Journal Montag, 2. August 2010

Dienstag, 3. August 2010 um 6:17

Auch wenn ich kurz nach eins aufspringen musste, um das gebrechliche Riemchenparkett durch Fensterschließen vor einem kurzen Regensturm zu schützen, war der Morgen sommerlich sowie sonnig und erlaubte Milchkaffee an Klapprechner auf Balkon. Und schon wurde ich übermütig, hieß die Wettervorhersage einen Deppen und verabredete mich für den Abend im Biergarten. Der Blick aus dem Fenster des obersten Bürogeschosses zeigte sogar die Alpenkette. „Regnerisch und kühl“? Papperlapapp.

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Womit ich nicht zurecht komme, Teil 395: Die aktuelle Haarmode, die mich nach einem Friseurbesuch aussehen lässt, als bräuchte ich dringend einen. Mir fehlt das Nachher-Erlebnis.
Die Folge: Ich kann nicht mehr einschätzen, wann meine durchgestuften, kinnlangen Haare einen Schnitt bräuchten. In meinen Augen sahen sie nach den letzten beiden Friseurbesuchen genauso nach rausgewachsenem Kurzhaarschnitt aus wie davor. Der nach 20 Minuten Fahrradfahren auch noch alle linksseitigen Haarspitzen kokett nach außen dreht. Ich vermisse meinen ganz kurzen Kurzhaarschnitt schon arg.

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Diese Wettervorhersage entpuppte sich dann gemeinerweise als rechthaberisch. Kurz nach Mittag war der Himmel endgültig bedeckt, vom morgendlichen Fön keine Spur mehr, und dann begann es auch schon, traurig und leise zu regnen.

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Die Fritz Mühlenbäckerei macht sehr gutes Brot. Wenn sie ein besonders saftiges als „Brot der Essener“ verkauft, habe ich allerdings erst mal ein Mystik- und Esogeschwurbelproblem. Doch dann betonte ein Herr vor mir seine Bestellung „Éssenerbrot“ und machte durch schlichte Akzentverschiebung eine Ruhrgebietsspezialität daraus – Problem gelöst.

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U_mag: Sie sind eine erklärte Gegnerin von Romantischem. Warum sollte man auf Romantik besser verzichten?
Berg: Jeder kann machen, was er will. Ich weiß nicht, was Romantik meint. Ich sehe immer beschwipste Paare, die in einem Whirlpool hocken, in dem Rosenblätter verstreut wurden. Diese ganze Romantikkiste halte ich für manipulative Werbeideen. Sei gesund, fit, gebräunt, kauf dir Wellnessurlaube und Champagner: Das ist Romantik. Ich glaube, wenn wir dieses überstrapazierte Wort benutzen wollen, dann würde ich es nur im Zusammenhang mit der Atemlosigkeit verwenden, die die Freude der Ruhe mit einer geliebten Person beinhaltet. Wow, was ein Satz.

U_mag: In „Der Mann schläft“ taucht die Aussage, Liebe sei ein Marketinginstrument, ebenfalls auf …
Berg: Mit der Versprechung von Liebe lässt sich alles gut verkaufen. Mode, Kosmetik, die Sportindustrie und, und, und leben von der Hoffnung Einsamer.

U_mag: Wenn Liebe und Romantik nicht das Wahre sind: Passen denn Liebe und Pragmatismus zusammen?
Berg: Hervorragend. Es ist zum Beispiel pragmatisch, wenn man in einer guten Partnerschaft ist und einen anderen Menschen trifft, auf den man hormonell reagiert, sehr schnell seiner Wege zu gehen.

U_mag: Ist Sex wichtig für die Liebe?
Berg: Sex ist völlig überbewertet.

U_mag: Wie würden Sie am schnörkellosesten in Worte fassen, was Liebe ist?
Berg: Liebe ist das, was bleibt.

U_mag: Fazit: Das mit der Liebe, das ist alles gar nicht so wahnsinnig besonders.
Berg: Es ist besonders! Einen zu finden, der einen erträgt, und einen zu ertragen, ist besonders.

Romantik ist Bullshit“, ein Interview mit Sibylle Berg im uMagazin.
via rounders
Wenn ich nun einen Roman von Frau Berg lesen wollte: Welchen empfehlen die geneigten Leser und Leserinnen?

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Also statt Biergartenabend ein Treffen in der Bar Triana. Dort ein wunderbarer Chamelín Verdejo zu Pulpo a la Gallega, Boquerones, Fenchel mit Apfel und Pinienkernen, Datteln in Speck. Und leider an der Wand ein Zettel, auf dem stand, dass das Haus einen neuen Besitzer hat und die Bar deswegen zum 30. September schließt.

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Montag, 2. August 2010“

  1. caro meint:

    „der mann schläft“. ein ganz tolles buch, finde ich.

  2. Marijana meint:

    Ich empfehle ebenfalls „Der Mann schläft“ -> dasselbe Thema wie im Interview. „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“ fand ich ebenfalls sehr gut, wenn auch anders als „Der Mann schläft“.

  3. Helga meint:

    oh, um die Bar Triana tut es mir leid – es war immer so ein Platz, bei dem ich wusste, der Abend wird gut.

  4. Milla meint:

    Guten Morgen, Frau Kaltmamsell,

    mit einem Roman kann ich leider nicht dienen, aber mit diesen Stück:
    Schau da geht die Sonne unter. Uraufführung in Bochum im Frühjahr 2003,
    mit einem hinreissenden Matthias Brandt, einer meiner berührendsten
    Theaterstücke überhaupt.
    Vielen Dank fürs Tagebuchbloggen.
    Grüße
    Milla

  5. barbara meint:

    Vielleicht „Ende gut“ als erstes? Auf Frau Berg’s Seite kann man sich in den „newsletter“ Versand eintragen. Was da sehr gelegentlich kommt ist vom allerbesten.
    Ich hoffe, sie macht aus diesen Essays mal ein Buch.

  6. martha meint:

    ja unbedingt „der mann schläft“. das ist so gut, absolut empfehlenswert.

  7. Sturmwarnung meint:

    So sehr ich der Skepsis gegenüber der „Romantikkiste zustimmen kann, das ist trotzdem ein furchtbarer Satz:

    Es ist besonders! Einen zu finden, der einen erträgt, und einen zu ertragen, ist besonders

    Das ist wie Endgame…

    HAMM: Why do you stay with me?
    CLOV: Why do you keep me?
    HAMM: There’s no one else.
    CLOV: There’s nowhere else.

    Dann doch lieber solo (bis) in die Kiste.

  8. maike meint:

    @Sturmwarnung: ich glaube, das Ertragen ist da ganz liebevoll gemeint und nicht bösartig, wie vermutlich von Ihnen gedacht – zumindest wenn ich mir den angeführten Dialog so angucke.

    @Kaltmamsell: Ich mag sehr viele Bücher von Frau Berg, aber „Der Mann schläft“ ist wohl schon eines der besten, ich erinnre mich, dass mir die Sprache nicht ganz so hart erschien. „Die Fahrt“ ist auch ein neueres und mochte ich, weil es so episodig war, obwohl man natürlich mit den Figuren nichts zum Lachen hat. Wie eigentlich nie bei ihr : )

  9. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank zusammen, Der Mann schläft ist schon bestellt.

    Ich glaube auch, Sturmwarnung, dass das beiderseitige Ertragen groß ist. Der Endgame-Dialog geht ja davon aus, dass überhaupt jemand sein muss – Sibylle Berg aber schildert ein Zusammensein, dass noch schöner ist als solo sein.

  10. Sturmwarnung meint:

    Ich weiß nicht, „ertragen“ hat doch etwas mit „leiden“ zu tun. Was natürlich vorkommt, aber als zentrale Eigenschaft einer Beziehung eignet sich das Leiden meines Erachtens wenig. (Aber vielleicht liegt meine Ablehnung auch an einem glühenden Verfechter dieses Satzes, der damit nur seine Konfliktunfähigkeit glorifiziert hat. Das war selbst aus der Perspektive der unbeteiligten dritten kaum anzuschauen.)

  11. Kreon meint:

    Mir persönlich hat „Der Mann schläft“ so was von überhaupt nicht gefallen. Das Buch war für mich ein einziges, ziemlich redundantes und (mich) nicht besonders überzeugendes Breittreten des oben diskutierten Interviewzitates. Zwar erhält die Liebe in ihrer allgegenwärtigen Darreichungsform als medial verwurschtetes (und schon deshalb heruntergekommenes) Konstrukt der Romantik/des 18.+19Jahrhunderts eine Absage. Das angebotene Substitut verhält sich dazu aber wie Methadon zu Heroin: Man ist weiter auf (einer nun nicht mehr tödlichen, dafür aber auch nicht mehr berauschenden) Droge. Bin gespannt, wie Ihnen Frau Kaltmansell, das Buch gefällt. Mein Tipp: Eher nicht – wegen Romantik durch die Hintertür (trotz einiger Ausbrüche eloquenter Menschenfeindlichkeit).

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