Journal Donnerstag, 25. Januar 2018 – Party der Mythologien

Freitag, 26. Januar 2018 um 6:38

St. Paul in den Armen der rosenfingrigen Eos. Ich bin auf den letzten Seiten von Stephen Frys Mythos und lese es gerne. Vielleicht sollte Fry auch mal einen Schwung Heiligenlegenden in seinen Worten aufschreiben? Die sind ja ebenfalls recht saftig, wenn auch nicht so schön verwoben und verflochten wie die griechische Mythologie. Und wenn man dann mal die christlichen, antiken, gerne auch buddhistischen Götter in einer Welt miteinander agieren ließe: Müsste spannend werden.

Auf dem feierabendlichen Heimweg ließ ich an der Käsetheke des Hertie meinen Gelüsten freien Lauf.

Dazu gab’s Postelein aus Ernteanteil, Birnen und Chablis.

§

Wurde seit Onliestellen am Dienstag in meinem Internet kontinuierlich durchempfohlen, doch erst gestern kam ich zum Lesen: Die möglicherweise größtartige Besprechung einer Rede jemals, nämlich der von Andrea Nahles auf dem SPD-Sonderparteitag von Mely Kiyak (keine Highlight-Zitate, bitte ganz selber lesen):
„Sechseinhalb Minuten Inferno“.

§

Interview der SZ mit Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan zu Integration:
„‚Deutschland steht unter erheblicher Spannung'“.

Gut die Hälfte der Bevölkerung will keine diverse Gesellschaft; sie sehnt sich nach einer Reduktion der vieldeutigen Angebote. Sie wollen Klarheit – und das in einer Zeit, in der Geschlechter, Nationalitäten, Kulturen und politische Lager vieldeutig werden.

(…)

Das Selbstverständnis, wer wollen wir sein, wird immer wieder neu ausgehandelt. Produktiv bis aggressiv bis teilnahmslos. Dabei ist das Jahr 2001 ein besonderer Einschnitt. Das neue Staatsangehörigkeitsrecht führte dazu, dass nicht mehr das Blut-, sondern auch das Bodenrecht zählte. Dass also, wer hier geboren wird, auch den deutschen Pass erhält. Und dazu kam, dass sich viele schneller einbürgern lassen konnten. Das führte dazu, dass vor allem am Anfang viele Migranten diese Möglichkeit genutzt haben. Und das hat irritiert. Wie sollte man die denn ansprechen, die bisher Türken oder Iraner waren und plötzlich Deutsche wurden. Ein fundamentaler, ein historischer Einschnitt.

Warum?

Weil ein Grundgefühl auf den Kopf gestellt wurde. Nach dem Motto: der war doch bis gestern noch Türke, wie kann der heute Deutscher sein? Prompt brach mit Vehemenz die Debatte um die Leitkultur auf. Für manche war klar: so einfach darf das doch nicht sein, Deutscher zu werden und zu sein. Heute leben in diesem Land 18,6 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund – davon zehn Millionen Deutsche. Das Deutschsein hat sich verändert. Immer mehr Menschen, die anders aussehen, fremd klingende Namen haben und Zuhause auch andere Sprachen sprechen, nehmen für sich in Anspruch, auch deutsch zu sein. Und formen daraus ein neues deutsches Narrativ. Doch parallel wächst die Verunsicherung, wer denn nun wer ist. Und es wächst die Sehnsucht nach dem alten Deutschland, wo vermeintlich alles viel klarer war.

(…)

Desintegration ist für eine Gesellschaft immer destruktiv. Ganz egal, wer sich abwendet und an welcher Stelle die Risse zu Gräben werden. Wenn jemand keinen Arbeitsplatz hat, wenn jemand nicht am Bildungssystem teilhaben kann, wenn jemand in Städten wohnt, in denen die Infrastruktur wegbricht oder wenn jemand keinen Zugang zu Kultur hat – das alles sind Personen, die sich womöglich abwenden. Sie sind desintegriert. Das betrifft auch viele herkunftsdeutsche Menschen, die nie migriert sind. Migration ist kein Code für Abgehängtsein und Deutsch kein Code für Integriertsein. Die Politik muss das endlich begreifen.

Tut sie das nicht?

Nein. Union und SPD haben in den Sondierungsgesprächen bislang nur mutlose integrationspolitische Vorschläge abgeliefert, die die ganze Debatte um Integration mit Zuwanderungsbeschränkung verbinden, statt mal darauf zu schauen, wie groß die Notwendigkeit eines umfassenden Integrationsangebots für die gesamte Gesellschaft ist. Die sächsische Integrationsbeauftragte hat berichtet, dass ihr Männer aus ihrem Bundesland immer wieder sagen: integriert doch erst mal uns! Das ist nicht als Polemik zu lesen, sondern als ein ganz klarer Appell. Wenn wir eine moderne, integrative Gesellschaft sein wollen, dann müssen wir post-migrantisch denken.

die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 25. Januar 2018 – Party der Mythologien“

  1. jongleurin meint:

    Ja, diese Redebesprechung…! Ich habe doll gekichert beim Lesen, und das ist ja als Hamburgerin schon quasi eine stehende Ovation. Ich muss ja sagen, ich habe die Rede ganz unbeleckt im Livestream verfolgt und fand sie ziemlich gut, ich finde aber auch Andrea Nahles meistens gut.
    Und da Sie bisher die einzige sind, die ich „kenne“,die die Kolumne auch gelesen hat, frage ich hier mal so (ist durchaus eine rhetorische Frage, darf aber gerne mit Einschätzungen beantwortet werden, falls der Drang besteht): war das jetzt ironisch von Frau Kiyak oder wirklich begeistert oder einfach ein wenig von beidem? Ich bin mir nicht ganz sicher gewesen.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Mein Eindruck ist, jongleurin, dass Kiyak Nahles Auftritt positiv sah.

  3. lihabiboun meint:

    OMG – wie großartig ist denn diese Besprechung?? Die Sätze schmelzen auf der Zunge, besser als ein Pfund Pralinen, da schmeißt man sich doch weg, so gut kann die schreiben. Und ja, ich glaube auch, dass sie das nicht ironisch meint. DANKE!!

  4. Ulla meint:

    Hertie am Bahnhof ist schon länger Karstadt :-)

  5. die Kaltmamsell meint:

    Alle wissen, was mit Hertie gemeint ist, Ulla, bei Kaufhof/Karstadt gibt’s immer Verwirrung.

  6. Julia meint:

    Vielleicht hätten Sie Gefallen an „American Gods“, einer Serie, in der Götter aus unterschiedlichsten Kulturen mit den Einwanderern aus eben diesen Kulturen in den USA landen und fortan um die Vormachtstellung kämpfen? Ich selbst habe die Serie nicht gesehen und glaube, sie ist sehr blutig. Aber eventuell greift es genau das auf, was Sie suchen?
    Als langjähriges SPD-Mitglied darf ich sagen: Man kann Nahles noch so gut besprechen. Das täuscht leider nicht über die zahlreichen Defizite dieser Frau hinweg. Sie ist eine reine Parteipflanze, die nie einem außer-parlamentarischen/-parteilichen Beruf nachgegangen ist, was sich leider in ihrer Weltfremdheit (besonders wenn es um die Situation von Selbstständigen geht) ausdrückt. Sie versucht hier lediglich, mal wieder, ihre eigene Haut zu retten, da mit einer Absage an die GroKo auch sie vom Fenster weg gewesen wäre. Und sie kann halt nichts anders als Partei. Ausdrücke wie „in die Fresse“, „Bätschi“ uvm. machen sie auch nicht wirklich vertrauenswürdiger. Aber das ist natürlich nur meine persönliche Meinung.

  7. Anton meint:

    Erzählen Sie doch gerne mehr über die Käsesauswahl. Welche Sorten und warum…

  8. Joel meint:

    Sorry dass ich das frage, aber was sind Postelein?
    Sie wissen ja, … ich Ausländer…ich nix… ;-)

  9. die Kaltmamsell meint:

    Postelein ist ein Wintersalat, Joël, den ich auch erst im Ernteanteil kennengelernt habe, auch Tellerkraut oder Portulak genannt.

  10. die Kaltmamsell meint:

    Gerne, Anton:
    Weil ich sie kenne und mag: Stilton, Epoisses, Langres, Delice de Bourgogne.
    Weil Herr Kaltmamsell ihn liebt: Sprinz.
    Weil ihn die Käseverkäuferin empfahl: Tresor d’Argental („da können’S die Rinde mitessen, der wird mit Wein eingerieben“)
    Weil er abgefahren aussah: Roccolo („da können’S auch die Rinde mitessen, die verleiht dem Käse ein Pilzaroma, der wird in Höhlen gereift“)
    Bei einer solchen Käseplatte mag ich Vielfalt an Geschmäckern und Texturen.

  11. Micha meint:

    Der Bumerang zur Nahles-Rede! Ein Schätzchen-Link! Vielen Dank!
    … und schöne Tage in Berlin sowie *toitoitoi*!

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