Journal Donnerstag, 13. Mai 2021 – Christi Himmelfahrt mit Regen und Kälte; Ruth Klüger, weiter leben: Eine Jugend

Freitag, 14. Mai 2021 um 7:20

Das Ausschlafen genossen. Draußen regnete es, und das blieb den ganzen Tag so.

Impffolgen: Keine bis auf einen leicht schmerzenden Impfarm, die Einstichgegend berührungsempfindlich.

Der Crosstrainer ist vorerst außer Betrieb, nachdem eine Analyse des neuerlichen Klapperns lose, möglicherweise abgebrochene Schrauben an der dicken Mittelstange im zentral tragenden Übergang zum Bodenteil ergeben hatten. Um dennoch zu Schwitzsport zu kommen, folgte ich einem YouTube-Hinweis zu einem Mama mia Dance Workout. Mit beiden Folgen hintereinander kam ich zumindest auf eine halbe Stunde, schwitzte auch, doch Spaß machte mir das Hopsen, Springen, Beugen auf der Stelle nicht. Auch wenn die atomar strahlende Vorturnerin auf dem gleichen Parkettboden hopste wie ich. Große Sehnsucht nach einer Gruppenstunde Aerobics mit ordentlich Choreografie – ich bin gespannt, ob ich das nochmal erlebe.

In einer Regenpause (Zufall) holte ich Frühstückssemmeln. Die Außentische von Cafés im Glockenbachviertel waren bewirtschaftet (die Inzidenz liegt in München seit einer Woche unter 100), daran saßen tapfer Menschen in dicken Jacken unter Schirmen und frühstückten.

Das machte ich dann doch lieber im Warmen und Trockenen daheim bei einem weiteren Milchkaffee – aber ich freue mich schon sehr auf Zeiten, in denen ich wieder auswärts frühstücken kann.

Trotz Feiertag bekamen wir unseren donnerstäglichen Ernteanteil, allerdings nicht an den gewohnten Verteilerpunkt in einem Büro ums Eck geliefert – wegen Feiertag geschlossen -, sondern an einen im Westend. Am frühen Nachmittag spazierten wir im Regen zu zweit dorthin und holten ihn.

Es hatte sich über die vergangenen Wochen Bügelwäsche angesammelt, die ich abarbeitete. Trotz seltener Gelegenheit hatte ich keine Lust auf Podcast, sondern auf Musik: Wir beseitigen gerade unsere CDs bis auf wenige Erinnerungsstücke, Herr Kaltmamsell zieht die Musik davon auf Festplatte. Und so shufflete ich mich gestern durch die fünf Dire Straits-CDs des Haushalts über die kabellosen Kopfhörer, die ich mir fürs Crosstrainerstrampeln zugelegt hatte. Wenn man draufdrückt, wird die Musik auf dem mit Bluetooth verbundenen Gerät gestartet oder gestoppt. Das ist nicht ganz geschickt, weil das derselbe Handgriff ist, mit dem ich die In-Ear-Pöppel ins Ohr drücke, andererseits fühlt sich die Geste immer sehr Lieutenant Uhura an.

Nachmittagssnack Orange und Maracuja mit Joghurt. Lesen, Yoga – eine Folge, die ich ebenfalls nicht nochmal brauche.

Schlichtes aber gutes Abendessen aus Vorhandenem: Ich kochte Ernteanteil-Kartoffel, die es mit Kochkäs und Resten des vorabendlichen Basilikumöls gab, dazu bereitete ich den eben abgeholten Salat mit Tahini-Dressing zu.

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Ruth Klügers weiter leben: Eine Jugend hatte ich vor ein paar Tagen ausgelesen, durchgehend gefesselt und bereichert davon. Ich hatte Frau Klüger 2012 in Klagenfurt erlebt, wo die kluge, schöne greise Frau die „Rede zur Literatur“ gehalten hatte, die Notizen dazu auf einem Kindle in der Hand (wie jeder und jede erwähnen, die dabei waren). Ihr Tod vergangenes Jahr hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass ich noch nichts von ihr gelesen hatte, das wollte ich ändern.

An ihren Jugenderinnerungen gefiel mit von Anfang an der persönliche, oft mündliche Tonfall. Anders als in vielen Autobiografien berühmter Menschen geht es ganz klar nicht um das Abhaken von historischen Hintergründen und das Aufzählen von Kontakten zu anderen berühmtem Menschen. Klüger weist immer wieder darauf hin, dass das nun mal ihr Leben sei und ihre ganz persönliche Holocaust-Geschichte – auch wenn gerade Letzteres zu vielen Vorstellungen davon nicht passe. Und immer wieder wehrt sie sich, in der erzählten Zeit oder beim Erzählen, gegen Einordnungen. Dagegen, dass Menschen wegen eines Details, das sie über sie wussten, glaubten sie zu kennen: Kind. Jüdin. KZ-Überlebende. Frau. Österreicherin. Einwanderin. US-Amerikanerin. Und dann ihr erzählen wollten, wer sie sei und wie ihre Erlebnisse zu sehen seien – bis hin zum Paradoxon, dass ihr Überleben mehrerer Konzentrationslager und Transporte dazwischen als Beleg genommen wurde, dass es ja dann dort nicht so schlimm gewesen sei.

Klügers Blick und Reflexion auf ihre Vergangenheit, auf sich und die Menschen in ihrer Umgebung sind immer erhellend und oft überraschend, ich lernte viel Neues (und sei es, dass ich mir nie Gedanken über die Schulbildung der Menschen gemacht hatte, die Kindheit und einen Teil ihrer Jugend in Ghettos und Konzentrationslagern verbringen mussten). Besonders fiel mir eine Passage auf, mit der sie beschreibt, wie sie in den USA an der Uni endlich Freundinnen fand, darunter eine, die in dem Buch den Namen Anneliese trägt.

Nachgelaufen bin ich ihr auch in Museen. Mein Kunstsinn ist gering, verglichen mit ihrem, und ich muß mir erst einreden oder einreden lassen, daß etwas schön ist. Mich lockte die Statik des Gesammelten, die nicht von Umziehen, Herumziehen, Aufbruch und Abbruch bestimmt war. Ein Museum war wie ein Schwamm, der mich aufsaugt, eine geistige Suppe, die mich minderwertiges Gemüse würzt und gar kocht. Schmackhaftes, Abgeschmecktes war da vermischt, und keine Kartoffelschalen, die der Mensch nur aus Not frißt. Dazugehören, einfach dadurch, daß man hinschaut. Bibliotheken empfangen mich ähnlich, aber die versprechen nur (weil man die Bücher ja nicht auf der Stelle lesen kann), während Museen ihr Versprechen gleich einlösen, dir den Dinosaurus oder den Matisse zum sofortigen Genuß servieren.

(Schreibung original, Hervorhebung von mir.) Empfehlung.

die Kaltmamsell

3 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 13. Mai 2021 – Christi Himmelfahrt mit Regen und Kälte; Ruth Klüger, weiter leben: Eine Jugend

  1. Croco meint:

    Boah, was für ein tolles Buch!
    Über die Bildung habe ich mir auch nie Gedanken gemacht.
    Obwohl ich bei der Verwandtschaft, die früh in den Krieg zog, ähnliches bemerkte.
    Der Blick auf Museen und Bibliotheken ist unglaublich, so ganz anders. Eine neue Sichtweise. Ich erwische mich auch immer dabei, Leben anderer durch die bekannten Eckpunkte erklären zu können.

  2. Frau Irgendwas ist immer meint:

    Da grüße ich doch die Münchner Lieutenant Uhura und oute mich als großer Dire Straits Fan. (Oder heißt das jetzt Faninn?) Hier wird aber CD gehört und sogar, noch klassischer, auf Vinyl.
    Wow, der Vergleich zwischen Bibliotheken und Museen, das ist so treffend!

  3. Hauptschulblues meint:

    Sehr interessant auch Klügers Essays „Frauen lesen anders“.

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