufen ausging. Da ich keine Lust hatte, mein Gepäck durch die Bahn zu zerren, setzte ich mich in diesen Wagen und atmete möglichst flach und durch den Mund. An jedem Bahnhof das selbe Geschehen: Die Türen gingen auf, es kamen Passagiere herein, stutzten und drehten entweder sofort ab, um sich ein, zwei Wagen weiter zu setzen, oder sahen sich erst nach der Gestankquelle um, erblickten den Mann und gingen dann zügig weg.

Am Hackeschen Markt verließ der Stinker die S-Bahn. Und jetzt wurde endgültig deutlich, dass er ein uneinholbarer Meister der Geruchsverpestung war: Der Wagen stank weiter. Immer noch stutzten neu hereinkommende Fahrgästen und suchten das Weite. Mein Forscherdrang reichte nicht, das Abklingen des Gestankes auszusitzen; außerdem hatte ich eine Verabredung. Ich gebe allerdings zu, dass ich nach dem Aussteigen ernsthaft befürchtete, nun selbst nach Kuhstall zu riechen.

  1. Solche apodiktischen, völlig bescheuerten Texteinstiege können wir ganz besonders gut, wir gelernten Journalistinnen []
die Kaltmamsell

9 Kommentare zu „Der Weltmeister im Stinken“

  1. Sanníe meint:

    Nee! Der ist Hamburger.

    Ich hatte auch schon das Vergnügen allein mit dem Herrn in einem Abteil zu sitzen, bevor ein paatr freundliche Herren von der Hochbahn den ihnen offenbar bereits Bekannten aus dem Wagen holten.

  2. FrauS meint:

    Ja, es ist schon schlimm, wie die unsauberen Mitmenschen einem den Tag olfaktorisch verderben koennen. Wie gut, dass uns das nicht passieren kann! Dass die sich aber auch nicht sauber halten koennen und uns so belaestigen!
    Daher bin ich froh, bei Ihnen immer mal wieder lesen zu duerfen, dass Sie sich um Ihre Altersvorsorge kuemmern. Schnell ist es geschehen, und man ist unverschuldet in Not geraten. Oder, noch schlimmer, man riecht es im Alter nichtmehr, wie sehr die Umwelt mitbekommt, dass man den Urin nichtmehr halten kann. Fuer diesen Fall wuenche ich Ihnen schon heute Mitfuehlende, die sich kuemmern.

  3. Sebastian meint:

    Die nach dem Hackeschen Markt abdrehenden Fahrgäste dachten dann, das ist die Kaltmamsell, die hier so stinkt? Vielleicht war es dann in Wirklichkeit der Vorgänger des Misthaufenmannes? Ich habe den übrigens schon in der Frankfurter S-Bahn getroffen, errochen. Naja, um Weltmeister zu sein, muss man sich ja erstmal überall beweisen.

  4. Sabine meint:

    Vielleicht hatte der Geruch eine gewisse eigene Persönlichkeit, die einfach nur zusammen mit dem besagten Manne unterwegs war? Ähm. Ja. Ein Versuch.

  5. Buchfink meint:

    In der Berliner S-Bahn stank es schon zu DDR-Zeiten. Allerdings nicht nach Gerüchen aus der Landwirtschaft sondern nach ganz bestimmten Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, die ich noch heute in der Nase habe. Die S-Bahn wurde vom Osten aus gemanagt, fuhr aber auch in den Westen. Und gegen Westler, die einem vielleicht die Maul- und Klauenseuche einschmuggeln wollten, mußte man sich halt mit ganz besonders durchdringend stinkenden Substanzen schützen.

  6. Foxxi meint:

    Der besagte Herr ist gestern abend den S-Bahnsteig am Alexanderplatz (völlig überfüllt wegen Fußballspiel) entlanggeschlendert … Wahnsinn!
    Ich habe jedoch den Eindruck das ist sein „Programm“, mich haut nicht viel um, aber darin sehe ich keinen Sinn mehr. Allein beim Gedanken an diese Begegnung wird mir speiübel …

  7. Richard meint:

    Heinrich IV v. Frankreich soll an eine Mätresse geschrieben haben: „Madame, waschen sie sich nicht, ich werde sie in den nächsten 14 Tagen besuchen“ und
    Mdm. de Pompadour soll ihre Liebhaber am hout gout erkannt haben.
    Duft und Duftmarken dienten bzw. dienen zur Revierbesetzung, auch beim homo sapiens, z.B. den kann ich nicht riechen.
    Bei zunehmender Bevölckerungsdichte und dem Einsatz von Massenverkehrsmittel ist eine Revierabgrenzung sozial obsolet. Darum duften wir nicht mehr nach uns sondern nach Armani… u. dergleichen. Diese Entwicklung ging einher mit zunehmendem Hygienebewusstsein. Wie stark wir dies verinnerlicht haben zeigt die reaktion auf diesen Artikel.

  8. Foxxi meint:

    @Richard

    Mit Verlaub …Du musst das erleben. Ich will es mal krass ausdrücken, Heinrich hat nicht geschrieben „kack‘ Dich ein!“

  9. Rosi meint:

    Das ist ja der Oberknaller, mit drei Worten aus Spaß gegoogelt (S-Bahn, Berlin, stinken) und tatsächlich fündig geworden, unglaublich!!!
    Wir hatten das Maiwochenende in Berlin auch das Vergnügen. Der Typ (es kann sich nur um ihn handeln) betrat die S-Bahn und schlenderte, schleuderte oder stolperte so gerade an uns vorbei, schon ging es los. Fenster aufreißen nutzte garnichts, also sind wir die nächste Haltestelle panisch geflüchtet, dass ging garnicht.
    Unglaublich aber wahr, abends auf der Rücktour nichts ahnend wieder ab in eine S-Bahn. Schon beim Eintreten ging es los, wieder dieser unbeschreibbare nicht auszuhaltende Geruch. Wir haben uns quasi auf der Stelle gedreht und ab in den nächsten Wagen. Auf dem Weg dahin haben wir in auch schlafender Weise in dem Abteil gesehen.

    Da gibt es nur eine Bemerkung zu, ES KANN NUR EINEN GEBEN ;o)…

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