Journal Mittwoch, 7. September 2016 – Spätsommer über dem Viktualienmarkt

Donnerstag, 8. September 2016 um 6:55

Ein weiterer schöner Sommertag; ich fühle mich beschenkt. Doch die Eichhörnchen in den Grünanlagen, die ich passiere, sind offensichtlich bereits eifrig am Sammeln von Wintervorräten und Anfressen von Polstern.

Unauffälliger Arbeitstag. Der Plan, mittags in der Kantine zu essen, wurde durch die lange Schlage durchkreuzt; ich holte mir statt dessen einen (sehr guten) Kartoffelauflauf aus der Cafeteria.

Den Heimweg verlängerte ich durch eine Einkaufsrunde um den Viktualienmarkt.

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Das nachmittägliche Latwerge mit Hüttenkäse saß mir ein wenig quer im Magen; Nachtmahl entfiel mangels Hunger oder Appetit.

§

“What does depression feel like? Trust me – you really don’t want to know”.

Ein weiterer Versuch zu vermitteln, wie sich eine Depression anfühlt – anfühlen kann, denn es gibt große Unterschiede. Das Besondere an dieser konkreten Beschreibung: Die Details weichen von der üblichen zentralen Antriebslosigkeit ab, sondern umfassen auch solche:

Sometimes you may have the overwhelming desire to stand in the street and scream at the top of your voice, for no particular reason (the writer Andrew Solomon described it as “like wanting to vomit but not having a mouth”).

Zudem nennt Autor Tim Lott die Seiten an Depression, die für die Umgebung Mitgefühl so schwer machen können:

Other negative emotions – self-pity, guilt, apathy, pessimism, narcissism – make it a deeply unattractive illness to be around, one that requires unusual levels of understanding and tolerance from family and friends.

Daher ja auch gerne mal der Rat der Umgebung, sich “selbst etwas weniger wichtig” zu nehmen. Als wenn es in dieser Lage etwas gäbe, was Betroffene lieber täten. Sich selbst die größte Last zu sein, sucht sich niemand freiwillig aus, echt ehrlich.

So to the list of predictable torments, shame can be added.

Weiterer interessanter Punkt:

Admittedly, severely depressed people can connect only tenuously with reality, but repeated studies have shown that mild to moderate depressives have a more realistic take on life than most “normal” people, a phenomenon known as “depressive realism”. As Neel Burton, author of The Meaning of Madness, put it, this is “the healthy suspicion that modern life has no meaning and that modern society is absurd and alienating”. In a goal-driven, work-oriented culture, this is deeply threatening.

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 7. September 2016 – Spätsommer über dem Viktualienmarkt“

  1. Madame Graphisme meint:

    Vielen Dank für den Guardian-Artikel.
    Wenn er auch – wie fast alle Beiträge im Netz zu diesem Thema – die individuellen Unterschiede der Erfahrung zu Gunsten einer persönlichen Betrachtung nach hinten schiebt. Aber aus der gesammelten Menge der Artikel ergibt sich dann schon ein sichtbares Mosaik.

  2. berit meint:

    Other negative emotions – self-pity, guilt, apathy, pessimism, narcissism – make it a deeply unattractive illness to be around, one that requires unusual levels of understanding and tolerance from family and friends.

    Kann ich leider zu gut bestätigen. Es ist wirklich, wirklich hart dauerhaft für jemanden mit dieser Krankheit da zu sein.

  3. kecks meint:

    inwiefern ist es bedrohlich (“threatening”), dass das leben keinen sinn hat? und weshalb ist “absurd” ein negatives attribut? ich meine, man braucht keine depression, um die welt realistischerweise so zu beschreiben/zu erleben, und dieses erleben kann die basis großen glücks sein. gerade, weil die dinge so absurd sind! in solchen momenten erfreut immer wieder die lektüre von albert camus, oder auch gleich manches von brecht. der himmel über uns ist vermutlich leer – es ist alles sinnlos, aber es ist großartig!

  4. Pamela meint:

    was kecks sagt.

  5. Kai meint:

    “…requires unusual levels of understanding and tolerance from family and friends”
    – was berit sagt!

    Das überrascht mich nach 17 Jahren als Angehöriger einer Depressiven immer wieder, welche Frust-Aggressionen das manchmal bei mir auslösen kann. Stetig wie ein Wassertropfen höhlt diese Krankheit das Empathivermögen aus. Wichtig ist, das bei sich selbst zu erkennen und in diesem Moment Abstand zu gewinnen, damit man den Akku wieder aufladen kann.

    Das da aber “the healthy suspicion that modern life has no meaning and that modern society is absurd…” ist natürlich Quatsch.
    Dem kann man doch nur mit einem gerüttelt Maß an Nihilismus zustimmen. Als ob das Leben früher nicht “absurd” war, etwa für die Leibeigenen und Pächter, die einst 80% der Bevölkerung ausmachten. Der Unterschied zu früher ist lediglich, man hat es einfach als gottgegeben akzeptiert und nicht hinterfragt. Das macht das Leben merkbar einfacher.
    Das Leben an sich ist “absurd”, so what?

    Let’s face it guys: von allen Epochen der Menschheitsgeschichte leben wir (verwöhnten Mitteleuropäer) in der mit großem Abstand besten. Nie ging es so vielen, so gut. Nie waren die persönlichen Freiheiten für so viele, so groß.

    Es liegt nun an uns, diese Epoche noch besser zu machen. Trotz AfD und Trump…

  6. Eva meint:

    http://hyperboleandahalf.blogspot.de/2011/10/adventures-in-depression.html

    Die gezeichnete Geschichte einer Depression.
    Selbst seit gut 50 Jahren gänzlich unbetroffen, hat mich selten eine Schilderung so berührt

  7. die Kaltmamsell meint:

    Ja, Eva. Und ich mache mir große Sorgen, weil man seit fast drei Jahren nichts mehr von Allie Brosh hört.

  8. Berit meint:

    Die Kommentare eher als der Artikel

    http://gazettereview.com/2015/07/what-happened-to-allie-brosh-from-hyperbole-and-a-half-new-updates/

  9. Birgit meint:

    Ich persönlich kenne aus eigener Erfahrung auch agitierte Depressionen, Adrenalin auf 180, nicht mehr stillsitzen können, massive Unruhe, nur noch körperliche, geistlose Arbeiten durchführen können….. Bücher lesen und geistige Arbeit wegen ständigen Grübelns vollkommen unmöglich. Das Ganze gepaart mit massiver Verzweiflung und heftigen Schlafproblemen. Es ist wohl nicht so bekannt, dass sowas wohl sogar häufiger vorkommt.

  10. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank für den Hinweis, Berit, das erleichtert mich sehr.

    So ist es in schlimmen Zeiten bei mir auch, Birgit. Typisch scheint dieses Krankheitsbild der agitierten Depression vor allem bei alten Menschen zu sein, kommt aber halt auch bei jüngeren vor.

  11. Miss Janet meint:

    Birgit, ich hatte das auch so. Bloß noch schweren Schwindel draufgepackt. Das “Gute” war, dass es mir so schnell so massiv schlecht ging, dass ich noch nicht total ausgelaugt und resigniert war, noch die Kraft hatte, um mich zu schlagen um Hilfe zu bekommen, dann richtig viel Glück hatte, mit dem Krankenhaus, den Therapeuten, damit, dass ich ein noch intaktes Umfeld hatte. Ich weiß nicht, ob ich wieder gesund bin, auf jeden Fall ist dieses Gefühl “mir geht es gut, ich bin sicher und kann Alles schaffen” ziemlich weit weg. Aber das bedauere ich nur zur Hälfte, die aus dem Fehlen dieser Sicherheit resultierende Wachsamkeit ist mir sehr wertvoll, ich achte nun sehr genau auf meine Grenzen. Da ist jetzt diese eine, oberste Priorität in meinem Leben, die ich vorher nicht mal in Betracht gezogen habe. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um psychisch und emotional stabil zu sein, alles andere ist nebensächlich, unwichtig.

  12. Miss Janet meint:

    Keks, was Sie da beschreiben ist für mich das Befreiende an der Lebenseintellung des Punks. Wenn nichts einen Sinn hat, dann bin ich doch frei, so viel Spaß wie möglich in dieses pisselige Leben zu packen, mir die Absurdität des Normalen vor Augen zu führen und mir so wenig Sorgen zu machen, wie es eben möglich ist.

    Ich hab’s wirklich versucht, mit großen Erfolgen, aber dann hat mich der “Ernst des Lebens” leider doch gekriegt. Und der läßt einen nicht mehr so einfach aus seinen Krallen entkommen.