Journal Samstag, 18. November 2017 – Kanonsingen mit der Kaltmamsell

Sonntag, 19. November 2017 um 9:04

Auf dem vormittäglichen Weg zum Olympiabad radelte ich wieder auf der Schleißheimer Straße an diesen beiden Katzen vorbei und freute mich. Zum einen habe ich eine kleine, seltsame Schwäche für Genossenschaftsbaukunst,1 zum anderen spielte mein Gehirn – das ohnehin dazu neigt, assoziierte Musik sofort einzuspielen – jedesmal den Kinderkanon „Miau, miau“.

Kanonsingen ist etwas sehr Schönes und die einfachste Form, mehrstimmig zu singen. Nur dass man dazu noch jemanden braucht, der meist nicht zur Hand ist. So lebe zum Beispiel ich mit jemandem zusammen, den ich als Partner in allen Belangen schätze – nur dass er nicht singen kann. Und da dachte ich mir: Biete ich Ihnen doch einfach meine Stimme für einen Kanon an. Die Einsätze sind jeweils nach zwei Zeilen. Wenn Sie den Kanon noch nicht kennen, hören Sie ihn sich an, singen Sie mit – und nach zwei-, dreimal Mitsingen mögen Sie ihn vielleicht auch im Kanon mitsingen. Hier stehen die Noten dazu.

Miau, miau, hörst du mich schreien?
Miau, miau, ich will dich freien.

Folgst du mir aus den Gemächern,
singen wir hoch auf den Dächern.

Miau, komm geliebte Katze,
miau, reich mir deine Tatze.2

(Dank an Herrn Kaltmamsell für die Hilfe bei der Bereitstellung der Tondatei.)
(Nachtrag: Herr Kaltmamsell hatte so Dringendes zu tun, dass er begeistert statt dessen die Tondatei in eine Endlosschleife umwandelte.)

§

Schwimmen war schön, brachte mir allerdings einen Chlorschnupfen ein, der mich abends zum Nasenspray greifen lies – damit ich schnaufen konnte.

Nachmittags Einkaufsrunde mit Achtsamkeitsarbeit – womit ich Empathie meine und auf die Umgebung zu achten. Nach nachvollziehbaren Appellen von Menschen, die mit den Ärmsten in unserer Gesellschaft arbeiten, habe ich seit einiger Zeit immer Münzen bei mir, um sie Bettlern und Bettlerinnen zu geben; mir als Innenstadtbewohnerin begegnen sie täglich. Es war mir sehr unangenehm, als ich auf einem Arbeitsheimweg letzthin der alten Frau an Rollator begegnete, die mich wieder um „Geld zum Einkaufen“ anbettelt, und ich das ihr zugedachte 2-Euro-Stück gerade ausgegeben hatte.

Doch zur Arbeit an mir. Bettlerinnen und Bettlern Geld zu geben ist das eine, das andere ist das Wie. Meine böse, arrogante Seite fühlt sich immer noch genervt („Eure Armut kotzt mich an“ / „Pah, wenn ich so arm wäre wie ihr, wäre ich nicht so lange arm.“), und muss mühsam erzogen werden. Gestern habe ich es glücklicherweise wieder ein Stück gelassener und freundlicher geschafft, als mich in einem U-Bahn-Zwischengeschoß ein Herr anbettelte, dem ich schon mal (leider mit brüsker Geste) meine Streifenkarte geschenkt hatte. Ich grüßte anständig und gab ihm mit hoffentlich freundlichem „Kommen’S her“ Geld. Dass ich seine Erklärungen, warum er Geld brauche, mit „Keine Rechtfertigung nötig“ abschnitt, war dann wieder nicht so nett. Baby steps.

Es war den ganzen Tag derart kaltdüster, dass jetzt sogar ich bereit wäre für Schnee – der macht wenigstens ein bisschen hell.

§

Zu den Blogs der Klasse „Everybody has a voice“ gehören auch Blogs von Journalistinnen, die im Web ihre Expertise einfach so zur Verfügung stellen. Johanna Bayer scheint in ihrem Blog Quark und so zu genießen, dass sie genug Platz für wirklich tiefe Auseinandersetzung mit Themen hat. Zum Beispiel um mal wieder die Polemik zu sezieren, Zucker fungiere im Körper als Droge wie Kokain:
„Visite beim NDR: Neues über Zucker und Kokain. Aus der Epoch Times.“

Ob Essen oder irgendein Stoff im Essen trotzdem süchtig machen könnte, ist zur Sicherheit geklärt worden: Forscher haben im Auftrag der EU 2013 ein internationales Konsenspapier erstellt, das die Lage zum Thema Essen und Abhängigkeit – Food and Addiction – sondiert.

Demnach gibt es kein einzelnes Lebensmittel oder einen Inhaltsstoff, der abhängig macht wie eine Droge, die reinen Genussmitteln Alkohol und Kaffee ausgenommen.

Bisher sieht es nicht so aus, als ob sich die Einschätzung sich ändert.

Das heißt nicht, dass es nicht Menschen mit suchtartigem oder suchthaftem Essverhalten gibt. Und dass sie nicht genau die charakteristische Veränderungen im Gehirn aufweisen, die denen von Drogenkonsumenten ähneln. Oder tatsächlich eine suchtartige Gier nach Süßem, aber besonders auch nach Fettigem entwickeln könnten. Darauf sind wir nunmal biologisch geeicht.

Aber es geht dabei nicht um einen chemischen Stoff, der das Gehirn manipuliert. Sondern um das gestörte Verhalten und das ständige Wiederholen: Menschen werden nicht süchtig nach den Substanzen Zucker oder Fett. Sondern abhängig vom Essen als zwanghafte Handlung.

  1. Das mag daran liegen, dass ich in einem Ingolstädter Wohnblockviertel aufgewachsen bin, in dem viele Gebäude solchen und ähnlichen Wandschmuck trugen, mit tendenziell christlichen Motiven, weil vom St.-Gundekar-Werk gebaut. Und für mich als kleines Kind waren diese riesigen Bilder rätselhaft und faszinierend. []
  2. Ich konnte nirgends ein Urheberrecht zum Text finden und hoffe, dass er wirklich so gemeinfrei ist, wie es aussieht. []
die Kaltmamsell

16 Kommentare zu “Journal Samstag, 18. November 2017 – Kanonsingen mit der Kaltmamsell”

  1. Anna meint:

    Ach wie schön, habe gerade sehr gerne mit Ihnen im Kanon gesungen. Mir fehlen hier auch immer die mitsänger. :-)

  2. arboretum meint:

    Sehr schöne Idee. Den Kanon kannte ich noch nicht. Großartig, wie Motiv, Kanon und Straßenschild zusammenpassen.

  3. kecks meint:

    ad genossenschaftskunst: aaaah, so großartig!
    ad chorgesang: noch großartiger! ich weiß nicht, ob sie’s schon kennen, aber die macher des kneipenchors treffen sich einmal im monat oder so zum gemeinsamen, zwanglosen singen im milla, gleich bei ihnen um die ecke: open pop choir, arbeitstitel „go sing choir!“ ist toll. offen für alle, keine warteliste, keine notenkenntnisse erforderlich. http://www.gosingchoir.de/

  4. Eva meint:

    Ach, wie schön!
    Katzen, Gesang, und dann noch Farinelli (obwohl Ihre Stimmlage deutlich tiefer ist!)
    Schönen Sonntag noch,
    Eva

  5. giardino meint:

    Ich weiß, das war anders gedacht, aber auch so kann man diesen Kanon schon in Gänze erstrahlen lassen. Sie hören das Kaltmamsell-Trio mit Miau Miau. :)

  6. Eva Maria meint:

    Werte Frau Kaltmamsell – für singfreudige Menschen ohne familiäre Singbegleiter kann ich nur wärmstens „Chanten“ empfehlen (auch für Menschen die vermeintlich „nicht singen können“ geeignet !!). Chanten ist Singen ohne Leistungsdruck, nur mit purer Freude. Entspannung (die viel gerühmte) kommt von selbst und auch wieder ein bissl mehr Freude am und im Leben (ich kenne die dunklen Tage). In München gibt’s http://www.klangheilzentrum.de/klangheilzentrum-muenchen.html (Nicht vom Titel abschrecken lassen, ich hab mit esoterischem Gedöns auch nix am Hut!)

  7. Joël meint:

    Ich wusste dass sie so schön singen können.

    @Giardino Genial!!!

  8. Christine meint:

    Der Kanon weckt ja ganz alte, verschüttete Kindheitserinnerungen. Vielen Dank dafür.

  9. caterina meint:

    Oh, Farinelli auch noch….. Singt da an der Hausmauer ein Kastratenkater?
    caterina

  10. Pixelpu meint:

    Dieses wunderschön rollende R!

  11. Hauptschulblues meint:

    Hauptschulblues hat mit Ihnen den Kanon gesungen. Dass Herr Kaltmamsell nicht singen kann, glaube ich nicht. Jeder Mensch kann es. Es klingt vielleicht nur etwas anders, was aber nichts macht.

  12. Eva meint:

    Frau Kaltmamsell & Giardino: You made my day!

  13. Christine meint:

    Jeder Mensch kann singen. Aber nicht jeder will es. Was schade ist, aber zu akzeptieren.
    ~
    Ich finde die großen Kunstwerke an den Gebäuden auch immer großartig und freue mich an der Kunst der 50er&60er. Und wollte schon immer mal in Erfahrung bringen, ob die Kunstwerke für meine Stadt irgendwo katalogisiert sind. Die normale Kunst im öffentlichen Raum ist es.
    ~
    Wenn ein Bettler einfach um des Bettelns Willen bettelt bin ich eher bereit ihm Geld zu geben, als wenn er zwei Euro für ne Suppe haben will. Was offensichtlich gelogen ist. Und ich lasse mich nicht gerne anlügen. Dann lieber „Hasse ma ne Maak?“

  14. iris meint:

    vielen dank, frau und herr kaltmamsell und herr giardino, sie haben mir eine große freude bereitet!

  15. FrauC meint:

    Hach, ich bin zu spät, hier würde alles schon gesagt – vom rollenden R bis zur Begeisterung über das Kaltmamsell-Trio.
    Also nochmal: was für eine lustige Idee, vielen Dank!

  16. Cecilia meint:

    Auch ich habe mit Ihnen gesungen und mich den ganzen Tag lang über den Ohrwurm gefreut. Danke!
    Wie Sie bemühe ich mich seit einiger Zeit um etwas mehr freundliche Aufmerksamkeit gegenüber bettelnden Menschen; leider gelingt mir das nicht immer gut.

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