Journal Donnerstag, 21. Februar 2019 – Reharecherche und James Baldwin, If Beale Street could talk

Freitag, 22. Februar 2019 um 8:59

Ein kurzer Arbeitstag gestern: Ich hatte zwar den spätest möglichen Termin bei der Deutschen Rentenversicherung zur Reha-Beratung gebucht, den um 15 Uhr, aber das hieß halt trotzdem, dass ich mir fast einen halben Tag frei nehmen musste.

In Neuperlach bekam ich an einer großen Empfangstheke ein Nummernzettelchen und wartete in einer Sofalandschaft, bis ich aufgerufen wurde. Der Beratungstermin selbst war schnell vorbei: Es wurde festgestellt, dass ich grundsätzlich berechtig bin, dann druckte die Angestellte die nötigen Formulare aus und erklärte freundlich und kurz, wie sie auszufüllen und wohin sie zu schicken waren. Als Bearbeitungszeit nach Abschicken kündigte sie etwa drei Monate an.

Auch wenn ich nicht wie erhofft mit abgeschlossenem Antrag aus der Beratung kam, half sie mir: Alternativ hätte ich mich durch all die verlinkten Formulare auf der Website lesen müssen und selbst das Relevante finden.

Beim Heimkommen bemerkte ich Krähenrufe in einem der großen Bäume vor unserem Haus. Als ich die Krähe oben im Baum entdeckte, sah ich, dass ihre Rufe ein Ziel hatten: Da saß, unbewegt, ein Sperber (weil nur gut taubengroß wahrscheinlich ein männlicher). Bald setzten sich weitere Krähen um ihn herum, Herr Sperber saß weiter stoisch und guckte.

Abends Leserunde bei uns. Ich hatte Ofenkürbis mit Auberginensoße aus Ottolenghis namenlosem ersten Kochbuch zubereitet, dazu Ruccolasalat.

Das passte überraschend gut zusammen und ganz hervorragend dazu der Grüne Veltliner von Meinklang, den ich zum Probieren gekauft hatte.

Gelesen hatten wir James Baldwin, If Beale Street could talk, veröffentlicht 1974, bzw. deutsch von Miriam Mandelkow Beale Street Blues. Selbst hatte ich den Roman auf verschiedenen Ebenen wahrgenommen. Durchaus zuvorderst als die Geschichte des jungen schwarzen New Yorker Paars Tish und Fonny in den späten 1960ern/frühen 1970ern, also die Geschichte ihrer Familien, des Alltags mit Arbeit, Kirche, Schule, Liebe – und Willkür der weißen Behörden. Ich merkte, dass ich mich immer wieder daran erinnern musste, dass die handelnden Personen bis auf markierte Ausnahmen PoC waren. Das lag zum einen daran, dass mein Lesen durch und durch davon geprägt ist, dass sonst Weiße über Weiße erzählen, dass die Norm weißer Alltag ist. Aber auch daran, dass Baldwin ganz in der Tradition klassischer Romane schreibt (anders als zum Beispiel Chimamanda Ngozi Adichie, deren selbstbewusste Perspektive und Erzähltechnik mich sofort in ihre nicht-weiße Welt mitnahmen) – eine weitere Leseebene. Eine klare eigene Stimme, die sich von der weißen Tradition abgrenzt, las ich in den wenig später erschienenen Romanen von Alice Walker und Toni Worrison. Doch auch Baldwins Figuren sind vielschichtig, haben einen vielschichtigen Alltag, komplexe Beziehungen – und sind Opfer der Verhältnisse, in denen die schlechte Laune eines weißen Polizisten Leben zerstören kann.

Erzählt wird aus der Perspektive der jungen Tish, die eben ihre Schwangerschaft entdeckt hat. Der Vater des Kinds, ihr Partner Fonny, sitzt im Gefängnis. Wir erfahren erst nach und nach, was ihm vorgeworfen wird. Die Handlung des Romans erzählt, wie Tishs Familie versucht, ihn zu enlasten. In Rückblicken erfahren wir die Geschichte seiner Kindheit und Jungend, unter anderem, wie er und Tish ein Paar wurden.

Ich las If Beale Street could talk aber auch als zeitgebundenes Gesellschaftsgemälde, das das New York der 60er und die Menschen darin zeichnete (inklusive, für mich sehr interessant, den Jargon, den sie verwenden). Mich bedrückte das Bewusstsein, wie wenig sich bis heute an der fehlenden Chancengleichheit verändert hat; kein Wunder, dass bei der Besprechung der aktuellen Verfilmung immer wieder der Bogen zu „Black Lives Matter“ geschlagen wird.

Die anderen aus der Runde hatten den Roman meist nicht ganz gelesen, aber aus Zeitgründen. Es herrschte allgemeines Wohlwollen, wir waren uns aber einig, dass die Bedeutung von If Beale Street could talk vor allem außerliterarisch ist. (Unter anderem geht Baldwins Versuch, aus der Perspektive einer jungen Frau zu schreiben, stellenweise fast lächerlich schief.) Außerdem gab es einige Hinweise darauf, dass sich die deutsche Übersetzung deutlich anders liest; unter anderem wirken die Dialoge im Englischen wie alltägliche Straßensprache, im Deutschen kommen die eingestreuten Kraftausdrücke erheblich brutaler rüber.

§

Seyda Kurt zum gestrigen Tag der Muttersprache:
„Tag der Muttersprache: Ich will nicht mehr, dass Menschen verstummen“.

Bei den Diskussionen um Herkunfts- und Dominanzsprache geht es wohlgemerkt nie um das Französische oder Englische – genau so wenig, wie es um französische oder britische Migrant*innen geht, wenn von Integration gesprochen wird. Es geht immer um Menschen, die selbst in der zweiten, dritten Generation aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft als fremd gelesen werden. Es geht um marginalisierte Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Glaubens oder der Klasse, der sie angehören, das Selbstbild einer kulturell homogenen, weiß-christlichen Gesellschaft stören. Während ein französischer Akzent als charmant und feingeistig wahrgenommen wird – mais oui, das passt doch zu uns Deutschen durchaus! – wurden meine Eltern aufgrund ihres türkischen Akzents oft verhöhnt.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu “Journal Donnerstag, 21. Februar 2019 – Reharecherche und James Baldwin, If Beale Street could talk

  1. Defne meint:

    Den Artikel in der ZEIT über die Muttersprache habe ich gelesen. Ich mag es ja gerne wenn z.B. junge Leute im Gespräch jeden Satz abwechslungsweise in Deutsch oder ihrer Migrationshintergrundsprache sprechen.
    Was mich jedoch total entsetzt hat war das Programm der Münchner Stadtbibliothek zum Tag der Muttersprache. Alle Sprachen waren vertreten von Kurdisch, Chinesisch bis Persisch. Nur eben die hiesige Muttersprache wurde vergessen: das Bairische bzw. Münchnerische. Dabei habe ich vor wenigen Wochen gelernt dass das Bairische seit 10 Jahren als aussterbende Sprache gilt. Da würde ich mir doch wünschen dass die Ortssprache auch mal unterstützt wird.
    Von der Sprache her ist es immer schwieriger mit den Leuten sich zu unterhalten oder Antworten auf Fragen zu kriegen. Eine Politesse mit Migrationshintergrund hat gestern fast keinen richtigen deutschen Satz rausgekriegt, ein Straßenbahnfahrer hat eine Durchsage zu einer Verkehrstörung gemacht, die auch vom Sinn her sehr schwer zu verstehen war. Brauchen diese Mitarbeiter keinen Schulabschluß mehr? Dass viele Leute hiesige Begriffe (die nicht mal was mit dem Dialekt zu tun haben), die vor ein paar Jahren noch alle wußten, jetzt nicht mehr verstanden werden daran muß ich mich wohl gewöhnen.

  2. Hauptschulblues meint:

    Bewerbungsschreiben werden immer häufiger nicht mehr verlangt. Die MVG wirbt mit einer Tramrundfahrt von Interessierten, nach der die Teilnehmenden sich gleich für eine Tram-, Bus- oder U-Bahnfahrer*innenausbildung entscheiden können. Vielleicht mag das einer der Gründe sein. Vor Jahren wurde allerdings von einer Abschlussschülerin ohne Quali verlangt, dass sie diesen als Externe nachmachen soll, andernfalls sei es das gewesen mit der Ausbildung.

  3. Sandra meint:

    Auch Menschen ohne Migrationshintergrund sind oft nicht in der Lage, eine fehlerfreie E-Mail zu versenden. Teils kann man abgesehen von Rechtschreibfehlern noch nichteinmal verstehen, was der Verfasser eigentlich aussagen will. DAS erschreckt mich noch viel mehr.

    @Frau Kaltmamsell: Amüsant, die Vogelkommunikation bei Ihnen. Ich schmunzele darüber, während ich beim Frisör sitze und Ihren Blog der Bunten vorziehe.

  4. Joriste meint:

    Ohne mich näher informiert zu haben ob das für Reha auch gilt erlaube ich mir einen kurzen Erfahrungsbericht: in Sachen Mutter-Kind-Kur habe ich mir von der Caritas bei der Beantragung helfen lassen, dh die Sachbearbeiterin hat die Anträge fertig ausgefüllt und mit Stempel versehen zur Krankenkasse geschickt. Die Bewilligungsrate ist dann wohl deutlich höher positiv – kleiner, für mich aber unwesentlicher Nebeneffekt ist, dass ich dadurch dann natürlich auch nur in ein von der Caritas unterstütztes Haus gehen konnte, passte aber für uns sehr gut. Dieses Angebot gibt es wohl von allen Wohlfahrtsverbänden. Möglicherweise verhilft es Ihnen schneller zur Reha?

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