Journal Samstag, 27. Mai 2017 – Wanderung um Geltendorf

Sonntag, 28. Mai 2017 um 9:25

Zu Sommersonnenlicht aufgewacht, neben mir den einzigen Menschen, dessen Anwesenheit im gleichen Bett ich nicht nur ertrage, sondern genieße, dazu das Wissen, dass ich nicht in die Arbeit muss, von irgendeinem Traum froh gestimmt, Aussicht auf köstlichen Milchkaffee.

Für den gestrigen Samstag hatte ich mit Herrn Kaltmamsell Wandern geplant – egal welches Wetter auch kommen würde. Denn wir müssen langsam mit Üben für unseren Wanderurlaub in Nordspanien anfangen, in dem die Tagesstrecken zwischen 18 und 28 Kilometer bei einigen Höhenunterschieden betragen werden. Und bei dem wir uns das Wetter zwischen 35 Grad Sonnenhitze und waagrechtem Regen auch nicht werden aussuchen können. Es traf ein: ein Sommertag unter wolkenlosem Himmel, ziemlich heiß. Zudem stellte sich die Strecke um Geltendorf als überwiegend schattenlos heraus (wie bei einer Küstenwanderung am Atlantik), zum Glück wehte aber ein angenehm frischer Wind (wie am Atlantik!). Die angegebenen 15 Kilometer waren dann allerdings gemessen 18, so verwunderten die vier Stunden Gehzeit statt der angegebenen 3 1/4 nicht.

Ich hatte schon auf meiner vormittäglichen Einkaufsrunde (Reinigung, Schusterin, Eataly) gemerkt, dass ich eher unfit war, mit schweren Beinen und wackligem Gang. Wie gut also, dass wir uns gegen die 25-Kilometer-Wanderung entschieden hatten. Am Ende der Runde waren wir dennoch beide reichlich geschafft, wir werden mehr üben müssen.

Die Landschaft, durch die wir gingen, war von konventioneller Landwirtschaft geprägt: Sehr große Felder mit Getreide, Kartoffeln, Wiesen – aber soweit ich erkennen konnte, kein Mais.

Wir Oberbayern können auch Kirchen ohne Zwiebelturm. Hier die von Hausen (St. Nikolaus ist ja auch aus dem 16. Jahrhundert) mit verfallendem Bauernhof nebenan.

Wir kreuzten eine ausgedehnte Baumschule. Hier die Pappelschule – aus ihrem Rauschen schloss ich, dass gerade Sprachunterricht erteilt wurde.

Nachtrag: Wie wundervoll der Wind Wellen im jungen Korn schlägt.

Unbekanntes Blümelein zwischen Feld und Straße kurz vor Eismerszell – ob sich unter den Lesern und Leserinnen wieder jemand findet, der mir bestimmen hilft?

Das Entertainment Center von Eismerszell. Ich fand sogar ein Zwanzgerl im Geldbeutel und ließ mir einen großen Kugelkaugummi raus, der frisch und aromatisch schmeckte.

Kurze Pause mit Apfel. Herr Kaltmamsell ließ sich nur widerwillig im nackten Gras nieder: Er trug eine kurze, lediglich Knie bedeckende Wanderhose und fürchtete Attacken der “Natur”. Recht hatte er mit dieser Befürchtung allerdings erst auf der anschließenden langen Waldstrecke mit vielen kleinen Tümpeln: Wir waren von aggressiven Mückenschwärmen umschwirrt, die uns zu einer unwürdigen Zappelgangart mit Armwedeln zwangen.

Wir sahen viele Schwalben, sowohl Mehl- (kurzer Schwanz) als auch Rauch- (lange Schwanzspitzen), Kühe, Pferde, Greifvögel, Krähen.

Das Manko der Route: Keine Bankerl, nicht mal an den regelmäßigen Wegkreuzen – wie, bitte, sollen sich Gläubige da besinnen, gar beten? Oder Wanderer ausruhen?

Bei der Rückkehr in München waren unsere Beine so schwer, dass wir uns das kurze Stück vom Starnberger Flügelbahnhof nach Hause mit der Tram fahren ließen. Entspannung bei Aperol Spritz auf dem Balkon, zum Nachtmahl aufgewärmtes Lamm a la Ossobuco.

§

Die Titelgeschichte des aktuellen SZ-Magazin erzählt, wie Bibiana Steinhaus die erste weibliche Schiedsrichterin der deutschen Fußballbundesliga wurde. Sie ist sehr lesenswert, unter anderem, weil sie viele Hintergrundinformationen über das DFB-Schiedsrichterwesen miterzählt – die ich von einem früheren Kollegen kannte, der selbst Fußballschiedsrichter ist. (Und der mir das Buch Ich pfeife schenkte, nochmal Empfehlung.)

Gleichzeitig füllte sich mein Herz mit Kummer. Ich erinnerte mich, wie 1988 die erste Lufthansa-Pilotin Schlagzeilen machte (zur Einordnung: zwei Jahre nach meinem Abitur). Und wie ich mich zusammen mit meiner Mutter empörte, dass das überhaupt bemerkenswert war. Wir waren uns einig: Erst wenn allein das Detail des XX-Chromosomensatzes keine Schlagzeilen mehr erzeugen würde, wäre Normal Null erreicht. Fast 30 Jahre später ist unsere Gesellschaft offensichtlich noch nicht viel weiter.

Online ist der Artikel des SZ-Magazin (“Ich kenne das Risiko. Es ist mir voll bewusst.”) leider nur für Geld (ab 1,99 Euro) zu lesen.

§

Schön beschrieben: Wie man in Diskussionen Statistiken am leichtesten aushebelt.
“Statistiktricks”.

die Kaltmamsell

5 Kommentare zu „Journal Samstag, 27. Mai 2017 – Wanderung um Geltendorf“

  1. fxf meint:

    Das könnte das Orangerote Habichtskraut sein.

  2. Trude meint:

    Da schließe ich mich an, haben wir in der Wiese im Garten und werden es nicht los. Meine Oma sagte dazu: Hundeblume *lach*.
    Wenn’s blüht sieht’s schön aus.
    Winke in den Sonntag.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Vielen Dank, fxf, Trude, das war’s sehr wahrscheinlich.

  4. maz meint:

    Und zwei Jahre vor meinem… irgendwie geht es kaum voran.

  5. Eine Leserin meint:

    Es könnte sich um eine Kurzumtriebsplantage handeln, statt um eine Baumschule, für Biomasseproduktion…
    Dankeschön für’s Aufschreiben und Teilen, dieses und die vielen anderen Male.

Sie möchten gerne einen Kommentar hinterlassen, scheuen aber die Mühe einer Formulierung? Dann nutzen Sie doch den KOMMENTAROMAT! Ein Klick auf einen der Buttons unten trägt automatisch die gewählte Reaktion in das Kommentarfeld ein, Sternchen darüber und darunter kennzeichnen den Text als KOMMENTAROMAT-generiert. Sie müssen nur noch die Pflichtfelder "Name" und "E-Mail" ausfüllen und den Kommentar abschicken.