Journal Dienstag, 3. Mai 2016 – Tag 2 re:publica

Mittwoch, 4. Mai 2016 um 9:12

Morgens war es noch ganz schön frisch, als ich zum Gleisdreck radelte, doch ich sah neben den Wolken auch Blau am Himmel.

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Zum Start des Konferenztags ließ ich mir von Gunter Dueck darlegen, wie blöd ich und die Abläufe in Organisationen sind: “Cargo-Kulte.” Ich hatte den Herrn noch nie live reden sehen und war durchgehend unterhalten:
“Was eine Firma am schlechtesten kann, das schreiben sie auf ihre Tassen. ‘Team!’ ‘Innovate!’ ‘Win!'”

Mit vielen Beispielen belegte Dueck seine These, dass meist nicht inhaltlich nach Lösungen gesucht wird, sondern Rituale (in meiner Welt gern “Prozess” genannt wie in “da müssen wir einen Prozess aufsetzen”) zelebriert werden in der Hoffnung, dass die Lösung dann als göttlicher Lohn für die Anstrengung irgendwann auftauchen wird. Oder die Wissenschaft, die vor allem auf Studierendenebene nicht nach Methoden sucht, mit der eine Frage nützlich beantwortet werden kann, sondern bei Wissenschaftsritualen stehen bleibt (jede, die schon mal um Mitwirkung in einem Bachelorprojekt mit empirischem Teil mitgewirkt hat, weiß um deren Kindergartenhaftigkeit).
Dueck erntete viel Gelächter, ganz offensichtlich erkannten sich große Teile des Publikums wieder. Was mir fehlte, war die sachliche Untersuchung der tatsächlichen Funktion solcher Rituale: Sie tun ganz offensichtlich nicht, was sie vorgeben – aber vielleicht sind sie zu anderem gut? Dueck beschränkte sich auf die Behauptung, damit drückte sich die Arbeitswelt lediglich vor echter Arbeit.

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Sehr gespannt war ich auf Miriam Vollmers Vortrag “The United Nations of Internet” – und hätte ihr einen besseren Vortragsort als die Ecke der neuen Halle gewünscht, in der auch gestern unverstärkt und gegen Hallenlärm angeredet werden musste. Zumal ihr Vorschlag zur langfristigen rechtlichen Organisation der globalen Ressource Internet bestechend war: Parallel zur Verwaltung anderer Gemeingüter wie dem Meeresboden oder der Arktis könnte es auf der Basis einer internationalen Konvention gehandhabt werden. Ich war nicht als einzige beeindruckt von der Argumentation, es gab viele konstruktive Nachfragen.

Während dieser Session hatte mich per SMS ein Hilferuf aus der Arbeit erreicht, ein Schrankschlüssel wurde verzweifelt gesucht. Und schon war ich aus dem flauschigen Flow der Konferenz gerissen und angespannt. Ich werde an Urlaubstagen künftig alle Arbeitstelefonnummern blockieren müssen. (Ich hatte ausdrücklich nicht angeboten, für Notfälle erreichbar zu sein; früher als hochbezahlte Managerin sah ich mich in dieser Pflicht, als Sekretärin wirklich nicht.)

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Spontan beschloss ich einen kleinen Spaziergang, um in einem Supermarkt ein paar Einkäufe zu erledigen. Zurück schlenderte ich durch den Park am Gleisdreieck, setzte mich zu einer Brotzeit, sah Sportlerinnen und Hunden zu.

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Zurück in der Station sah ich einen Vortrag, von dem ich mir deutlich mehr versprochen hatte: “Colleague Robot – Industrie 4.0 and its Social Effects on Inequality and Society”. Doch es ging gar nicht um Industrie, sondern um Büroarbeitsplätze, entsprechend nicht um die neuesten Internetanwendungen in der Produktion, sondern um Bürodatenaustausch. Mit Ergebnissen, die seit 15 Jahren in den Medien wiederholt werden. Irritierenderweise wurde als technology mit gesellschaftlichem Einfluss nur Technik ab Einsetzen der Industrialisierung definiert. Ein verschenktes Thema.

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Hochspannend wurde es bei Carolin Emcke, “Raster des Hasses”. Frau Emcke trug Teile des Buches über Hass vor, an dem sie gerade arbeitet, und wie ich es aus ihren Samstagskolumnen für die Süddeutsche Zeitung kenne, waren ihre Gedankengänge komplex und gleichzeitig klar, war ihre Sprache einfach, doch nicht vereinfachend, scheute sie sich nicht vor den Fragen, auf die sie keine Antwort weiß. Stehender Applaus am Ende.

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Einen kurzen Einblick gewährte die Diskussion “Panama Papers: Investigative Journalism, the ‘Lügenpresse’ and the Age of Big Leaks”. Es prallten unvereinbar aufeinander die Forderung der Menschenrechtsaktivistin, alle vorhandenen Dokumente öffentlich zu machen, und die Priorität des Redakteurs, seine Quelle zu schützen (was die Aktivistin zu einem vorgeschobenen Vorwand erklärte).

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Deutlich bunter wurde es bei “Menstruale Phase im Netz” – welche Bewegungen und Darstellungen gibt es um die Menstruation. Vielseitig präsentiert, sehr informativ. POTUS Obama kam auch drin vor.

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Die Datteltäter auf der Bühne machten junges Kabarett und gehörten zur Ankündigung der Tincon. Wenn die Veranstaltung insgesamt so knackig und sympathisch wird wie die Show der Datteltäter gestern, können sich alle Teilnehmenden schon mal freuen.

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Abendliches Highlight: In derselben Atemluft sein wie Randall Munroe aka xkcd. Zunächst fürchtete ich, er würde einen Vortrag halten, den ich schon von YouTube kenne, doch das war nur die erste Hälfte.

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In der zweiten Hälfte ging er auf die Entstehung seines Buchs ein und wie er mit den tausend häufigsten Wörtern im Englischen komplexe Phänomene zu erklären versuchte (mehrfache Entschuldigung an die Übersetzer). Herzerfrischend.

Heimradeln in kühler Luft.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Dienstag, 3. Mai 2016 – Tag 2 re:publica“

  1. Nina meint:

    Naja, die anthropologische Ritualtheorie kennt durchaus noch andere Interpretationsmöglichkeiten von Ritualen. Ich halte sie z.B. in den meisten Organisationen, wozu ja auch Unternehmen gehören, eher für identitätsbegründend/-versichernd. Sie schaffen also vielleicht ein Wir-Gefühl. Und damit haben sie ja durchaus eine wichtige “Funktion”.

  2. eausp meint:

    „Was eine Firma am schlechtesten kann, das schreiben sie auf ihre Tassen. ‚Team!‘ ‚Innovate!‘ ‚Win!’“

    Und ich dachte bisher, dies wäre eher ein Problem der Firmen im Süden Europas.

  3. Modeste meint:

    Ich wünschte, ich hätte den Randall Munroe Vortrag auch noch verfolgen können, leider hat es dazu nicht mehr gereicht. Ich saß schon wieder im Büro und ruderte erregt telefonierend mit den Armen.

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