Ronald Blythe, Akenfield

Mittwoch, 18. Juni 2014 um 8:00

160617_Akenfield

Es muss das Granta 90 gewesen sein, „Country Life“, das mich auf Ronald Blythes Akenfield. Potrtait of an English Village brachte. Zwar habe ich keine Erinnerung daran, doch mir fällt keine andere Erklärung ein, wie ich sonst 2006 auf dieses in Deutschland völlig unbekannte und anscheinend selbst in der englischsprachigen Literaturwelt wenig besprochene Buch kam. Die Granta-Ausgabe hatte einen Ausschnitt aus Craig Taylors Return to Akenfield enthalten, „Englands classic village, forty years on“.

Akenfield ist die Sammlung von Stimmen eines Dorfes in Suffolk und erschien 1969; in seinem Vorwort meiner Ausgabe von 1999 stellt Blythe klar:

The book is more the work of a poet than a trained oral historian, a profession I had never heard of when I wrote it.

Und tatsächlich habe ich mich jetzt beim zweiten Lesen noch mehr als damals beim ersten immer wieder gefragt, wie nah Blythe wohl am Wortlaut geblieben ist, in dem die portraitierten Menschen mit ihm sprachen.

Akenfield ist ein halb-fiktiver Ort, der sich aus drei tatsächlichen Dörfern zusammensetzt, in denen Blythe mit Bewohnern und Bewohnerinnen gesprochen hat. Für das Buch sortiert er die ausführlichen Erzählungen – manchmal zu Gruppen, manchmal besteht das Kapitel aus einer einzelnen Person:

1. The Survivors
2. God
3. The Ringing Men
4. To be a Farmer’s Boy?
5. Good Service
6. The Forge
7. The Wheelwright
8. The Craftsmen
9. The School
10. The Agricultural Training Centre
11. Officers and Gentlemen
12. The Orchard Men
13. Four Ladies
14. The Young Men
15. The Law
16. Limitations
17. The Vet
18. Not by Bread Alone
19. The Northern Invaders
20. In the Hour of Death

Allein die Wortwahl lässt schon in den Kapitelüberschriften die erzählende und deutende Herausgeberstimme erkennen, die Dokumentation, Reportage und Belletristik mischt. Jede Erzählung, jeder hier aufgezeichnete Monolog lässt einen Menschen lebendig werden – in der Wortwahl, in der Stukturiertheit oder Verworrenheit der Erzählung, und sehr oft wird indirekt ein Charakter sichtbar, der in krassem Gegensatz zu dem vordergründig Erzählten steht.

Was mich beim ersten Lesen vor acht Jahren schon begeisterte, aber eigentlich bestürzte: Die Welt, die Akenfield beschreibt, war mir völlig unbekannt. Ein Großteil der englischen Literatur, der vielen Romane, die ich gelesen hatte, spielte zwar der Zeit, um die es in Akenfield geht, doch die tatsächlichen Lebensumstände auf dem Land spielten selten eine Rolle, eher als Hintergrund. Wenn überhaupt kleine Leute wichtig gewesen waren, dann die im Umfeld der Industrialisierung.

Doch hier erfuhr ich unter anderem von unerträglichen Arbeits- und Lebensumständen der Landarbeiter vor dem 1. Weltkrieg, von ausbeuterischen Landbesitzern, von Standesdünkel, der Leibeigenschaft voraussetzte.

Leonard Thompson – aged seventy-one – farm-worker
(…) In my four months‘ training with the regiment I put on nearly a stone in weight and got a bit taller. They said it was the food but it was really because for the first time in my life there had been no strenuous work. I want to say this simply as a fact, that village people in Suffolk in my day were worked to death. It literally happened. It is not a figure of speech. (…)

Emily Leggett – aged seventy-nine – horseman’s widow
(…) We took our poorness naturally. We knew within a little what we were going to get and that there would never be any more. So that was that. (…)

Nach eigener Aussage ging es Blythe allerdings durchaus darum, die herkömmlichen Seiten des englischen Landlebens festzuhalten, die durch den Fortschritt, in diesem Fall die Industrialisierung der Landwirtschaft, am Verschwinden war. Auch das ist ihm wunderbar gelungen und für mich doppelt interessant, weil sich unser heutiger Blick darauf bereits zweimal verändert hat (von Früherhatmandasauchnichtgebraucht zu WiepraktischfürdenLandwirt zu Verschandeltelandschaft und ZurückzurNatur). Welch ein Traum wäre es, zum Vergleich ein oberbayrisches Akenfield aus der Zeit der Flurbereinigung in den 70ern zu haben, oder ein kastilisches aus den frühen 70ern unter Franco.

Terry Lloyd – aged twenty-one – pig-farmer
(…) Other industries have had their training schemes for years and, as usual, the poor old farm-worker gets his last! Anyway, we’ve got it now. It isn’t philanthropy. There was suddenly a need to train the village boys to use machinery and understand the new scientific methods. There is such a massive amount of machinery used in farming now. The men are going down, down, down on the farms and the machines up, up. What men are left have got to be real good – different to what they used to be. (…)

Roger Adlard – aged thirty-one – factory farmer
(…) I do have moral qualms but I also know that everything has got to go this way. Dreams of the past, like my dreams of cutting the corn in the sun, have got to be abandoned. Farming is not the lackadaisical business of yesterday. Yet I think of my grandfather and his father, and I think that although they had small profits for so much hard work, they had a carefree life. (…)

Mrs Tom Cooper – aged forty-one – farmer’s wife and President of the Women’s Institute
(…) When we had Question Programme, seventy-five per cent of the questions were about the characters in telly adverts and the women knew all the answers. (…)

Überrascht hat mich unter anderem, dass selbst im England der 1960er das tied-cottage-System noch lebendig war. Ronald Blythe beschreibt ausführlich die Entwicklungen und Zusammenhänge:

The tied-cottage provides both farmers and their employees with their most emotional grouse, evoking all the traditional melodrama of the wicked squire and the rustic tenant being pushed out into the storm, and requires some kind of final solution. All the prejudices, myths and indignations of the past rise up when a man changes his job but can’t leave the house which went with his old job because of the shortage of accommodation. The farmer can’t get a new man because the near-free – approximately 6s. a week – cottage is the carrot which makes him accept his low wage and local politicians are quick to pounce on any trouble created by the situation to add fuel to the class war.

Ganz klar wird aus den Aussagen der alten Dorfbewohner, welche gesellschaftliche Wende der 1. Weltkrieg mit sich brachte: Zum einen kam das einfache Landvolk zum ersten Mal hinaus in die Welt, zum anderen verhinderte das Bewusstsein, ebenso im Dreck gekämpft zu haben wie die hohen Herrschaften, nach der Rückkehr ein Wiederherstellen der alten Hierarchien.

Doch Blythe gibt auch denjenigen eine Stimme, die das nicht so sehen:

John Grout – aged eighty-eight – farmer
(…) I wasn’t called up. Nothing happened to me and I didn’t remind them. We didn’t really miss the men who didn’t come back. The village stayed the same. If there were changes, I never felt them, so I can’t remark on them. (…)

Blythe ergänzt die Kapitel durch Hintergrundfakten wie Einwohnerstatistik, Auszüge aus der Schulchronik oder Zahlen zu angebauten Apfelsorten. Manche der Sprecher beschreibt er ausführlich, zu dem einen oder anderen Thema sammelt er viele, dafür kurze Stimmen. Manche Analysen stammen von ihm, die meisten lässt er aber andere aussprechen.

Hugh Hambling – aged thirty – schoolmaster
(…) They won’t talk politics in the pub. Their attitude is puritan in such matters. Politics to them is a kind of necessary function which stinks. They stare straight back into Wilson’s eyes on the pub telly with that blue gaze of theirs, and God knows what they are thinking! (…)

Colonel Trevor West – aged forty-eight – retired army officer and highly successful pig-farmer
(…) They will help you in distress but they don’t really like to see you not in distress and doing fine. They don’t come and say, ‚Good show! It’s a pleasure to see what you have done!‘ They never say this. (…)

Und alle diese Deutungen verraten natürlich genauso viel über den Deuter und die Deuterin wie über das Gedeutete.

Meine Lektüre war diesmal davon beeinflusst, dass ich kurz davor Saša Stanišićs Vor dem Fest gelesen hatte. Die Wirkung von Akenfield ist durchaus ähnlich, nur durch den fehlenden roten Erzählfaden schillernder. Abgefahrenes gibt es auch hier: Das Kapitel „The Ringing Men“ lässt bellringers zur Wort kommen, also Menschen, deren Passion es ist, Kirchenglocken zu schlagen. Die ihre Freizeit damit verbringen, berühmte Glocken zu besuchen (die meisten sind auch begeisterte Wanderer) und sie zu betätigen. Und dafür zu komponieren.

Erst jetzt habe ich beim Hinterherrecherchieren entdeckt, dass Akenfield 1974 verfilmt wurde – kann ich mir schwer vorstellen.

Eine deutsche Übersetzung ist anscheinend nie erschienen. Wenn Sie Englisch lesen, lege ich Ihnen das Buch sehr ans Herz.

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu “Ronald Blythe, Akenfield

  1. Susann meint:

    Vielen Dank für den Tipp! Klingt nach „Larkrise to Candleford“ meets ländliche Sozialgeschichte…werde ich mir unbedingt besorgen!

  2. marie_sophie meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  3. Julia meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

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  4. Ginger meint:

    Ich habe gerade mit meinen Achtklässlern ‚Private Peaceful gelesen, welches in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg spielt. Wenn auch literarisch weit weniger interessant als Blythes Roman, aber für die Kids ist es ganz schön erschreckend zu sehen wie sehr die einfache Landbevölkerung – und damit ihre eigenen Vorfahren! – von den Landbesitzern die sie beschäftigten abhängig waren.

    Vielen Dank für den Beitrag!

  5. Modeste meint:

    Das hört sich gut an, ich werde es mir besorgen.

  6. Sabine meint:

    Oh, das klingt sehr interessant. Ich möchte als Anschlusslektüre Adam Thorpes Ulverton empfehlen, der Längsschnitt zum Querschnitt, englisches Dorf von der Mitte des 17. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Lauter verschiedene Stimmen, lauter verschiedene Erzähltechniken.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Ulverton habe ich sogar hier stehen, Sabine, mal sehen, ob ich es zum Nochmallesen rauslegen. Denn ich kann mich zwar an keinerlei Details erinnern, aber daran, dass ich es seinerzeit ein schreckliches Spätbeispiel Postmoderne fand – bis der Autor auf Einladung des British Council an unsere Uni kam (nur deshalb hatte ich das Buch gelesen) und daraus vorlas: Er las es als Komödie und ich war höchst irritiert – „ach, das was als Spaß gemeint?“. Daraufhin ließ ich es, wie ich eben beim Rauskramen feststelle, sogar signieren (9.7.1997).

  8. Sabine meint:

    Full disclosure: ich habe Magisterarbeit darüber geschrieben (das Interview zu dem Buch, das Google ausspuckt, habe ich geführt, ein bisschen unprofessionell, aber cool war das schon) und ja, pomo whackjob stimmt schon, aber es ist auch ein wirklich sehr berührendes Buch, das die unsichtbaren Geschichten, die verlorenen Dinge und die viel begangenen und später überwachsenen Pfade in und um ein Dorf sehr ernst nimmt und ihnen viel Poesie entlockt. Ich habe es vor einigen Jahren kurz vor einer Reise ins sehr ländliche England wiedergelesen und war von Neuem begeistert. Ist ein bisschen wie Faulkner, sperrig, aber die Arbeit wert.

  9. die Kaltmamsell meint:

    Hossa! Wenn das so ist, Sabine, kommt Ulverton hiermit auf den Lesestapel. Wäre ja nicht das erste Mal, dass mir ein Buch durch Anstupsen doch noch gefällt.

  10. Sabine meint:

    Dafür lese ich ja auch gerade Small Island.

  11. Muyserin meint:

    DANKE! – An die Kaltmamsell, weil ich soeben das perfekte Geschenk für eine Freundin gefunden habe, auf deren Geburtstag ich gestern mit leeren Händen dastand, weil mir nichts Passendes eingefallen war, und sie mir für ein Verlegenheitsgeschenk zu viel bedeutet. Besagte Freundin war einst Au-Pair auf einer Cider-Farm in Suffolk, bewohnt von deutschstämmigen Adligen. Könnte also passen, das Buch.

    Zienlich interessant finde ich ja die diversen Buchumschläge von Blythes Akenfield: an ihnen allein lässt sich schon ablesen, wie unterschiedlich man Ländlichkeit schildern kann (zum besseren Vergleich habe ich ein kleines Pinterest-Board zusammengepinnt):
    – mit einem Foto eines typischen Cotswold-Dorfes
    – Faux-altmeisterlich mit einem Touch 1950s (spielende Kinder, Mutter macht die Wäsche)
    – impressionistisch und aus der Ferne (nicht sonderlich engaging)
    – sowie (mein persönlicher Favorit) als funky Seventies Pop-Art-Poster, mit dieser wunderbare hingeworfenen Downton-Abbey-Zeder
    – das Kaltmamsell-Exemplar nimmt dabei ein ganz andere (Vogel-)Perspektive ein, was vielleicht zu dem ungewöhnlichen Projekt passt, aber um das zu beurteilen, müsste ich es gelesen haben.

    Übrigens gibt es auch eine Art Sequel, Return to Akenfield (21st Century edition).

    Danke! – An Sabine, für „PoMo whackjob“. Wird mein go-to-Adjektiv für mindestens zehn Theaterrezensionen.

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