Mehr Bücher für Kinder – Trommel-Deja-vu

Sonntag, 18. März 2012 um 9:21

Mit den Neffen 1 und 2 haben wir (der Mitbewohner und ich) das bereits gemacht: In der größten örtlichen Buchhandlung bekamen sie ein Konto eingerichtet und dürfen sich jeden Monat für einen bestimmten Betrag Bücher aussuchen, „auf Lieferschein“. Die Rechnung bekommen am Ende des Monats wir. Laut meinem Bruder, dem Kindsvater, hat sich das über die Jahre wie geplant entwickelt: Die beiden fragen auch mal die Buchhändlerinnen um einen Tipp und haben bereits Vorlieben. Bei Neffe 1 sind das Katzenkrimis, durch die Rechnungen weiß ich vom Siegeszug der Cat Warriors. Der Geschmack von Neffe 2 geht eher in die Richtung von Büchern wie Die 100 gefährlichsten Dinge der Welt und wie man sie überlebt. Mein Bruder, ein zarter besaiteter Mensch, sorgt sich, ist andererseits Kummer gewöhnt: Neffe 2 ist so abenteuerlustig und bewegungsfreudig, dass er sich mit seinen acht Jahren bereits zweimal die Nase gebrochen hat.

Gestern war es Zeit, der leseanfangenden Nichte ein Konto einzurichten. Praktischerweise hielten wir uns anlässlich des Geburtstags meines Vaters ohnehin in meiner Geburtsstadt auf, spazierten also vormittags zu besagter Buchandlung. Schon von Weitem überfielen mich Jugenderinnerungen: Durch die Straßen der spärlich bevölkerte Fußgängerzone wummsten Sambatrommeln. Es stellte sich schnell heraus, dass es sich um DIE Sambatrommelerinnen des Charlie B. handelte. Warum ändern sich eigentlich nur die Dinge nicht, auf die man leichten Herzens verzichten könnte?

Getrommelt wurde direkt vor der Buchhandlung – die sich ganz massiv verändert hatte. Das Schild über dem Eingang trug nicht nur nicht mehr den Namen des zuletzt verbliebenen örtlichen Traditionsbuchhändlers (der den anderen vor ein paar Jahren aufgekauft hatte), sondern riesig auf weißem Grund Hugendubel. Tatsächlich: Das süddeutsche Bücherreich des Bösen hat den lokalen Händler aufgekauft, die Umfirmierung wurde mit Trommeln und Luftballons gefeiert. (Die Autorin des verlinkten Artikels hat übrigens ihr Zeitungsvolontariat 1986 am selben Tag dort begonnen wie ich.)

Ich sprach die Angestellten auf die Veränderung an, sehr wahrscheinlich in unangemessen ungehaltenem Tonfall. In einem Punkt beruhigten sie mich: Hugendubel bildet wieder aus. Vielleicht hat das Unternehmen ja aus der missglückten Expansionsstrategie der vergangenen Jahre gelernt und setzt auch wieder auf ausgebildetes Personal.

Nichts daran verhinderte den eigentlichen Zweck des Besuchs: Die Nichte bekam ihr Konto, wurde den Angestellten vorgestellt und suchte sich ihre erste Monatsration aus.

Sehen Sie: Man muss nur kinderfeindlich genug sein, dann wird man schon zum Aufsehen erregenden Fotomotiv, wenn man sich auch nur in dieselbe Atemluft wie ein Kind begibt. (Foto: Mitbewohner)

die Kaltmamsell

17 Kommentare zu „Mehr Bücher für Kinder – Trommel-Deja-vu“

  1. das Miest meint:

    Wow, die Lesekonten sind eine feine Idee. Ich glaube, so eine kinderhassende Tante wie Sie hätte ich auch gern gehabt…

  2. andi meint:

    Charlie B. hatte einen Übungsraum in meiner Zivildienststelle und hielt dort Trommelkurse ab. Schlimme, bereits verdrängt geglaubte Erinnerungen kommen wieder hoch.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Ich kaufe mich ja nur von persönlichem Kontakt frei, das Miest. Gestehe aber, dass ich einen eigenen Wunsch auslebe – so ein Konto wäre für mich als Kind ein Traum gewesen.

    Mein tiefes Mitgefühl, andi. (Fronte?)

  4. Buchfink meint:

    Das ist ja toll, auch wenn dabei dem hadschendabbel unter die Arme gegriffen wird. Die Nifften werden Sie lieben und die Kinderfeindlichkeit habe ich Ihnen sowieso noch nie abgenommen.

  5. Alessa meint:

    Was das Bücherkonto angeht: volle Zustimmung zu oben Gesagtem, besonders solange die Inanspruchnahme des Kontos zwingend mit einem Besuch in der Buchhandlung verbunden ist. Bücher online bestellen zu können ist ohne Zweifel bequem und in vielen Situationen praktisch, aber die Qual der Wahl zu haben und verschiedene Bücher / Autoren “vergleichen” zu können ist für mich ein wesentlicher Bestandteil des Bücherkaufs, den ich nicht missen möchte.

    Im Übrigen danke für die Erinnerung und Ermahnung, die ich an mich selbst nach Lesen der verlinkten Artikel richte: bei innerstädtischem Großbuchhändler-Besuch zwingend erforderliche Parkhausgebühr häufiger in Sprit-/ÖPNV-Kosten für die Fahrt zum kleinen Traditionsbuchhändler in der Kreisstadt investieren (ehem. Schullektüren-Dealer).

  6. Gaga Nielsen meint:

    Wo kann ich bitte den Adoptionsantrag als Nichte stellen?
    (ich kann garantieren, dass ich in dem Sinne artig bin, dass ich keinen unangemessenen Kontakt zu Tante und Onkel suchen werde und meiner Altersgruppe angemessene Bücher mit Prädikat wertvoll auswähle.)

  7. wondergirl meint:

    Schöne Idee, dass mit den Bücherkonten. Möchte jetzt auch jemanden, der sowas für mich anlegt.

  8. Trolleira meint:

    Das ist ja eine super Idee – warum ist mir das nicht vor 16 Jahren eingefallen? Jetzt ist es zu spät…

  9. emmi meint:

    Warum bin ich nicht deine Nichte?

  10. Sue meint:

    Ich liebe die Idee des Bücherkontos. Kinderhass hin oder her, das ist <3 in Reinform. Aber Gefühle sind ja am schönsten, wenn da eine kleine Ambivalenz vorhanden ist.

  11. Thania79 meint:

    Finde die Idee des Bücherkontos ebenso toll. Toller Beitrag :)

  12. mariong meint:

    Sie haben sich entlarvt, ich glaube Ihnen schlicht nicht mehr: so eine geniale Idee passt nicht zum Kinderfeind. Ein echter Kinderfeind schenkt Barbie-Videos und kiloweise Süßigkeiten zum Beispiel.

  13. Jutta meint:

    Das mit dem Konto bei einer Buchhandlung ist ja eine wunderbare Geschenkidee. das muss ich mir unbedingt merken, dankschön!
    lg Jutta

  14. philine meint:

    Hugendubel: liebe Kaltmamsell, da hat Ihnen die buchhändlerische Kollegin dort leider einen Bären aufgebunden. Diese Firma bildet nicht mehr aus. im vergangenen Jahr, oder ist es schon zwei Jahre her, wurden sämtliche abgeschlossenen Ausbildungsverträge zum 1.September im Mai (!) gekündigt! Desweiteren schliesst Hugendubel derzeit mehrere Filialen. Es gibt aus Fachkreisen auch Spekulationen über die Schliessung vom Stachus MUC.
    Dies nur dazu.

    Bücherkonto ist super, richte ich auf Wunsch auch ein.

  15. die Kaltmamsell meint:

    Dann hätte sich aber, philine, auch die Gewerkschaft einen Bären aufbinden lassen:
    http://hugendubelverdi.blogspot.de/2011/08/ein-volles-dutzend-neuer-alibi-azubi.html

    Und Hugendubel würde auf der eigenen Website blank lügen:
    http://www.hugendubel.com/pressemitteilung/24/ausbildungsbeginn-2011-in-muenchen-und-frankfurt.html

  16. mariong meint:

    hier ist leider auch alles verhugendubelt. ich trauere meiner bunten buchhändlerlandschaft nach. das hat mich verändert: bevor ich in die stadt fahre und für 2 euro die stunde im parkhaus wohne, nur um verhugendubelte läden vorzufinden, bestell ich lieber versandkostenfrei im internetz

  17. Ms K meint:

    Tolle Idee mit dem Bücherkonto!

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