Journal Freitag, 27. November 2020 – Green Friday und Broeding daheim

Samstag, 28. November 2020 um 9:24

Noch früher aufgestanden, um ganz zeitig zum Reha-Sport zu kommen und idealerweise mit einer besonders geringen Zahl Mitsportelnder belohnt zu werden. Klappte gut, mein zusätzlicher Lohn: Den Tag erwachen zu sehen, von leisestem Licht im Novembernebel, der selbst markante Hochhäuser schluckte (schemenhaft erspäht: Eichhörnchen im Baum) über erste Ahnungen von Himmelblau bis selbstbewusst und golden strahlendem Sonnenschein.

Der Sport selbst lief besonders gut; auf dem Wackelgestell schaffe ich jetzt die wackligste Einstellung.

Auf dem Heimweg stieg ich am Marienplatz aus, um am Viktualienmarkt eine Bauernente fürs Wochenende zu kaufen.

Daheim Dusche, Pflege, ein weiterer Milchkaffee, es war ja gerade mal zehn, Zeitunglesen. Frühstückshunger hatte ich um zwölf: Selbstgebackenes Roggenmischbrot 70/30 (Geschmack sehr gut), Mango (nach Langem mal wieder eine extrem fasrige).

Am frühen Nachmittag war ich mit einer Freundin zu einem Spaziergang (Gehen ging unbeschwert) über den Alten Südfriedhof verabredet. Ich freute mich sehr über das Wiedersehen und das Gespräch, bei aller äußerer Pandemie-bedingter Verlangsamung geht das Leben ja doch in alle Richtungen weiter, mal erfreulich, mal bekümmernd. Dazu große Eichhörnchen-Show auf und um die alten Gräber.

Delinat kenne ich seit viele Jahren als Schweizer Lieferanten für Bioweine, bin immer wieder Kundin, habe hier viel gelernt. Jetzt hat in unserer Nähe eines der beiden deutschen Ladengeschäfte eröffnet, das sah ich mir an (es wird noch ausgepackt). Ich ließ mich zu einem Wein zur Wochenendente beraten (es wurde ein Sepp Moser Zweigelt vom Holzfass). Beim Zahlen wurde ich gefragt, ob ich mich am „Green Friday“ beteiligen wolle: Nachdem ansonsten in der Konsumwelt die Schnäppchenjäger gestern mit einem „Black Friday“ durch Sonderangebote dazu animiert wurden, noch mehr überflüssige Dinge zu kaufen, schlug Delinat gestern 10 Prozent drauf, die in die Initiative „Sauberes Trinkwasser“ gingen, zahlte selbst nochmal diesselbe Summe. Genau meine Sorte Bockigkeit, ich beteiligte mich gerne.

Daheim Füße hoch und lesen, dann sah ich mir den zweiten Teil des Fernseh-Dreiteilers Vienna Blood an.

Der Abend wurde festlich: Auf Tipp von Anke Gröner hatten wir im Lieblingsrestaurant Broeding ein Menü bestellt, das Herr Kaltmamsell abholte, dazu eine Flasche Sekt und eine Flasche Wein.

Während das Brot im Ofen fertigbuk, öffnete ich den Sekt Extra Brut Reserve vom Loimer und goss schon mal ein.

Es war ein wundervolles Mahl (dass es nicht so aussieht, liegt allein ein meiner kompletten Deko-Unfähigkeit). Das knusprig duftige Brot der Bäckerei Brotzeit, das intensiv aromatische Meerrettich-Rote-Bete-Mousse. Besonders freute ich mich auf den Hauptgang, der in einem Pergamentpapier-Päckchen kam und 15 Minuten im Ofen fertiggegart werden musste: Ich kostete zum ersten Mal den Fisch, der dem Restaurant seinen Namen gab, einen Broeding (Saiblingsart). Das Garen klappte problemlos, Fisch und Gemüse schmeckten hervorragend, die Salsa verde war der Hammer. Dazu hatten wir im Glas einen 2017 Riesling Eigenbroedler (Exklusivabfüllung fürs Restaurant), halbtrocken – er passte sehr schön. Zu all den Genüssen freute ich mich, wie gut die Fertigstellung daheim geplant war.

Sehr satt und so betrunken wie seit vielen Monaten nicht mehr (obwohl wir keine der beiden Flaschen geleert hatten) kippten wir früh ins Bett.

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Im Web ist der DSGVO-Cookie-Zustimmprozess in den vergangenen Wochen noch umständlicher geworden: Kommerzielle Websites sind dazu übergegangen, erst mal eine Schaltfläche für „Alles erlauben“ zu zeigen – wer einfach nur auf die Website will (und was sollte man sonst wollen?), wird wahrscheinlich einfach draufklicken. Ein zweiter Button „Einstellungen“ bringt einen üblicherweise auf eine Seite, auf der die Mindestanforderungen voreingestellt sind und auf der die Möglichkeit besteht, mit einem Klick nur diese zu erlauben. Für mich ist es also Routine geworden, zweimal zu klicken, bevor ich auch nur an den kürzesten Recherche-Check rankomme – ich kann mir durchaus vorstellen, dass sich unerfahrene und etwas furchtsame Neuankömmlinge im Web auf gar keine Website mehr trauen. Hoffentlich klagt bald jemand auf europäischer Ebene gegen die Bauernfängerei, die dieser „Alles erlauben“-Button darstellt.

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Ich bin sexistische Pointen in der deutschen Werbung so gewohnt, dass ich das hier kaum glauben konnte: Danke, TÜV.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Freitag, 27. November 2020 – Green Friday und Broeding daheim“

  1. Nina meint:

    Ich muss beim Schimpfen über Black Friday auch sehr aufpassen, nicht in eine klassistische Haltung zu verfallen und verächtlich die Nase über alle zu rümpfen, die da scheinbar haltlos konsumieren. Ich bin also einer Freundin sehr dankbar, die zu bedenken gab: Für viele Menschen mit geringerem Einkommen sind diese Rabattaktionen die einzige Möglichkeit im Jahr, sich ein Paar neue Winterschuhe oder einen benötigten Kühlschrank zu kaufen. Viele Familien können sich nur hier die Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder leisten. Dass diese Rabattaktionen ja hauptsächlich den Versandriesen zugute kommen und nur durch Ausbeutung von dessen Angestellten sowie durch Aufschlag auf die regulären Preise im
    restlichen Jahr ermöglicht werden, zeugt von der Perfidität des Kapitalismus.

  2. Berit meint:

    Klasse Werbung lieber TÜV.

    Ich entnehme der Tagesbeschreibung, dass es der Hüfte besser geht? Falls ja, freue ich mich umso mehr, falls nicht drücke ich weiterhin die Daumen für eine raschere Genesung.

  3. Alexandra meint:

    Mindestens genauso perfide finde ich den Kapitalismus da, wo langfristige Preisbeobachtung offenbart, dass Rabatte eben keine Schnäppchen sind und den Schein nur der Tatsache verdanken, dass vorher die Preise deutlich rauf gingen. Auch das gibt es.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Genau deshalb, Nina, hatte ich meine Formulierung sorgfältig gewählt.

    Aus Spaß, Alexandra, hatte ich seit Tagen auf Amazon ein bestimmtes Modell elektrischer Zahnbürste beobachtet: Bis gestern war es reduziert auf ca. 179 Euro, gestern auf 185 Euro (von regulär 210 Euro). Hätte ich nur Screenshots gemacht. Da wir aber seit Langem wirklich eine neue elektrische Zahnbürste brauchen, gehe ich nächste Woche in ein Geschäft.

  5. Christine meint:

    Jepp, auf dem Altar des angeblichen Verbraucherschutzes wurde schon sehr viel Freiheit geopfert (vor 20 Jahren konnte man noch zweiseitige Verträge abschließen mit einer Unterschrift, heute muss man 50 Seiten an vier Stellen unterschreiben), die Cookie-„Aufklärung“ ist nur ein weiterer Tiefpunkt. Ich klicke auch jedes Mal, nur bei youtube hab ich es noch nicht raus, wie man das ablehnt.

    Ich warte drauf, dass sie demnächst beim örtlichen Pennymarkt ein Schild raushängen müssen „Achtung, wenn Sie hier einkaufen, verdienen wir Geld!“

    Unser deutscher Staat traut den Bürgern keinerlei Eigenverantwortung mehr zu.

  6. Nina meint:

    Genau. Wie ich bereits in meinem Kommentar schrieb „… durch Aufschlag auf die Preise im restlichen Jahr ermöglicht werden…“.

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