Bachmannpreis 2014, Tag 3

Samstag, 5. Juli 2014 um 14:53

Heute muss ich schnell bloggen, um rechtzeitig um 16 Uhr zum Bachmannschwimmen am Wörthersee zu sein. Es hilft, dass heute wegen Ausfalls Karen Köhlers nur drei statt vier Texte gelesen und diskutiert wurden.

Das Mitschreiben war sehr anstrengend: Deutlich mehr Menschen als an den vergangenen beiden Morgen wollten ins ORF-Studio, erheblich mehr Sitze waren offiziell (also mit Aufklebern) reserviert. Ich hatte genug Erfahrung, mich umgehend auf eine Treppenstufe zu setzen, doch kurz vor Beginn der Sendung presste sich eine Frau zum Sitzen zwischen mich und die Stuhlreihe. Das war mir deutlich zu viel Körperkontakt mit einer Fremden, doch weil mir diese Überforderung peinlich war, floh ich und stellte mich an die Wand. Im Stehen ist Mitschreiben anstrengend. Und jetzt hadere ich damit, dass meine Aufzeichnungen entsprechend schwer lesbar sind. So sehen meine Protokolle übrigens aus:

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Christian Ankowitsch eröffnete mit einem Zitat aus einen Sonett von Robert Gernhardt und schlug stilvorbildlich die Brücke zwischen den derzeitigen beiden Großereignissen: Fußball und Bachmannpreis.

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Katharina Gericke las ihren Text „Down Down Down To the Queen of Chinatown“ vor. Ich mochte die Geschichte von Greta und Herrn Malou, mündlich geschrieben, gleichzeitig homerisch formelhaft, sehr lustig. Erstmals lachte das Publikum richtig. Irritiert war ich ein wenig von der theatralischen Vortragsweise – in diesem Jahr muss man da wohl durch.

Daniela Strigl hatte den Vortrag im Gegensatz zu mir genossen. Sie gestand, dass sie beim Erstlesen befürchtet hatte, „schon wieder eine Geschichte über eine einsame Frau“ vor sich zu haben, die der Text dann gar nicht war. Sie sprach vom Bezaubernden und Bewegenden, von dem „menschenfreundlichen Blick auf Menschen – und Hunde“. Strigl wies auf den Blankvers hin, mit dem durch Berlin gegangen werde. Ähnlich positiv äußerte sich Winkels. Er fragte nach dem Inhalt und seine Erheblichkeit. Da man Liebe nicht sprechen, nicht erzählen könne, sei diese Aufgabe auf die Oper verschoben worden. Um über Liebe zu sprechen, „muss ich permanent Allegorien entwerfen.“ Die Jurykollegen und -kolleginnen halfen ihm, den Titel der Erzählung als ein Lied von Amanda Lear zu identifizieren.

„Nicht große Oper, sondern klitzekleine Operette“ sah Meike Feßmann in dem Text. Doch sie mochte das Schräge, in dem sie die Herkunft der Autorin Moabit sah. Auch sie fand den Blankvers schön gemacht. Hildegard Keller äußerte eine „mittlere Lage des Vergnügens“. Sie habe sich bezaubern lassen. Könne es sich um eine „spätmoderne Ballade“ handeln, „zusammengehalten durch Refrain“? Ihr fiel auf, dass derselbe Satz in Wiederholungen ganz verschiedene Facetten herausarbeite.

Juri Steiner fühlte sich auf eine „phantasievolle Reise“ mitgenommen: „Man spürt, dass die gespielte Bühne des Lebens viel reicher ist als Aida.“ Auch Arno Dusini fand die Verschachtelung mit Oper „leitmotivisch schön gebaut“, bemerkte aber, der Text behaupte sehr große Bedeutung. Er rufe sogar Dantes Divina Commedia auf, das funktioniere aber nicht. Die Jambisierung nannte er „überzogen“: „Der Rhythmus ist etwas, was den Gegenstand klein macht.“ Strigl widersprach: Die jambische Konstruktion müsse man nicht verstehen, sondern spüren. Die Spannweite zwischen Popmusik, Aida und Göttlicher Kommödie mache die Kunst des Textes.

„Romantische Ironie“ war eine Haltung, die Burkhard Spinnen als Basis des Texts sah. Opern möge er gar nicht, es peinige ihn, dass er darin alles, was mit den Figuren geschehe, so wichtig nehmen müsse. In Gerickes Text sei die Unsagbarkeit der Liebe sehr kunstfertig dargestellt. Keller warnte die Jury davor, einzelne Wörter zu identifizieren auf ihre „Vorexistenzen“. Hier habe man es mit einem Spiel mit Versatzstücken zu tun. Auch Steinen verwies auf die Assoziationen, die durch den Rückgriff auf verschiedene Ebenen ausgelöst würden. Doch Dusini blieb dabei: Man könne nicht so tun, als könnte man das Gedächtnis an die Literatur wegschneiden. (Diese Debatte hörte sich für mich ungeheuer 80er an.)

Irgendwann stoppte Feßmann: Man habe durch die Diskussion „den Text in zu hohe Höhen geschraubt“, das werde ihm nicht gerecht.

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Auf Tex Rubinowitsch war ich sehr gespannt, unter anderem weil er der einzige Kandidat war, von dem ich bereits vorher etwas gelesen hatte (und weil ich ihn persönlich kenne). Er las „Wir waren niemals hier“, hastig und geschludert, macht beim Umblättern mitten im Satz Pausen. Seine Erinnerung eines Mannes an seine erste richtige Freundin vor 30 Jahre brachte das Publikum dann endlich mal schallend zum Lachen – auch wenn Tex sich vorher in Interviews beschwert hatte, dass ihm als komischem Autor niemand eine ernste Geschichte zutraue. Mich erinnerte die spezifische absurde Komik der Erzählung an den frühen John Irving.

Winkels wies darauf hin, wie in diesem Text Liebe an Abwesenheit gekoppelt sei: „Alles, was nicht gegenwärtig ist, ist stärker.“ Die Sprache sei nicht in klassischem Sinn literarisch, doch er mochte die „metonymische Verschmelzung von einer Szene zur nächsten“. Dusini lobte den erfrischenden Effekt des Textes: „Liebe ohne literarische Schwere verhandelt in sehr souveräner Art und Weise.“

„Er macht sich permanent zum Affen, sie gibt ihm Aufgaben“ fasste Feßmann zusammen, beschrieb den Protagonisten als „kritischen, skeptischen, zweifelnden Mann“. Das Verhältnis zur neurotischen Freundin sei der eigentliche Ursprung der Komik. Keller sprach von einem „Lakoniker mit Sexappeal – „das muss man erst mal zustande bringen“. Sie erinnerte der 2. Teil der Geschichte an Wolf Haas mit seiner Verdoppelung und Selbstbefragung. Der Text sei ein „Kommentar zur Erzählbarkeit einer Beziehung, die keine ist“. Doch in seiner „Pointenjagd“, als „Anekdotenkette“ sei er manchmal nachlässig erzählt.

Steiner amüsierte sich darüber, wie er als Leser der Spatzenpassage auf den Leim gegangen sei. Auch er beobachtete eine antiheldenhafte Existenz, wollte aber wissen, was wohl in den 30 Jahren seit dem Ereignis passiert sein könnte. Außerdem identifizierte er eines der vielen literarischen Zitate im Text. Strigl prompt: Der Autor könne sich glücklich schätzen, ein so gebildetes Publikum zu haben. Ihrer Ansicht nach macht die Beiläufigkeit den Charme aus, wehrte sich, nicht alles, was nach postmoderner Tradition klinge, sei Wolf Haas. Sie mochte den „ganz eigenen Ton“: „Es geht darum, Leben zu imitieren.“

Für Spinnen war es eine besondere Liebesgeschichte, weil es die erste richtige Freundin war (was er eigenartigerweise mit erstem Sex gleichsetzte). Schließlich sitze das 30 Jahre später immer noch. Er sah in dem Text „eine sehr nach vorne an die Rampe tretende Oberfläche“, doch dahinter etwas, das unbedingt gesagt werden musste. In Richtung Tex schimpfte er, er habe „scheußlich gelesen“ – was Strigl allerdings sofort in „kongenial“ unbenannte.

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Undankbarerweise abschließend las Georg Petz, der sein Autorenvideo für eine Ausbreitung seiner präskriptiven Poetik nutzte. Das ist natürlich gefährlich, weil man ihn an seinem Anspruch messen könnte. Seine Geschichte hieß „Millefleurs“: In einem jungen Paar stellt sie, Französin, ihrem Freund in der Normandie ihren alten Freund vor. Viel Kriegsvergangenheit, Rivalität zwischen den Männern, haufenweise Natur mit Metaphern und Bildern. Mich interessierte weder Handlung noch Figuren besonders.

Feßmann hielt zunächst ihren Respekt fest vor der Aufgabe, die sich der Autor stelle: Die Rivalität zweier junger Männer, Kriegsgeschichte, Männlichkeitsfragen in einen Text zu packen. Doch: „Ich finde, dass er das überhaupt nicht bewältigt.“ Es gebe viele Stellen „wo ihm die Metaphern auskommen, die Bilder aus dem Ruder laufen“. Ständig sei des Guten zu viel. Ähnlich äußerten sich in der Folge alle Jurymitglieder. Winkels fand es „geradezu noch nett“, was Feßmann gesagt habe, in jeder Sekunde gebe es erwartbare Bilder, der ganze Text habe „einen völlig überladenen Ton“. Dadurch habe der Leser keine Freiheit, er habe sich eingeschnürt gefühlt. Steiner zog die Parallele zu den Millefleurs spätgotischer Tapisserien: Das zentrale Motiv verschwinde in diesem Text hinter den dekorativen Elementen.

Keller, die den Text mitgebracht hatte, mochte ihn, weil er sich für Gefühle interessiere, der Erzähler ein lyrischer Mensch sei, er habe Sinn für Landschaft, Bewegung in der Weltgeschichte. Sie hob die Parallele zum D-Day heraus, dem Decision Day, lobte die verschiedenen Ebenen und die Art und Weise, wie Spannung erzeugt werde. Der Text leide hier darunter, dass es sich halt um die dritte Liebesgeschichte des Morgens handle. (Feßmann betonte später, der Text sei beim Lesen daheim nicht besser gewesen.)

Doch auch Spinnen sprach von den zu vielen Roben, die der Text trage. Er wies darauf hin, wie sich in dieser Begegnung mit dem Jugendfreund der Verlobten die Grenzen der Europäisierung gezeigt hätten. Doch er verbiss sich dann in die Schwimmszene: Der Duktus habe es ihm unmöglich gemacht festzustellen, wie der Kampf überhaupt ausgesehen habe. Kurz ging es dann zwischen Spinnen, Winkels und Feßmann über die gefühlte Bedrohung der Menschheit durch die Berührung zweier Männer.

Strigl kam darauf zurück, dass selbst der Protagonist die Sache langweilig finde. Der historische Untergrund sei zu präsent, es handle sich um Kunsthandwerk. Ähnlich fand auch Dusini schon die Anlage des Texts schwierig: Krieg, Männer, die um eine Frau kämpfen, Körper und Macht. „Dort, wo es nicht zusammengeht, springt eine Poetisierung ein.“

Als ich nach dem Schlusswort das Studio verließ, hörte ich einen anderen Zuschauer seine Nachbarin fragen: „Haben Sie darin eine Liebesgeschichte gesehen?“ Nein, tatsächlich nicht.

die Kaltmamsell

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