Journal Montag, 28. Dezember 2020 – Lokalinformationen durch Tatort-Schauen

Dienstag, 29. Dezember 2020 um 8:44

Nach Längerem mal wieder eine blöde Nacht: Nach Klogang um zwei schlief ich nicht mehr ein, döste nur die eine oder andere Runde, verbuchte den Rest unter „Ausruhen“.

Der Wecker klingelte eh sehr früh, weil ich wieder die menschenarme erste Stunde nach Öffnung des Reha-Sportstudios nutzen wollte. Das klappte gut, zudem bat ich an diesem vorletzten Nach-Reha-Termin einen Trainer um Rat zu anschließender sportlicher Bewegung. Er verwies zwar zunächst auf den Operateur, der das am besten beurteilen könne, doch der ist weit, und ein Termin bei ihm ist erst zwölf Monate nach OP vorgesehen. Doch dann beantwortete er meine konkreten Fragen. Ich wollte vor allem wissen, wovor ich mich bei meinen Sportplänen besser hüte (Tipp: Radeln erst mal abseits vom Straßenverkehr – wie gut, dass die Theresienwiese ums Eck ist), bei Yoga die nächste Zeit nur langsam in die Positionen kommen, Kraulschwimmen wäre ideal (*schluchz*, zumal gestern dicke Schneeflocken fielen, die eine Draußenrunde im Dantebad wundervoll gemacht hätten), alles andere langsam steigern, echtes Warnsignal wäre ein stechender Schmerz, der anhält. Wunderbar, ich fühle mich gerüstet für die nächsten Monate.

Die ausführliche Reha-Runde lief dann gut. Ich nutzte die frühe Stunde zudem für Einkäufe im Edeka unterm Rehazentrum; zwar wurden noch Regale bestückt, doch es waren kaum Kund*innen da. Alltags-Einkaufsliste (vor allem Bestand wie Senf, Essiggurken, Majo, zudem Zutaten fürs Abendessen) war hiermit abgehakt.

Daheim zwickte es wie schon in den vergangenen Tagen im Kreuz. Trotz Unlust ließ ich mir ein Entspannungsbad ein, das tatsächlich half. Die Wirkung war allerdings nach einer Stunde Sitzen am Tisch (Frühstück Quark mit Granatapfel und Birne) verflogen, ich setzte mich mit Füßehoch aufs Bett und las die Süddeutsche.

Im München-Teil schrieb Holger Gertz über 30 Jahre München-Tatort mit Ivo Batic und Franz Leitmayr (€): „Ein Münchner Denkmal“. Ich vertraute seinem Urteil, weil eine der ausführlich besprochenen Folgen „Frau Bu lacht“ von 1995 ist, die auch ich für ein Highlight der Tatort-Geschichte halte. Ebenfalls besonderes Lob von Goetz bekam „Der oide Depp“, eine Folge von 2008.

Das schwarz-weiße München der Sechziger, tatsächlich mit original Sequenzen aus „Funkstreife Isar 12“, wird amalgamiert mit dem München des Jahres 2008. Der Zuschauer schaut in die Vergangenheit der Schwanthalerstraße, und in der Gegenwart sagen die Kommissare, wo sie gerade sind, indem sie ins Handy rufen: „Batic hier, wir brauchen einen Notarztwagen, Landwehrstraße, Foto Würzbauer.“ Und so entsteht ein Film, der eine Zeit lebendig werden lässt, als die Polizei noch dealte mit den Luden und tote Prostituierte nur Kollateralschäden waren.

Die kannte ich nicht, und so sah ich sie mir auf YouTube an. Wirklich gut, und Jörg Hube, der ein Jahr später starb, spielt den jovialen Arsch wunderbar understatet. Was Gertz nicht erwähnt: Einer Münchnerin liefern München-Tatorte immer wieder Informationen über den Zustand und die Veränderungen von Stadtvierteln, in die sie selten kommt, zum Beispiel dass eine Großbaustelle jetzt abgeschlossen ist.

Das Wetter war immer noch grau und regnerisch, trotzdem wollte ich kurz an die frische Luft (dieses Bedürfnis ist ziemlich klar ein Symptom für Erwachsensein). Vor der Wohnungstür stand eine Flasche Schaumwein mit einem lieben Gruß von den Drübernachbarn: Entschuldigung für die fehlende Stille der Nächte davor, sehr charmant.

Ich ging zackig zum und durch den Alten Südfriedhof – vor der OP ein ausführlicher Spaziergang, jetzt eine halbe Stunde Bewegung, so schön! Es wurde Nacht, und der Regen verwandelte sich langsam in dicke, schwere Schneeflocken.

Dieses alte, verwitterte Grab, kein Name erkennbar, hatte eine volle Wucht Weihnachten abbekommen – ob wohl eine Geschichte dahintersteckt?

Daheim gab’s Stollen und Lesen, bis es Zeit war, das Abendessen zuzubereiten: Ich machte Cheese and Spinach Pancake Pie, der sehr gut wurde. Zum Nachtisch gab’s griechischen Joghurt mit Quitten in Sirup, im Fernsehen lief Henckel von Donnersmarcks Werk ohne Autor mit hervorragenden Darsteller*innen und zweifelhaftem Drehbuch, nach einer guten Stunde schaltete ich ab – nicht nur wegen der vielen Anachronismen in Sprache und Handlung (wenn hier historischer Realismus unwichtig ist, sollte man nicht optisch den Anschein historischer Genauigkeit erwecken wollen, es gibt Alternativen).
Nachtrag: Hahaha, auch SZ-Autorin Johanna Adorján musste den Film abbrechen: „Männer – Florian“.

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Montag, 28. Dezember 2020 – Lokalinformationen durch Tatort-Schauen“

  1. Sabine Kerschbaumer meint:

    Guten Morgen :-),

    uns hat der Film sehr gut gefallen – da sieht man einmal mehr, wie unterschiedlich Menschen Filme aufnehmen. Allerdings, und das dürfte so nicht passieren, ist der Journalistin der SZ ein böser Fehler unterlaufen, als sie die Szene in der Gaskammer kritisierte. Ich habe mich gestern während des Filmes schon gewundert, dass Gasflaschen händisch aufgedreht wurden, ausgerechnet von den „Kranken-Schwestern“. Mein geschichtlich sehr bewanderter Mann erklärte mir, dass im „Euthanasieprogramm“ des III. Reiches kein ZyclonB eingesetzt wurde, sondern Kohlenmonoxid CO. Das stand auch auf der Flasche. Geschoren wurden die Menschen ebenfalls nicht, auch hier ist der Film geschichtlich korrekt.

    https://encyclopedia.ushmm.org/content/de/article/euthanasia-program

    Die Grausamkeit der Szene liegt in dem Satz des Mädchens mit Trisonomie: „Ich mag Dich“….

    Mein Mann (Kunstlehrer) war hingegen beeindruckt, wie gut die Geschichte Beuyes dargestellt wurde.

    Dennoch kann man diesen Film natürlich so – oder so – sehen.

    Liebe Grüße

    Sabine

  2. die Kaltmamsell meint:

    Oh ja, Sabine Kerschbaumer, man kann in der Filmrezeption ganz unterschiedliche Dinge priorisieren. Danke für den Hinweis auf den Fehler! Was die Kunstseite betrifft, finde ich die Rezension im Kunstmagazin Monopol besonders interessant (er kommt nicht gut weg):
    https://www.monopol-magazin.de/daniel-kothenschulte-werk-ohne-autor

  3. Sabine Kerschbaumer meint:

    Danke für den Link, ich werde ihn auch gerne meinem Mann weiter reichen.

    (Er muss nicht gut wegkommen – zu lesen, was ich selbst denke, ist weit weniger spannend, als konträre Denkansätze.)

  4. Thomas Jungbluth meint:

    Ich habe den Film über München (noch) nicht gesehen. In Köln gefällt es aber den Drehbuchautoren schon mal, die Stadt umzukrempeln. Beispiel: In der Folge, wo ein Mitarbeiter der lokalen Zeitung ums Leben kam, platzierte man das Verlagsgebäude kurzerhand an den Rhein gegenüber vom Dom. Oder es taucht das Kameha-Hotel aus Bonn an ganz anderer Stelle auf. In Münster haben sie zuletzt einen Mörder aus einer Wohnung geholt, die nicht dort, sondern hier in unserem Nachbarstadtteil liegt. Dem Ortsunkundigen mag das nicht auffallen, ich finde es ärgerlich.

  5. Vera S. meint:

    Anke Gröner» Blog Archive » Tagebuch Montag, 28. Dezember 2020 – „Werk ohne Autor“
    https://ankegroener.de/blog/?p=35747

  6. die Kaltmamsell meint:

    Das passiert in München-Tatorten auch immer wieder Thomas Jungbluth, mich reißen allem Autofahrten aus der Fiktion, in denen von einer erkennbaren Straße in eine abgebogen wird, die am anderen Ende der Stadt liegt.

  7. engl meint:

    zackig!

    das wort lese ich hier gerne.

  8. Nechamaa meint:

    Wahrscheinlich lesen die Nachbarn hier mit :)

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