Almudena Grandes, Roberto de Hollanda (Übers.), Das gefrorene Herz

Freitag, 30. Mai 2014 um 18:34

Über den spanischen Bürgerkrieg (1936-39) selbst, seine Entstehung und seinen Verlauf, über die Rolle anderer Staaten darin, dachte ich eigentlich einiges zu wissen. Unter anderem war das der Schwerpunkt meiner Magisterprüfung im Nebenfach Neuere und Neueste Geschichte (die schriftlichen Prüfung fragte nach der Rolle der Katholischen Kirche im spanischen Bürgerkrieg – der Forschungsstand war 1995 noch davon geprägt, dass der Vatikan seine Archive zu diesem Thema nicht zugänglich machte).

Zudem war mir schon früh bewusst, dass alle Familien in Spanien verstrickt waren, und dass es – im Gegensatz zur Nachkriegszeit in Deutschland – in und nach diesem Krieg kein gemeinsames Leiden unter einem äußeren Gegner oder einem Besatzer gab: Ein Bürgerkrieg macht alle zu Gegnern.

Almudena Grandes‘ Roman Das gefrorene Herz (der Titel „Corazón helado“ ist einem Kommentar von Antonio Machado über die beiden Spanien entnommen) hat mir die Türen zu vielen Aspekten vor, in und vor allem nach diesem Bürgerkrieg eröffnet, die ich überhaupt nicht im Blick hatte:
Ich hatte nie nachgedacht über die Exilanten in Frankreich,
über die spanischen Soldaten, die in Frankreich gegen die Nazis kämpften,
über die spanischen Soldaten, die auf der Seite der Nazis in den Russlandfeldzug gingen.

Außer der konkreten Geschichte meiner väterlichen Familie wusste ich wenig über die Jahre direkt nach dem Krieg im lange umkämpften Madrid. Kannte also nicht die völlige Willkür, mit der die neuen Machthaber ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen verfolgten. Mir war zudem nicht klar gewesen, wie sehr die spanischen Antifaschisten davon ausgegangen waren, dass eine Befreiung Europas von Hitler auch eine Befreiung Spaniens von Franco bedeuten würde.

Aber jetzt zu dem Roman selbst, gut 950 Seiten dick und erwartbar episch. Der Universitätsdozent Álvaro sieht auf der Beerdigung seines Vaters, eines Immobilienmagnaten, eine unbekannte Frau am Rand des Friedhofs. Er begegnet ihr wieder, als er sich um einen Teil des väterlichen Vermögens kümmern soll: Sie ist eine hochrangige Bankangestellte. Um die Familien dieser beiden Protagonisten dreht sich die verschlungene Handlung mit ihren vielen Fäden: Sie springt in der Zeit zwischen Dreißigerjahren, Nachkriegsjahrzehnten und Gegenwart, schiebt sich aber insgesamt chronologisch vorwärts. Erzählt wird unter anderem von dem politischen Erwachen ganzer Bevölkerungsschichten während der Zeit der Zweiten Republik, vom teils sehr plötzlichen gesellschaftlichen Wandel (Frauenrechte!), von den Grausamkeiten des Bürgerkriegs, von der Enttäuschung der spanischen Flüchtlinge, die in Frankreich erst mal in Lager gesteckt wurden, von der späteren Gemeinschaft der Exilspanier in Frankreich, die nicht im geringsten an sowas wie Integration dachten, weil sie nur auf ihre Rückkehr warteten, von der Generation ihrer Kinder, die in dieser Zwischenwelt aufwuchsen, von den Kriegsgewinnlern in Madrid, von persönlicher Rache, vom Wegducken und Erstarren.

Das ganze ist ein sehr dichtes und gehaltvolles Bild, das meiner Ansicht nach aber etwas einfacher und weniger kompliziert hätte gezeichnet werden können. Grandes hat offensichtlich ausführlich und gründlich recherchiert, das Nachwort listet viele Quellen auf. Eine Leserin, die sich noch gar nicht mit dieser Epoche der spanischen Geschichte befasst hat, könnte die Fülle an Informationen, Namen, Schauplätzen, Zusammenhängen ermüden.

So richtig genervt haben mich allerdings die stereotyp leidenschaftlichen Liebesgeschichten, die die eigentliche Handlung des Romans immer wieder bremsen. Das mag Geschmackssache sein, ich werde halt ungeduldig, wenn ich zum fünften Mal seitenlang jemandem dabei zulesen muss, wie er den Schwung von Raquels Hüften auf dem Laken neben ihm nicht aus dem Kopf bekommt und wie ihr Duft yaddayaddayadda… (Das war wohl auch Franziska Augstein in ihrer Rezension für die Süddeutsche Zeitung aufgestoßen.)

Entschädigt hat mich die große Rolle, die Madrid zu verschiedenen Zeiten in dem Roman spielt: Ich wurde mehrfach in Erinnerungen gewirbelt, und direkt nach der Lektüre wollte ich bitte SOFOCHT auf einen Pacharán mit viel Eis in dieses eine Café am Opernplatz.

Sehr berührend fand ich die Beschreibung der Dorfbevölkerung von Torrelodones: Ja, genau solche Menschen kenne ich aus dem Dorf, aus dem meine spanische Großmutter stammt und das genau in dieser Gegend liegt. Mit ihnen beginnt der Roman:

Die Frauen trugen keine Strümpfe. Ihre dicken, runden Knie lugten gelegentlich unter dem Saum ihrer Kleider hervor, die eigentlich gar keine Kleider waren, sondern eine Art von Säcken aus dünnem Stoff ohne Form und ohne Kragen – ich wüsste nicht, wie ich sie nennen sollte. (…) ohne Strümpfe, ohne Stiefel, ohne Mäntel, nur in dicken Strickjacken, die sie mit über der Brust verschränkten Armen zuhielten.
Auch die Männer waren ohne Mäntel gekommen, hatten aber ihre dicken, etwas dunkleren Wolljacken geschlossen und die Hände in den Hosentaschen vergraben. Sie sahen alle gleich aus, genau wie die Frauen. Die Hemden bis zum Hals zugeknöpft, raue, frischgestutzte Bartstoppeln und sehr kurzes Haar. Einige hatten Baskenmützen auf, andere nicht, aber die Haltung war immer gleich, die Beine leicht gespreizt, der Kopf starr, die Füße fest im Boden verankert. Bäume, genau wie die Frauen, stämmig und robust, an Entbehrung gewohnt, sehr alt, aber auch sehr stark.

Erst durch die Lektüre des Romans fiel mir zudem ein Detail meiner Kindheitsurlaube in Spanien wieder ein:
Auf dem Fernseher der ebenerdigen Hinterhofwohnung meiner Yaya in der Calle de Leganés in Madrid und auf dem Fernseher im Landhaus in der Sierra liefen zur Francozeit gefühlt ununterbrochen Dokumentarfilme über den zweiten Weltkrieg – ich fand sie langweilig, weil halt ständig irgendwelche Panzer herumfuhren und schossen, untermalt von blecherner, martialischer Musik. Genau das kommt in dem Roman vor.

Falls Sie sich einen Eindruck von den Spaniern der 30er machen wollen: Schaun Sie sich im YouTube-Archiv von Pathé um. Gefunden habe ich zum Beispiel

Spanische Flüchtlinge an der französischen Grenze:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
http://youtu.be/gjBK3UrBgA8

Madrilenen werden aufgefordert, den Aufbau Spaniens mit ihrem Gold zu unterstützen:
http://youtu.be/88pcbZYHLO8

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu “Almudena Grandes, Roberto de Hollanda (Übers.), Das gefrorene Herz

  1. trippmadam meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  2. Jutta meint:

    „Ich hatte nie nachgedacht (…) über die spanischen Soldaten, die auf der Seite der Nazis in den Russlandfeldzug gingen.“

    Genau so ist es mir diese Woche gegangen, dass mir beim Lesen unerwartet spanische Soldaten, die sich am Rußlandfeldzug der Nazis beteiligten, ins Blickfeld gerieten. Allerdings ganz woanders und eher beiläufig, nämlich hier: Swetlana Alexijewitsch (Ganna-Maria Braungardt):“Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“.

  3. Dietmar meint:

    Auch wenn mir der persönliche Bezug fehlt, bin ich doch immer wieder begeistert, was für hervorragende Romane über die Zeit des Spanischen Bürgerkriegs erscheinen. Wahrscheinlich kennen Sie auch von Almudena Grandes „Der Feind meines Vaters“, wo der kleine Sohn eines Guardia-Civil-Mannes die schwere Zeit unmittelbar nach Ende des Krieges erlebt. Sehr angetan war ich auch von Rafael Chirbes‘ „Die schöne Schrift“. Hier erfährt man, wie erniedrigend das Leben nach dem Sieg Francos für die Familien der Besiegten war. Oder „Der Bleistift des Zimmermanns“ von Manuel Rivas oder „Dieses Licht!“ von Carlos Saura. Oder eine meiner letzten Lektüren: „Wie ein Stein im Geröll“ von Maria Barbal.
    „Das gefrorene Herz“ kenne ich noch nicht, wird vorgemerkt.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Danke für all die Tipps, Dietmar! Hat ja auch lange genug gedauert, bis die Verarbeitung dieser Zeit überhaupt einsetzte, nämlich erst in der Enkelgeneration.

  5. Neli meint:

    Ich habe hier von Julia Navarro „Alles, was die Zeit vergisst“, die Geschichte einer Spionin, von der niemand in der Familie etwas weiß. Es beginnt im spanischen Bürgerkrieg. Es ist schon eine Weile her, als ich es las. Aber es hat 970 Seiten und ist an manchen Stellen etwas schwer zu lesen, deshalb habe ich es nur einmal gelesen.

  6. Dietmar meint:

    Naja, die Verarbeitung setzte wohl schon etwas früher ein, Maria Barbals „Wie ein Stein im Geröll“ erschien bereits 1985, viel früher war das wegen der langen Franco-Zeit kaum möglich, außer im Exil, wo Werke wie Mercè Rodoredas „Auf der Plaça del Diamant“ schon 1962 erschien oder das umfangreiche Werk Max Aubs.
    Vor kurzem erst habe ich die spanische Lyrik jener Zeit entdeckt, durch die wunderbaren Lieder von Paco Ibáñez, der lange Jahre im Exil verbringen musste. Empfehlung: sein Konzert im Pariser Olympia von 1969, komplett auf Youtube zu hören.

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