Journal Dienstag, 6. Oktober 2020 – Nach- aber auch Vorteile von Klinik-Mehrbettzimmern

Mittwoch, 7. Oktober 2020 um 7:36

Gestückelt aber doch geschlafen, unangenehme Rückenschmerzen um die Brustwirbelsäule, letztes Aufwachen um sieben.

Bevor ich mich duschen konnte, wurde ich bereits zum Röntgen geschickt – dass mir ein Rollstuhl nicht mal angeboten wurde, sehe ich als nonverbale Anerkennung meines Heilungsprozesses. Selbst die (wieder: freundliche, gelassene) Röntgenfachkraft hatte einen Bewegungstrick für mich Hüftpatientin bei der Hand.

In meiner Abwesenheit hatte es ein kleines Drama im Krankenzimmer gegeben um die Zimmergenossin, die gestern entlassen wurde – doch auch das löste das Personal aufmerksam, fürsorglich und professionell. Ich war verblüfft, wie schnell das hauseigene Labor die dazu nötigen Blutanalysen erledigte.

So ein Dreibett-Krankenzimmer kann über die Tage zu einer kleinen Zauberberg-Blase werden. Und manche beginnen gegenüber Fremden über Dinge zu sprechen, die sehr gut verräumt waren – auch aus den falschen Gründen verräumt.

Visite ergab nichts Neues, das vorher erstellte Röntgenbild wurde gelobt, alles bestens.

Besuch von Herrn Physio, der aus gegebenem Anlasse betonte, dass Treppengehen für uns keine Trainigsform sei, sondern er uns lediglich die Technik dafür beigebracht habe. Er erklärte meine Rückenschmerzen zum einen mit dem Zurechtjuckeln des gesamtem Muskelsystems mit der Endoprothese, zum anderen mit dem ungewohnten Krückengehen. Der Herr erläuterte auch nochmal detailliert, warum man sich nach der Hüft-OP eine Zeit lang nicht mehr als 90 Grad beugen soll: Weil während der OP das Hüftgelenk gewaltsam ausgekugelt werden muss und sich das Bänder-, Muskel-, Sehnensystem danach erst wieder stabilisiert.

Neue Zimmergenossin, neue Lebensgeschichten, neue Krankheitsgeschichten. Fürs Lesen musste ich mir die Zeit immer stehlen. Ich freue mich schon sehr auf mein Einzelzimmer in der Reha ab Mittwoch. Gleichzeitig wurde mir in diesen Kliniktagen in Garmisch klar, dass die Mehrfachbelegung eines Krankenzimmers nützlich ist: Die Patienten oder Patientinnen achten aufeinander, sehr wahrscheinlich selbst wenn sie einander nicht ausstehen können, sind mit Alarm viel schneller als der Pflegeruf, geben einander Tipps unter Leidensgenossinnen.

Mittags bekam ich eine Salatschüssel mit Ei und Käse, dazu Vollkornbrot. Ob abgepacktes Vollkornbrot wohl jemals nicht mehr nach nach Brigittediät riechen wird? (Drei Millimeter Butter sind wirksame Traumabekämpfung.)

Am frühen Nachmittag nochmal eine Einheit Gruppengymnastik Hüfte, der freundliche Physio erklärte viel. Direkt vor den Fenstern des Gymnastikraums im Erdgeschoß gibt es einen Weg mit verschiedenen Oberflächen von Rindenmull über Kopfsteinpflaster bis Kies, den durfte ich auch noch ausprobieren.

Nachmittag mit noch mehr erzwungenem Menschenkontakt, vielleicht gibt es in der Rehaklinik sogar einen Schweige-Trakt?

Zum Abendessen gab es neben Kräuterquark mein geliebtes Gemüse in Aspik.

Abendunterhaltung war die jüngste Folge von Die Anstalt, ein Spoof auf die BBC-Serie Sherlock, mit dem der Fall Julian Assange aufgedröselt wurde – ich erfuhr viel Neues. Hier in der Mediathek.

Als ich mich zum Schlafen fertigmachte, fiel mir ein, dass ich den Anamnesebogen der Rehaklinik, in die ich am nächsten Tag gebracht würde, noch nicht ausgefüllt hatte. Ich machte mich gleich daran – und wurde darüber leider wieder sehr wach. Unter anderem sollte ich in zahlreichen leeren Zeilen meinen gesamten beruflichen Werdegang auflisten. Ich schrieb quer drüber: „Wollen Sie mich einstellen oder behandeln?“
(Mir will wirklich nicht einfallen, wozu diese Angaben dienen sollen.)

Nachtrag, Geständnis: Ich habe am nächsten Morgen ergänzt „Ich sende Ihnen gerne meinen Lebenslauf mit allen 14 Berufsstationen als PDF.“

§

Kluge Gedanken von Falk Steiner zu Stand der deutschen Büroarbeit:
„Out of Office: Zeit für eine andere Arbeitskultur“.

§

Für „75 Jahre Süddeutsche Zeitung“ schreibt Christiane Lutz über ihr Leben als Theaterkritikerin, oder, was ihr lieber ist, als „Journalistin, die sich mit der Kunst des Theaters beschäftigt“:
„Sehen, was gut war“.

die Kaltmamsell

16 Kommentare zu „Journal Dienstag, 6. Oktober 2020 – Nach- aber auch Vorteile von Klinik-Mehrbettzimmern“

  1. Mareike meint:

    Die Angaben zur Berufslaufbahn werden u.a. erfragt, weil der Auftrag der Reha ja die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit ist. Je nach bisheriger Tätigkeit kommen da unterschiedliche Umschulungs- oder sozialrechtliche Dinge zum Tragen. Das ist für im Büro arbeitende nicht so relevant, wie für andere Berufsgruppen, aber die Formulare sind ja standardisiert. (Und das man alles angeben soll ist viel, ja.)

  2. Leserin Aziza meint:

    Der berufliche Lebenslauf wird abgefragt, weil Sie eine AHB machen, die von der deutschen Rentenversicherung bezahlt wird, mit dem Ziel, Sie wieder arbeitsfähig zu machen. Die Rehaeinrichtung muss im Entlassbericht beurteilen, ob sie in Ihrem Beruf wieder arbeiten können oder z. B. eine stufenweise Wiedereingliederung benötigen… usw.
    Weiterhin alles Gute! Ein Schweigetrakt ist mir in den Rehaeinrichtungen noch nie begegnet, aber es gibt Klinikkapellen, da finden Sie Ruhe und Stille.

  3. Alexandra meint:

    Sie meinen sicher „Rindenmulch“ – mir „Mull“ vorzustellen erheitert mich gerade ziemlich.

    Und „Beruflicher Werdegang“ gibt womöglich Aufschluss über körperliche Entwicklung/Abnutzung? Die dürfte schließlich bei einem Maurer anders sein als bei einem Architekten.

    Zu meinen eigenen Klinikaufenthalten in Mehrbettzimmern kommen mir ähnliche Gedanken wie Ihnen – und dass Geheimnisse fast unmöglich waren. Aber auch unnötig schienen. Eine ganz eigene Blase, indeed!

  4. die Kaltmamsell meint:

    Über meine derzeitige Arbeitstätigkeit und meine Ausbildung hatte ich ja schon Auskünfte ausgefüllt, Mareike, Leserin Aziza, wie halt auch für die Reha 2019. Jetzt aber sollte ich zusätzlich ALLE beruflichen Stationen angeben.

  5. Sabine Kerschbaumer meint:

    ******************KOMMENTAROMAT**********************

    Gerne gelesen

    *******************************************************

  6. Barbara Götz meint:

    Für den Schweigetrakt bräuchte es sicherlich den Abschluss einer Zusatzversicherung der Luxe. Ihr trockener Humor ist großartig! Weiterhin gute Genesung.

  7. Evi meint:

    Hahaha, die Frage, „wollen Sie mich einstellen oder behandeln?“ hat man mir vor vielen Jahren auch gestellt. Ich habe ähnlich geantwortet. Damit hatte ich 3 Stunden bei der Psychologin gewonnen. Wegen aggressivem Verhalten. gute Zeit in der Reha.

  8. Joël meint:

    Danke für den tollen Bericht von Christiane Lutz, da ich zur Zeit nicht viel anderes sehe als die Hinterbühne.
    Weiterhin alles Gute.
    (Sollen wir einen Termin zum Tanzen gehen festlegen, so als Perspektive für die Zukunft?)

  9. Croco meint:

    In der Reha habe ich mich nach der Ruhe im Krankenhaus gesehnt.
    Der Tag ist dort so getaktet, dass man kaum Zeit für sich hat. Und die Menschen wechseln im selben Takt, so auch ihre Geschichten. Dieser schutzlose Offenheit gibt es kaum außerhalb. Plötzlich habe ich verstanden, warum Menschen aus dem Bekanntenkreis völlig verändert und mit neuem Partner aus einer solchen Maßname kamen.

  10. engl meint:

    rindermull. bei mir hieß das rindermull!

  11. Roswitha meint:

    danke für diese beschreibungen der behandlung, ich konnte etwas lernen. meine hüft-op war oktober 2018, einige anleitungen ihres physiotherapeuten hatte ich noch nie gehört. unangenehm fand ich in der klinik, dass kaum jemand zeit für mich hatte, um mir bei der körperpflege am anfang zu helfen oder mir zu zeigen, wie es geht nach op. in der reha war ich zufrieden, ein gewinn war, allein im zimmer zu sein und draußen mit rollator zu laufen. eine gesprächsgruppe hätte ich gut gefunden, aber wir wurden „abgearbeitet“, zu viele patienten, zu wenig personal.

  12. eva b meint:

    gute besserung frau vorspeisenplatte.

    es gibt natürlich rindenmulch. warum sind die menschen so kleinlich.

  13. Ulla meint:

    „wollen Sie mich einstellen oder behandeln“, made my day, hahah

  14. Ilka meint:

    Sogar Lesen geht, Respekt! Ich bin bisher nach jeder OP zuverlässig nach einer halben Stunde „Aktivität“ (aka ich gehe zur Toi und hole anschließend eine Flasche Wasser aus der Teeküche) weggepennt und wollte darum auch keinen Besuch (schon gar nicht, wenn der dafür pro Strecke 1,5 Stunden unterwegs ist).
    Wünsche weiter gute Heilung, interessante Beobachtung und nette aufmerksame Raumteiler.
    Viele Grüße

  15. Anja Ritter meint:

    Liebe Kaltmamsell, weiter gute Besserung!! Ich bewundere Ihren Fokus und knackigen Worte zum Projekt neue Hüfte. Wünsche in der Reha viel Wasser, Bewegung und neue Kraft ! Und beim Blick aus dem Fenster überlege ich ob ich doch im November lieber aufs Land fahren sollte statt in eine Münchner Klinik…

  16. InaPö meint:

    In meiner letzten Reha 2017, hab ich nach allen Pflichtveranstaltungen entweder sofort in meinem Zimmer aufgesucht (und oft schon vor acht geschlafen, wenn auch nicht durch, aber ich hab Ruhen für mich kultiviert), oder mit Kopfhörern im öffentlichen Raum (WLAN gabs in Oberammergau nur dort) gesessen weil ich von der vielen Ansprache so erschöpft war.
    Stehe 3 Wochen vor der nächsten (diesmal an der Ostsee) und merke wie die Aufregung steigt, sollte im Juni, das konnte ich verschieben, aber es ist mehr als nötig und ich weiß auch nicht.
    Wünsche weiterhin gute Besserung und dass die Schmerzen weniger werden,
    Ina

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