Archiv für Januar 2018

Journal Dienstag, 30. Januar 2018 – Berlin, die wacklige Heimreise

Mittwoch, 31. Januar 2018

Frau Kaltmamsell, fühlen Sie sich nach der Prämierung bei den Goldenen Bloggern besonders unter Druck beim Tagebuchbloggen?

Och. Ich bin seinerzeit mit dem Druck nach dem Klarnamen-Outing klargekommen und mit dem nach der schriftlichen Androhung einer Abmahnung. Mich entspannt der Grundgedanke, dass man eigentlich hier nur freiwillig mitliest.

Mittlerweile stehen auf der Website Goldene Blogger alle Gewinne und einige Fotos der montäglichen Gala. Und Mademoiselle Read on hat dem RBB ein schönes Interview gegeben, in dem sie erklärt, dass das Web auch gut sein kann.

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Viele Follower-Anfragen zu meinem auf privat gestellten Twitter-Account: Das Abarbeiten dauert, da ich aus guten Gründen nicht öffentlich twittere und ich mir die Anfragenden erst mal genau ansehe. Wenn ich keine Möglichkeit dazu habe – selbst auf privat gestellt, gar kein Tweet oder ausschließlich Retweets – und bei Schwanken klicke ich eher „Decline“. Anhaltende Verwunderung über Twitterer, die in der Biografie als erstes die berufliche Stellung nennen, „hier privat“ betonen, aber dann ausschließlich Berufliches twittern.
(Und dann gibt’s noch die Anfragen, die ich akzeptiere, weil ich denke: Die entfolgen eh nach zwei bis drei Tagen, weil sie etwas Anderes erwartet haben.)

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Morgens war ich sehr durch den Wind: All die bezaubernde Aufmerksamkeit kann Kater erzeugen. Außerdem hatte sich mein Gedärm ausgerechnet die Nacht nach der Gala für Kapriolen ausgesucht – es hatte bereits am Nachmittag gegrummelt.

Vor dem Berliner Hauptbanhof saßen und hüpften Stare an Stellen, an denen ich sonst Tauben oder Spatzen gewohnt bin – sehr eigenartig. Ich suchte in diesem Einkaufszentrum mit Gleisanschluss ziemlich lange nach einer Bäckerei, die mir Kaffee und Reiseproviant verkaufte, das scheint nicht vorgesehen.

Ich sah zum ersten Mal deutsche Außenwerbung mit einer Hijabi – es wurde Zeit.

Meine müde und kränkliche Benebelung führte dazu, dass ich auf der Bahnfahrt (pünktlich, problemlos) vor allem aus dem Fenster sah, hin und wieder die Gratulationen auf allen Online-Kanälen checkte, aber dann zum Glück zumindest genug Aufmerksamkeit hatte, um Zoë Becks Die Lieferantin auszulesen: Ein richtig gut gemachter Krimi („Thriller“ wie auf dem Buchtitel hätte ich den Roman nicht genannt), Handlung und Sprache sauber gearbeitet. Die Geschichte (kein who done it, wir wissen immer, wer was gemacht hat – vielleicht deshalb die Einordnung als „Thriller?) handelt in einer nahen Zukunft in London, es geht um Drogengeschäfte und -politik, um Nationalismus, organisierte Kriminalität und wunderbar viel Technik. Angenehmerweise stören keine Liebesgeschichten. Die Charaktere sind genau genug gezeichnet, dass ich sie glaubte und mich hineindenken konnte.

Daheim in München ging ich nach dem Auspacken eine Runde Einkaufen: Ich hatte große Lust auf Salat zum Abendessen und besorgte die Zutaten: Radiccio, Thymian, Gorgonzola.

Minimale Veränderungen auf den Abendbrottisch, ahem.

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Katrin Scheib, unser aller Moskau-Korrespondentin, hat schon vor einiger Zeit einen berühmten Hersteller von Ballettschuhen besichtigt, Grishko. Jetzt steht ihr bebilderter Bericht dazu online:
„So viel rohe Gewalt steckt in einem Spitzenschuh“.

Journal Montag, 29. Januar 2018 – Berlin, Tag 3 und ein Goldener Blogger für mich

Dienstag, 30. Januar 2018

Den Vormittag verbrachte ich im Berlin der Jahrhundertwende (19./20.) ganz im Süden bei einem wunderbaren Frühstück mit der späteren Gewinnerin des Goldenen Bloggers für das beste Blog 2017 (da lesen Sie ja eh).

Ich fuhr nochmal zurück ins Hotel und zog mich für die Gala zur Verleihung der Goldenen Blogger um. Vor der Veranstaltung war ich aber noch im ausgesprochen uncoolen und wundervollen Nö! verabredet (die Website ist ein Museumsstück, sollten Sie unbedingt angucken und ihren Kindern zeigen: Ungefähr so sahen Websites um die Jahrtausendwende aus).

Auf dem Weg zum Treffen wartete ich gerade an einer roten Ampel, die mich über Unter den Linden lassen sollte, als mich eine Frau ansprach, die ich aus dem Internet kannte: Großes Hurra, und als ich ihr erzählte, dass ich auf dem Weg zu einem Treffen mit Frau Indica sei, stellte sich heraus, dass sich die beiden ebenfalls vor Kurzem getroffen haben. Berlin und Großstadt, pft – es geht zu wie in Eichstätt auf dem Marktplatz.

Mit Frau Indica brachte ich mich auf den neuesten Stand des Lebens (weder Details noch die großen Bögen bekommt man übers Bloglesen mit), aß einen ausgezeichneten Flammkuchen mit Blutwurst, Sauerkraut, Roter Bete, Meerrettich.

Im Nieselregen spazierten wir zur Gala zur Verleihung der Goldenen Blogger. Es war alles wunderbar glatt und entspannend professionell organisiert – vielen Dank. Mit ein paar Mitnominierten sammelte ich mich in einem hinteren Eck. Daniel, Franzi, Thomas und Christiane als Organisatoren und Präsentatorinnen der Gala hatte eine richtig gute Show zusammengestellt, wechselten sich mit Vorstellung und Ansagen ab, präsentierten jeden Preis auf andere Art und mit einem anderen bunten Einsprengsel: U.a. fragte Daniel ein Quiz zur Archäologie des Bloggens ab – in dem Lyssas Lounge eine der richtigen Antworten war (ich schwanke zwischen Wehmut und hysterischem Gelächter). Jetzt warte ich auf die Web-Edition von Trivial Pursuit, ein Panini-Album Webstars gibt’s ja schon.

Abgestimmt wurde im Saal per Lautstärke (App auf dem Telefon von Thomas Knüwer) oder online per Abstimmungstool, das jeweils fünf Minuten lang freigeschaltet war.

Für die Abstimmung zum besten Tagebuchblog 2017 wurden wir drei Nominierten, Barbara Bierach aus Irland, das Taxiblog „Gestern Nacht im Taxi“ und ich, auf die Bühne gebeten. Und wo ich schon nicht recht verstehe, warum überhaupt jemand das lesen mag, was ich hier so vor mich hin schreibe – bekam die Vorspeisenplatte die meisten Stimmen in der Online-Abstimmung. Ganz herzlichen Dank an alle, die dabei mitgeholfen haben!
(Wenn ich auch noch nachprüfen werde, ob nicht jemand von den Nifften ein Skript gebastelt hat.)

(Foto: Frau Indica)
Ich freue mich sehr.

Meine Chance auf Dankesworte an die Academy, meinen Mann, meine Eltern, meinen Bruder mit Familie und meinen Griechischlehrer Nusser musste ich ungenutzt lassen, weil ich wahrheitsgemäß stotterte, ich hätte nur mein graceful loser face geübt.

Und dann ging auch noch der Preis für das beste Blog des Jahres 2017 an dasjenige, das es tatsächlich war: Read on, my dear.

Das Fräulein im Blitzlichtgewitter.

Weil Marie Sophie die wundervolle Marie Sophie ist und jeden Tag der 317 Tage dauernden Haft von Deniz Yücel eine Postkarte ins Gefängnis schreibt, nutzte sie die Gelegenheit, den Brief für Tag 318 an ihn vorzulesen und alle Anwesenden um eine Unterschrift zu bitten (hier das Ergebnis).

Die Organisatoren hatten Buffet auffahren lassen, anschließende Party mit Wein, Futter verschiedener Art – es war ausgelassen und fröhlich. Eine wirklich schöne Veranstaltung.

Wenn Sie ein paar Eindrücke gucken möchten: In der ZDF-Mediathek steht ein Beitrag. (!) (!!) Darin auch Mademoiselle Read on, die in Worte fasst, was wir einst von der Bloggerei erhofften: „Dass man die Welt besser verstehen kann, wenn man über die Welt und was in ihr geschieht Geschichten erzählt.“ Diese Hoffnung gebe ich so schnell nicht auf.

Journal Sonntag, 28. Januar 2018 – Berlin, Tag 2 / Spielanleitung Goldene Blogger

Montag, 29. Januar 2018

Das Berliner Wetter entschuldigte sich für den samstäglichen Sonnen-Fauxpas mit Düsternis, Regen und Wind.

Für die fußläufige Frühstückseinladung fand ich einen überraschend akzeptablen Bäcker: Steinecke. Die geflochtenen Laugenkringel hielten dem Vergleich mit Münchner Laugenzöpfen durchaus stand. Lange Gespräche mit der einladenden Freundin, Freude über das Wiedersehen mit ihren Kindern. Dazwischen schien jetzt sogar wieder die Sonne.

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Wenn Sie bei den Goldenen Bloggern heute Abend von Daheim mitspielen wollen:
Irgendwo auf dieser Website wird ab 19 Uhr die Gala übertragen. Und das Charmanteste an der ganzen Veranstaltung: Die Modalitäten der Gewinnerermittlung werden erst am Abend selbst bekannt gegeben. Fest steht nur, dass sie sich aus den Stimmen der Jury, des Saalpublikums und Online-Stimmen zusammensetzen wird. Online abstimmen wird man hier können. Vielen Dank schon jetzt für Ihre guten Wünsche. Graceful loser face müsste ich nach langem Üben beherrschen.

Journal Samstag, 27. Januar 2018 – Anreise Berlin, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Sonntag, 28. Januar 2018

Herr Kaltmamsell ist schon arg niedlich, wenn er maximal nervös in seiner Zimmertür steht und hibbelt, weil ich noch nicht aus dem Haus bin, nicht mal angezogen, und doch schon in nur gut einer halben Stunde (= 40 Minuten) mein Zug geht (zu dem es 15 Fußminuten sind).

Selbstverständlich blieb mir am Bahnhof sogar noch Zeit, Proviant einzukaufen. München verabschiedete sich mit düsterem Hochnebel, den ich als Übung für das Berliner Januarlicht ansah.

Der ICE (erstmals die neue schnelle Strecke) war bis Nürnberg sehr voll, auch mit Passagieren ohne Platzreservierung. Dann lichteten sich die Reihen. Dennoch litt ich darunter, dass mein Geruchssinn derzeit sehr verfeinert ist (Hormone?): Den Fahrgast mit starkem Schweißgeruch konnte ich nicht lokalisieren, hatte aber sofort den Deoreflex aus Angst, selbst nach Schweiß zu riechen. Gut bestimmen konnte ich die Alkoholfahne des Herrn hinter mir, der sehr lange vorgebeugt telefonierte. Und das Parfumwölkchen der Nebensitzerin. Den Knoblauch-Odem von mindestens einer Person konnte ich wieder nicht zuordnen, doch zum Glück gehörte er zu Personen, die sich nicht lange im Großraumabteil aufhielten.

Interessant an dem Herrn mit Schnapsfahne: Die langen Telefonate waren nicht nur voll inniger Zuneigungsbekundungen, sondern auch mit verschiedenen Gesprächspartnerinnen (zumindest sprach er die Damen – nur 20 Zentimeter hinter mir hörte ich deren Stimmen – mit unterschiednlichen Namen an). Ein Bilderbuch-Halodri, ich war gerührt, dass es sowas in Echt gibt.

Ankunft im Berliner Hauptbahnhof pünktlich – und bei Sonne! Ich spazierte zum Hotel, packte aus, ging nochmal zum Empfang, um mir die Zugangsdaten zum WLAN zu holen (aha, immer noch nicht so selbstverständlich zur Verfügung gestellt wie die Fernbedienung des Fernsehers) und suchte ein Kino heraus, in dem ich Three Billboards Outside Ebbing, Missouri sehen konnte. Meine Wahl fiel auf die Kinos im Sony Center; weil das Wetter weiterhin hell war und ich mich nach Bewegung sehnte, ging ich zu Fuß.

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://youtu.be/Jit3YhGx5pU

Sehr guter Film (es hat ja die Zeit im Jahr begonnen, in der ich möglichst alle Oscar-nominierten Filme sehe, die mir liegen). Die Handlung enthält sich mit einer Ausnahme (Bekehrung eines dummen, brutalen Nachwuchspolizisten) moralischer Klischees, das Ende ist sogar komplett offen, bietet nicht mal homerisches Gelächter. Autor und Regisseur Martin McDonagh schafft es, keinen sozialkritischen Film aus dem Kampf einer Mutter auf der Suche nach dem Mörder ihrer Tochter zu machen – beeindruckend.

Gelächter gibt es sonst aber eine Menge – mit der interessanten Note, dass sich die handelnden Personen der Situationskomik oft selbst bewusst sind und sie thematisieren. In der Realität gleichen wir heute Situationen ja oft mit Film- und TV-Bildern ab, kommentieren sie mit Pointen daraus – hier kommt dieser Mechanismus in einer 360-Grad-Reise zurück in den Film. Musik von Carter Burwell, der mir mit Musik für die Coen-Brüder im Gedächtnis war. Hier praktisch nichts selbst Komponiertes, die Oscar-Nominierung ist mir ein Rätsel.

Es wird geschauspielt, dass es nur so kracht: Frances McDormand verehre ich eh, sie darf in einer Szene sogar ihre Hausschlappen für sich schauspielern lassen; Woody Harrelson, Sam Rockwell, Caleb Landry Jones, Abbie Cornish lassen alle die Sau raus. Vielleicht insgesamt fünf Minuten zu lang, aber durch und durch sehenswert.

Hanns-Georg Rodek schreibt für die Welt sehr treffend:

Letztlich ist das Einzigartige an „Three Billboards“ wohl eine Verweigerung. Eine der wichtigsten Regeln des handelsüblichen Hollywood-Films besteht darin, dass nach den ersten 20 Minuten der Zuschauer wissen muss, mit wem er sympathisiert und warum. Das kann sich durch Enthüllungen gegen Schluss zwar noch ändern, doch der Zuschauer soll ein emotionales Gerüst haben, an das er sich lehnen kann.

„Three Billboards“ missachtet dieses Gebot konsequent. Jede Figur bewegt sich permanent im Grau des Nichtganzgut und Nichtganzschlecht.

Mit Bilder von Metropolis auf der Leinwand wirkte die Plaza ziemlich bladerunnerig.

Fürs Abendbrot spazierte ich zu den Hackeschen Höfen.

Ich mag das sehr uncoole Café Hackescher Hof, weil es zu meinen Bildern von Kaffeehauskultur zwischen den Weltkriegen passt. Zudem habe ich dort immer gut gegessen, gestern als Abendmenü eine Schwarzwurzelcremesuppe (ich! Schwarzwurzel!) mit einer Entenfleisch-gefüllten Teigtasche, danach Skrei mit Erbesenpürree und Pak Choi, dazu ein Glas Weißburgunder.

Journal Freitag, 26. Januar 2018 – Frühlingsgesänge

Samstag, 27. Januar 2018

Wollte ich seit Tagen festhalten: Die Vögelein da draußen singen seit ca. Dienstag lauthals Frühlingslieder.

Schwierigkeiten, die sich von selbst lösen, wenn man mit Dienstleistern Beziehungen auf Augenhöhe pflegt.

Möglicherweise schreibe ich das jeden Januar, aber: Boah, Januar ist ein ganz schön langer Monat. War er bis gestern schon, dann reise ich ja für ein paar Tage nach Berlin, und wenn ich zurückkomme, ist immer noch Januar!

Ein trockener Tag mit Sonne dazwischen, weiterhin ist der Winter nur an den kahlen Bäumen und den fehlenden Farben sichtbar.

Abends mit Herrn Kaltmamsell verabredet – oh doch, das ist etwas anderes, als den Feierabend wegen Zusammenlebens in der gleichen Wohnung zu verbringen. War ein sehr schönes Date, zu essen bekam ich eine Suppe Kuksu aus einem neu eingetroffenen Kochbuch Samarkand serviert (die ungewohnte Note war frischer Dill).

Journal Donnerstag, 25. Januar 2018 – Party der Mythologien

Freitag, 26. Januar 2018

St. Paul in den Armen der rosenfingrigen Eos. Ich bin auf den letzten Seiten von Stephen Frys Mythos und lese es gerne. Vielleicht sollte Fry auch mal einen Schwung Heiligenlegenden in seinen Worten aufschreiben? Die sind ja ebenfalls recht saftig, wenn auch nicht so schön verwoben und verflochten wie die griechische Mythologie. Und wenn man dann mal die christlichen, antiken, gerne auch buddhistischen Götter in einer Welt miteinander agieren ließe: Müsste spannend werden.

Auf dem feierabendlichen Heimweg ließ ich an der Käsetheke des Hertie meinen Gelüsten freien Lauf.

Dazu gab’s Postelein aus Ernteanteil, Birnen und Chablis.

§

Wurde seit Onliestellen am Dienstag in meinem Internet kontinuierlich durchempfohlen, doch erst gestern kam ich zum Lesen: Die möglicherweise größtartige Besprechung einer Rede jemals, nämlich der von Andrea Nahles auf dem SPD-Sonderparteitag von Mely Kiyak (keine Highlight-Zitate, bitte ganz selber lesen):
„Sechseinhalb Minuten Inferno“.

§

Interview der SZ mit Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan zu Integration:
„‚Deutschland steht unter erheblicher Spannung'“.

Gut die Hälfte der Bevölkerung will keine diverse Gesellschaft; sie sehnt sich nach einer Reduktion der vieldeutigen Angebote. Sie wollen Klarheit – und das in einer Zeit, in der Geschlechter, Nationalitäten, Kulturen und politische Lager vieldeutig werden.

(…)

Das Selbstverständnis, wer wollen wir sein, wird immer wieder neu ausgehandelt. Produktiv bis aggressiv bis teilnahmslos. Dabei ist das Jahr 2001 ein besonderer Einschnitt. Das neue Staatsangehörigkeitsrecht führte dazu, dass nicht mehr das Blut-, sondern auch das Bodenrecht zählte. Dass also, wer hier geboren wird, auch den deutschen Pass erhält. Und dazu kam, dass sich viele schneller einbürgern lassen konnten. Das führte dazu, dass vor allem am Anfang viele Migranten diese Möglichkeit genutzt haben. Und das hat irritiert. Wie sollte man die denn ansprechen, die bisher Türken oder Iraner waren und plötzlich Deutsche wurden. Ein fundamentaler, ein historischer Einschnitt.

Warum?

Weil ein Grundgefühl auf den Kopf gestellt wurde. Nach dem Motto: der war doch bis gestern noch Türke, wie kann der heute Deutscher sein? Prompt brach mit Vehemenz die Debatte um die Leitkultur auf. Für manche war klar: so einfach darf das doch nicht sein, Deutscher zu werden und zu sein. Heute leben in diesem Land 18,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund – davon zehn Millionen Deutsche. Das Deutschsein hat sich verändert. Immer mehr Menschen, die anders aussehen, fremd klingende Namen haben und Zuhause auch andere Sprachen sprechen, nehmen für sich in Anspruch, auch deutsch zu sein. Und formen daraus ein neues deutsches Narrativ. Doch parallel wächst die Verunsicherung, wer denn nun wer ist. Und es wächst die Sehnsucht nach dem alten Deutschland, wo vermeintlich alles viel klarer war.

(…)

Desintegration ist für eine Gesellschaft immer destruktiv. Ganz egal, wer sich abwendet und an welcher Stelle die Risse zu Gräben werden. Wenn jemand keinen Arbeitsplatz hat, wenn jemand nicht am Bildungssystem teilhaben kann, wenn jemand in Städten wohnt, in denen die Infrastruktur wegbricht oder wenn jemand keinen Zugang zu Kultur hat – das alles sind Personen, die sich womöglich abwenden. Sie sind desintegriert. Das betrifft auch viele herkunftsdeutsche Menschen, die nie migriert sind. Migration ist kein Code für Abgehängtsein und Deutsch kein Code für Integriertsein. Die Politik muss das endlich begreifen.

Tut sie das nicht?

Nein. Union und SPD haben in den Sondierungsgesprächen bislang nur mutlose integrationspolitische Vorschläge abgeliefert, die die ganze Debatte um Integration mit Zuwanderungsbeschränkung verbinden, statt mal darauf zu schauen, wie groß die Notwendigkeit eines umfassenden Integrationsangebots für die gesamte Gesellschaft ist. Die sächsische Integrationsbeauftragte hat berichtet, dass ihr Männer aus ihrem Bundesland immer wieder sagen: integriert doch erst mal uns! Das ist nicht als Polemik zu lesen, sondern als ein ganz klarer Appell. Wenn wir eine moderne, integrative Gesellschaft sein wollen, dann müssen wir post-migrantisch denken.

Journal Mittwoch, 24. Januar 2018 – Erster Trainingsversuch

Donnerstag, 25. Januar 2018

Ein Mittwoch, an dem mir mehrfach mit Erschrecken klar wurde, dass erst! Mittwoch! ist!

Bevor ich es von Twitter erfahren musste, nahm mich Herr Kaltmamsell beim morgendlichen Kaffekochen in die Arme: „Ursula Le Guin ist gestorben.“ Nun hatte ich sie ja praktisch eben erst entdeckt und noch nicht viel gemeinsame Geschichte, doch ich fand es schon traurig, dass ich nun nur rückwirkend ihr Wirken würde erleben dürfen. Die New York Times zeigt genau die Ausgabe Left Hand of Darkness, die auch im Regal des Hauses Kaltmamsell steht! (Nebensache: Le Guin war einer der Menschen, die im Alter immer besser aussahen. Eine wunderschöne alte Frau – im Gegensatz zu Frauen, die sich die beleidigende Beobachtung gefallen lassen müssen, sie seien sichtlich einmal schön gewesen.)

Anlässlich ihres Todes wurde ich auf einen wundervollen Artikel von Margaret Atwood (die ja auch Literaturwissenschaftlerin ist) über Ursula K. Le Guin 2002 im New Yorker hingewiesen:
„The Queen of Quinkdom“.

Abends ging ich in föhnigstem Abendrot zum Gerätetraining im MTV und holte mir mein nun fertiggestelltes Programm ab – heilige Scheiße, da hat der junge Mann mir ja was aufgehalst. Wir hatten eigentlich vereinbart, dass ich ein 90-Minuten-Training möchte, doch zwei von drei Seiten ausgedrucktem Programm (die ich ohnehin abgekürzt hatte, weil Geräte belegt waren – oder weil ich Blackroll-Geschichten wegen Schmerzen nicht durchgehalten hatte) dauerten bereits 100 Minuten. Ich war verabredet und brach ab.

Auf meine Kosten kam ich trotzdem: Ein Aufsichtstrainer (der mich immer wieder sehr nützlich und nachvollziehbar korrigierte) meinte am Seilzug (Zug stehend beidhändig von ganz oben seitlich am Körpervorbei bis unten – die Kraul-Schwimmbewegung halt), uh ah, das sei aber zu viel Gewicht – na ja, ich könne ja mal gucken, wie viele Wiederholungen ich damit schaffe und dann reduzieren. Mit dem Lächeln des Kouros blickte ich ihm in die Augen, bis ich alle Wiederholungen absolviert hatte. Und wies nicht mal darauf hin, dass das bereits mein dritter Satz war. (Hatte der mich gerade schwach genannt?)

§

Der Deutschlandfunk über die steigende Obdachlosigkeit in Berlin und dem Rest Deutschlands:
„Leben am unteren Rand“.

In der Tat geht es vielen obdachlosen Osteuropäern im deutschen Hilfesystem mit Suppenküchen, Wärmestuben und Notübernachtungen immer noch besser als zu Hause.

Diese bittere Erkenntnis geht mir jeden Tag durch den Kopf, wenn ich an den Übernachtern und Übernachterinnen in der Theresienwiesenunterführung vorbei komme: Wie schlimm haben diese Menschen es wohl erst daheim.

§

Es muss sich nicht jeder und jede Nicht-Betroffene mit Intersexualität auseinandersetzen, aber alle sollten genug darüber wissen, dass sie blöde Bemerkungen meiden. Dabei hilft vielleicht diese Geschichte im Zeit Magazin:
„Hallo, ich bin die dritte Option“.

Maxi Bauermeister ist keine Person, die in den Vordergrund drängt. Im Gegenteil. Es war kompliziert, Bauermeister überhaupt zu finden, denn kaum eine intersexuelle Person in Deutschland möchte über sich sprechen, schon gar nicht unter richtigem Namen und mit einem Foto. Interessensverbände wie der Verein für Intersexuelle Menschen halten für Journalisten einen umfangreichen Katalog an Fragen und Auflagen bereit, bevor sie gewillt sind, sich ihre Anfragen anzuschauen. Dies sagt viel über den Grad an Ächtung, Hohn, Ablehnung und Unverständnis aus, dem Intersexuelle begegnen.

(…)

… abgenommen hat die Häufigkeit genitalplastischer Eingriffe an Kindern unter zehn Jahren nicht. Zwischen 2005 und 2014 fanden durchschnittlich 1.729 davon pro Jahr statt.


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