Journal Freitag, 29. Mai 2020 – Bahnhofsviertelliebe

Samstag, 30. Mai 2020 um 8:30

Gestern Morgen gab’s wieder ein halbes Stündchen Crosstrainern, hätte gerne mehr sein können. Es blieb kühl und grau, ich griff wieder zu Winterkleidung, um im Büro nicht zu frieren.

Auf dem Weg ins Büro stieg ich beim Bäcker Zöttl im Westend ab, um mir ein Laugenzöpferl zu holen. Beim Schlangestehen vor dem Eingang (Abstandsgebot verlängert Schlangen extrem) sah ich den Mauerseglern zu, die in großer Zahl zu und von ihren Nestern unter den Hausdächern flitzten.

In der Arbeit reichlich Arbeit, von der einige einen Grad an Konzentration erforderte, der mir an einem Freitagnachmittag nur mit größere Mühe möglich ist. Außerdem zeichnete sich ab, dass die nächste Arbeitswoche besonders unangenehm wird.

Mittags das Zöpferl und Quark mit Aprikosen. Weiterhin kein Signal, ob und wann die stufenweise Rückkehr zu Präsenzarbeit die Wiedereröffnung der Cafeteria ermöglicht.

Auf dem Heimweg holte ich erst ein Packerl an einer DPD-Station in einem der herrlich höhlenartigen IT-Schrauberläden in der Schillerstraße ab, dann schlängelte ich mich durch die vielen Baustellen zum Süpermarket Verdi für den ersten Einkauf dort sein Monaten (es war mir dort in der SITUATION zu eng und voll). Auf den Lebensadern des südlichen Bahnhofsviertels Goethe-, Landwehr- und Schillerstraße wuselte das bunte Leben in Dutzenden Sprachen und Herkunftskulturen – ich hatte die Gegend Münchens, in der ich lebe, ganz arg lieb.

Abendessen war nach einem Gin Tonic zum einen der Liebling Artischocken mit Aioli, zum anderen ein Abenteuer: Wir haben einen neuen Hausgefährten, einen Air Fryer. Frittieren musste der sehr abenteuerlustige Koch Herr Kaltmamsell als Zubereitungsart bislang auslassen, denn eine Fritteuse wäre dann doch ein zu selten genutztes Gerät, zudem scheuten wir Ölverbrauch und Geruchsentwicklung. Doch dann entdeckten wir hymnische Berichte vom Air Frying mit ganz wenig Öl, überzeugenden Frittierergebnissen, zudem fiel uns eine Verstauungsmöglichkeit des Viechs ein. Gestern gab es als erstes Produkt daraus Pommes.

Vielleicht ein bisschen zu lange gebacken, aber sie schmeckten eher wie aus dem Backofen als aus der Fritteuse (Herr Kaltmamsell spricht seither von „geföhnte Pommes“).

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Warum hat COVID-19 Italien besonders schwer erwischt und da vor allem die Lombardei? Kurzfassung der Antwort aus einer Analyse von n-tv: Das Gesundheitssystem, profitorientiert und korrupt.
„Klinik-System und Lega-Politiker
Italiens Corona-Katastrophe hat Verantwortliche“.

via @goncourt

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Die wundervolle Judi Dench ist mit 85 das älteste Cover-Modell der britischen Vogue geworden. Wundert mich überhaupt nicht: Ich dachte schon vor 15 Jahren erst „wenn ich mal so alt bin, will ich so großartig aussehen“, um sofort zu erkennen „ach was, ich will jetzt so großartig aussehen“. Neben Fotos gibt es ein hinreißendes und ausführliches Portrait von Dame Judi, inklusive Links auf sehenswerte Bilderstrecken:
„The Judi Dench Interview: ‚Retirement? Wash Your Mouth Out'“.

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Dr. Julia Riede ist Physikerin, die derzeit auf medizinische Frau Doktor studiert.1 Auf Twitter gibt es von ihr, was sie „Wortcomic“ nennt, als Erklärung von Impfung.

  1. Sagt man das eigentlich nur in Bayern? „Auf“ etwas studieren? Also auf Lehrerin, auf Doktor, auf Anwältin? Was natürlich nur bei Studiengängen funktioniert, an deren Ende ein klarer Beruf steht, was bei so geistewissenschaftlichem Geschmeiß wie mir nach Nennung meines Studienfachs regelmäßig zur Frage führte: „Und was bist na‘ dann?“ Nur als meine ehemalige Kinderärztin das fragte, reagierte ich ein einziges Mal passend mit der Antwort: „Eine schöne, kluge Frau.“ []
die Kaltmamsell

11 Kommentare zu „Journal Freitag, 29. Mai 2020 – Bahnhofsviertelliebe“

  1. Nike meint:

    Witzig. Hier im Norden kenne zumindest ich das berufsbezogene „auf Anwältin“ gar nicht. Dafür studiert man aber auf einen Anschluss (hin). Also „Ich studiere auf Diplom, auf Magister, auf Bachelor….“
    Liebste Grüße
    P.s.: großartige (und wahre) Antwort an die Kinderärztin

  2. Poupou meint:

    Ich kenne dass man „auf Lehramt“ oder „auf Magister“ studierte in den Geisteswissenschaften. Ob das heute noch so heißt? Keine Ahnung. „Auf Doktor“ o.ä. habe ich nie gehört.

  3. Daniela meint:

    Unser Erleuchtungsmoment war, als wir die viel tollere Nebenfunktion feststellten: wir nutzen unsere Heissluftfritteuse in erster Linie ohne Fett zum Aufbacken der Brötchen vom Vortag, oder wenn Backwaren aller Art schon lätschig sind und erwärmt und/oder gekrosst werden sollen. Das Gebläse kriegt das deutlich besser und schneller hin als unser Backofen. Das ist so ein Gerät, dass ich inzwischen immer ersetzen würde, sollte es mal kaputt gehen. Viel Freude beim Experimentieren!

  4. Joriste meint:

    die Verwandtschaft aus dem Schwarzwald benutzte zu Berufsfindungszeiten den Ausdruck „ich gehe als“ – also „nach der Schule gehe ich als Bäcker“ oder: „ich möchte als Bankkauffrau gehen“. Diesen Ausdruck verortete man bei uns zu Hause in Nordbaden eher zum Thema Verkleidung zur Fastnacht, deshalb fand ich das sehr witzig.
    Inzwischen trifft mein Berufserleben ganz gut, dass doch auch einfach viele garnicht wirklich … sind sondern (nur?) als solche gehen. Anwesende und alle, die sich wirklich als das fühlen was sie beruflich sind natürlich ausgenommen.

  5. die Kaltmamsell meint:

    Großartig, Joriste, das übernehme ich umgehend:
    „Und was machen Sie beruflich?“
    „Ich gehe als Sekretärin.“

  6. Croco meint:

    Hab auf Lehramt studiert, aber nebenher alle Scheine auf Diplom gemacht.
    Zur Fasnet bin ich als Cowboy gegangen.
    Wenn ich anderswo gefragt werde, was ich von Beruf bin, sage ich immer, ich arbeite mit Kindern. Nie sagte einer: Oha, a Lehrerin!
    Ich geh als Lehrerin, das gefällt mir.
    Lustig ist das alles schon.

  7. hafensonne meint:

    Ich vermute, sie studiert Medizin? Dann wird sie Ärztin, studiert also in Ihrer Mundart auf Ärztin. Auf Frau Doktor kann man nicht studieren, dafür braucht’s ne Promotion. Nicht nur in der Medizin. Aber ich gehe davon aus, dass Sie das wissen, verzeihen Sid bitte die Klugsch…erei. Schöne Pfingsten!

  8. die Kaltmamsell meint:

    In Bayern (vor allem in der Gesellschaftsschicht, aus der ich komme), geht man „zum Dokta“, wenn man körperliche Beschwerden hat, nicht „zum Arzt“, hafensonne – und weder lässt man sich dort die Promotionsurkunde zeigen, noch glaubt man, dass die Dissertation eine Germanistin zu Medizinerin macht. Deshalb studiert man hier „auf Doktor“.

  9. Turtle meint:

    In unserem Haushalt würde auch lange nicht frittiert, aus den gleichen Gründen. Kein Platz für eine Fritteuse und der Geruch.

    Stellt sich raus dass der Geruch maßgeblich von der Qualität des Öls beeinflusst wird. Ordentliches Rapsöl anstelle von sog. Pflanzenöl und schon riecht es gut. Nun frittieren wir im Topf. Ich „siebe“ das abgekühlte Öl danach durch Kaffeefilter, dann lässt sich mehrfach verwenden und der Verbrauch hält sich Grenzen.

    Mich würde ja interessieren ob Falafel im Airfryer gelingen? Pommes sind bei uns gar kein Frittiergrund, eher Donuts, Falafel und Huhn (Chicken Wings und Hot Chicken Nashville Style)

  10. Sandra meint:

    Die Schillerstraße weckt nicht die schönsten Erinnerungen an München bei mir. Jedenfalls spät abends fühlten meine Kollegen und ich uns nicht sehr sicher auf dem Weg zurück ins Hotel und nachts war es sehr laut auf der Straße. Rumgeschreie vor entsprechenden Etablissements. Hatte ich nicht so lieb. Aber immerhin war das Hotel gut und es war nah zum Bahnhof und zum Zentrum. Sehr früh am Samstagmorgen sorgte der Reinigungsdienst wieder für eine saubere Straße.

  11. Joe meint:

    Geisteswissenschaftlich gab es das „auf Doktor“ ja auch mal. Frueher konnte man den Dr. als Studienabschluss in Geisteswissenschaften waehlen. Manchen bekannt geworden durch den Fall Annette Schavan. Die nun durch die Aberkennung des Doktorgrads ohne jeglichen Studienabschluss ist.


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