Journal Montag, 21. Mai 2018 – Wicklow Way 2: Enniskerry – Lough Dan

Dienstag, 22. Mai 2018 um 9:19

Tag der abwechslungsreichen Wege, Tag des gorse.

Nach sehr guter Nacht (ohne Schmerzmittel!) vom Wecker geweckt – ich hätte auch mehr als diese neun Stunden vertragen.

Zum Frühstück Eggs florentine – und ein Erlebnis, das ich nie erwartet hätte. Der Kellner rief im Lokal Herrn Kaltmamsells Namen aus: „Telefon für Sie“. Zack! Mitten im Hans-Moser-Film.

Der Anruf selbst kam von der Agentur, die unsere Wanderung organisiert hatte: Sie kontaktiert uns täglich telefonisch über die Unterkunft (wissen die, dass wir bei den extrem seltenen Anrufen auf unseren Handy erschrecken?), um sich nach unserem Befinden zu erkundigen und auf Besonderheiten der nächsten Etappe hinzuweisen.

Gestern zum Beispiel betonte die Dame von der Agentur die ungeheure Gefährlichkeit des Streckenabschnitts um den Dijouce Mountain: Un-be-dingt gute Schuhe und warme Kleidung dabei haben, es kann jederzeit das Wetter umschlagen mit Wolken und einem Dunst, der jede Sicht nimmt, und mit schlagartiger Kälte. Als uns dort genau dort Wanderer in Leggins und Turnschuhen überholten, außerdem zahlreiche Jogger entgegen kamen, konnte ich die Warnung nicht mehr arg ernst nehmen.

Das Wetter war gestern grau und trocken – ich hatte also bereits ein regenfreier Tag geschenkt bekommen. Doch auch gestern war mir die Wanderung (gut 27 Kilometer in 7 3/4 Stunden mit einer längeren Pause) um eine Stunde zu lang – allerdings diesmal nicht die letzte Stunde, sondern die vorletzte, als es schon wieder bergauf und bergab ging, nur halt auf langweiligen Schotterwegen. Denn gerade die Wege waren gestern eigentlich ausgesprochen abwechslungsreich: Von Forstwegen über Pfade in Bachauen und durch Wald bis zu zwei Stunden auf Bahnschwellen. Das fand ich anregend und spannend.

Gestern legten wir auch besonders viele Höhenmeter zurück, belohnt mit sensationellen Ausblicken. Dazu kamen immer wieder geradezu Wälder an gorse, an dem ich mich nicht satt sehen und riechen konnte.

Zivilisation in Form von Orten oder Pubs gab es allerdings überhaupt nicht auf der Strecke. Zum Brotzeiten ließen wir uns auf dem Bahnschwellenweg nieder, aßen Nüsse und Eiweißriegel aus dem Rucksack, tranken mitgebrachtes Wasser.

Laut Wanderbeschreibung hätten das gestern 20 Kilometer sein sollen (inklusive der zwei Extrakilometer vom Wicklow Way zur abgelegenen Unterkunft). Meine Moves-App maß hingegen 27 Kilometer, die auch besser zu den sieben Wanderstunden in den Unterlagen passten. Das kann ich mir eigentlich nur damit erklären, dass schlängelnde Wege schlecht auszumessen sind – außer halt mit einem Tracker an der Person. Ich wunderte mich, dass der Mensch, der die Wegbeschreibungen verfasst hatte und die Strecke ganz offensichtlich gegangen war, nicht mitgemessen hatte.

Dummerweise verlor mein rechtes Bein auf dem letzten Drittel mal wieder sein Gedächtnis und ließ sich nicht mehr heben: Ich musste es schleudern und auf steilen Bergauf-Stücken oder gar Stufen von stiles wie ein kleines Kind mit dem linken Bein steigen und das rechte nachsetzen. (Plus Schmerzen.)

Die Unterkunft war diesmal das B&B Lough Dan House mit Blick über den See Lough Dan, weit abgelegen. In den Unterlagen hieß es, dass dort eventuell auch Abendessen angeboten würde, zur Not aber ein Shuttle zum zehn Kilometer entfernten nächst gelegenen Restaurant angefordert werden könne. Auf den letzten, ansteigenden (…) Metern zum B&B informierte ich Herrn Kaltmamsell, dass ich an diesem Tag absolut nirgendwohin mehr gehen oder fahren und lieber eingestecktes Studentenfutter zu Abend essen würde. Doch zum großen Glück fragte uns die liebe Herbergsmutter als Erstes, ob wir Dinner haben wollten. Abend gerettet, wir aßen mit acht weiteren Wanderinnen (aus Deutschland und Schweden) ein wunderbares homecooked dinner: Salat mit Wicklow Blue Cheese, Lachsfilet mit Gemüse, Birnen-Apfel-Bakewell Tart mit Custard. Und dazu Weißwein.

Und dann verfügte unser Zimmer auch noch über eine Badewanne! Die nutzte ich umgehend.

Früh ins Bett mit Schmerz-bedingter Sorge um ruhigen Nachtschlaf.

Vom reizenden Enniskerry aus brachte uns ein Shuttle an den Endpunkt der vortäglichen Wicklow Way-Etappe.

Der Star des Tages: gorse. Ich muss in Dublin unbedingt gucken, ob es Kosmetik mit diesem Duft gibt.

Glencree. Auch hier ganze Wiesen voller Bluebells (dass die auf Deutsch Atlantische Hasenglöckchen heißen, erheitert mich ungeheuer.)

Ganz klar eine Nymphen-Badestelle. Derzeit Nymphen-frei, weil die sensiblen Geschöpfe von dem überwältigenden Geruch des Bärlauchs gegenüber fliehen.

Bei so viel Idyll bräuchte es fast den Anblick einer Autobahn gleich daneben, damit das Romantikzentrum des Hirn nicht völlig verklebt.

Powerscourt Wasserfälle.

Denkmal für den Initiator des Wicklow Way.

Auch der Wicklow Way hat wohl ein Radlerproblem.

die Kaltmamsell

13 Kommentare zu “Journal Montag, 21. Mai 2018 – Wicklow Way 2: Enniskerry – Lough Dan”

  1. Joël meint:

    Ich habe grad gelesen dass die Blüten vom Stechginster essbar sind und man sie in Salaten und Tee verwenden kann.
    Sind sie so lieb und essen eine und berichten dann?

  2. Sebastian Dickhaut meint:

    Toll!

  3. Ulla meint:

    Tolle Landschaft, aber dass sie sich das bei ihren Problemen antun, ist bewundernswert.

  4. Katharina meint:

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    Gerne gelesen

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  5. Micha meint:

    Wow, was eine Landschaft – ich wünsche noch weitere so schöne Wanderungen! Ginster – ich mag ihn ja sehr!

  6. Mhs meint:

    Erinnert mich deutlich an die Ecke Schottlands, die wir vor 3 Wochen besuchten (Loch Lomond, Arran und Kintyre): Wetter ähnlich, Steinzäune, Schäfle aller Sorten und Gorse! Gibt es in Irland auch noch Narzissen? Wir sahen Miriaden davon.

  7. Nathalie meint:

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    Gerne gelesen

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  8. Aha meint:

    gorsemetik
    :-)

  9. die Kaltmamsell meint:

    Narzissen haben wir keine gesehen, Mhs, dafür ist es wahrscheinlich zu spät. In Wales sah ich sie schon im Februar.

    Ich bitte Sie umgehend um eine Kosmetiklinie „Gorsemetik“, Aha!

  10. Susann meint:

    So tolle Bilder! Vielen lieben Dank für‘s virtuelle Mitnehmen! Ich wünsche Ihnen und Ihrem Bein baldige Besserung!

  11. Sabine meint:

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    Gerne gelesen

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  12. Croco meint:

    Schöne Bilder, danke für‘s Mitnehmen.
    Diese Hochmoor-Heide-Landschaft mag ich sehr.

  13. Sonja meint:

    Hallo Frau Kaltmamsell – doch, es gibt ein Parfum mit Ginsterduft bei Lush: Es heisst Furze (gnihihi – das ist ein anderes englisches Wort fuer Ginster, fuer Deutschsprechende halt etwas ungluecklich). Wenn Sie sich dazu durchringen koennen, einen Parfumflakon mit dieser Aufschrift zu haben: Lush gibt es in Dublin bestimmt. https://uk.lush.com/products/furze-0

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