Journal Donnerstag, 10. Juni 2021 – Markus Ostermair, Der Sandler

Freitag, 11. Juni 2021 um 6:36

Richtig gut geschlafen! Tief und bis Weckerklingeln!

Morgen am Laptop bearbeitete ich die Rechnung für die mittwöchliche Schranklieferung – um festzustellen, dass ich lediglich die Schranktüren bestellt hatte (und auf diese vier Wochen gewartet). Also bestellte ich den Korpus nach (wird ein teurer Schrank), Lieferzeit acht Wochen – *schluchz*.

Da schönes Wetter vorhergesagt wird, hoffte ich auf eine Schwimmmöglichkeit am Sonntag und ging auf die Reservierungsseite: Das Schyrenbad war bereits ausgebucht, ich schaute versuchsweise zum Dantebad (hat auch eine 50-Meter-Bahn) – und da gab’s noch Schwimm am Sonntag! Bevor ich lang überlegte, ob mir geheiztes Wasser und Bahnenziehen unter Rückenpaddlerinnen auch wirklich gefallen würde, holte ich mir erst mal einen Slot.

Im Lauf des Vormittags plagte mich wieder Kopfweh, im Grunde wartet wahrscheinlich die Migräne auf ihr großes Comeback.

Zu Mittag gab es Sahnequark mit Joghurt, nachmittags brauchte ich wieder Überbrückungsschokolade.

Nachmittags wurde es richtig sonnig und schwül-warm, ich kämpfte mit großer Müdigkeit.

Auf dem Heimweg Erdbeeren fürs Abendessen besorgt. Die gab es mit Schlagsahne nach dem Ernteanteil-Salat, in den ich ein Reststück Feta gemischt hatte.

§

Alltagstrick gegen fliegende Sommerröcke beim Radeln.
(Dürfen halt nicht knitterempfindlich sein.)

§

Mittwochabend hatte ich Markus Ostermair, Der Sandler ausgelesen, ein beeindruckendes Romandebut, das die Welt der Obdachlosen in München durchspielt. Deren Alltag, sonst nur Requisite von eigentlicher Romanhandlung, wird mit vielen kundigen Details erzählt, die in ihrem Realismus an eine Sozialreportage erinnern – wären sie nicht so behutsam geschildert, zeichneten sie nicht oft sogar poetische Beziehungen zwischen Außen und Innnen.

Das Resultat der äußersten sprachlichen und strukturellen Sorgfalt ist keine Freiheitsromantik (die beim Thema Obdachlosigkeit nur verlogen sein könnte), sondern Mitgefühl. Es gibt keine Lösungsvorschläge, keine Urteile, statt dessen Sichtbarmachen, Bedeutunggeben, Hinschauen und den Anblick Ertragen.

Die Handlung erleben wir zum größten Teil aus der Perspektive der zentralen Figur Karl (manchmal als innerer Monolog). Andere Kapitel werden personal erzählt aus Sicht anderer Obdachloser oder Sozialarbeiterinnen. Dadurch entsteht ein vielfältiges Bild aus sehr unterschiedlichen Individuen, mit verschiedenem Bildungsniveau, aus verschiedenen Gegenden der Welt, jeder und jede mit einem anderen Temperament und Charakter. Die Obdachlosen, bayerisch „Sandler“, sind aus den verschiedensten Ursachen auf der Straße gelandet. Und die meisten dieser beängstigend komplexen Ursachen, äußere wie innerere, verhindern, dass sie in ein gesicherteres Leben finden.

Die vielen Alltagsdetails über Teestuben, Kleiderausgabe, Betteln schaffen eine Nähe zu den Figuren, die mich oft bis an den Rand des Erträglichen bedrückte. Als Bewohnerin des Bahnhofsviertels gehören diese Menschen und Themen seit Jahrzehnten zu meinen alltäglichen Anblicken (unter anderem deshalb weiß ich sie vom Gschwerl im Nußbaumpark zu unterscheiden – die in einem Kapitel als „die Besuffkis“ vom Nußbaumpark auftauchen und gerade nicht zum Personal des Romans gehören).

Die Ansiedlung des Romans im heutigen und realen München ist ein wirkungsvoller Kunstgriff: Das abgundtiefe Elend der Schilderungen findet vor der Glitzerkulisse einer oft abstoßend reichen Stadt statt.

Auch sprachlich ist der Roman vielfältig (vielleicht sogar ein wenig überbordend): Verschiedene Tonlagen und Sprachstile, dazwischen kursiv gesetzt die auf Zetteln hinterlassenen Fragmente des Philosophen Lenz, den Karl auf der Straße vor die Hunde hat gehen sehen, und der sich seinen Traum von einer besseren Welt von der Seele geschrieben hat.

Lesevergnügen bereitet der Roman ganz sicher nicht; ich las auch deshalb so lange daran, weil es mich immer wieder eine gewissen Überwindung kostete, in diese brutale Welt einzutauchen, in der der Alltag nur aus Gefahren besteht und in der es keine erstrebenswerte Zukunft zu geben scheint. Dennoch große Empfehlung, in deutschsprachiger Literatur hatte ich das nicht erwartet.

Empfehlenswerte Besprechung von Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung (auch wenn er St. Matthäus „Markuskirche“ nennt):
„Ein Wunder namens Wohnung“.

die Kaltmamsell

6 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 10. Juni 2021 – Markus Ostermair, Der Sandler

  1. Croco meint:

    Hoffentlich ist das mit der Migräne vorbei in nächster Zeit.
    Das mit der Obdachlosigkeit ist so ein schwieriges Thema, es beschäftigt mich schon lange. Was muss geschen, dass man kein Zuhause mehr hat?
    In meiner Kindheit waren die aus der Gesellschaft gefallenen Kriegsversehrten, denen vielleicht ein Bein fehlt, die vielleicht zu spät aus der Gefangenschaft kamen und die familiären Verhältnisse sich schon anders geregelt hatten. Sie saßen in den Unterführungen und bettelten. Irgendwas ließ dann auf ihre Verletzungen schließen. Ein gelbes Band, ein Rollbrett, ein Ärmel in der Jackentasche.
    In Koblenz wurde vor kurzem ein Obdachloser bestialisch umgebracht. Man kannte ihn, da er vorher der Besitzer einer Galerie war. Ich war auch schon in dem Geschäft, kann mich aber nicht an ihn erinnern. Er war kein Alkoholiker, er war einfach aus dem Leben gefallen. Tagsüber hat man ihn in den Büchereien gesehen, er war ein belesener Mann. Des nachts schlief er an einem Gebäude auf einem Friedhof. Und dort ist die schreckliche Tat geschehen. Man hat bis heute keine Spur der Täter. Und es ist immer noch Thema.

  2. Sarah meint:

    Gummi und Geldstück!!! Toll. Wenn das mal nicht zur Hand ist: Ich mache immer einen Knoten aus dem Rockstoff-Teil, der flattert. Geht aber auch nur bei mindestens Midi und relativ weit, glaube ich. Und ist eher etwas für Gemüter, die es nicht stört, etwas unordentlich aussehend durch die Gegend zu radeln.

  3. Texas-Jim meint:

    Ich kommentiere nur noch selten, und noch seltener kaufe ich Bücher unbesehen und direkt auf eine Empfehlung hin. Beides sei an dieser Stelle vermerkt und diene auch der Ehrung Ihrer Besprechung des Buches.

  4. die Kaltmamsell meint:

    Ehrung ist angekommen, Texas-Jim, danke.

  5. ina Pö meint:

    Strick erschien mir im Sommer etwas zu warm aber dann hab ichs kapiert. Ich hab nen riesigen Mauli am Körbchen klemmen, aber nur um die weiten Röcke vor den Speichen zurückzuhalten, Flattern macht mir sonst nix aus.

  6. Neeva meint:

    Ich glaube das geht ganz schnell, zumindest für Leute die kein flüssiges Vermögen haben und niemand, der sie aufnimmt.
    Da muss nur der Arbeitsvertrag platzen und z.B. gerade ein Kredit laufen. Schon ist die aktuelle Wohnung weg und kein Vermieter nimmt einen mehr. Wenn dann nicht die Ressourcen und das Durchhaltevermögen da sind rechtzeitig an Hartz IV und Sozialwohnung zu kommen, steht man auf der Straße.

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