Als Pferdemädchen gescheitert

Donnerstag, 1. August 2013 um 13:28

1977_Reitkurs

Das bin ich 1977 mit neun Jahren auf einem Pferd, genauer: auf Pummel, dem bravsten und langsamsten Ponny des Reitkurses. Und ich weiß nicht, ob Sie es erkennen können: Ich bin starr vor Angst. Auch am letzten Tag noch, an dem die Gruppe das Erlernte den Eltern vorführte. Das war alles derart von überhaupt nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Vor allem ich war derart überhaupt nicht, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Zwar habe ich keinerlei Erinnerung daran, aber ich muss meine Eltern um diesen Reitkurs gebeten haben. Ausbildung und Bildung war den beiden sehr wichtig, und dazu gehörte neben Trimmen auf schulische Leistungen auf jeden Fall Instrumentalunterricht (Blockflöte, Querflöte), aber auch Sport (auf meinen Wunsch ein Jahr Turnverein, sogar zu einem einwöchigen Skikurs hatte ich im Winter davor fahren dürfen). Auf Reiten allerdings waren sie garantiert nicht selbst gekommen, das war ganz weit weg von ihrer Lebenswirklichkeit. Doch ich bekam meinen Reitkurs, halt dann den billigsten, der sich finden ließ: in Oberhaunstadt (Vorort von Ingolstadt). Ebensowenig erinnere ich mich, wodurch dieser Wunsch entstanden war; eher unwahrscheinlicherweise hatte er etwas mit Pferdemädchen und den dazugehörigen Romanen zu tun (in Echt kannte ich kein einziges reitendes Mädchen): Zu dieser Zeit trug ich das Haar unbedingt kurz und war heimlich stolz darauf, immer wieder für einen Buben gehalten zu werden.

Nur wenige Bilder kann ich hervorkramen. Zum Beispiel von den Mittagessen in einer nahegelegenen Wirtschaft, und dass es dort mal Leberkäs mit sehr saurem Kartoffelsalat gab. Zunächst, das weiß ich noch, wurden wir Kursteilnehmerinnen nacheinander auf Pferde an der Longe gesetzt. Das war ein bisschen wie Reiten auf den Volksfestponys. Möglicherweise hatte ich mir Reiten so ähnlich wie Fahrradfahren vorgestellt, mit In-die-Kurve-legen. Doch so viel lernte ich schnell: Nein. Es hatte nichts damit zu tun.

Danach wurden mehr Pferde in die Halle geführt, auf denen wir nun ohne Leine reiten sollten. Man half mir auf eines der Pferde, ein braunes Warmblut. Doch in dem Moment, in dem ich im Sattel war, ging das Tier durch. Eine panische Unendlichkeit lang raste es durch die Halle, um mich kümmerte es sich dabei ganz offensichtlich nicht. Warf ich mich nach vorne und hielt mich irgendwie am Sattel fest? Schrie ich? Wenn ja: Was? Ich weiß es nicht. Außer an die Angst, weil ich plötzlich einem riesigen Tier außer menschlicher Kontrolle ausgeliefert war, erinnere ich mich an nichts.

Eigentlich wollte ich nie wieder auch nur in die Nähe eines Pferdes kommen. Doch es schien mir keine Option, nicht mehr hinzugehen – wo ich mir den Kurs doch selbst gewünscht hatte und meine Eltern ihn bereits bezahlt hatten. (Genauso wenig kam ich ja später bei allem Widerwillen auf die Idee kam, um ein Ende des Querflötenunterrichts zu bitten – wo doch das Instrument eigens angeschafft worden war und so viel gekostet hatte). Also ließ ich mich auch an den folgenden Ferientagen morgens zum Stall fahren und überstand den Kurs irgendwie, eben auf dem langsam dahinzockelnden Pummel. In Panik.

Danach wollte ich nie wieder etwas mit Pferden zu tun haben. Außer in Form von Rosswürsten auf dem Ingolstädter Christkindlmarkt.

Und wie Anne ist es mir seither ein Rätsel, was so enttäuschend daran sein soll, dass das Leben kein Ponyhof ist.
(Bei ellebil können Sie nachlesen, wie man es zum Pferdemädchen schafft.)

die Kaltmamsell

16 Kommentare zu “Als Pferdemädchen gescheitert”

  1. herzbruch meint:

    ich hab ja urlaub. ich suche gleich mal „ich und mein pferd“-fotos. selber schuld.

  2. stedtenhopp meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  3. Tin@ meint:

    Mir sind Pferde auch unheimlich, weil sie so viel größer und stärker sind als das Menschlein, das auf ihnen sitzt. Der Reiter kann das Pferd nicht wirklich beherrschen, wenn es will, rennt es los und fertig. Selbst ein lausiges kleines Pony hat deutlich mehr Kraft als ein großer, starker Mensch.

    In meiner Jugend ist die ganze Reiter-Pferde-Mädchen-Sache vollkommen rückstandsfrei an mir abgeperlt.

    Katzen mochte ich dafür schon immer :-)

  4. joriste meint:

    Meine Schulfreundin Tina (!) durfte Reiten, ich nicht.
    Eines schönen Weihnachtens musste ich dann als Geschenk zwischen 10 Reitstunden und einem Mikroskop entscheiden. Sie ahnen es bereits?
    Ich war etwa 6. Klasse, konnte also bereits die Dinge abwägen und hatte Sorgen, die Folgekosten des Reitens nicht finanzieren zu können.
    So habe ich mich tatsächlich für das Mikroskop entschieden.
    Als Erwachsene habe ich zwar immer mal wieder Anläufe genommen, aber es passte nie so richtig rein.
    Daher ist das Pferdeinteresse immer noch virulent – und ich bin sicher, mit mit ein paar Reitstündchen früher wäre ich heute geheilt.
    Nun sind meine Töchter 6 ….

  5. Julia meint:

    Da meine Schwester alles anfing und nach wenigen Wochen in die Ecke schmiss (Klavier, Fechtkleidung, Reiterklamotten…), waren meine Eltern abwechselnd darauf erpicht, dass ich das einmal angeschaffte weiterverwendete (Klavier!) oder besser die Finger davon lasse mit dem Hinweis, C. habe es ja auch nicht gefallen (Reiten!). Jedenfalls war wirklich JEDES mögliche Hobby verbrannte Erde und somit irgendwie nicht mehr wirklich spannend für die kleine Schwester (mich!). Einzig mit dem Bücherlesen fing C. erst spät an, wodurch ich früh meine Nische gefunden hatte. :) Reiterferien haben wir einmal einige Tage mit der Schule gemacht (die Lehrerin war passionierte Reiterin. Schön, so ein vom Kultusministerium finanzierter Urlaub!). Ich fand’s nett aber irgendwie doch insgesamt überschätzt. Meiner überängstlichen Mutter war mein Desinteresse wohl ganz recht. Nicht zuletzt, weil der Betreiber des örtlichen Reiterhofes ein ziemlicher Rüpel war… Heute sind mir Pferde relativ egal. So egal, dass ich ohne weibische Flennerei Rossbratwürste, Rouladen oder Sauerbraten verdrücken kann…

  6. Modeste meint:

    Hach, Pferde. Ich war ja bekennendes Pferdemädchen, und rieche bis heute gern diesen erdigen, warmen Duft im Stall.

  7. Angel meint:

    Aus mir wurde auch kein Pferdemädchen, obwohl ich meiner Freundin zuliebe auch mal eine Woche auf dem Ponyhof war. Das Reiten und die Pferde machten mir sogar einigermaßen Spaß, aber am Ende bin ich dann ab Mofa-Alter an viel besser kontrollierbaren Pferdestärken hängen geblieben. 2 Räder statt vier Beine und kein eigener Kopf, das passte viel besser zu meinem Drang, alles selber unter Kontrolle zu haben :-)
    (Deswegen auch Motorrad selber fahren und nicht mitfahren. War bestimmt gesünder.)

  8. Die Toni meint:

    Das Bild versetzt mich sofort zurück in mein 1977:
    Ich war mit einem Pferdemädchen mit langen Haaren usw. befreundet. Ebenfalls 1977, ich war 7 und sah sehr gerne genauso aus wie Sie (Kleidchen waren 1977 ja zum Glück nicht sehr angesagt), ließ ich mich zu einem sonntäglichen Reitausflug mit der Familie meiner Freundin überreden. Sie und ihre Schwester ritten selbständig voraus, ich wurde auf diesem riesigen Pferd von ihrer Mutter an dern Leine durch den Wald geführt, als sich eine relativ ebenso riesige Bremse auf meinen kurzbehosten Oberschenkel setzte.

    Gelähmt vor Angst, dass das Pferd bei einer einzigen Bewegung meiner Beine sofort mit mir durchgehen und im Wald verschwinden würde, sah ich zu, wie die Bremse mich durchaus schmerzhaft stach. Nicht einmal ein winziges Wedeln mit der Hand traute ich mich. Seitdem ist „starr vor Angst“ mir durchaus ein Begriff.

    Nachtrag: 36 Jahre später sah ich gestern meiner Tochter, 6, zu, wie diese völlig unbefangen auf der hiesigen Jugendfarm (Ferienprogramm) ein riesiges Pferd striegelte, sogar die Beine, in der Nähe der Hufe… Sie würde sich nie stechen lassen. Und ich habe die leise Hoffnung, dass sie mal leichter lebt…

  9. walküre meint:

    Schade, dass Sie keine besseren Erfahrungen gemacht haben. Für sich betrachtet ist der Umgang mit Pferden nämlich eine sehr, sehr schöne Sache.

  10. Nicky meint:

    Ich war seit ich denken kann und sehr zum Leidwesen meiner Pferde-fürchtenden Mutter verrückt nach Pferden, den Ausdruck Pferdemädchen hab ich aber nie verwendet, weder für mich, noch für andere. Die Teenagerzeit im Reitstall, Fohlenwachen, Reiterferien etc. möchte ich um nichts auf der Welt missen, die nicht immer ganz ungefährlichen Stürze habe ich dagegen erfolgreich verdrängt. Selbst eine hartnäckige Pferdehaarallergie konnte mir das Hobby nie ganz austreiben.

    Und: Es gibt kaum etwas Schöneres, als frühmorgens allein mit seinem Pferd durch den Wald zu reiten. Da bekomme sogar ich romantische Anwandlungen.

  11. blackeyed meint:

    hach ja. ich war ein „Pferdemädchen“.
    Mit Reiturlaub, Reitunterricht und dem ganzen Pipapo. Habe die Wendy geliebt und die Bille&Zottel-Bücher verschlungen und meine Eltern Nerven gekostet mit dem Gequengel.
    Trotzdem war Rosa nie meine Farbe und ich habe burschikose Kurzhaarschnitte bevorzugt.
    Mit knapp 14 habe ich dann mein eigenes Pferd bekommen. Die Pubertät mit Pferd war hart, da ich immer zwischen Pflichtgefühl und Freihheitsdrang zerrissen war. Aber das Pferd blieb, auch in harten Zeiten (arbeitslos, Volo…). Bis ich dann vor 2,5 Jahren diese eine, schwere und endgültige Entscheidung treffen musste. Damit hab ich dann auch den Reitsport an den Nagel gehängt.

    Und trauere manchmal den endlosen Ausritten im Herbst, dem Baden im Sommer und den Schneeausritten und Schlittenfahrten nach.

    War schon eine tolle Jugend mit Pferd und für’s Leben mitgenommen habe ich so einiges. Unter anderem Verantwortung zu übernehmen, aber auch wie sehr sich das eigene Auftreten und die Körperhaltung auf die Umgebung auswirkt.

  12. trippmadam meint:

    Ich bekenne: ich war ein Pferdemädchen. Keine übermäßig erfolgreiche Reiterin, aber bekannt für meine „gute Hand“ mit nervösen oder schwer reitbaren Pferden. Eines meiner wenigen Talente.

  13. Buchfink meint:

    Meine Pferdemädchenkarriere begann erst im zarten Alter von 26 Jahren, das war eine äußerst intensive Zeit, die allerdings abrupt mit meinem Umzug nach Berlin endete. Rückblickend war das alles klasse, ich habe auch Freunde (auch männliche) gewonnen, zwar nicht fürs Leben, aber immerhin!

  14. Micha meint:

    Dann schließe ich mich noch Modeste und Nicky an: für mich ist Reiten die perfekte Mischung aus *Bewegung-Tier-Natur*!
    Und: Pferde riechen einfach gut ;)!
    Außerdem ist man ja seiner Kostümierung als Indianerin an jedem Kinder-Fasching verpflichtet gewesen…

  15. mariong meint:

    meine pferdemädchen-karriere beschränkte sich auf das einschlägige mädchenromane lesen, damit ich mitreden konnte. eine ältere verwandte stürzte beim ponyreiten ungebremst aufs gesicht und war ziemlich verletzt, diverse nerven und muskeln zerrissen, und das genau zu der zeit, als ich im potentiellen pferdemädchenalter war – das war sehr abschreckend.

    heute noch habe ich angst vor diesen viechern und es ist ein totaler horror für mich und die armen tiere wenn mein kind sich mal wieder irgendwo beim ponyreiten eingebettelt hat und ich muss eine runde ein störrisches schlaues pony führen ! Da kann man Führungsqualitäten trainieren, ich sag Ihnen!

  16. Sebastian meint:

    Ich hatte Pferdeeltern. Sie waren nach einigen Wirren (jeder für sich) recht skandalös (beide) zusammengekommen und hatten für sich gemeinsam das Reiten entdeckt und damit letztendlich auch ein neues Leben: Nach vielen alljährlichen Sommern am Neusiedlersee lebten wir schließlich ganz dort.

    Je mehr ich mich ihrem damaligen Alter genähert habe, desto mehr habe ich ihre Leidenschaft verstanden (ähnlich der, wie sie Nicky beschreibt): Ausritte in die Puszta, über Stoppelfelder, durch knöcheltiefe Lacken, an denen Kuhherden tranken, und irgendwo war immer ein Weiher zum Reinspringen und ein Hof zum Einkehren mit der Reiterclique – bis sie ein eigenes Lokal aufmachten.

    Damals war ich da nur Randfigur, der gelangweilt im Stall wartete oder mit nicht reitendem Besuch irgendwo dazu stieß. Ich erinnere mich, wie einmal jemand nach einem Huftritt aus dem Stall rannte, gekrümmt, in meiner Erinnerung sogar mit Hufabdruck auf dem Bauch… nun ja.

    Ich selbst hatte Angst vor den Pferden, von der ich erst auf einer Ponyfarm irgendwo im Norden Britanniens kuriert werden sollte, und nachdem ich das verhindert hatte, auf einem Pferdehof in der Nähe mit einer Jugendgruppe, die alle reiten konnten, während ich mich nach zwei Tagen nicht mehr aus dem Zelt oder gar auf ein Pferd traute, obwohl ich schwer in eins der Pferdemädchen verknallt war (mit zehn). Am dritten Tag war ich wieder zu Hause.

    Die Qual endete schließlich, als ein Besoffener (die gab’s sehr oft in der Clique) direkt aus dem Stall in die Weingärten galoppierte, quer über den Logierplatz, auf dem ich so krampfhaft und kraftlos meine Runden dreht, dass mein Pferd sich lieber dem Galopp anschloss. Ich erinnere mich nur noch, dass ich mich bis zum Asphaltweg halten konnte, um nicht von den Rebstöcken aufgespießt zu werden, dann ließ ich los und wurde mit einer gewaltigen Gehirnerschütterung in meinem Bett wieder wach.

    Seitdem war Reiten kein Thema mehr für uns. Für mich wird es aber grad wieder interessant.

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