Andrea Levy, Small Island

Samstag, 26. September 2009 um 19:53

Small_Island

praktisch spoilerfrei

In Literaturdidaktik wurden wir an der Uni gewarnt, aus dem Romanelesen (überhaupt aus Kunst) Informationen über die Welt zu lernen. Ich konnte mir schon damals nicht vorstellen, wie man das verhindern soll, kann es heute ebenso wenig. Denn: Wenn mein einziger Kontakt mit Indien die gelesenen Romane sind, die dort spielen, und ein paar Filme – wie sollen sie denn NICHT meine Vorstellung von Indien formen?

Bislang hatte ich mir keinerlei Gedanken über die Menschen aus dem britischen Commonwealth gemacht, die im Zweiten Weltkrieg Teil der britischen Truppen waren. Oder über die von ihnen, die nach dem Krieg nach Großbritannien zogen. Doch jetzt habe ich Small Island von Andrea Levy gelesen.

Das Buch beginnt (nach einem Prolog, der das Thema des Romans anklingen lässt) 1948 mit der Ankunft der als Lehrerin ausgebildeten Jamaikanerin Hortense in London. Geholt hat sie Gilbert, der Jamaikaner, den sie sechs Monate zuvor geheiratetet hat. Gilbert war im Krieg bei der Royal Air Force und wohnt jetzt zur Untermiete bei der Londonerin Queenie, deren Mann Bernard immer noch nicht aus Indien vom Krieg zurückgekommen ist. Von hier aus erzählen in Kapiteln diese vier Personen abwechselnd ihr Leben bis zu diesem Zeitpunkt. Wir erfahren, wie Queenie als Metzgerstochter südlich von London aufgewachsen ist, bis sie zu einer besser gestellten alten Tante nach London kam, die sie ein wenig wie in Pygmalion vorzeigbar trimmte. Wir erfahren auch, wie Hortense wegen ihrer helleren Haut zu Großem bestimmt und bei Onkel und Tante auf Jamaika britischer als britisch aufgezogen wurde – bis sie eine echter Snob mit stiff upper lip war. Gilbert erzählt uns von seinem jüdischen Alkoholikervater und wie seine Mutter mit ihrer Schwester ihn und seine Geschwister durchgebracht hat, wie er im Krieg nach England ging, um als Soldat dem „Mother Country“ zu Hilfe zu kommen – und wie man dort auf seine dunkle Haut reagierte. Aus der Sicht des ängstlichen, biederen englischen Buchhalters Bernard wiederum lesen wir über die Geschehnisse in Indien und werden gezwungen, alle seine Ressentiments gegenüber Anderskulturellen mitzufühlen.

Dazwischen geht die Geschichte immer wieder kurz zurück ins Jahr 1948, auch hier aus der Sicht der Beteiligten, zum Schluss ausführlicher. Doch in dieser Gegenwart vergehen insgesamt nicht mehr als ein paar Wochen – in denen eine Menge passiert.

So viele Themen, mit denen ich mich nie beschäftigt hatte: Selbstverständlich ist mein Bild dieser historischen Geschehnisse jetzt von Small Island geprägt. Zumal der Roman ganz ausgezeichnet geschrieben ist und die subjektive Perspektive erzähltechnisch meisterlich nutzt: Das Fehlen eines objektiven Überblicks, die Abwesenheit von Zahlen und Fakten verhindern den Eindruck einer Geschichtsstunde, gleichzeitig werden die Figuren geschickt indirekt charakterisiert, auch aus der Perspektive der anderen auf sie. Was fast automatisch zu vielen komischen Momenten führt.

Ich bin schon sehr lange nicht mehr derart intensiv in ein Buch abgetaucht. Und ich hatte ich mir nie Gedanken darüber gemacht, was es wohl bei den amerikanischen Alliierten mit ihrer Rassentrennung in England ausgelöst haben mag, dass sich dunkelhäutige Commonwealth-Soldaten nicht von ihrer Segregationspolitik gemeint fühlten. Hatte mir auch nie die Bestürzung der Commonwealth-Einwanderer vor Augen geführt, deren gesamt Bildung von Großbritannien geprägt war, und die dann feststellen mussten, dass der gemeine Engländer nicht einmal wusste, wo Jamaika ist.

Hat jemand Bernhard Robbens deutsche Übersetzung Eine englische Art von Glück gelesen und kann mir berichten, ob sie taugt?

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Andrea Levy, Small Island

  1. Dani meint:

    Liebe Kaltmamsell, ein anderes Buch, das Ihr Bild von Indien auf eine sehr interessante Weise formen koennte ist ‚A fine balance‘ by Rohinton Mistry. Ich weiss nicht, ob Sie von diesem Buch schon einmal gehoert haben, aber es gehoert fuer mich persoenlich zu den faszinierendsten Buechern ueber das Indien der 70er / 80er Jahre und bringt einem das Land in einer Art und Weise nahe, wie man es eigentlich manchmal gar nicht moechte. Small Island klingt faszinierend – fuer mich als Indien-Liebhaberin und als in GB Lebende wahrscheinlich eine Pflichtlektuere und es ist hiermit auf die Buecherliste gesetzt worden.

    Vielen Dank
    Dani

  2. die Kaltmamsell meint:

    Von Rohinton Mitry habe ich Such a long journey gelesen, das mir seinerzeit sehr gut gefiel und zu den Romanen gehört, der mein Indienbild verändert haben. Unter anderem erfuhr ich darin von den „Towers of Silence“ und dem zoroastrischen Begräbnisritus.
    Gute Idee, endlich auch den Nachfolger zu lesen – danke für den Hinweis, Dani!

  3. Nadja meint:

    Liebe Kaltmamsell,

    ich habe „Eine englische Art von Glück“ vor ein paar Monaten gelesen und mich über die deutsche Übersetzung ein bisschen geärgert – ich fand sie arg bemüht und den „Slang“ recht holprig übersetzt. Das war wohl auch der Grund, weshalb mich das Buch etwas weniger gefangen genommen hat – ich glaube, ich versuch’s mit dem englischen Original einfach noch mal.

    Viele Grüße! Nadja

  4. albertsen meint:

    …und noch ein Buch mehr auf meiner Zu-Lesen-Liste.

  5. Dani meint:

    Liebe Kaltmamsell,

    ich weiss nicht, ob irgendeine Moeglichkeit besteht, in Muenchen an BBC1 ran zu kommen, aber ich habe gerade gesehen, dass am Sonntag der erste Teil von Small Island ausgestrahlt wird. Keine Ahnung, wie man es hingekriegt haben moechte, diese ganzen Themen in 2 1 1/2-stuendigen Fernsehfilmen unterzubringen, aber ich habe gedacht, ich sage zumindest mal bescheid.

    Viele Gruesse
    Dani

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