Journal Donnerstag, 8. Juli 2021 – Impfschutz gesichert

Freitag, 9. Juli 2021 um 6:30

Verschlafen, weil ich den Wecker nicht gestellt hatte – schon länger nicht passiert. Herr Kaltmamsell weckte mich fast eine halbe Stunde nach meiner geplanten Weckzeit, weil ihm mein langes Schlafen komisch vorkam. Lustigerweise hatte ich im letzten Schlafabschnitt nach Aufwachen um dreiviertel fünf mehrfach geträumt, dass der Wecker klingelte.

Draußen war es grau und schwülkühl, also Jeans und Schnürschuhe statt Sommerkleid und Sandalen.

In der Arbeit viel Datenbank. Mittags ein dickes Butterbrot vom letzten selbst gebackenen Laib aus der Gefriere. Ich habe keinen rechten Antrieb für erneutes Selberbacken, bei uns wird so wenig Brot gegessen.

Das Wetter blieb den ganzen Tag düster, ich schaltete im Büro immer wieder das Licht an.

Mein digitaler Impfnachweis in der Corona-Warn-App meldet zwei Wochen nach der zweiten Impfung „Gültig“, ein wenig erleichternd – ich bin mir ja dessen bewusst, dass ich mich dennoch infizieren und andere anstecken kann. Jetzt bin ich „ein Geist“, wie es eine Kollegin ausdrückte: In begrenzten Menschengruppen zähle ich nicht mehr. Die Infektionszahlen in Deutschland steigen langsam wieder, in England (wo es schon jetzt nur noch wenige Beschränkungen gibt, die bis 19. Juli ganz fallen sollen) steigen sie stark (Inzidenz 281), weitere Spitzenreiter: Spanien (190), Portugal (162) und Luxemburg (154), Quelle. Hierzulande gibt es zumindest inzwischen genügend Impf-Kapazitäten für alle, jetzt wird sich herausstellen, wie es um die Impfbereitschaft in der Bevölkerung über 12 Jahren (ab diesem Alter gilt die Empfehlung der ImpfkommissionKorrektur, danke für den Hinweis: Die Impfkommission empfiehlt sogar erst ab 17, aber alle derzeit in Deutschland zugelassenen Impfstoffe sind auch für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren zugelassen.) wirklich bestellt ist.

Nachmittags wurde aus Düster Regen, ich war froh um meinen Notschirm in der Schreibtischschublade. Meinen Heimweg legte ich über Einkäufe im Vollcorner, vor allem Obst und Gemüse von der Einkaufsliste und für Brotzeit.

Zu Hause hatte Herr Kaltmamsell den Salat aus frisch geholtem Ernteanteil bereits gewaschen, ich machte wieder ein Joghurt-Meerrettich-Dressing und schnitt zugekaufte Tomaten hinein. Endgültige Sättigung durch Schokolade und Kekse.

§

Es ist schwindelerregend, in diesen Tagen in Großbritannien zu leben, wenn man ein gutes Gedächtnis hat. Leben unter der Johnson-Regierung heißt, dass alles, was heute politisch erklärt wird, morgen bereits anders ist. Was man erinnert, hat so nie stattgefunden. Was Johnson getan hat, war gar nicht so, oder es war jemand anders. Boris Johnson ist mit Lügen, Halbwahrheiten und Täuschungsmanövern an die Macht gekommen. Als Premierminister werde er sich das dauerhaft nicht leisten können, hofften 2019 Parteifreunde und Kritiker, denen die Zukunft Großbritanniens am Herzen lag.

Anderthalb Jahre nach seinem triumphalen Wahlsieg ist das Gegenteil eingetreten. Johnson ist sich treu geblieben und damit so populär wie nie.

So beginnt Annette Dittert, vielgeplagte und hochgeschätzte Leiterin des ARD-Studios in London, ihre bedrückende Analyse:
„Die Politik der Lüge
Boris Johnson und die Aushöhlung des Rechtsstaats“.

via @mspro

Die eigentlichen Lügen sind dabei nur ein Teil des Problems; das größere ist das Verwischen der Wahrheit hinter „Bullshit“, wie es der amerikanische Philosoph Harry G. Frankfurt bereits Ende der 1980er Jahre analysierte. Wer lügt, muss die Wahrheit kennen, die Tatsachen als Referenzsystem im Auge behalten. Damit behält die Wahrheit letztendlich ihre Gültigkeit. Dem „Bullshitter“ hingegen, und das hält Frankfurt für wesentlich, ist die Wahrheit gleichgültig; er nimmt es mit ihr und den Fakten einfach nicht genau. Ihn interessiert nicht, wie es in „Wirklichkeit“ ist. Ihn interessiert nur, mit seinen Behauptungen durchzukommen. Er biegt sich alles so hin, wie er es braucht, um zu kaschieren, was er im Schilde führt. Er verwischt die Tatsachen als Referenz und untergräbt damit die politische Kultur einer Demokratie, die auf die Unterscheidung von wahr und falsch angewiesen ist.

(…)

Die große Frage ist nun aber, wer diese Angriffe öffentlich thematisieren und rückgängig machen soll – und wer das überhaupt kann. Tatsächlich ist nämlich gerade die britische Demokratie besonders schlecht gerüstet gegen Angriffe dieser Art. Anders als in den USA, in der die Trump-Ära (vorerst) beendet werden konnte, gibt es im Vereinigten Königreich kein System der checks and balances, keine zusammenhängend geschriebene, kodifizierte Verfassung, auf die man in Krisenzeiten zurückgreifen könnte. Die britische Verfassung ist stattdessen ein fragiles Geflecht von Konventionen, uralten Regeln und Präzedenzfällen ohne eindeutige Regelungen, was wann gilt und wie das von wem entschieden wird. Es funktionierte bislang nach dem sogenannten Good-Chaps-Prinzip, also der Annahme, dass moralisch integre Politiker die Seele dieses Durcheinanders schon richtig interpretieren würden. Die Briten sind damit letztlich auf den guten Willen ihrer einmal gewählten Regierung angewiesen. Ein Premierminister, der sich bewusst nicht mehr an die Regeln und den Geist dieser ungeschriebenen Verfassung halten will, deren Prinzipien gar aktiv zu zerstören versucht, ist ein Fall, der nicht vorgesehen ist und für den es deshalb auch kaum Gegenmittel gibt.

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Donnerstag, 8. Juli 2021 – Impfschutz gesichert“

  1. Berit meint:

    Uff. Mich als Anglophile trifft der Text von Fr. Dittert ganz schön hart.

  2. Katharina meint:

    Die Empfehlung der Stiko für Kinder und Jugendliche gilt nur für Personen mit erhöhtem Risiko, obwohl Comirnaty für Personen ab 12 zugelassen ist. Es ist sehr schwer, einen Arzt zu finden, der sich nicht an die Stiko-Empfehlung hält, sondern den Wunsch des Kindes/Jugendlichen und der Eltern berücksichtigt. Und bis vor Ende der Schulferien sollte man ja zweimal geimpft sein… ich fürchte, wenn da was im grösseren Stil passiert, dann erst im Herbst, wenn alle wieder aus dem Urlaub zurück sind….

  3. Nadine meint:

    Die Impfempfehlung der STIKO ist leider nicht generell ab 12. Für die Gruppe 12-17 Jahre empfiehlt sie die Impfung nur, wenn aufgrund von Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung besteht. Fällt mensch als Jugendliche*r nicht in diese Gruppe, kommt es auf den*die Impfarzt*in an, ob mensch geimpft wird oder nicht.

  4. Stefan meint:

    Die Impfempfehlung der STIKO ist AUS GUTEN UND NACHVOLLZIEHBAREN GRÜNDEN nicht generell ab 12.

  5. Nadine meint:

    @Stefan Aus Sicht der STIKO schon, allerdings spricht man damit Jugendlichen und deren Eltern ein selbsbestimmtes Entscheidungsrecht ab und eine Herdenimmunität werden wir ohne geimpfte Jugendliche auch nicht erreichen. Man könnte die Impfentscheidung ja ein an ausführliches Impfgespräch koppeln, aber einfach so zu sagen: Seht zu wie ihr klarkommt, empfinde ich als nicht zielführend.

  6. Mel meint:

    Es ist erstaunlich, dass die die haben was sie wollten (keine uneingeschränkte Empfehlung der Stiko) in Foren am unsachlichsten oder (wie hier) am lautesten sind. Die jungen Menschen haben über 1,5 auf vieles verzichtet um die vulnerablen Gruppen zu schützen, jetzt werden sie alleine gelassen. Aus meiner Sicht hat die Stiko aber eine große Hintertür offen gelassen. Zumindest in der Zusammenfassung des RKI über die Entscheidung der Stiko steht, dass auch 12-17jährige mit einer höheren Expositionsgefahr am Arbeitsplatz geimpft werden sollen. In fast allen Bundesländern fällt die Maskenpflicht oder sie wird gelockert. Wo kann man ein höheres Expositionsrisiko haben als in einem zu engen Raum mit 30 anderen über mehrere Stunden zusammenzusein (btw: kein Arbeitnehmer würde sich das gefallen lassen). In S.-H. können sich die 12.-17. jährigen in den Impfzentren impfen lassen.

  7. Sandra meint:

    Tja, wie es aussieht, muss ich noch bis 7.8. auf meine 2. Impfung warten. Die erste hatte ich im Rahmen einer Aktion für Nichtpriorisierte im Impfzentrum nachts bekommen. Die Hausärztin verweist immer noch auf ihre überfüllte Warteliste und die Frauenärztin impft nur die zweite, wenn man auch die erste bei ihr hatte. Wenigstens ein Termin tagsüber im Impfzentrum wäre nett, aber ob das möglich ist, kann man uns erst in 2 Wochen sagen. Es stellt sich alles etwas schwierig dar. Wenn ich nicht unbedingt die Impfung vervollständigen wollte, könnte mir vielleicht auch die Lust vergehen, mich da weiter zu bemühen.

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