Archiv für März 2017

Lieblingstweets März 2017

Freitag, 31. März 2017

Diesmal sind Kurzgeschichten in Tweets dabei.

Nachtrag: Mehr Sammlungen von Lieblingstweets hat wieder Anne Schüßler gesammelt.

Journal Donnerstag, 30. März 2017 – korrekte Gefühle

Freitag, 31. März 2017

Ich wünschte, ich könnte mich über nicht bearbeitbare Anliegen einfach aufregen, doch ich ich frage mich in erster Linie, wie jemand dazu kommt (UND rege mich innerlich auf). Anfragen, zu deren Beantwortung 95% der Voraussetzungen nicht mitgeliefert werden. Oder Anrufer, die nicht mal ihren Namen nennen, eine Aussage treffen und dann warten. Ich bin sicher, dass diese Menschen erwarten, so zum Ziel zu kommen – wie ist wohl ihr Gedankengang dahinter?

Nochmal Frühling mit aller Macht und Sonne, aber mit Jahreszeit-gemäßer Frische und mit Wind.

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Das sehe ich auf Twitter immer häufiger: „Threads“ werden genutzt, um längere Gedankengänge oder Erlebnisse zu schildern. (Sie sehen am Herzchen, welche Beobachtung für mich am wichtigsten war. gez. Hulk)

via @dyfustic

Das erinnerte mich an die Gefühlspolizei, die mich zeitlebens kontrolliert und einordnet, ob ein Affekt korrekt und angemessen ist. Resultate:
Das viele Jahre lange schlechte Gewissen, weil ich doch so eine großartige Kindheit hatte, mich aber fast nur an unangenehme Gefühle erinnerte.
Schuld und Scham, weil ich solch großartige Jobs mit Erfolg und Anerkennung hatte, aber trotzdem morgens auf dem Weg in die Arbeit heulte.

Journal Mittwoch, 29. März 2017 – Blühende Bäume

Donnerstag, 30. März 2017

Ein herrlich sonniger Tag mit Schäfchenwolken.
Blöderweise kam jetzt die linke Seite meines Rachens auf die Idee mit den Schmerzen, zum Glück nicht so brutal wie die rechte am Wochenende. Wieder Aspirin, wieder Gurgeln, wieder kein eigentliches Krankheitsgefühl.

Feierabends auf dem Heimweg freute ich mich sehr am Blütenausbruch der Bäume, manchmal sogar mit Duft.

Journal Dienstag, 28. März 2017 – BH-Unfall sowie Edmund de Waal, The Hare with the Amber Eyes

Mittwoch, 29. März 2017

Ich habe das Gefühl, zwei Tage in einen gepackt zu haben.
Früh aufgestanden, weil ich zum Langhanteltraining ging.
Beim Anziehen nach dem Duschen im Sportstudio ein BH-Unfall: die Plastiköse, an der der rechte BH-Träger hinten befestigt war, zerbrach, der BH-Träger schnalzte nach vorne. Ich hatte keine Zeit, daheim einen anderen zu holen, schlüpfte also schnell in den schweißigen, müffelnden Sport-BH. Im Büro hatte eine Kollegin, der ich das Malheur erzählte, die rettende Idee: Sicherheitsnadel. Endlich zahlte sich aus, dass ich immer eine im Geldbeutel habe.

Tagsüber viel Hektik, aber zur Mittagspause die erste selbst gemachte Pastete des Herrn Kaltmamsell, edel und köstlich.

Pünktlich gegangen, weil ich einen Friseurtermin hatte. Durch einen warmen, sonnigen Frühlingstag spaziert, alle Spielplätze, Wiesen, Straßencafés, Draußensitzplätze voller Menschen. Mit dem Haarschnitt war ich wieder sehr zufrieden.

Abends Leserunde zu Edmund de Waal, The Hare with the Amber Eyes. Das Buch hatte allgemein gut gefallen, auch wenn wir uns einig waren, dass sich die erste Hälfte manchmal zieht. (Die beiden Mitlesenden, die nur die erste Hälfte geschafft hatten, waren entsprechend weit weniger angetan.)

Anhand einer Sammlung antiker japanischer Handschmeichler, Netsuke, erzählt der Autor hundert Jahre seiner Familiengeschichte, die der jüdischen Familie Ephrussi. Mir gefiel besonders, wie er seine Motivation der zweijährigen Recherche und des Aufschreibens begründet: Wie damals im dritten Reich das Hausmädchen Anne in Wien diese Sammlung rettete, indem sie Stück für Stück in ihrer Schürzentasche schmuggelte, ist eine Standard-Familienanekdote. Als Edmund de Waal sie mal wieder erzählt, schämt er sich seiner Oberflächlichkeit: Die Geschichte ist zu ernst, zu groß und wichtig, als dass sie zur unreflektierten Anekdote verkommen dürfte. Und so beginnt er zu recherchieren, zunächst anhand der Schriftstücke, die sein Vater hervor kramt. Er reist nach Odessa, nach Paris, nach Wien, nach Japan schildert die Pracht des Lebens einer Familie, die mit den Rothschilds auf Augenhöhe verkehrte, die als Kunstmäzene Werke von Renoir und Monet besaßen, heute Weltkultur. In Wien (dorthin kommt die Netsuke-Sammlung als Hochzeitsgeschenk) befindet sich die Familie auf dem Höhepunkt ihres Wohlstands und Einflusses, bevor die Nazis Hab und Gut und Leben rauben.

De Waal schildert all das sehr persönlich, eng verbunden mit seinem Erleben der Recherche, dennoch immer mit der Distanz des Forschers. Die Erzählung ist reich an historischen und beschreibenden Details (das mag die erste Hälfte ein wenig langatmig machen), mit dem roten Faden von Antisemitismus zu jeder Zeit und Kunstsinn. Der eigene unreflektierte Kolonialismus und Standesdünkel der Familie wird dabei ebenso nüchtern geschildert wie der Lichteinfall im Schlafzimmer des Charles Ephrussi, der Einfluss des Japonisme auf den Jugendstil, das Verhalten österreichischer Behörden nach dem Krieg beim Thema Restitution. Ich habe eine Menge gelernt, bekam so manches Fragment meiner Viertelbildung in größere Zusammenhänge gestellt (z.B. die Dreyfus-Affäre oder Japan nach dem 2. Weltkrieg). Empfehlung!

Journal Montag, 27. März 2017 – Wundersame Genesung

Dienstag, 28. März 2017

Wundersame Genesung: Nachdem mich nachts nochmal Halsschmerzen geweckt hatten und ich Schmerzmittel nachtanken musste, kamen sie am Tag nicht wieder. Ich konnte sogar fast schmerzfrei schlucken. Vielleicht hat jemand gestern Vormittag Globuli an einem Foto von mir vorbeigetragen?

Ein durchwegs sonniger Frühlingstag, allerdings weiterhin kühl.

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Kürzlich lernte ich, dass kognitive Systeme heute überraschend gute Ergebnisse liefern – dass die Forschung dahinter aber noch nicht weiß, wie sie dazu kommen, anhand welcher Kriterien. Das finde ich hochspannend, denn ich assoziierte: Wir haben die Antwort 42 bekommen und müssen jetzt die Frage dazu finden. Also begann ich, über kognitive Systeme und den Themenkomplex künstliche Intelligenz nachzudenken.
Zum einen fragte ich meinen hauseigenen Informatiker, wie ein Programm aussehen muss, das einer Maschine eigenes Lernen ermöglicht. Den ersten Teil der Antwort (neuronale Netze) bekam ich auf der samstäglichen Wanderung.
Und dann fand ich zwei sehr nützliche Artikel in der Zeit:
1. „Künstliche Intelligenz:
Die Suche nach dem Babelfisch“

Meine Begreifensschritte: Backpropagation und eine Ahnung, was Deep Learning bedeutet. (Und dass „künstliche Intelligenz“ eine wirklich schlechte Bezeichnung ist.)

Dann zur Suche nach der Frage mit der Antwort 42:
2. „Künstliche Intelligenz:
Die rätselhafte Gedankenwelt eines Computers“.

Layer-wise Relevance Propagation (LRP) heißt die Analysemethode. Sie lässt den „Denkprozess“ neuronaler Netze rückwärts ablaufen und macht so sichtbar, an welcher Stelle welche Gruppen von künstlichen Neuronen bestimmte Entscheidungen getroffen und wie stark diese zum Endergebnis beigetragen haben.

Was ich an beiden Artikeln mochte: Sie beschreiben den Stand der Forschung sowie die Rätsel, vor denen sie steht, sagen aber keine Folgen vorher; weder schlimme (Maschinen werden die Weltherrschaft übernehmen und uns alle umbringen!) noch positive (Weltfrieden). Eine Erleichterung.

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Desk lunch?

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/9jPweEW1D90

via swissmiss

Journal Sonntag, 26. März 2017 – Kränkliche Muße

Montag, 27. März 2017

Nachts war ich von Halsschmerzen aufgewacht und brauchte mehr Medizin dagegen. Das kenne ich ja gar nicht: Eine Rachenmandel, die nicht nur beim Schlucken schmerzt, sondern einfach so tobt.

Also erklärte ich mich für krank und verbot mir Sport, auch wenn ich mich außer den brutalen Halsschmerzen nicht krank fühlte. Umso egaler war mir die Zeitumstellung – aber würde ich zu einer Meinung gezwungen, verwiese ich darauf, dass ich die längere Feierabendhelligkeit sehr genieße (Balkon! Biergarten!). Beim Umstellen der Ofenuhr in der Küche musste ich gar nicht mehr in die Gebrauchsanweisung gucken.

Ab 10 Uhr hörte ich Radio: Bei Johnny Häusler und Spreeblick waren Sarah Kuttner und Stefan Niggemeier zu Gast, die einen neuen Podcast „Das kleine Fernsehballett“ machen.

Stefan Niggemeier kenne ich durch sein Blog ungefähr so lange wie das Internet, deshalb war ich verwundert, als Sarah Kuttner sein öffentliches Image mit „strenger, ernster Medienjournalist“ beschrieb – wir sprechen hier schließlich vom Erfinder des „Flausch am Sonntag“. Sarah Kuttner kannte ich nur vom Namen – theoretisch bin ich zwar die erste Generation Kabelfernseherin (in Ingolstadt als Pilotregion ab 1984), kenne MTV, seit ich 16 bin, Viva seit Gründung, und bei Altersgenossinnen lief der Fernseher wie davor das Radio. Nur dass ich nicht fernsehe, weil ich ohne Fernseher 1986 von daheim auszog und erst 1997 wieder einen ins Haus bekam – in dieser Zeit hatte ich diese Kulturtechnik verlernt. (Die ich durch die strenge Fernsehrationierung meiner Kindheit und Jugend eh nie richtig lernte.) Zu schätzen lernte ich Sarah Kuttner auf Twitter. Der Podcast ist leider nichts für mich, weil ich ja keine der besprochenen TV-Serien kenne. (Und weil ich mich immer wieder frage, woher die Leute die Zeit zum Fernsehen nehmen, weiß ich, dass ich offensichtlich völlig andere Prioritäten habe.)

Zum Radiohören verlegte ich das Bügeln auf vormittags und ließ mich von Niggis mitgebrachter Musik zum Quietschen bringen. Allerdings wunderte ich mich, weil ich ihn für 10 Jahre jünger als mich hielt: Wieso kennt der „Es war einmal der Mensch“? Das ist so alt, damals habe ich noch gefernseht. (Stellte sich heraus, dass er bloß zwei Jahre jünger ist.) War eine sehr nette Sendung.

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Kleiner Spaziergang in wundervoller Sonne – warm war’s aber nicht.

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Nachmittags Zeitung ausgelesen, dann Erebos von Ursula Poznanski. Die Grundidee und -struktur des Romans gefielen mir sehr gut, ansonsten ist er schlicht gemacht, wenn auch ohne größere Klischee-Unfälle.

Abends sah ich mir auf 3sat „Wie angelt man sich einen Millionär“ an, den ich tatsächlich noch nie ganz gesehen hatte. Hinreißende Dialoge, wunderschöne Kleider, drei Frauen wirklich im Mittelpunkt: Davon die verehrte Lauren Bacall völlig fehlbesetzt – sie wirkt wie jemand auf der Suche nach einem CEO-Job, nicht nach einem Ehemann. Marilyn Monroe konnte zwar nie für fünf Pfennig schauspielern, doch war sie eine wundervolle Komödiantin. Und Betty Grable (für die Rolle vielleicht das eine oder andere Jahrzehnt zu alt) lieben wir ja seit „Let’s Knock Knees“.

Journal Samstag, 25. März 2017 – Mandelmucken und Egglburg

Sonntag, 26. März 2017

Aufs Angenehmste ausgeschlafen.
Doch aufgewacht mit einer rechten Rachenmandel, die Golfballgröße anpeilte und brüllend schmerzte, bis hinauf ins rechte Ohr.

Als dann auch noch der Himmel bedeckt war, überdachte ich meine Wanderpläne: Ich ließ Herrn Kaltmamsell eine deutlich kürzere Strecke aussuchen als meine ursprüngliche Idee, vom Ammersee nach Tutzing zu wandern.

Während Herr Kaltmamsell eine aufwändige Pastete bastelte und in den Ofen schob, machte ich eine Einkaufsrunde. Jetzt kam tatsächlich die angekündigte Sonne raus, ich freute mich auf den Spaziergang. Wir frühstückten und machten uns per MVV auf den Weg nach Kirchseeon. Doch am Umsteigebahnhof in Trudering strandeten wir erst mal: Wegen eines Notarzteinsatzes fuhren keine S-Bahnen, der schnell eingerichtete Schienenersatzverkehr bestand aus Großtaxis, die hin und wieder vor dem Bahnhof anhielten und für die Menge der Gestrandeten zu wenige waren. (Ja, ich war grantig und sah meine Wanderpläne platzen, doch tatsächlich hatten die MVG innerhalb kürzester Zeit Info-Personal ans betroffene Gleis gestellt und eine Alternative für die gesperrte S-Bahnstrecke organisiert – mir fällt nicht ein, wie sie besser mit der Situation hätten umgehen können.) Nach nicht mal 45 Minuten fuhren die S-Bahnen wieder, wir kamen halt verspätet in Kirchseeon an.

In Sonne und kühlem Wind gingen wir über den Egglburger See und die Ebersberger Weiherkette nach Ebersberg, sahen Bussarde, Falken, fette Hummeln, eine quietschgelbe Schafstelze, meine ersten Schlüsselblumen der Saison und Buschwindröschen, so weit das Auge reichte. Am Egglburger See beobachteten wir Lachmöwen, sahen eine Kormoran-Kolonie auffliegen und weite Schleifen über den See ziehen. Am Ebersberger Marktplatz gab’s das erste Eis der Saison.

Aufstieg zur Egglburger Kirche.

Oberbayerische Begräbniskultur (nicht nur in fernen Landen sind Friedhöfe interessant).

Blick auf die Egglburger Kirche von der gegenüberliegenden Seite des Sees.

Schlüsselblumen, die mich an ihre vielen englischen Geschwister letztes Jahr in den Cotwolds erinnerten.

Nachdem ich auf dem Heimweg einige Male „AUA!“ sagen musste, nahm ich daheim dann doch Schmerzmittel gegen die immer lauter brüllende Mandel.

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Unterwegs unterhielt ich mich mit Herrn Kaltmamsell unter anderem über Blade Runner – für seine Jugend und seine Rezeption nachfolgender Filme hatte das Ridley Scott-Werk große Bedeutung.

Auf dem Blog Typesetinthefuture gibt es vom vergangenen Jahr einen einen ausführlichen Post:
„Blade Runner“.

Vorgeblich geht es um den Einsatz von Typografie im Film, tatsächlich aber ist der Text eine vielfältige Ausstattungsanalyse und Einordnung in seine Entstehungszeit.

via @alexmatzkeit

Ich legte mir gleich mal das heimische Exemplar der Romanvorlage raus (ein Flohmarktfund des Herrn Kaltmamsell aus den 80ern).

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Naomi Alderman (Romanautorin und Erfinderin von Zombies run) schreibt im Guardian über
„Dystopian dreams: how feminist science fiction predicted the future“.

Zentrales Werk ihrer Analyse ist Margaret Atwoods The Handmaid’s Tale1, das derzeit fürs Fernsehen neu verfilmt wird. Unter anderem erklärt Alderman, wie die Lektüre dieses Romans sie zur Entscheidung brachte, niemals ihren Namen gegen den eines Ehemanns zu tauschen.

Das Schöne am Leben mit einem Science-Fiction-Fan ist, dass ich fast alle aufgeführten Autorinnennamen in unserer Bibliothek finde.

  1. Habe ich hier schon mal festgehalten, dass mein claim to fame darin besteht, dass ich an der Uni mit jemandem zusammengearbeitet habe, der sich während seiner Promotion das Büro mit Frau Atwood teilte? []

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