Journal Montag, 1. März 2021 – Umzugsberuhigung

Dienstag, 2. März 2021 um 6:29

Fast durch und fast gut geschlafen – welch ein Unterschied! Auch der abgeschlossene Küchenumzug erleichterte mich (Zucker für Milchkaffee und Müesli für das Frühstück von Herrn Kaltmamsell musste ich flugs im Schlafanzug von oben holen), draußen zog ein blauhimmliger Sonnentag herauf, beim morgentlichen Seitstütz sah ich einen aufgeplusterten Sperber vorm untergehenden Mond sitzen – mich ergriff sowas wie Zuversicht.

Bild: Herr Kaltmamsell.

Kalter, sonniger Arbeitsweg, ich ging eine Ecke lang, durch die ich dabei noch nie gekommen war.

Vormittags merkte ich doch noch den Schlafmangel vom Wochenende, doch zum Glück hatte ich nichts allzu Forderndes auf dem Tisch.

Mittags ein Laugenzöpferl und eine große Avocado, jetzt sind von den vier Kilo aus Málaga nur noch drei kleine Exemplare üblich – ohne dass wir damit groß experimentiert hätten, all die gesammelten Rezepte blieben ungenutzt, weil die Avocados einfach so aus der Schale schon so gut schmeckten.

Erkenntnis, warum mich die Pandemie derzeit besonders schafft: Bislang bedeutete Mitarbeit am Schutz für alle in erster Linie, Dinge nicht zu tun, also nicht verreisen, keine Treffen, nicht Rausgehen, keine Restaurant-/Theater-/Kinobesuche. Man konnte aber nichts aktiv tun, wenn man nicht gerade medizinisches Personal oder Forscherin in relevanten Fächern war (außer Maskentragen). Jetzt gibt es einen Impfstoff und ich könnte durch Zum-Impfen-gehen aktiv werden, denn je schneller möglichst viele Menschen geimpft sind, desto langsamer verbreitet sich das Virus (siehe Infektionskurven in Israel, UK und USA). Aber ich darf noch nicht! Und die schlechte Organisation der Impfkampagne verlangsamt sie auch noch! Das stresst mich wirklich.

Nach Feierabend ging ich direkt nach Hause, daheim holte ich Bügeln nach und eine Einheit Yoga.

Herr Kaltmamsell hatte weiter am Umzug gearbeitet: Erste Bücherkisten in Regale geräumt, Kruscht aus alter in die neue Wohnung getragen. (Außerdem hatte er schon vor einiger Zeit den Stadtwerke- und Internet-Teil des Umzugs organisiert.) Ich besprach telefonisch die Unterstützung durch meine Eltern, die am Wochenende nach Umzug zu uns kommen werden.

Nachtmahl war die zweite Hälfte Rübeneintopf vom Sonntagabend.

§

Eva Menasse schwärmt in der NZZam Sonntag, dass Wissenschaftler wie Christian Drosten gegen eine dauererregte Öffentlichkeit auf Tugenden wie Besonnenheit, Präzision, Reflexion, Selbstkritik, begründeten Zweifel setzen:
„Eine Form geistiger Rettung“.

Sie haben sich manchmal innerhalb eines Tages drastisch korrigiert. Ohne jedes schlechte Gewissen: «Ich habe gestern Nacht noch ein paar Studien gelesen, und daher …» Die Arbeit eines Wissenschafters strebt nicht danach, die eigenen Annahmen einzubetonieren, sondern sie hart zu überprüfen. Wie ein Schachspieler, der gegen sich selbst spielt, wie ein Hacker, der die eigene Firewall attackiert: Wie kommt man rein, wo ist mein Leck?

Ausgesiebt wird, was fehlerhaft oder nicht gut genug ist; das Übrige ist vorläufig richtig. Schon am nächsten Tag kann es falsch sein. Und das ist die kühle Schönheit und zwingende Sinnhaftigkeit wissenschaftlichen Denkens, maximal entfernt von all dem entsicherten Meinen, grundlosen Schreien und Beleidigtsein, das die Welt erfüllt. Wir schauen der Wissenschaft so gespannt zu wie früher den Läufern und Kugelstossern all der vielen Sportveranstaltungen, die inzwischen abgesagt sind. Sport und Wissenschaft sind Disziplinen, die im Nachhinein überprüfbar sind, aber daher auch Vorhersagen erlauben: Wie weit ist die Kugel geflogen? Wie viele Geimpfte sind an Covid-19 erkrankt?

die Kaltmamsell

15 Kommentare zu „Journal Montag, 1. März 2021 – Umzugsberuhigung“

  1. Christine meint:

    „Ausgesiebt wird, was fehlerhaft oder nicht gut genug ist; das Übrige ist vorläufig richtig. Schon am nächsten Tag kann es falsch sein.“

    Genau das ist Wissenschaft. Andersdenkenden Wissenschaftlern zuhören, sie könnten Recht haben.

    Aber das vermisse ich in sämtlichen Medien und auch in der Bevölkerung. Wer was anderes sagt als Drosten, der ist sofort Verschwörungstheoretiker.

  2. die Kaltmamsell meint:

    Oh – in welchen Medien ist das bei welchen Aussagen wessen so, Christine? Oder noch konkreter, da Sie ja von „sämtlichen Medien“ schreiben: Wann wurde in der Süddeutschen eine belegte wissenschaftliche Aussage als Verschwörungstheorie bezeichnet, die der von Christian Drosten widersprach? Das fände ich tatsächlich schlimm.

  3. FrauC meint:

    Kochen Sie jetzt schon in der neuen Wohnung und essen in der alten? Oder habe ich das falsch verstanden?

  4. Nadine meint:

    Oh, ja, und wie blöd wäre es, sich jetzt auf den letzten Meter (also letzten Monaten) noch anzustecken, nachdem Sie und auch meine Familie es bis hierher geschafft haben? Mit zwei Menschen, die in die Kita gehen, ist das nicht sicher gewesen.
    Ich bin jetzt geimpft (in Bremen wurden jetzt ErzieherInnen vorgezogen, weil der AstraZeneca Impfstoff da ist und eben möglichst viele Leute geimpft werden sollen, die GrundschullehrerInnen bekommen jetzt die Termine). Und noch eineinhalb Wochen und zumindest ich bin schon mal vor einem schweren Verlauf geschützt. Das erleichtert sehr!
    Ich hoffe wirklich sehr, dass sich viele Menschen impfen lassen, in meinem Umfeld sind tatsächlich die meisten ein bisschen neidisch und warten sehnsüchtig darauf ebenfalls Termine zu bekommen.

  5. Christine meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell,

    leider sind die meisten Artikel in der Süddeutschen hinter einer Bezahlschranke, so dass ich nicht konkret werden kann.

    Ich habe aber beobachtet, dass bspw. Prof. Ioannidis, einer der meistzitierten Wissenschaftler weltweit, in sehr vielen Artikeln nicht objektiv zitiert wird, sondern es wird Meinungsmache betrieben. Ein Artikel nennt ihn bspw. „schillernd“, unter anderem damit wird versucht, ihn in ein unwissenschaftliches Licht zu rücken. Dann wird berichtet, dass „Verharmloser und Zweifler“ sich auf seine Arbeit berufen. Und schon erscheint er selbst und auch seine Arbeit zwielichtig.

    Ein generelles Problem, das ich heute – auch in den großen Tageszeitungen – beobachte: Es wird kaum noch versucht, wirklich objektiv beide Seiten einer Medaille darzustellen. Der Journalist hat eine Meinung und sucht sich dann die passenden Leute/Zitate dazu raus.

  6. kecks meint:

    Wenn sich Schwurbler auf einen Wissenschaftler berufen, dann ist das ein Fakt, den eine SZ natürlich nennen muss. Soll sie das verschweigen? Es ist doch nicht die Schuld von Prof. Drosten oder der SZ, wenn die Schwurbler sich komischerweise selten bis nie auf ihn berufen.

  7. die Kaltmamsell meint:

    Also möglicherweise doch nicht „sämtliche“, Christine? Die Süddeutsche ist die auflagenstärkste überregionale Tageszeitung in Deutschland.

  8. Croco meint:

    So sehe ich die Wissenschaft auch. Es ist egal, ob es mir gut geht oder schlecht, ob es regnet oder nicht, es ist nur wichtig, ob ich Belege für meine Annahmen, meine Hypothese habe. Hat ein anderer andere Ergebnisse, muss ich meine überdenken und meine Aussagen revidieren. Das ist nichts für eitle Menschen.

  9. Bobbie meint:

    (Zucker für Milchkaffee und Müesli für das Frühstück von Herrn Kaltmamsell musste ich flugs im Schlafanzug von oben holen)… das hab ich mir eben bildlich vorgestellt ( grins ) und so hätte ich sie gar nicht eingeschätzt, also Zucker in Milchkaffee. Hab Sie eher der Fraktion Kaffee schwarz zugeordnet. Ist ja auch sowas von egal. Bin trotzdem kurz daran hängen geblieben. Noch viel Elan und guten Mut für den restlichen Unzug

  10. Roland B. meint:

    Liebe Christine, ein kurzer Blick in die wikipedia reicht kaum, die Qualität der wissenschaftlichen Arbeiten dieses Herrn zu erkennen und zu beurteilen, geschweige denn in Hinblick auf aktuelle Diskussionen über die Virusbekämpfung.
    Sollte er tatsächlich das mit der Selbstmordrate so gesagt haben wie zitiert, ist das keine wissenschaftliche Hochleistung – Selbstmordraten und die Hintergründe sind nämlich sehr stark von der Kultur abhängig, einen weltweiten undifferenzierten Anstieg zu prognostizieren daher ziemlicher Unfug.
    Zum Zweiten ist es gefährlich, wie da angedeutet, rechtliche und gesellschaftliche Konsequenzen erst zu ziehen, wenn man genügend Unterstuchungsergebnisse hat. Wenn man die mit tatsächlich hoher Präzision hat, ist die Pandemie wahrscheinlich längst vorüber.
    Eine hohe Zahl von Zitationen sagt auch wenig aus, das hängt einfach vom Fachgebiet ab, ob er zu allem was sagen muß, vielleicht auch als politischer Berater, ob er lauter kurze Artikel veröffentlicht oder eher ausführliche Werke, und auch wenn jemand schreibt, der Verfasser hätte unrecht, ist dies einen Eintrag in einer Zitationsstatistik wert.

  11. Nina meint:

    Mich frustriert und ärgert auch die schlechte Impforganisation am meisten. Und dass gerade alles hochgefahren wird, obschon die 3. Welle sich so deutlich abzeichnet.

  12. Hauptschulblues meint:

    @Roland B.: Danke! So ähnlich wollte ich gerade auch Christine antworten.

  13. Christine meint:

    Danke Croco.

  14. Simone meint:

    „Die Arbeit eines Wissenschafters strebt nicht danach, die eigenen Annahmen einzubetonieren, sondern sie hart zu überprüfen.“
    So sieht’s aus. Und bezogen auf die aktuelle Situation ist es angesichts einer völlig neuen Krankheit und fehlender Erfahrungen damit also völlig normal, dass Wissenschaftler ihre Ansichten praktisch ständig ändern / ergänzen MÜSSEN. Ich kann dieses ganze Mimimi „die Wissenschaftler behaupten heute dies und morgen das“ nicht mehr hören. Forschen und neue Erkenntnisse gewinnen, das ist Wissenschaft. Das können oder wollen die sogenannten Skeptiker scheinbar nicht verstehen.

    Danke für den Link. Ich lese gerade nach und nach alle Bücher von Eva Menasse (und bedaure, dass es davon nicht mehr gibt). Eva Menasse schreibt so, wie man es selbst gern könnte.

  15. Chris Kurbjuhn meint:

    „Wer was anderes sagt als Drosten, der ist sofort Verschwörungstheoretiker.“
    Das versteh ich jetzt nicht. Z. B. die Herren Streeck und von Kekulé vertreten deutlich andere Standpunkte als Drosten, werden gern und ausführlich in der Presse zitiert, sind wesentlich häufiger als Drosten in den Talkshows zu Gast und werden nicht als Verschwörungstheoretiker anmoderiert.

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