Journal Freitag, 5. Oktober 2018 – Westerwaldsteig 8: Rückfahrt Hümmerich-München (lange)

Samstag, 6. Oktober 2018 um 9:27

Rückreise mit Zug und zweimal Umsteigen: Diesmal ging’s nicht glatt. Aber ich hatte fürs Reisen den ganzen Tag einkalkuliert und keine großen Pläne für den Nachtmittag, erlebte auf der Reise auch etwas – sie wurde Teil des Urlaubs.

Den Wecker hatte ich früher gestellt, um Zeit für Frühstück und Arrangements zu haben. Draußen breitete sich ein strahlend goldener Herbsttag über dem Ausblick. Im Frühstücksraum (Buffet inklusive Joghurt!) wieder die beiden dröhnenden Herren, mit denen ich schon mein Abendessen geteilt hatte: Manche Menschen können sich wahrscheinlich nur in Bühnenlautstärke unterhalten (manchmal fürchte ich, dass ich dazu gehöre) – vielleicht arbeiten die beiden am Bau?

Taxi zum Bahnhof Neuwied, die Angaben der Bahn-Auskunft zur Busverbindung hatten nicht gestimmt – was ich diesmal aber rechtzeitig herausgefunden hatte. Der passende Regionalbus als Zubringer existierte nicht, es hätte lediglich einen Schulbus gegeben, der mich zwei Stunden vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof abgesetzt hätte. Plaudern mit der Taxlerin über Wandern in ihrer Heimatgegend (sie war völlig überrascht über meine Erzählung, glaubte mir auch nicht ganz) und Oktoberfestumstände in München.

Die Regionalbahn Neuwied-Koblenz fuhr pünktlich, doch ich sah bereits auf meinem Online-Reiseplan, dass es danach ungemütlich würde: Der EC zwischen Koblenz und Mannheim hatte 25 Minuten Verspätung, keine Chance auf Anschluss. Doch so kam ich am Bahnhof Koblenz zu einem Cappuccino beim kleinen Italiener. Um halb zehn saßen dort schon einige Männer mit Pils, einen Schreck versetzte mir aber erst die gepflegt Frau, die „einen trockenen Weißwein“ bestellte.

Das mit dem Alkohol sollte der rote Faden der Reise werden, ich hatte einige Gelegenheit, über unsere Drogenkultur nachzudenken. Zwischen Koblenz und Mannheim saß ich zwischen verschiedenen Partys (immer noch deutlich vor Mittag): Die junge Frau neben mir, die keiner davon angehörte, kommentierte zu ihrer Begleitung: „Och guck mal, die trinken kleine Baileys – das ist ja lustig!“, als ich hinter mir den Ruf hörte: „Noch wer Sekt?“ Entsprechend war die Lautstärke im Großraumabteil. Was mich in diesem Fall erschreckte: Zu den Partygesellschaften gehörten auch kleine Kinder.

Vor lauter Feiern bekamen die Reisenden das eigentliche Feature der Fahrt nicht mit: Wir bereisten die meiner Ansicht nach schönste deutsche Bahnstrecke, nämlich die mit Rhein-Panorama: Herbstlich bunte Hügel im Sonnenlicht, dazwischen imposante Burgen, Dunstfetzen überm Wasser, Schiffe – und sehr niedriger Wasserstand.

In Mannheim hatte ich dann genug Zeit, um im Reisezentrum meine Sitzeservierung umbuchen zu lassen. Diese brachte mich in ein Sechserabteil – zum Glück, denn der Großraumwaggon dahinter war bereits fortgeschrittene Partyzone, in der beherzt Helene Fischer mitgegröhlt wurde. Aus Mannheim kam der ICE allerdings nur ein paar Kilometer weit, dann stoppte er abrupt: Personen im Tunnel. Der Zug kehrte um nach Mannheim und nahm eine Alternativroute – die ich in fachkundigem Detail erklärt bekam: Ein Mitreisender im Abteil stellte sich als Lokführer heraus.

Auch hinter Stuttgart kam ich zu einem sehr interessanten Gespräch, das die lange Reise kurzweilig machte: Ein neu zugestiegener Herr ging von etwas Smalltalk gleich zu echtem Inhalt über, ein IT-Entwickler mit hochinteressanten Projekten. Er schaltete bald auf Englisch um, erzählte von seinen Erfahrungen der vergangenen Jahre und von seinen Plänen für seine indische Heimatstadt Pune.

Von Tür zu Tür war ich insgesamt acht Stunden unterwegs, erreichte München mit knapp zwei Stunden Verspätung. Ich fühlte mich ausgeruht und war tatendurstig (Herr Kaltmamsell befand sich bis spät nachts auf Personalausflug). Also rollkofferte ich durch Oktifestmassen nach Hause, stellte dort nur schnell mein Gepäck ab und ging auf eine Einkaufsrunde. Nach dieser setzte ich Teig für Bagels an, packte aus, füllte eine Waschmaschine, widmete mich notwendiger Rundum-Körperpflege.

Zum Abendessen machte ich mir Ernteanteilsalat, sah dann noch Post durch und erledigte sich daraus ergebende erwachsene Erledigungen.

Abschied vom Westerwald.

04

Nebel in Neuwied.

Koblenz (nicht Konstanz – ich habe da eine Verwechslungsschwäche und muss immer gründlich nachdenken).

Am Rhein entlang.

§

Die kluge Rede von Deniz Yücel zum Tag der deutschen Einheit erzählt auch, wie viele türkische Einwanderer die Wiedervereinigung und die Jahre seither erlebt haben:
„Ein Lob der Zerrissenheit zum Tag der Einheit“.

(…) selbstverständlich ist moderne Gesellschaft keine konfliktfreie Zone und kann es angesichts des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit auch nicht sein. Und im Konflikt lässt sich das Handgemenge nicht immer vermeiden. Es macht aber einen himmelweiten Unterschied, ob man sich mit der Staatsmacht anlegt, weil man, sagen wir, einen Wald davor retten will, einer Landebahn oder dem Braunkohleabbau zum Opfer zu fallen, oder man die Staatsmacht beiseiteschieben will, um andere Menschen totzuschlagen.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu “Journal Freitag, 5. Oktober 2018 – Westerwaldsteig 8: Rückfahrt Hümmerich-München (lange)”

  1. Elfe meint:

    Ach, da hätte ich Ihnen am größeren Umsteigebahnhof fangirlig zuwinken können … die Rhein-Bilder im Nebeldunst sind so schön, da ist mir unverständlich, warum sich dann so viele AusflüglerInnen in Alkoholdünste hüllen.

  2. Sandra meint:

    Ja. Lautes Reden kann tatsächlich mit dem Job zu tun haben. Kenne das von Vater und Bruder, die zwar nicht auf dem Bau, aber in Werkhallen mit Maschinen bzw. weiten Distanzen von Mensch zu Mensch arbeite(te)n. Die merken das gar nichtig Alltag. Man muss sie ständig ermahnen, leiser zu reden. Seit mein Vater Rentner ist, hat sich das direkt geändert.

  3. lihabiboun meint:

    Willkommen, bienvenue, welcome – noch ein Tag, dann ist es vorbei. Gutes Ankommen im Hier und Jetzt und dann in Arbeitszusammenhängen …..

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