Bachmannpreis 2014, Tag 2

Freitag, 4. Juli 2014 um 20:15

Es war der Tag der aufregenden Texte und Inszenierungen. Letzteres brachte die Jury zu einer Grundsatzdiskussion, was sie hier eigentlich bewerten: Text oder Vortrag oder beides? Und wenn beides: zu welchen Anteilen?

An sich poche ich auf die Eigenständigkeit des literarischen Textes. Er muss, wie jedes Kunstwerk, eine genügend weite Ebene haben, damit ich auch ohne Zusatzwissen etwas mit ihm anfangen kann. Wenn von mir verlangt wird, dass ich mir erst ein Mindestmaß Fakten aneigne, bevor ich an den Text darf, gehe ich von fehlendem Gewicht des Textes aus. (Dennoch interessiere ich mich für weiterführende Informationen, am meisten für Rezeptionsgeschichte.)

Dennoch tue ich in Klagenfurt genau das Gegenteil: Ich lese die Wettbewerbstexte nicht selbst, sondern rezipiere sie im Vortrag der Autorinnen und Autoren, mache also den Vortrag zum Teil der Texte. Nur bei großen Verständnisproblemen suche ich im Ausdruck nach Wegweisern. Diese Wegweiser brauchte ich heute zweimal: bei den Beiträgen von Senthuran Varatharajah und von Michael Fehr.

Der erste Knaller des Tages war allerdings die Anmoderation von Christian Ankowitsch. Nachdem ich mich eh schon über seinen Seitenhieb auf das „Jurassic Bühnenbild“ gefreut hatte, wies er auf den Preis der Automatischen Literaturkritik hin. Im Fernsehen! (Wie tief des Herrn Verbindungen zu den Bachmannpreis-Schlachtenbummlerinnen sind, hatte ich erst vor zwei Tagen erfahren.) Zur Stunde fehlen nur noch 103 Euro zur Zielsumme, und nach einem erschreckenden Schluckauf der Technik vergangene Nacht kann jetzt wieder über die Crowdfunding-Site gespendet werden. Vielleicht mögen Sie noch? 5000 Euro wären nicht nur rund, durch das Erreichen des Ziels sparen die Initiatorinnen und Initiatoren auch eine Menge Gebühren.

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Dass ich heute Morgen recht müde war (trotz ausreichend Nachtschlaf), machte den Einstieg ins Leseprogramm des zweiten Tages schwer. Ann-Kathrin Heier las ihren Text „Ichtys“, und der war sehr anstrengend. Doch bis auf ein paar besonders kryptogrammatische Sätze mochte ich die atmosphärische und unscharfe Mischung aus Berlin, Businessalltag, Drogensucht, Verbrechensphantasien, Turnen ums Ich in der Schreibwerkstatt und anderswo.

Diesmal eröffnete Arno Dusini die Diskussioin. Er nannte den Text „ernsthaft“ und „gelungen“ (ich hab was verstanden!), ihm sei „weniger an Erkenntnismoment gelegen“ sondern an der Frage nach dem Ich. Allerdings hatte er Probleme damit, „dass wir an keiner Stelle des Texts wissen, wo wir uns eigentlich befinden.“ Hubert Winkels rätselte am Titel „Ichtys“ und der Verbindung zu diesem Symbol des Urchristentums. Für ihn ging es um „Hunger, Drogen, Alkohol, Religion – eine ganze Kette von Instanzen der Normierung und des Entgehens der Normierung“. Er nannte ihn einen „rätselhaften Text“, „ich versuche mich durchzuverarbeiten“.

Meike Feßmann nannte ihren Eindruck zwiespältig: „Ich fühle mich in die Zange genommen.“ Der Text mache mit dem Leser das, was das Ich darin erlebe. Sie fand ihm kunstfertig, aber im Detail ungenau, diagnostizierte einen „Overkill der Prätention“. Daniela Strigl sah ein „gefundenes Fressen für Germanisten und Kritiker“: „Das Ich ist durch eine Schreibschule gegangen und versucht, sich dieser Schreibschule zu widersetzen.“ Der „sehr exaltierte Text“ wuchere mit dem „Talent zur Exaltation“, dem man nicht immer folgen könne. Sie fürchtete die Gefahr der „trügerischen Komplexität“ aus der bildenden Kunst.

Hildegard Keller zog den Presslufthammer: Es sei „ein Wagnis“, überhaupt mit solch einem Text zum Wettbewerb zu kommen, sie konstantierte eine völlige „Zufälligkeit in der Assemblage der Wörter“ und sprach dem Text jede Literarizität ab. Winkels verteidigte ihn: Wenn jemand schreibend den Vorbildern entkommen wolle, habe er halt keine anderen Mittel, als einen Text zu schreiben. Strigl fand, man könne den Text zwar kritisieren, aber doch nicht sagen, er sei keine Literatur.

Juri Steiner wollte gerne weiter rätseln, sah die Auflösung der Sprache sehr real. Er erzählte von Zürich, wo die Polizei die Zeit zwischen 2 und 4 Uhr „die Stunde der Idioten“ nenne, in der es kein Täterprofil gebe, jeder zu allem fähig sei. Das sah er auch in diesem Text. Die Autorin spiele damit „in wundervoller Weise“ mit diesem Wesen Fisch, das zu allem fähig sei und fand den Text „extrem schön ineinander gefügt“: „Ich könnte Ihnen noch stundenlang zuhören.“ (Darauf energischer Applaus des Studiopublikums.)

Dusini bat nun darum, die Autorin nicht mit dem Text zu identifizieren. Ich war über den Vorwurf ebenso verblüfft wie die Jurymitglieder, doch auf deren Abstreiten behauptete er, „doch, das kann man nachhören“. Auf weiteren Widerspruch verwies er auf Metonymie. (Wahrscheinlich hat auch die Jury ein Verständnisproblem mit Dusini.)

Burkhard Spinnen, der den Text vorgeschlagen hatte, legte auch dieses Jahr seine Haltung dar, die wesentliche Funktion von Kunst sei es, Menschen zu erschrecken. Er habe deshalb in den vielen Jahren seiner Tätigkeit immer wieder verstörende Texte herausgegriffen, die ihn ratlos gemacht hätten – das sei allerdings regelmäßig daneben gegangen. Für ihn sei es ein großer Moment, einen Satz zu verstehen und nicht zu verstehen. Er habe in dem Text „eine zeitgenössische Stimme gehört“, die er in all den Jahren noch nie gehört habe.

Keller dankte ihm für die Erklärung und hielt ihre eigene Kunstdefinition dagegen, „für mich als Rezipientin pragmatisch“: Sie sei als Leserin Komplizin, arbeite mit. Doch dafür brauche sie Ansatzpunkte, und dieser Text lasse sie im Nebel. Strigl konterte, dass sich manche durchaus literarische Texte als widerborstige Gegener erwiesen.

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Birgit Pölzl redete ihr ganzes Vorstellungsvideo hindurch, beginnend mit „Schreiben ist immer auch ein Schreiben…“ – ab da interessierte mich der Monolog nicht mehr. Ihr Text trug den Titel „Maia“ und drehte sich um eine Mutter, die ihre kleine Tochter verloren hatte und auf einer Reise in einem Tibet-artigen Land mit diesem Verlust fertigwerden wollte. Ich hörte ihn gerne, war allerdings mit den vielen, vielen Naturbildern überfordert.

Winkels nannte den Text „im Kern ein Trauergesang“, der die Struktur einer Litanei habe. Literatur habe ja, wie Religion, die Funktion, Verstorbene wiederauferstehen zu lassen. Hier aber sei eine „mit esoterischen Mitten angehauchte Sentimentalitätsproduktion am Werk“. Er habe sich gelangweilt. Strigl fand, „dass der Text diese Verlangsamung glaubwürdig vermittelt“, konstatierte lyrische Sprache, doch nannte als Problem, dass die Erinnerung an das Kind „sehr stark gefühlsbefrachtet“ sei.

Ähnlich sprach Keller von einem pathetischen, lyrischen Ton. Sie zog den kulturellen Hintergrund heran, diagnostizierte, dass den Sätzen oft das grammatikalische Subjekt fehle, was östlicher Philosophie entspreche. „Eine ganz klare Todesmeditation“ sei der Text für sie, doch da die Leser auf derselben Ebene angesprochen würden, reagierten sie mit Detachment. Steiner sah sich daran erinnert, dass unsere westliche Welt inzwischen für alles den richtigen Ort kennt, zu dem man reisen kann, und so gebe es auch Orte für Trauerarbeit: „Durch gekaufte Momente etwas Authentisches herstellen.“

Diesmal griff Feßmann zum Hammer. Sie verstehe die Faszination des ruhigen Rhythmus: „Man ist ganz froh, wenn mal ein Text kommt, der einem nichts abverlangt.“ Sie fand es sogar verwerflich, ein totes Kind einzusetzen, um etwas Interessantes zu haben: „Für mich ist es Esoterikkitsch.“
Dusini appellierte, die Diskussion zum Text zurückzuführen. Dieser lese sich als Form des Abschiednehmens, versuche Bewegung hineinzubringen. Es sei ein Text „der durch sprachliche Bewegung zu einem Ende führt“. (Hm?) Er sehe keine Bezugnahme auf metaphysische Konzepte.
Spinnen hielt verschiedene Ausgänge für möglich, „weil der Text eine Idylle ist“. Er sei kein großes Unterfangen, eine „umgrenzte Intention, umgrenzte Aufgabe, die sehr respektvoll gelöst worden ist.“

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Nun wurde es wirklich schwierig für mich. Zwar schickte Senthuran Varatharajah seinem Text eine Erklärung voraus, in der die Wörter „Facebook“, „Chat“ und „modifizierte Zitate aus der Literatur“ vorkamen, doch erst ein späterer Blick in den Ausdruck machte mir klar, dass ich eine ausführliche Online-Unterhaltung gehört hatte. (Wie ich sie selbst allerdings nicht aus Chats, sondern aus gut moderierten, geschlossenen Foren kenne.) Titel des als Romanausschnitt angekündigten Texts war „Vor der Zunahme der Zeichen“. Ich hörte unterschiedliche junge Menschen über ihren Hintergrund als Asylanten sprechen, über ihre Herkunftskulturen (indisch, tamilisch), über ihre Kindheit in Asylantenheimen. Erst ein späterer Blick in den Text machte mir klar, dass es sich um einen Dialog handelte, denn Varatharajah hatte die Absendernamen nicht vorgelesen. Nichts von den Geschichten fand ich neu und überraschend.

Dann war es Winkels, dessen Ausführungen ich nicht verstand. Möglicherweise nahm er nach Hören des Vortrags an, dass es sich doch nicht um einen Dialog handelte: „Das Ich hat gar kein reales Gegenüber.“ Feßmann erwiderte konsterniert, sie könne sich zwar vorstellen, dass man den Text sehr verschieden interpretiere, nicht aber, wie man ihn nicht als Dialog erkenne.
Keller bot scherzhaft an, Facebook zu erklären. Sie beschrieb den Text als eine Begegnung zweier besprachter Menschen, in der sie wirklich Einblick nehmen könne in zwei Leben im Spannungsfeld Geburt-Familie. Sie fand den Tonfall des Mannes bemerkenswert, der sehr gehoben und erhaben schreibe. Die Frau wiederum verwende eher Facebook-Jargon.

Strigl behauptete gar über den gehobenen Stil: „So schreibt man auf Facebook nicht“ – und wenn, dann mit guten Gründen und absichtlich. Sie sehe in dem Ton der Erhabenheit keinen ästhetischen Mehrwert. Und wenn das ein platonischer Dialog sein solle, fehle ihr Sokrates. Sie sehe eher einen Wettbewerb: „Wer hatte die schlimmere Kindheit.“ Sie nehme dem Text die Konstruktion nicht ab.

Spinnen fand es richtig, eine aktuelle Kommunikation des Alltags darauf zu prüfen, was sie ästhetisch könne. Dieser Dialog, der Chat, sei aber eher eine griechische Tragödie auf Stelzen, in der immer knapp aneinander vorbei geredet werde. Er erinnerte daran, dass in den vergangenen Jahren für Klagenfurt viele Geschichten von Einwanderern angeboten würden, die einander „schrecklich ähneln“. Im konkreten Fall sah er Figuren, die versuchen, „sich herauszusprechen aus den Sachen, die sie geprägt haben“. Benutzt werde dabei eine Sprache, als hätte er „Deutsch bei Hegel gelernt auf einer einsamen Insel“. Spinnens Kritik: Er vermisse einen Moment, „an dem Furcht und Mitleid ausgelöst werden kann“.

Feßman fand, dass das Hegeldeutsch durchaus für den Text spreche: „Wir werden eingeladen, über Dinge nachzudenken, die wir eher gewohnt sind, emotional an uns heranzulassen.“ Als Spinnen meinte: „Mei, sie kommen halt aus schrecklichen Familien“, warnte ihn Feßmann vor Vereinfachung aus abendländischer Sicht.

Wieder mahnte Dusini eine Rückkehr zum Text an. Dieser scheue sich nicht vor dem hohen Ton, sich mit Traditionen auseinander zu setzen, habe keine Angst vor mythologischem Wissen. Er sah „Empfindlichkeitswortgeber für den Dialogpartner“, hätte gerne „eine Psychoanalyse von Zeichen“ in einer Biographie gehabt (hm?).

Steiner beobachtete amüsiert den Umstand, dass wir diesen Text nicht in „Sozialen Medien“ läsen, sondern auf Papier und misstraute den Zeitangaben im Chat – in neun Minuten schreibe niemand solche Texte. Seine Interpretation: „Diese jungen Menschen entwickeln ein Bewusstsein ihrer Fragilität“, das sei unabhängig vom Medium.

Keller erinnerte daran, dass Menschen, die in eine zweite Sprache kämen, oft von den Muttersprachlern ausgegrenzt würden. Sie vermisste, dass das Mädchen frage: „Warum schreibst du so?“ Nach Feßmann ist die zentrale Figur die Mutter, der „Text handelt auf allen Ebenen von der Muttersprache“.

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Michael Fehrs Auftritt war in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Sein Text bestand aus den Kapiteln 1, 2, 10 und 15 eines Romans, war gesetzt wie ein Gedicht („How to recognize a poem when you see one“), zudem trug Fehr sein „Simeliberg“ im Stehen und Gehen vor.

Ich hörte Dialog- und Beschreibungsfragmente, die irgendwas mit Schweiz, Wald, Bergen und Kriminalfall zu tun hatten, letzteres ließ mich inklusive seiner Gangsterdialoge aus der untersten Klischeeschublade an schlechte Tatort-Drehbücher denken. Ich fragte mich innerlich immer lauter „SERIOUSLY?!“ und erwartete ein kurzes und heftiges Autorenschlachten durch die Jury.

Danebener hätte ich nicht liegen können. Steiner, der den Text mitgebracht hatte, erklärte uns erst einmal, was wir da gehört hatten und fasste die Fragmente in sowas wie einer Handlung zusammen, erklärte zudem die Bedeutung des Begriffs „Simeliberg“. Ich war ein wenig fassungslos, denn es hatte doch eigentlich um den Text gehen sollen. Doch niemand protestierte, im Gegenteil. Winkels lobte den „sehr eindrucksvollen Vortrag“, äußerte außerdem Zweifel, dass das wirklich Romanausschnitte seien: Die elliptische Struktur sei dazu angetan, „dass wir die Lücken füllen“. Er bezeichnete Steiners Vorgeschichte zum Simeliberg als interessant und „wie prototypsch Schweizerisch das gedeckt ist“.

Strigl hatte den Text „als Schweizer Bauerntheater gelesen“. Er sei auf den ersten Blick einfach gemacht, doch die Sätze hätten eine hochkomplexe Struktur. Sie sah darin ein „gefaktes Nationalepos“, entdeckte die Themenkomplexe Sauberkeit und Gewalt und fand den Text ziemlich originell. Feßmann gab zu, mit dem Text nichts anzufangen gewusst zu haben, ihr Interesse sei dann durch das Wort „Weltraumeuphorie“ entzündet worden. Dusini dankte dem Autor für seinen Vortrag, war überzeugt, „dass wir ein Schreibprojekt vor uns haben“, das ihn sehr beeindrucke. Doch er konstatiert auch „Übersemantisierung“ in den Eigennamen und „Lautchoreographie“ (ich weiß nicht, ob Dusini das gut oder schlecht fand) und fragte: „Wie verhält sich diese Form von Poetik zu ihrem Gegenstand?“

Laut Keller hatten wir eine Form vor uns, „die in der Schweizer Szene zu meinem großen Vergnügen eine Blüte erfährt“. Sie „macht Sprache zu einem ganz langsamen Tier“. In diesem Text sah sie „Umrisse eines Krimis, der die zeitgenössische Realität einbezieht“ und zeigte sich „sehr beeindruckt“. Stigl lobte das Regionale. Sie sei immer dankbar, wenn das auftauche, und hier sei es mit einer inneren Notwendigkeit eingesetzt.

Spinnen verwies auf das Spannungsfeld zwischen geschriebenem Text und Vortrag. Er war es dann auch, der daran erinnerte, dass eigentlich in diesem Wettbewerb Einigkeit herrsche, dass auf den Vortrag nicht zu sehr zu achten sei. Jetzt aber sei das etwas vollständig Anderes: „Wir umarmen diesen Textkörper“, der im Vortrag gegeben sei: „Stallgeruch, Erdwärme, Identität von Person und Sprache.“ Was davon sei im Text da? Spinnen bezeichnete ihn als Partitur.

Winkels lieferte Zusatzinformationen: Der Autor schreibe nicht, sondern diktiere und arbeite mit Spracherkennung. Dieser Technik sei auch die Notierung in kurzen Zeilen geschuldet, nicht der Form eines Epos. Er fand das „auf erkenntnisfördernde Weise bizarr“. Spinnen meinte gar, der Text sei auf eine Hör-CD angelegt. Für Keller war der „Begriff der schriftlichen Literatur zu eng“, diese Form sei „per Definition multimedial“. „Der Klangraum, aus dem er kommt, ist Ausdruck einer Suche nach innerer Sprache.“ Feßmann war nun der Hinweis wichtig, dass die Sprache des Textes keineswegs rhythmisch sei. Und sie fragte zurecht: „Was ist eigentlich die Basis unseres Urteils?“

Laut Steiner wurden Konventionen verlassen, die Form erlaube es dem Autor, seine Kunst nach außen zu bringen, existenzielle Geschichten zu erzählen. Winkels meinte mit Blick auf neue Formen wie Poetry Slams und die immer zahlreicheren Lesungen, „die performative Dimension der Literatur“ habe überhand genommen.

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Ganz konventionell wurde es abschließend mit Romana Ganzoni und ihrem „Ignis Cool“. Aus der Perspektive einer Frau, die mit ihrem Wagen auf einem Pass in den Bergen liegenbleibt, erfahren wir ihre Vergangenheit, darin dominierend ihre Fremdbestimmtheit durch Dorfgemeinschaft und Mutter.

Diesmal, so begann Feßmann, sei es umgekehrt wie beim vorhergehenden Kandidaten: Sie habe für sich selbst die Geschichte einer Frau gelesen, und vor ihrem inneren Auge sei das Auto schier geborsten vor deren Energie. Doch im Vortrag sei die Geschichte immer breiter geworden und habe sie letztendlich gelangweilt. Spinnen erzählte erst mal, dass er jedes Jahr zum Bachmannpreis um eine Tendenz gebeten werde, diese aber immer verweigere. Doch dieses Mal sehe er dominierend die Auseinandersetzung von Frauen, die nicht mehr ganz jung sind, mit ihrer Vergangenheit. Und dann griff auch er die Autorin wegen ihres Vortrags an: „Ganzoni hat jeden ihrer Sätze gefeiert“ – und habe damit ihre Figur kaputt gemacht. „Wie können Sie Ihre eigene Figur so missverstehen?“ Im Text sah er wieder eine beschränkte Aufgabe, die gelöst worden sei, „handwerklich ok gemacht“.
Auch Keller verweist darauf, dass Klagenfurt die große Gefahr eines Auseinanderklaffens von Text und Vortrag berge. Das Auto sei der Inbegriff der Fremdbestimmung; in dessen Stillstand beginne die Odysee in die Figur. Über dem ganzen Text liege Gewalt.

Strigl fand zu viel Ignis vor, zu wenig cool. Sie mochte, dass die Hauptfigur Gestalt gewinne, dass man mit ihr mitfühlen könne. Als Baufehler bezeichnete sie das Ende: Ein Selbstmord gehe aus dieser Art der Suada nicht hervor.

Steiner behauptete, er sei jetzt mit Müttern und Töchtern versöhnt. Er wies auf die Märchenwelt des Texts hin, in dem Eule, Katze, urban legends auftauchten (ich glaube, Steiner verwendet letzteren Begriff anders als der Rest der Welt). Er unterstrich auch den Produktkanon mit Markennamen, wie man ihn aus der Popliteratur kenne und fand „das alles sehr interessant“. Nun kam wieder Dusini: Der Text erfordere Achtung vor der Erzählung des eigenen Lebens. Er sei eine Erzählung über das Erzählen, ein Versuch, Erzählung überhaupt zu definieren. Das Auto sei der Strukturkern, aus der sich die Erzählung entfalte. Das Abbrechen am Ende deutete er als die Aufforderung: „Hör mir weiter zu!“

Am bösesten war nun Winkels, der meinte, er habe nicht erst den Vortrag gebraucht, um von dem Text gelangweilt zu werden und nannte ihn „Geschwurbel“. Spinnen interpretiert den Text als einen Kasten von Kindheitserinnerungen, die erst durch eine Erklärung Bedeutung bekommen, die man dann glauben müsse: „Ob ich darauf einsteige, ob ich die Geschichte annehme, ist eine persönliche Sache.“

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu “Bachmannpreis 2014, Tag 2”

  1. marie_sophie meint:

    Ihre Klagenfurter Berichte sind großartig und spannend und jedes Mal wieder, sehr ersehnte Lektüre. Herzlichen Dank!

  2. Jenny meint:

    Was war das eigentlich heute morgen, als Winkels zu Dusini sagte „Das können wir so nicht machen, sonst gehe ich!“ Hab das nur so mit halbem Ohr gehört und Dusinis Erwiderung (oder war’s schon davor?) nicht richtig verstanden. Können Sie das vielleicht aufklären?

    lg Jenny

  3. die Kaltmamsell meint:

    Ja, das war heute, Jenny. Dusini hatte versucht, Alpha-Winkels zu unterbrechen, und der hatte gar nicht erst ein höfliches „Würden Sie mich bitte ausreden lassen“ versucht, sondern sofort auf Wegbeißen geschaltet. Dusini verstummte sofort. (Dass Dusini hier mit seinen zwei Kindern unterwegs ist und jeder denkt „die drei Dusinis! kchchchch“, ist natürlich völlig irrelevant und hat auch nichts mit Trapezkünstlern zu tun.)

    Danke, marie_sophie, Sie machen mich verlegen.

  4. Micha meint:

    Über Ihre Fähigkeit aus dem Gedächtnis derart reichhaltigen und komplexen Inhalt widerzugeben – selbst wenn Sie sich Notizen machen – staune ich.

  5. die Kaltmamsell meint:

    Ich schreibe mir nicht Notizen, Micha, ich schreibe so besessen mit, dass mir heute die Hand und vor allem der schwielige Mittelfinger weh tut. Wenn ich wörtlich zitiere, soll das auch genau so gesagt worden sein.
    Ich könnte heute mal ein Foto zeigen, wie meine Mitschrift aussieht.

  6. Jenny meint:

    Hui, vielen Dank für die Aufklärung dieses kleinen Duells, liebe Kaltmamsell, ungeahnte Spannungen, die dort ausbrechen. Ich persönlich erlebe Herrn Dusini aber eigentlich als eine Bereicherung für die Jury, auch seine Auswahl der Einladungen fand ich echt ganz gut.

    lg Jenny

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