Journal Freitag, 22. Januar 2021 – Gockel, erstes Kapitel

Samstag, 23. Januar 2021 um 8:58

Die Nacht war wieder kurz nach fünf zu Ende, doch sie hatte fünf durchgeschlafene Stunden enthalten – erfrischend. Ich spürte die ausführliche Gymnastik des Morgens davor (nach Langem mal wieder Liegestütz sowie Fliegende und Überzieher mit Hanteln).

Wie nach jedem Blumenkauf freue ich mich ganz arg, wenn mein Blick auf den Strauß fällt.

Die milden Temperaturen hielten an, mein Weg in die Arbeit war schneefrei und trittsicher. Unterwegs kaufte ich beim Bäcker Zöttl ein Humusbrot für die Brotzeit. Das gab es mittags vor einer Orange mit Hüttenkäse und sättigte aufs Angenehmste.

Im Büro Telefonate auf interessanter Flughöhe.

Ich machte pünktlich Schluss, um einen Feierabend zu bekommen. Auf dem Heimweg war Süßigkeitenkauf geplant. Ich steuerte dafür den Edeka Theresienhöhe an, weil es bei dem in einem Sonderaufsteller Trockenfrüchte und Nüsse in Schokolade von Meienburg gibt, die wir sehr mögen (ansonsten ist der Laden mir für eine Pandemie eigentlich zu eng). Jetzt sollte wir auf einige Wochen mit Süßkram versorgt sein.

Daheim schaltete ich sofort den Backofen ein, um die Hartweizlinge zu backen, die seit 24 Stunden im Kühlschrank garten. (Vorteil des Arbeitens von daheim: Ich konnte am Vortag den Teig ansetzen.) Wie es mir meist geht: Eine Zeit lang stieß ich fast nur auf Brotrezepte mit Hartweizenmehl, doch nachdem ich ein Kilo in der Hofbräumühle gekauft hatte, waren sie alle verschwunden. Nach diesem hatte ich gezielt suchen müssen.

Anstoßen aufs Wochenende mit Schaumwein.

Zum Nachtmahl servierte Herr Kaltmamsell den ersten Teil von viererlei Gerichten, die aus einem Bio-Gockel werden: Die Hühnerbrüste a la Kim. Mit Erbsen und einem Stück frisch gebackenem Hartweizenbrot. (Die anderen werden Paprikahuhn aus den Keulen, Hühnerbrühe mit Tortellini, aus dem Suppenfleisch Sandwich-Füllung.)

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„«Wir befehlen Ihnen, die sieben Bundesräte in Gefängnisse einzusperren»“

Ein Gastro-Unternehmer fordert die Nummer zwei der Armee in einem Einschreiben dazu auf, die Schweizer Regierung zu verhaften und vor ein Kriegsgericht zu stellen. Und hält in einem Keller seiner Restaurant-Kette ein Treffen ab, an dem der Systemumsturz besprochen wird. Was geht da genau vor?

Zunächst schwankte ich, ob mich vielleicht sogar beruhigen soll, dass es selbst in der Basisdemokratie Schweiz Demokratie-feindliche Realitätsverdreher gibt. Doch leider verstärkte es doch nur den Eindruck, dass die ganze Welt immer weiter aus den Fugen gerät. Erst kürzlich unterhielt ich mich darüber, welche Pendants zur deutschen Reichsbürgerbewegung es wohl in anderen Staaten gibt.
(Nebenbei: Drehbuchschreiber*innen von Katastrophenfilmen haben sowas von ausgeschissen. Letzthin lief mein Favorit Arrival im Fernsehen, und obwohl sich hier die Darstellung apokalyptischer Vorgänge angenehm vom Genre-Stereotyp unterscheidet, gab es auch hier das Versatzstück der Fernsehmeldung über einbrechende Börsenkurse. Schallendes Gelächter, denn es hat sich mittlerweile erwiesen, dass gewissenlose Gier auch die Apokalypse in erster Linie als Möglichkeit zur Kapitalanhäufung sieht.)

§

Wahrscheinlich eine Ausnahme, aber eine interessante: Im Techniktagebuch schildert Vater Georg Passig seinen Homeoffice-Alltag mit fünf distanzbeschulten Kindern (1. bis 12. Klasse, Grundschule, Realschule, 2x Gymnasium, Fachoberschule – alle Bayern). Und was er dadurch über die tatsächliche Funktion von Präsenzunterricht gelernt zu haben meint.
„Entspanntes Familienleben dank Homeschooling“.

Mir bricht ja der Schweiß aus allein schon bei dem Gedanken, diese fünf Kinder-Tagesrhythmen zusätzlich zu meiner Arbeit im Blick zu behalten zu müssen.

die Kaltmamsell

12 Kommentare zu „Journal Freitag, 22. Januar 2021 – Gockel, erstes Kapitel“

  1. Sonni meint:

    Der verlinkte Homeschoolingbericht war für mich als Mutter und Lehrerin sehr interessant.

    Richtig ärgerlich ist für mich jedoch folgende Stelle:

    „Aber es ist ja wohl nicht so, dass Schulen genau diese Punkte als ihre Daseinsberechtigung und Kernkompetenz verstehen. Nein – diese Dinge passieren in der Schule aus Versehen nebenher. “

    Nein, liebe Leute, das passiert nicht aus Versehen nebenher. Erziehung und soziales Lernen IST tatsächlich eine unserer Kernkompezenzen und ein Kernanliegen, in das wir viel Zeit, Energie und Arbeit investieren.

    Puh, da wird mir wieder klar, warum manche Menschen denken, Lehrer seien so überbezahlt, unfähig und unnötig und überhaupt. Aber wir werden es nie schaffen, mit all den Vorurteilen und Herabsetzungen aufzuräumen.

  2. Hauptschulblues meint:

    Familie Passig ist zunächst einmal das schöne Beispiel, wie es gehen kann. Und H. hofft, dass es in vielen Familien ähnlich abläuft.
    Was aber ist mit den Hunderten Schüler*innen, beispielsweise in Neuaubing, auf die H. Zublick hat? Wo es keine Endgeräte, und wenn, dann keine Drucker gibt, weil zu teuer? Das sind die Kinder, bei denen die bestehenden Probleme während der Pandemie sich vergrößern, die „hinten runterfallen“. Da kommt noch was auf die Gesellschaft zu.
    Und „Bildungsgerechtigkeit“, ein gerne verwendetes Schlagwort fortschrittlicher Politiker*innen, gab es noch nie.
    Und dann zweitens @Sonni: Sehr richtig. Diese Sätze disqualifizieren den Bericht wieder. So etwas schreibt jemand, der sich mit den Aufgaben der Schule und dem Berufsbild der Lehrkräfte nicht oder nur oberflächlich auseinandergesetzt hat. Passt aber gut in die landläufige Meinung.

  3. Trulla meint:

    Angesichts der Verzweiflung vieler Eltern habe ich diesen Bericht des Vaters auch als fast ein wenig arrogant empfunden. Der Mann hat Glück mit seinen braven Kindern! Es gibt aber andersgeartete Kinder, welche die Gemeinschaft Gleichaltriger brauchen, ebenso wie die „anwesende“ Kompetenz und ja, auch Autorität der Lehrenden.
    Hinzu kommt, dass viele Schulen offenbar immer noch im Experimentierstadium stecken aus Gründen, die sie nicht allein zu vertreten haben.
    Jedenfalls ist sein Beispiel nicht allgemeingültig.

  4. Alexandra meint:

    @Sonni: Ich weiß, dass es Schulen gibt, die ihre Arbeit so verstehen, wie Herr Passig das beschreibt.

    Zur Schulzeit (2004-2019) meiner Kinder hat mich das vieler Nächte Schlaf gekostet

    Ich hoffe, wünsche, sehe und glaube, dass es allmählich anders wird.

  5. Sarah meint:

    Ich bin weder Mutter noch Lehrerin, trotzdem habe ich den Bericht zum Thema Homeschooling mit Interesse gelesen. In meinem Umfeld gibt es sowohl Familien, die sich ganz gut mit den Umständen arrangieren und andere, die schier daran verzweifeln. Und das hat in diesen Fällen nichts mit mangelnden Endgeräten zu tun oder Eltern, die aufgrund von fehlenden Sprachkenntnissen ihren Kindern schlicht nicht helfen können. Auch nicht mit Lehrern, die nur ungenügende Aufgabenstellungen liefern oder wochenlang abtauchen oder Lernplattformen, die jeden Morgen unter der Last der Zugriffe zusammenbrechen. Es sind in meinem Umfeld oft die kleineren Kinder, die überfordert sind mit den neuen Anforderungen. Die nicht verstehen, dass sie jetzt morgens am Küchentisch Buchstaben lernen sollen oder das kleine Einmaleins, während daneben Mama sitzt und mit den Kollegen per Zoom eine Teamsitzung abhält. Und im Nebenzimmer locken der Fernseher oder die Spielekonsole. Da fehlt jegliche Motivation ohne Mitschüler, ohne Pausen auf dem Schulhof und dem Miteinander unter Gleichaltrigen. Und deswegen mag ich nicht abschätzig darüber urteilen, wenn eine Freundin ihren Sohn in die Notbetreuung der Grundschule schickt, auch wenn sie selbst von zuhause arbeitet. Denn da sitzt ein Lehrer und bemüht sich nach Kräften zu motivieren und den Kindern einen Alltag zu ermöglichen in dieser Zeit der Ungewissheit. Dieser Lehrer vermittelt nicht nur Lernstoff sondern in erster Linie Sicherheit und sorgt gleichzeitig dafür, dass zuhause bei ebendieser Freundin nicht seit Wochen nur Frust und Streit herrschen.
    Interessant fand ich in dem Artikel auch den Satz, dass der Autor in der Zeit der morgendlichen Beschulung nur bruchstückhaft arbeiten kann, was aber scheinbar kein Problem ist. Denn in meinem Umfeld ist ebendieses bruchstückhafte Arbeiten durchaus ein Problem. Auch im Homeoffice gibt es Deadlines und dringende Meetings, die sich nicht aufschieben lassen, selbst wenn alle Nachsicht und guten Willen zeigen.

  6. Sandra meint:

    Der Bericht aus der Schweiz hat uns gerade sehr belustigt, auch, wenn das natürlich auch besorgniserregend ist, dass so jemand Anhänger und Gleichgesinnte hat.
    Auf jeden Fall mutig, sowas als Inhaber eines vegan-vegetarischen Restaurantimperiums vom Stapel zu lassen. Die meisten Veganer, die ich kenne, sind ziemlich intelligent.

  7. Hauptschulblues meint:

    @Sandra: Ein unterhaltsamer Kommentar aus der taz:
    https://taz.de/Corona-und-Verschwoerungstheorie/!5684477/

  8. die Kaltmamsell meint:

    Ich bitte Sie, Hauptschulblues, Trulla, nochmal den ersten Absatz von Georgs Text zu lesen, vor allem diese Passage: „Wovon ich nichts weiß, ist die Situation anderer Familien. Ich kann mir ausmalen, welche Kämpfe anderswo mit Teenagern oder Kleinkindern gefochten werden, welche Einsamkeit anderswo drückt, welche Überforderung anderswo herrscht und welche Schwierigkeiten sonst die Familien belasten. Hier möchte ich aber unsere Situation schildern. “ (Zefix.)

  9. Trulla meint:

    Sie haben recht, Frau Kaltmamsell! Der Satz ist bei mir tatsächlich untergegangen beim Lesen der idyllischen Zustände. Ich nehme die unterstellte Arroganz mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück.
    Leider habe ich inzwischen sehr viel davon gehört und gelesen, wie kurz vor einem Burnout viele Eltern stehen. Und das bedrückt mich sehr.
    Ich würde übrigens sehr gern auf meine altersentsprechend vorgesehene Impfung verzichten zugunsten von Kita- und Lehrpersonal. Diese Gruppen sind nicht nur für den Augenblick systemrelevant sondern zukunftsentscheidend im Hinblick auf die psychische Gesundheit unserer Kinder.

  10. Hauptschulblues meint:

    Habe den ersten Absatz durchaus zur Kenntnis genommen.
    Trotzdem den eigenen Standpunkt als Kommentar geschrieben.
    Weil der Anfang bei diesem langen Beitrag dann doch manchmal überlesen/vergessen wird.
    Siehe Frau Trulla.

  11. kecks meint:

    Ich fand den Bericht aus dem Fernunterricht aus Elternsicht sehr spannend und überhaupt nicht abwertend uns Unterrichtenden gegenüber.

  12. Markus Geist meint:

    Ich fand eine Diskussion in der Schweizer Presse dazu lustig: die Schule soll sich auf Mathe, Muttersprache und erste Fremdsprache konzentrieren und den „Rest“ im HomeOffice anbieten.
    Äh nein, genau umgekehrt!?

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