Archiv für Mai 2018

Twitterliebe Mai 2018

Donnerstag, 31. Mai 2018

Ende Mai ist möglicherweise eine Lücke, weil ich auf der Wanderung meine Twittertimeline nicht wie sonst komplett gelesen habe. Sollten Sie sich also unterrepräsentiert fühlen: Es lag nicht an Ihnen.

Journal Mittwoch, 30. Mai 2018 – Dublin ohne Programm

Donnerstag, 31. Mai 2018

Endlich mal so lange geschlafen, wie es sich für einen Urlaub gehört. (Halb! Neun!)

Herr Kaltmamsell hatte sich einen Irlandtag zum Arbeiten ausbedungen (Lehrerdinge). Also gingen wir nach allseitigem Bloggen zwar noch zusammen Kaffeetrinken (ich hatte an der Dame Street den hole in the wall-Italiener „Il Fornaio“ ausgemacht, von dem ich mir guten Cappuccino erhoffte – auch hier eine saure Enttäuschung; dabei hatte ich mich bislang nicht für übermäßig anspruchsvoll gehalten, zum Beispiel fand ich in Tel Aviv jeden Cappuccino gut), dann aber kehrte Herr Kaltmamsell zum Arbeiten in die Ferienwohnung zurück, ich ging Strawanzen – weiter im Sonnenschein, gestern zumindest mit ein paar Wolken am Himmel.

Zum Beispiel hatte ich in den vergangenen Tagen beim mehrmaligen Vorbeilaufen in einem Schaufenster einen irischen Wollpulli gesehen, der mir sehr gefiel. Zu dem ging ich als Erstes.
– Ja, es war ein dreigeschoßiger Touristenladen mit zum Teil höchst fragwürdigen Irland-Memorabilia.
– Ja, ich kaufte zu dem Pulli auch noch zwei Paar Socken aus irischer Wolle.
Aber
a) spielte gerade Christie Moore „I wish I was back home in Derry“ und ich musste mitsingen (nur leise, keine Angst).
b) waren Pulli und Socken mit Brief und Siegel echt ehrlich wirklich in Irland hergestellt.
c) kostete der Pulli nur 69 Euro.
An der Kasse wurde ich darauf hingewiesen, dass ich mit nur einem Euro mehr auf die 100 Euro käme1, die mir eine kostenlose CD mit irischer Musik eingebracht hätte. Ich widerstand. (Und jetzt alle: Ooooohohoooo, I wish I was back home in Derry…)2

Für ein Frühstück spazierte ich nochmal zu Brother Hubbard. Diesmal war es zu spät für Porridge, ich bestellte statt dessen ausgezeichnete Salate.

Eigenlich naheliegend, dass auch rohes Blaukraut ganz wunderbar mit Orangen harmoniert, und meinen nächsten Bulgursalat werde auch ich mit Sumak würzen.

Anschließend brachte ich meine Beute in die Ferienwohnung und las ein wenig Internet, bis mich Herr Kaltmamsell („wolltest du nicht was tun?“) rauswarf.

Ich spazierte erst um die Kathedrale, dann in Gassen, in denen das Fräulein mir am Tag zuvor interessante lokale Läden gezeigt hatte. Zum Beispiel verbrachte ich einige Zeit im wunderschönen Powerscourt Center: Aus dem Georgianischen Prachtbau des Richard Wingfield 3rd Viscount Powerscourt ist ein edles Einkaufszentrum geworden, in dem vor allem Produkte aus heimischer Herstellung angeboten werden. Zudem sind zahlreiche Juweliere und Geschäfte für Brautbedarf hier angesiedelt.

In einem Rumsteherle-Laden (aka Innenausstattung, interior design) fand ich mein nächstes Notizbuch fürs Büro.

Erst später entdeckte ich, dass das schwere Papier darin sogar gestrichen ist.

Weiter spaziert zum Trinity College, in dem ich mich wieder im Grünen niederließ, um in der Sonne zu lesen und mitgebrachtes Wasser zu trinken. Die Temperatur erinnerte mich an meinen wundervollen Studiensommer in Wales, in dem das Wetter sehr sonnig, aber nicht heiß war, so dass ich die Sonne immer als angenehm empfand. Ich erlebte großes Amselgezeter, bis eine Elster aufflog, und beobachtete ein graues Eichhörnchen, dass in aller Ruhe auf dem Rasen umherschlenderte.

Mittlerweile war mit eingefallen, dass ich gerne Seeluft schnuppern würde. Ich ging also an die Liffey und Richtung Hafen. Tatsächlich roch ich das Meer nach einer Weile Marsch durch das Feierabendgewusel und sah auch die schöne Samuel-Beckett-Brücke von Nahem.

Auf dem Rückweg auf der Nordseite der Liffey sprangen an mehreren Stellen junge Burschen vom Quay in den Fluss, manche davon in kurzen Neoprenanzügen, manche in normalen Badehosen, immer wieder. Sie hatten offensichtlich eine Gaudi.

Grusel-Eichhörnchen bei der Tara Station.

Samuel Beckett Bridge, Architekt: Santiago de Calatrava.

Zum Abendessen kaufte ich Salatzutaten und Brot mit Seetang. In der Ferienwohnung machten wir uns dazu und zu heimischem Käse die vorgestern erworbene Flasche Erdbeerwein auf, Móinéir Wicklow Way Strawberry Wine.

Roch nach Erdbeerkompott (ich fürchte, das kennen nur die älteren unter uns), schmeckte erstaunlich wenig süß und erdbeerig (natürlich hatte ich den süßen Beerenwein meiner Kinder- und Jugendzeit erwartet), sondern nach einem fruchtigen Rosé (Garnacha?) mit leichter Sherrynote. Passte hervorragend zum milden Tipperary Blue Cheese, kann ich mir auch zu sehr kräftigem Rohmilchkäse vorstellen.

  1. Die Kinder der geneigten Leserschaft berechnen bitte aus dieser Textaufgabe den Preis der Socken. []
  2. Vielleicht hilft die Information, dass mir Herr Kaltmamsell in der Phase seines Umwerbens und in unserer ersten Zeit als Paar einige Kassetten mit seinen damaligen Lieblingen an irischer Musik zusammengestellt hat, und dass sein Favorit Christie Moore war – er nahm mich auch mal zu einem Konzert in Augsburg mit. An zweiter Stelle seiner Rangliste kam Luka Bloom, zum Beispiel: „You couldn’t have come at a better time“. []

Journal Dienstag, 29. Mai 2018 – Durch Dublin mit dem Fräulein und ein Abendessen im Winding Stair

Mittwoch, 30. Mai 2018

Gut und lang geschlafen, Tee getrunken und gebloggt. Und nochmal ein durch und durch strahlend sonniger, warmer bis heißer Sommertag in Dublin.

Wir beide hatten eine Frühstücksverabredung mit einem schrägen Fräulein, das in Dublin an der Uni arbeitet. Die Dame verhalf uns erst mal zu sehr gutem Porridge im Brother Hubbard und zeigte uns dann ihren Teil der Stadt.

Auf dem Weg zum Trinity College kamen wir an vielen kleinen interessanten Läden vorbei, darunter einem Musikalienhandel mit vielen Ukulelen im Schaufenster. Während ich mich mit dem Fräulein unterhielt, ging Herr Kaltmamsell Ukulelen gucken – um kurz aus dem Laden zu schießen und uns die Information weiterzugeben, dass Dienstagabend in einem Pub unweit gemeinschaftliches Ukulelespielen stattfinde. Dann schoss er wieder hinein und kaufte sich eine weitere Ukulele (ich werde ihn künftig daran erinnern, nie ohne eine Ukulele zu verreisen).

Das Fräulein zeigte uns Trinity College mit lange vergangenen und aktuellen Aspekten (demnach kann Dublin hängende Gärten ohne Pflanzen vorweisen), mit schönen und weniger schönen Geschichten.

Ein Glanzstück des Rundgangs war die alte Library: Mit ihrem Mitarbeiterausweis geleitete uns das Fräulein an der (ohnehin nicht schrecklich langen) Schlage vorbei ins Innere, rief der freundlichen Dame am Ticketschalter im Vorbeigehen „two guests“ zu, und ich versuchte so nonchalant und so wenig entschuldigend wie möglich zu gucken.

Das berühmte Book of Kells war ein wenig an mich verschwendet, da ich mich mit Mediävistik überhaupt nicht auskenne. Interessanter fand ich da schon die Information des Fräuleins, dass eine Explosion 1922 praktisch alle Quellen über das irische Mittelalter zerstört hat, was die Forschung erheblich behindert. Die wichtigsten Hintergründe zum Book of Kells bekam ich ebenfalls von ihr.

Zum Ausruhen ließen wir uns auf einer der lauschigen Grünflächen des College-Geländes nieder, direkt daneben studierten einige Studentinnen und Studenten Theatertext ein (eine Badewanne spielte eine Rolle).

Auch in die nahegelegene National Gallery führte uns das Fräulein, ihre Quelle für Instanterholung bei Arbeitsärger. Konnte ich sehr gut nachvollziehen, das frisch renovierte Museum strahlt Ruhe aus für die schön gehängten Werke.

Zum späten Lunch nahm uns das Fräulein in die Alliance Française mit – das Café ist wirklich ein Geheimtipp und serviert sehr gute französische Snacks, Salate, Suppen. Da in Wirklichkeit natürlich das Fräulein die Hauptattraktion des Tages war, saßen wir hier lange.

Doch das Fräulein nahm uns auch weiter durch Dublin, verhalf Herrn Kaltmamsell bei Murphy’s zu einem „Brown Bread“-Eis und zeigte mir Läden mit in Irland produzierten Waren. Und jetzt habe ich endlich meine Souvenirs: Handbemalte Email-Schüsseln und dicke irische Wollsocken (meine Haussocken haben gerade eh die Sohlen durch).

Vor allem aber: Stunden über Stunden mit dem wundervollen Fräulein, das nicht aufhört, zu den erfreulichsten Sensationen dieser Welt zu gehören.

Für den Abend hatten wir einen Tisch im Restaurant The Winding Stair reserviert (den Buchladen hatten wir bereits an unserem ersten Tag in Dublin gründlich durchgenommen).

Wir aßen wirklich gut, ich hatte endlich mal Chowder (hier mit scharfer Chorizo als schönem Gegenpol), erfreulich auch die Auswahl von Weinen gläserweise: Wir hatten einen Dereszla Tokaji Furmint zu fischigen Vorspeisen und einen Estezargues Terre de Mistral Côtes du Rhône zu Blackpudding/Schweinebauch (er) und Lamm/Kalbsbries (ich).

Und dann begleitete ich Herrn Kaltmamsell zum Ukulele-Abend im The Stag’s Head, in dessen function room im Obergeschoß gespielt wurde, überließ ihn dort seinem Vergnügen. Beim Weiterspazieren hörte ich durch die geöffneten Fenster (Sie erinnern sich? Sommertemperaturen?) „Look back in anger“ auf vielen Ukulenen mit Geigenbegleitung und gemeinschaftlich gesungen.

Journal Montag, 28. Mai 2018 – Rundfahrt durch Dublin, köstliches Essen bei Avoca

Dienstag, 29. Mai 2018

Früh aufgewacht, gemütlich gebloggt, lange überm Internetlesen rumgetrödelt, obwohl draußen schon wieder blauer Himmel und Sonnenschein lockten.

Wir setzten uns am St. Stephen’s Green in ein Bus-Cabrio, wie sie in den meisten Großstädten Europas zu Sightseeingzwecken eingesetzt werden – an Sonnenbrille hatte ich gedacht, doch das Sonnenmilchcremen vergessen (abends rötlich). Fremdenführerlaunigkeit ist ja ein internationales und überkulturelles Phänomen, bezieht ihren Humor aber üblicherweise nur aus scherzhafter Wortwahl bei der Wiedergabe historischer oder folkloristischer Hintergrundgeschichten. Die Besonderheit in Dublin: Die beiden Herren Fremdenführer, die wir erlebten, machte auch massiv über sich selbst Scherze.

Einer weiteren Empfehlung folgend stiegen wir am Friedhof Glasnevin aus. Darin spazierten wir lange und sahen dennoch nur einen Bruchteil: Er ist riesig. Dass der funerale Lieblingsstil der reichen Leute hier (= größte Grabmäler) tatsächlich keltisch war, überraschte mich – ich kannte dieses stilistische Faible eher bei deutschen Metallern und Ex-Metallern der 1980er. Mir fiel auf, dass auch hier die Grabsteine die Wohnanschriften der Verstorbenen nannten (auf Dorffriedhöfen stand dort das exakte Dorf). Befremdend hingegen die vielen alten Grabmäler, die erst groß den Namen des Grabmalstifters nannten, bevor darunter der Name der oder des Verstorbenen auftauchte.

Der Friedhof wird immer noch betrieben. Und so standen wir irgendwann vor dem großen Feld, auf dem in einigen Reihen und mit Sammelgrabsteinen ungeboren Verstorbene beerdigte waren (auf Deutsch oft Sternenkinder genannt), so dicht mit Spielzeug, Plüschtieren, Plastik-verpackten Blumen bedeckt, dass es einer Müllhalde glich.

Mit einem anderen Bus-Cabrio ließen wir uns zurück in die Innenstadt fahren.

Mittlerweile hatte ich Hunger, und das Café des Avoca in der Suffolk Street war von einigen Seiten angepriesen worden: In diesem Café im obersten Stockwerk wurde ich von einem freundlichen Kellnerherrn, „lovely to see you“, en passant mit Umarmung und Küsschen begrüßt – ohne dass es irgendwie seltsam oder gar unangenehm gewesen wäre. Im Lokal herrschte eine wunderbare und entspannte Atmosphäre, auch bei den Angestellte untereinander, eine unprätentiöse Behaglichkeit – ich hätte sofort einziehen mögen. Und dann bekam ich auch noch das beste Essen in Irland bisher, begleitet von einem Karotten-Ingwer-Kurkuma-Saft. Sogar der abschließende Espresso war mit Abstand das beste Kaffeegetränk in Irland bislang.

Danach ging ich langsam durch die drei Etagen des Avoca mit irischen und sonst schönen Dingen. Die irische Töpferware, die mir sehr gefiel, kaufte ich dann doch nicht, weil sie mir für das Risiko, beim Transport zu zerbrechen, zu teuer und wertvoll war. Es wird Gründe haben, dass Avoca sie nicht im Online-Shop anbietet.

Im Erdgeschoß wurden unter anderem die Produkte von fünf irischen Kosmetikherstellern angeboten, doch keiner davon verwendet Gorse (sondern das gewohnte Mandarinen, Lemongras, Neroli, Grapefruit, Minze, Lavendel, das ich von allen diesen Kleinherstellern in Europa kenne – wird sich halt am besten verkaufen). Eine Leserin hat mir inzwischen einen Tipp für ein Gorse-Parfum zugeleitet (danke!), jetzt warte ich noch auf ihren Erfahrungsbericht.

Im weiterhin strahlenden Sonnenschein (die Verkäuferin im Avoca hatte befürchtet, wir würden Iren nie wieder ihr Jammern übers Wetter glauben) Richtung Ferienwohnung meandert. Dabei stießen wir auf den erst 2017 eröffneten Feinkostladen Dollard & Co und entdeckten darin (neben sensationellem dry-aged Rindfleisch) Wicklow Way Erdbeerwein. Den wollten wir probieren und nahmen eine Flasche mit.

Abends gaben wir uns einen Rempler und gingen nochmal auf ein Pint aus dem Haus. Das schmeckte und machte Spaß, doch ich fürchte, für den Dubliner Pflichtprogrammpunkt „Abend und halbe Nacht im Pub mit Live-Musik“ haben wir beide den falschen Biorhythmus.1

Weitere Essensplanung:
Vor drei Tagen hatte ich einem hier in den Kommentaren empfohlenen Lokal eine Reservierungsanfrage geschickt, aber da sich niemand meldete, den Abend mitlerweile anderweitig verplant. Gestern kam eine Bestätigung, jetzt musste ich absagen. Das ebenfalls empfohlene Restaurant Delahunt war zu entspannten Uhrzeiten schon ausgebucht.
Unbedingt klappen muss mindestens eine weitere Mahlzeit im Avoca.

Nicht nur für Touristen: Keltische Rundkreuze.

Die überraschendste Grablege.

Sternenkinder, manche noch ohne eigenen Namen („Baby“ Nachname).

Koniferen sehen hier sehr anders aus als um oberbayerische Einfamilienhäuser.

Im Avoca: Da hat ein Gastronom / eine Gastronomin etwas sehr Tiefes begriffen.

Der Herr hatte eine Sweetcorn Soup mit Limettenjoghurt sowie Räucherlachs mit Avocado, rotem Apfel, Radieschen-Minz-Salat, Sumach. Vor mir steht ein confiertes Entenbein auf einem sensationellen Salat aus Wildkräutern mit jungem Brokkoli, Edamame-Bohnen und gerösteter Kokosnuss. Aus der eigenen und berühmten Bäckerei dazu Brown Bread.

  1. Gibt’s den noch? Ich habe schon lange nichts mehr von ihm gehört. []

Journal Sonntag, 27. Mai 2018 – Dublin – Howth

Montag, 28. Mai 2018

Nach unruhiger Nacht (Lärm draußen – gegen Polizeisirenen helfen auch geschlossene Fenster und Ohropax nicht, Schmerzen) früh aufgewacht. Das Wetter sah gut aus, also wollten wir, When in Dublin do as the Dubliners, einen Ausflug ans Meer nach Howth machen, zumal es dort am Sonntag einen Market geben sollte.

Schon auf der schönen Zugfahrt raus nach Howth (ALLES SO GRÜN HIER!), verdunkelte sich der Himmel immer gründlicher. Der Market war dann doch eher eine Streetfood-Angelegenheit, ich holte mir am Bäckerei-Stand als Frühstück ein Stück Chester Cake.

In ersten Regentropfen spazierten wir auf den West Pier. Von möglichen Delphinsichtungen hatte ich mehrfach gehört, doch statt dessen sahen wir im Hafenbecken Seehunde – irische Seehunde waren mir komplett neu.

Jetzt begann es zu gießen, und die nächsten Stunden erlebten wir nur einen kurzen regenfreien Abschnitt, den wir zwischen Cafébesuchen zu einem Spaziergang auf den Ostpier nutzten. Den Gang die Klippen entlang hoben wir uns für ein ander Mal auf.

Als spätes Mittagessen gab es berühmte Fish&Chips, wir aßen sie am gut überdachten Bahnsteig beim Warten auf den Zug zurück nach Dublin. Um uns herum viele weitere Ausflüger und Ausflüglerinnen, die sich fast durchgehend in anderen Sprachen als Englisch unterhielte. Auch im Zentrum von Dublin begegnen wir bislang vor allem Spanisch-, Deutsch-, Niederländisch-, Französisch-, Italienisch-, Dänisch-, Schwedischsprechenden – das Marketing des irischen Tourismusbüros ist sensationell erfolgreich.

In Dublin drehte ich eine kleine Einkaufstour, die meisten Geschäfte sind hier auch sonntags geöffnet. Der Versuch, bei Lush Kosmetik mit Stechginsterduft zu bekommen, schlug fehl: Niemand hatte davon gehört oder wusste überhaupt, was gorse oder furze war, ich musste buchstabieren. Doch online scheint man zumindest ein Parfum bestellen zu können. (Heilige Scheiße, ich hatte völlig vergessen, wie komplett überwältigend intensiv es in diesen Läden riecht. Ich halte ja schon beim Passieren der Filiale in der Münchner Sendlinger Straße die Luft an, gestern im Laden würgte mich diese Insektizidwolke.)

Erfolgreich war dagegen die Suche nach einer Salatschüssel samt Besteck, und im Supermarkt vom Vortag bekamen wir Duschgel (hatten wir in den B&Bs nicht gebraucht, weil immer vorhanden) und Waschmittel. Mit Letzterem wusch ich im Apartment unsere wanderverdreckte Ober- und Unterkleidung.

Nachtmahl wurden die Frühstückswürschtl, die uns die Vermieter in den Kühlschrank gestellt hatten, dazu Tomatensalat, als Nachtisch griechischer Joghurt mit Honig (Apartment-Bestand) und Nüssen (Wanderproviant).

Streetart gleich ums Eck unserer Ferienwohnung.

Howth mit überraschend vielen Staren, die hier die Rolle der Spatzen übernehmen.

Seehund!

Blicke aus unserem Schlafzimmerfenster in Dublin (nachmittags wurde es wieder sonnig):

Gute Nacht.

§

In Cafés und im Zug im aktuellen Granta-Magazin gelesen, das eine besonders gute Ausgabe ist: Thema „After the fact“. Kostenlos online lesbar ist der ausführliche und tiefe Artikel von Charles Glass (Nahost-Experte und 1991-1993 Nahost-Korrespondent für ABC) über Palmyra, einst blühend und jetzt zerstört, mit Fotos von Don McCullin:
„Palmyra“.

Unter anderem versucht Glass die Kriegshandlungen nachzuvollziehen, die zur mehrmaligen Eroberung Palmyras durch den IS führten – er erfährt mehrere Versionen.

Eine weitere Geschichte, die noch aufschlussreicher für mich war: Jason Cowley, editor des New Statesman, schreibt über die „New Town“ Harlow, in der er groß geworden ist – und die 2016 in die Schlagzeilen kam, weil ein polnischer Einwanderer nach einer Prügelei mit örtlichen Jugendlichen starb (damals kurz nach dem Brexit-Referendum sofort als fremdenfeindliche Gewalt deklariert – dass sich sehr schnell herausstellte, dass fremdenfeindliche Motivation eher unwahrscheinlich war, las man nicht). Es geht viel um die utopischen Ideen, die nach dem 2. Weltkrieg in der Nähe Londons zum Bau der „New Towns“ geführt hatten, und wie Cowley sein Aufwachsen darin erinnert.
„New Town Blues“.

Leider nur für Abonnentinnen ganz zu lesen.

Auch Sonntagszeitungen las ich, dominierendes Thema natürlich der klare Ausgang des Referendums.

Journal Samstag, 26. Mai 2018 – Laragh – Dublin, ein Reisetag

Sonntag, 27. Mai 2018

Gestern wurde zu einem Reisetag mit einigem Warten – aber weil im Urlaub und in fremden Ländern selbst Warten exotisch und lehrreich ist, machte das nichts. Zumal sich bereits am Vormittag herausstellte, dass Irland künftig eine vernünftige Abtreibungsregelung haben wird, an der sich die deutsche Gesetzgebung ein Beispiel nehmen sollte. Die Stimmung war also eh gut.

Auch zum Frühstück wurden wir gestern mit dem Auto abgeholt: Das opulente B&B hat nur der erste B. Zum Abschied plauderten wir nochmal mit der zauberhaften Hausdame, die uns ein wenig zur Geschichte des Hauses, zum geplanten Ausbau und zur Besitzerfamilie erzählte und umarmten einander mit besten Wünschen.

Im Restaurant vom Vorabendessen wurde zum Frühstück auch „Homemade Granola“ angeboten, das ich bestellte.

Gebrannte gemischte Nüsse auf Kompott – hatte ich nicht erwartet, schmeckte aber sehr gut.

Mit Tee und WLAN vertrieben wir uns die Zeit bis zur Abfahrt des Linienbuses nach Dublin. In Dublin setzten wir uns erst mal mit Gepäck in den St. Stephen’s Park – unsere Unterkunft würde erst am frühen Nachtmittag beziehbar sein. Als nächste Wartestation suchte ich uns ein Insomnia-Café. Ich habe ja schon vor langer Zeit gestanden, dass ich diese neumodischen Coffee Shops mag, das hat sich nicht wesentlich geändert. Und Insomnia ist halt die irische Variante.

Als wir vereinbarungsgemäß an unserer Ferienwohnung ankamen, konnten wir allerdings nur unser Gepäck abstellen: Die Vormieter waren erst Stunden nach der vereinbarten Abreise ausgezogen, die Wohnung musste erst noch gereinigt werden. Wir hatten Verständnis, plauderten mit der Vermieterfamilie (die inklusive Kindern zusammenhalf, damit die Reinigung möglichst schnell ging) und spazierten am Liffey entlang – oder wohin sonst uns interessante Anblicke lockten.

Bei der Gelegenheit reservierte ich uns gleich mal für einen Abend nächste Woche einen Tisch im viel empfohlenen Winding Stairs.

Als wir nach erstem Supermarkt-Einkauf (SALAT!) in die Ferienwohnung kamen, war alles hergerichtet und wunderbar, zudem der Kühlschrank bereits beeindruckend gefüllt.

Nachtmahl wurde dann Salat: Junger Spinat und Romanasalat, rote Paprika, Blue Cheese, mangels Salatöl mit Buttermilch-Dressing. Dazu Brot und Butter. Köstlich.

Salatschüssel und -besteck werde ich hier besorgen und der Ferienwohnung hinterlassen.
Immer noch halte ich ein Kochbuch für Ferienwohnungen für eine gute Idee: Rezepte, die mit der üblichen Grundausstattung auskommen und sonst jede Zutat päckchenweise ganz aufbrauchen.

Beim Planen der Tage in Dublin wurde mit übrigens klar, dass ich praktisch das Gegenteil eines Influencers bin: Ich bin eine Influenced. Ich frage hier im Blog nach Tipps und lasse mich von den Empfehlungen meiner Leserinnen und Leser komplett beeinflussen. (Könnte man davon auch leben?)

§

Mademoiselle Readon erzählt:
„Der Istanbul-Grill ist eine deutsche Insel.“

Und ich lese da eine Stimme, sehe einen Blick, wie ich sie sonst nur aus besserer englischsprachiger Literatur kenne. Vielleicht, weil sich die Erzählerin zu den Menschen zählt, die sie beschreibt, weil sie sich nicht über sie stellt.
Zudem: Eine Gegenwelt zum rechten Hass-Dreck.

§

Maximilian Buddenbohm verlinkt einen Artikel über Martin Parr und die Chelsea Flower Show mit Fotos, die Parr dort gemacht hat – ich weiß nicht, ob mich Text oder Bilder mehr begeistern, so großartig ist beides (das Paar mit der Tasche „Let’s grow“ – das sind doch Monty Pythons!).
„Martin Parr’s day at the Chelsea flower show – a photo essay“.

Journal Freitag, 25. Mai 2018 – Wicklow Way 6: Glenmalure – Laragh

Samstag, 26. Mai 2018

Während das Internet mit der EU-DSGVO unterging (ich wünschte, die Menschen hätten vorm Wegwerfen von Kaffee-Pappbechern über unsere Vorgartenhecke in München auch immer die mögliche Höchststrafe vor Augen wie jetzt Blogger, die aus Unsicherheit gleich offline gehen) und Irland darüber abstimmt, ob auch weiterhin in der Verfassung stehen soll, dass das Leben menschlicher Zellen im Mutterleib ab der Empfängnis gleichberechtigt ist mit der Mutter – während also in vielerlei Hinsicht Weltgeschichte geschrieben wurde, wanderten wir nochmal.

Dabei folgten wir nicht dem Wicklow Way, sondern gingen nach einer Wegbeschreibung der Wanderagentur zurück nach Laragh – auf Pfaden und Steinen, die deutlich unter dem Standard blieben, den wir in den vergangenen Tagen gewohnt waren. Das machte die 17 Kilometer anstrengend, beim steilen Bergabsteigen wurde ich auf den Ziegenpfaden mit wackligem Geröll unsicher. Vielleicht aber ist es auch einfach gut, dass das der letzte Wandertag war, und mein Körper meldete Ruhebedürfnis an.

Morgens standen wir zu Sonne mit Wolken auf, im Lauf des Tages wurde es wieder wolkenlos sommerlich. Die Iren haben ihr Wetter verlernt. Zum Frühstück hatten wir beide Porridge bestellt; es kam in großen Portionen und war wahrscheinlich mit ordentlich Sahne verfeinert – sehr sättigend.

Zum Ausgangspunkt unserer Etappe, dem Ende der vorherigen, fuhr uns der Zimmerwirt mit seinem Auto – uns und drei weitere B&B-Gäste, wir mussten uns stapeln.

Auf den Höhen waren Greifvögel angekündigt, doch die hatten gestern leider frei. Dafür sahen wir vorher im Glenmalure-Tal viele Fasane: Hier gibt es laut unserem Zimmerwirt eine große Fasanenzucht für die Jagd, und da büchsen immer wieder welche aus. Zudem begegneten wir neugierigen Pferden. Und auch heute viele Schwalben (Mehl- und Rauch-).

Das Navigieren rein nach Beschreibung ohne Wegmarkierungen war anstrengend, ohne Karte (auf Herrn Kaltmamsells Handy) und Kompass (auf meinem) wären wir aufgeschmissen gewesen. Ein Hoch auf Wanderwegmarkierungen! Ein langes Stück gingen wir über einen Bergrücken auf einen Gipfel. Uns umwehte heftiger Wind, der meine Augen so sehr zum Tränen brachte, dass meine Trittfestigkeit litt.

Auf den letzten Kilometern waren wir wieder vom Idyll des Glendalough-Tals umgeben. Jetzt sahen wir in der Höhe einen großen Vogel weit oben nahezu regungslos in der Luft stehen – also weder auf einer Thermik kreisend noch rüttelnd oder irgendwohin fliegend. Ist das typisch für einen bestimmten Vogel?

Nach einem Pint im Pub meldeten wir uns anweisungsgemäß bei den Betreibern des Restaurants, in dem wir am ersten Abend in Laragh gegessen hatten: Sie betreiben auch das B&B, in dem wir die letzte Nacht vor der Fahrt nach Dublin verbrachten. Es ist opulent ausgestattet und möglicherweise das irische Pendant zum Zirbelstuben-Wellnesshotel des Voralpenlands. Uns empfing eine zauberhafte Hausdame, wie so viele dienstbare Geister in Hotelerie und Gastronomie, mit denen wir in der vergangenen Woche zu tun hatten, mit dickem nicht-irischem Akzent. Irland macht einen erfreulich bunten Eindruck.

Zu Abend aßen wir später auch in dem Restaurant, wurden zu diesem Behufe nochmal runtergefahren – schon um sechs, da abends eine Hochzeitsgesellschaft gebucht hatte. Wir aßen gut zu Abend (örtliches Lamm für ihn, Entrecôte für mich – der Freitagabend bestimmt auch im Urlaub meine Gelüste), dazu einen spanischen Wein, den ein Schotte gemacht hat: Manga del brujo, Catalayud.

Heim gingen wir zu Fuß. Nein, das ist auch in Irland nicht vorgesehen, die Infrastruktur ist nur auf Autos ausgelegt und zwang uns immer wieder dazu, im Gebüsch wartend Autos passieren zu lassen. Ich kam mal wieder ins Grübeln, dass das Zurücklegen selbst so kurzer Strecken (keine zwei Kilometer) zu Fuß in ländlichen Gebieten einfach nicht eingeplant ist, außerhalb des eigenen Grundstücks fahren alle Auto (hier haben wir nicht mal die Radlerinnen gesehen, die einem in Bayern zwischen Orten begegnen).

Mühlenidyll in Glenmalure zum Start der Etappe.

Sie sind halt schon katholisch hier, gell.

Dieses Bild enthält vier Fasane (erkennen lassen sich vielleicht drei).

Eben waren wir noch auf der anderen Seite des Zauns gewesen. Das Pferd kam noch viel näher.

Wenn ich’s einfach als abgeerntetes Fichtenfeld sehe, geht’s.

Noch mehr frisch geerntete Baumfelder.

Dort oben war ich am Mittwoch.

Ein weiterer Blick über die Glendalough Monastic City.

Abschied von der Wanderung.

Die Lounge unseres B&B.

Gegenschuss

Von außen genauso langweilig wie alle vorherigen B&Bs. Rechts der Park-große Garten hingegen war wieder wunderschön.

Auf dem Fußweg zurück nach dem Abendessen gelernt: Auch die Iren können Marterl, hier für einen 22-jährigen Herrn, der sich mit dem Auto in einer Kurve derrennt hat.

§

Um nochmal auf das irische Sodabrot zurückzukommen. Kommentatorin Leonie hinterließ genau den Link, nach dem ich am Vortag vergeblich gesucht hatte:
„BraveTart: Irish Soda Bread, as It Was Meant to Be“.
Vergessen Sie also bitte die Theorie, Sodabrot habe irgendwas mit soft wheat zu tun: Das ist das Weichweizenmehl, das auch in Deutschland Standard ist und aus dem sich sehr wohl gutes Weizenbrot machen lässt, mit Hefe und/oder Sauerteig.

Dem Artikel zufolge wurde Soda als Brottriebmittel zunächst zur Beschleunigung der Brotherstellung eingesetzt, und zwar in London (Gewinnmaximierung, Kapitalismus und so):

So-called „aerated“ breads emerged in the 1820s, as commercial bakers in London discovered that the volatile reaction between baking soda (sodium bicarbonate) and hydrochloric acid could free their schedules from the plodding tyranny of yeast. The idea was to create a loaf to rival the finest yeasted bread, which led to a slew of patents filed by bakers hoping to corner the market.

Und nach Irland kam die Technik nach der verheerenden Kartoffelfäule (zu Details erinnern Sie sich bitte an das entsprechende Kapitel in Ihrem Englisch-Schulbuch – oder schlagen bei Wikipdia nach).

Soda bread’s association with Ireland arose after the devastation of the country’s potato crop in the 1840s, which forced a people historically ambivalent toward bread to start baking en masse.

(…)

In the midst of famine, soda bread stretched something expensive (white flour) with something cheap (local buttermilk), and replaced something slow (yeast) with something wonderfully fast (soda). So why would anyone waste time and flour kneading a dough when they could just scrape it into a skillet and be done?

Der oben verlinkte Artikel zitiert einige schöne Rezepte aus dem 19. Jahrhundert – und backt sie nach. Das Ergebnis sieht deutlich attraktiver aus als das, was ich hier bislang serviert bekommen habe.

Ich liebe es, wie Beschäftigung mit Lebensmittel unweigerlich in Geschichte, Kultur und Soziologie führt.


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