Auszeitjournal Mittwoch, 17. April 2013 – Idiotengebühr

Donnerstag, 18. April 2013 um 8:01

Morgens mit der (sehr freundlichen und immer hilfreichen) Hausverwaltung gesprochen: Das wird teuer. Alle Schlösser des Hauses stammen aus der Bauzeit in den 50ern, derselbe Schlüssel, der die Haustüre sperrt, sperrt die Wohnung. Und in diesem alten System ist es kein Problem, Schlüssel beim nächsten Schnelldienst nachmachen zu lassen. Ein Tausch aller Schlösser im Haus scheint im Moment unvermeidlich. Die Hausverwaltung gab gleich Tipps für das Telefonat mit der Versicherung, doch die halfen nichts: Dieser Fall ist durch unsere Versicherungen nicht abgedeckt, die Idiotengebühr für das Mantelklauenlassen schießt gerade in den Himmel. Oh meiomeiomei.

130417_Kleidung

Ablenkung: Kurz spielte ich mit dem Gedanken, mir so lange Dokus über Mord, Krieg, Hunger, Krankheit und Leid anzusehen, bis ich mich nicht mehr über mein Pech grämen würde. Verwarf das wieder. Statt dessen machte ich eine Runde Krafttraining, radelte durch den duftenden Frühsommertag, las, machte biometrische Passbilder für neuen Personalausweis und Reisepass (letzterer nicht geklaut, nur abgelaufen – wodurch ich zusätzliche für einen vorläufigen Personalausweis zahlen werde, damit ich Anfang Mai nach Berlin zur re:publica fliegen darf, weil ein regulärer Ersatz vier Wochen braucht. Gnarf.), guckte den Vögeln am und vor dem Balkon zu. Abends die Vogelsensation des Tages: Der Sperber ist noch da, wir sahen das Männchen (nur unwesentlich größer als eine Taube) vorbeifliegen, nachdem wir heftige Bewegung in den Büschen vorm Haus bemerkt hatten. Das deutlich größere Weibchen hatten wir zuletzt vor einem Jahr im Regen auf einem Lampenkabel über der Straße gesehen, patschnass.

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Die regionale Ökokiste enthielt so frische Radieserln (die ersten des Jahres), dass ich die Blätter in den Salat mischen konnte.

§

Ein wenig Ernte aus meinen Ablenkungsversuchen:

Sebastian, der Mittagesser, hat sich ein paar Wochen in einheimischer Begleitung durch Jakarta gefuttert und erzählt bei den Küchengöttern davon:
„‚If it smokes, it’s Saté!‘ Auf Streetfoodtour in Jakarta“

In Diskussionen über Sexismus gibt es anscheinend ein paar unvermeidliche Reflexe. Mit einem davon befasst sich ein schöner, ruhiger Erklärtext auf dem Netzfeminismus-Blog Feminismus 101:
„Was ist falsch daran, zu sagen, dass auch Männern ‚Dinge‘ passieren? (‚What about teh menz?‘)“
(Übersetzung dieser englischen Quelle)
Darin ein Link zur Empfehlung der „3 comment rule“ in Diskussionen, die mir ebenfalls sehr gut gefällt.

Und dann noch ein paar Verdeutlichungen und Fantasien:
„18 Kickass Illustrated Responses To Street Harassment“

die Kaltmamsell

14 Kommentare zu “Auszeitjournal Mittwoch, 17. April 2013 – Idiotengebühr”

  1. Usul meint:

    Also jetzt mal ehrlich: Eine Schließanlage aus den 50ern, die scheinbar seitdem praktisch unverändert existiert, deren Schlüssel leicht nachzumachen sind – und da soll bisher nie ein Schlüssel weggekommen sein oder anderweitig in falsche Hände geraten sein? Sprich, das System soll immer noch sicher sein? Die Annahme ist doch albern! Ganz zu schweigen davon, wie hoch wohl der Aufwand bei so einem alten System ist, das mal mit einem simplen Lockpicking-Tool und Know-How zu öffnen.

    Ich verstehe sowieso nicht, wieso irgend jemand ernsthaft die Installation einer aufwendigen Schließanlage in Betracht zieht, wo beim Verlust EINES Schlüssels ALLE Schlösser getauscht werden müssen. Das Schlüssel verloren gehen, gehört dazu, dass passiert bei ausreichend langen Zeitrahmen immer! Im Gegenteil, so eine Anlage reduziert sogar aktiv die Sicherheit, da Leute sich scheuen, den Verlust des Schlüssels und damit auch den Verlust der Sicherheit des gesamten Systems einzugestehen, da das mit einer hohen Kostennote verbunden ist.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Ein guter Hinweis, Usul, vielen Dank. Ich werde vorsichtig bei der Hausverwaltung fragen, ob wirklich in den letzten 60 Jahren nicht einmal ein Schlüssel verloren ging, dessen Inhaber zu lokalisieren war.

  3. Sebastian meint:

    Aber genau, Usul. Und sachma, kaltmamsell, die lassen sich von Euch jetzt nicht die Insatallation einer neuen Schließanlage bezahlen, oder? Was vielleicht am Ende aber billiger wäre?

    Bei aller Liebe und Verständnis für gut Mietbeziehungen, aber ich galube, es gilt bei einem gewissen Mietniveau als unzumutbar mit Klospülungen oder Heizanlagen aus den 50ern zu leben, warum nicht dann auch mit Schließanlagen? Zumal diese ja klar veraltet und gefährdend sind. Da würde ich mal beim Mieterverein fragen bzw. hier mal jemanden fragen lassen, der Mitglied ist.

    Und bitteschön fürs Ablenken, gern geschehen.

  4. Tim meint:

    Wenn die Schlüssel so einfach nachzumachen sind, dann existieren sicher auch von den verschiedenen Mietern in den letzten 20-30 Jahren angefertigte Schlüssel. Vielleicht sollte man mal einen Gang durchs Haus machen und zählen, wieviele Nachbarn im Haus ihr Orignal 50s-Schloss durch ein eigenes ersetzt haben, weil sie sich eben mit der Schliessanlage, die keine ist, nicht sicher fühlen.

  5. kid37 meint:

    Nebenbei: Für einen Perso braucht es keine biometrischen Bilder. Meines Wissens nur für den Pass – sollte das nicht hinter meinem Rücken im letzten Jahr geändert worden sein.

  6. die Kaltmamsell meint:

    In München schon, kid37:
    http://www.muenchen.de/dienstleistungsfinder/muenchen/1063441/
    Freiwillig war allerdings der Fingerabdruck auf dem Personalausweis (den Teufel werde ich), auf dem Reisepass war dieser Pflicht.

  7. fragmente meint:

    Ich würde das nicht „Idiotengebühr“ nennen: das Verlieren (oder Geklautwerden) von Schlüssel/Geldbörse gehört zum Reibungsverlust eines normalen Lebens.
    Passiert das nicht so gut wie jedem/jeder etwa alle zehn Jahre?

    Trotzdem natürlich mein Mitgefühl für die damit verbundenen Unannehmlichkeiten. Vielleicht ist es ein kleiner Trost, dass es zwar teuer, aber wohl nicht zu Ihrem finanziellen Ruin führen wird. Und vielleicht findet sich ja doch eine Lösung, bei der Sie nicht die gesamten Kosten der Erneuerung der Schlißeanlage tragen müssen?

  8. kelef meint:

    jetzt war ich einmal bei der russischen schlüsselmacherin hier um’s eck, die auch die russischen lebensmittel im klitzekleinen nachbargeschäft verkauft, und die schloss sich den o.a. meinungen von usul und sebastian an – sie betreibt seit 15 jahren einen schlüssel/schloss/notdienst und hat auch selber alle notwendigen ausbildungen und prüfungen gemacht. ich wollte mich gestern nicht wichtig machen ohne nachzufragen. sie hatte schon ein paar solche fälle: grosse firmen, bei denen hausverwaltungen im allgemeinen ihre schlösser machen lassen, tauschen gerne aus sicherheitsgründen alte schlösser und anlagen aus. lenas meinung dazu ist: die haben eben langjährige verträge mit den hausverwaltungen, bieten oft rundum-service an, und machen andere preise als kleine firmen. natürlich wollen diese grossen firmen aber auch grosse geschäfte machen, und alte schliessanlagen sind noch qualitätsarbeit, da ist oft lange nix zu reparieren. alte schliessanlagen öffnet sie übrigens innerhalb von 1 – 2 minuten, gar kein problem. insofern ist ein austausch also nicht ganz abwegig.

    bei solchen anlagen hat ja jeder schlüssel mehrere funktionen: haustor, diverse gemeinschaftsräume, briefkasten – und wohnung. angenommen, aus einer wohnung werden zwei gemacht: muss da auch die komplette anlage ausgetauscht werden, oder macht man lediglich zwei schlösser mit den passenden schlüsseln nach?

    haustore sind sowieso kein argument: die schlüssel für die gegensprechanlagen kann man allüberall ohne jede bestätigung kaufen, jeder zettelverteiler hat einen, ob nun legal oder nicht, die müllabfuhr hat einen, alle reinigungsfirmen, auch polizei und feuerwehr. schlüsselchen kostet hier in wien ~ e 10.–. also.

    in anbetracht der schon abgegebenen meinungen: man könnte doch auch die mieter alle befragen ob sie nicht die antike anlage – in hinsicht auf sicherheit und der möglichen existenz nicht retournierter oder sonstwie noch kursierender schlüssel – alle ausgetauscht haben WOLLEN und sich deshalb gerne an den kosten beteiligen? kommt natürlich auf die leute im haus an, und auf die form der mietverträge.

    lasset die diskussionen beginnen.

    noch ein tipp: wenn der mantel unter gewaltanwendung – also z.b. in den weg stellen und aus dem korb zerren, o.ä. – entwendet worden wäre, müsste die versicherung zahlen. wenn man nur nicht aufgepasst hat, oder die versicherung das so interpretiert, dann sind die aus dem schneider. was imho verständlich, wenn auch besch… in diesem fall, ist.

  9. Chris Kurbjuhn meint:

    Frau Kaltmamsell, Wenn’s noch nicht Mitglied in einem Mieterverein sind, dann werden’s das bitte sofort. Der lächerlich geringe Jahresbeitrag amortisiert sich meistens bei der ersten Beratung. Die geduldigste Gemahlin und ich haben durch Mitgliedschaft im Berliner Mieterverein schon – ungelogen – mehrere tausend Euro gespart.

  10. oachkatz meint:

    Manchmal kann so ein Verlust ja auch was Reinigendes haben, aber in Ihrem Fall, Frau Kaltmamsell, handelt es sich eher um eine Erfahrung, die man nicht machen müssen sollte.
    Wie andere KommentatorInnen bin ich aber der Meinung, dass der Diebstahl nichts mit Ihnen und Ihrem Verhalten zu tun hat und als idiotisch würde ich das schon gar nicht bezeichnen, wenn man davon ausgeht, dass einem jemand anders nichts Böses will.
    Ich habe noch nie verstanden, warum alle Welt auf der Person rumhackt, die bestohlen wurde, statt einfach ein bisschen Empathie zu zeigen. Mir tut es jedenfalls leid, dass Sie jetzt den ganzen Kummer haben und ich wünsche Ihnen, dass die Bewältigung des Verlustes so schnell und kostengünstig vonstatten geht wie nur irgend möglich.

  11. Crazycook meint:

    Einem Mieterverein beitreten ist sicherlich nicht verkehrt. Diese Seiten http://www.pro-wohnen.de/Mietrecht/Schluessel-verloren.htm und http://www.imasblog.de/was-tun-bei-schlusselverlust/ enthalten ein paar Hinweise auf Rechtsprechungen zu verlorenen bzw. gestohlenen Schlüsseln einer Schließanlage.

  12. kid37 meint:

    Sie haben recht, Frau Kaltmamsell. Ich habe glücklicherweise noch einen der letzten im alten Format bekommen. Jetzt haben die sogar einen Chip, meine Güte, und die Pflicht zum biometrischen Foto. Das ist alles sehr unerquicklich.

  13. Montez meint:

    Liebe Kaltmamsell, ich drücke die Daumen, dass es doch noch glimpflich ausgeht. Falls nicht, es ist zwar viel Geld, aber es ist nur Geld. Dieser Verlust vermuschelt sich irgendwann. Am Besten ist’s natürlich, wenn es ohne Aufkommen klappt.

  14. bildstoerung meint:

    um das haus allgemein würde ich mir bei dem verlustig gegangenen schlüssel in der tat auch keine sorgen machen; in die meisten wohnhäuser kommt man durch klingeln irgendwo und einmal „weeebuuung“ in die gegensprechanlage nuscheln problemlos hinein – aber bedacht werden sollte, daß jemand mit krimineller energie schlüssel + adresse gehabt hat. das heißt, er hat einen schlüssel zur kaltmamsellschen wohnung und weiß, wo diese sich befindet.

    mir wäre so ein gefühl unheimlich.

    ich hätte allerdings einfach an meiner wohnungstür den schließzylinder ausgetauscht. das geht bei alten schlössern relativ einfach und ist vergleichsweise billig.

    da nun die verwaltung allerdings schon auf dem plan ist, wird es wohl eine neue anlage werden. die allerdings – wie einige ja schon angemerkt haben – wohl eher sache der vermieter sein dürfte, zumindest anteilig.

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