Journal Dienstag, 31. August 2021 – Berlin 2: Von Spätgothik bis Revuebeine

Mittwoch, 1. September 2021 um 10:09

Von Herrn Kaltmamsell habe ich ja eigentlich gelernt: Auf Reisen jeden Tag nur eine Unternehmung, der Rest ergibt sich. Gestern ging das halt nicht und es wurden vier Unternehmungen daraus.

1. Schwimmen im Stadtbad Oderberger

Darauf hatte ich mich seit Buchung des Hotelzimmers gefreut und hatte lange gebangt, ob das Bad bis zu unserer Reise reaktiviert sein würde – schließlich ist das der Clou an einem Hotel, das mal ein Stadtbad war. War es, und so duschte ich mich nach dem Aufstehen kurz und trank ein Glas Wasser, schlüpfte dann in Badeanzug und den bereitgestellten Bademantel. An der Rezeption ließ ich mir eine Zugangskarte geben und ging in die herrlich renovierte alte Schwimmhalle. Das Becken (20 Meter) war in zwei Bahnen geteilt, die im Oval beschwommen wurden, anfangs hatte ich eine Bahn für mich. Nach zehn Minuten Kraulen kam aber ein halbes Dutzend weiterer Schwimmerinnen dazu – mir war von vornherein klar gewesen, dass ich hier keine Trainingseinheit absolvieren würde. Dennoch tat die gute halbe Stunde Schwimmen gut.

2. Gemäldegalerie

Nachdem wir bei unserem ersten Besuch vor lauter Faszination nicht über die ersten drei Räume hinausgekommen waren, wollten wir nochmal die Gemäldegalerie besuchen. Das Wetter war grau, aber trocken, also machten wir uns zu Fuß auf den Weg, blieben unterwegs in einem Café in der Choriner Straße hängen und tranken dort unseren Morgen-Cappuccino.

Federfund im Tiergarten.

In der Gemäldegalerie kamen wir zu früh für unseren gebuchten Eingangstermin an, leider war die Cafeteria geschlossen, dann saßen wir halt rum. Wir ließen uns Audio Guides geben und sahen uns erst mal ausführlich in der Sonderausstellung Spätgothik um (Audio-Erläuterungen gelesen von Regierungssprecher Steffen Seibert).

Die Ausstellung fand ich ganz hervorragend aufgebaut und erklärt, unter anderem weil sie eingangs klar machte, was der rote Faden der Zusammenstellung war (technischer Fortschritt in der Kunst der Zeit): Mit dem im Hinterkopf konnte ich die ausgestellten Werke einordnen. Ich lernte eine Menge, sah hochinteressante Kunst, der Audioguide wies mich immer wieder auf Details und Zusammenhänge hin, die mir sonst entgangen wären. Und Fotografieren war ausdrücklich erwünscht.

Anschließend machten wir noch einen Abstecher in die ständige Ausstellung, waren aber beide nicht mehr wirklich aufnahmefähig.

Für einen Besuch im Museumsshop reichte die Aufmerksamkeit noch: Ich kaufte nicht nur Postkarten, sondern gab mir einen Ruck, als eine Halskette von Georg Jensen meinen Blick nicht mehr losließ: Ich kaufte sie, auch weil sie perfekt zu dem Kleid für die Abendverabredung passte.

Essengehen zählt nicht als Unternehmung.
Zum Essen wollten wir eigentlich ins Mogg in der ehemaligen jüdischen Mädchenschule, ich hatte Herrn Kaltmamsell Reuben Sandwich versprochen. Doch dann bogen wir am Eingang nicht rechtzeitig ab und landeten statt dessen im Garten des House of Small Wonder. Die Speisekarte sah sehr interessant aus, mischt Japanisches mit dem Rest der Weltküche. Und so aß ich Mentaiko Spaghetti mit Kabeljaurogen, Nori-Algen und Jakobsmuscheln, Herr Kaltmamsell bestellte geschmorten Schweinebauch.

Satt und zufrieden spazierten wir zurück ins Hotel, mittlerweile war sogar die Sonne herausgekommen.

Erst mal organisierten wir zur Beruhigung unsere Heimreise: Auch der umgebuchte Zug fällt wegen Streiks aus, wir reservierten Sitzplätze in einer alternativen ICE-Verbindung mit Umsteigen in Nürnberg – drücken Sie mit uns Daumen, dass das klappt.

Bis zum Abendprogramm war ich mit der Zusammenstellung der Lieblingstweets August beschäftigt.

3. Eine Show im Friedrichstadtpalast

Seit sehr langem wollte ich mal solch eine klassische Tanzrevue sehen mit aufwändigen Kostümen und bombastischen Spezialeffekten. Herr Kaltmamsell als Freund der alten MGM Musicals war schnell dafür gewonnen. Vor diesem Berlinbesuch dachte ich rechtzeitig daran Karten zu buchen und freute mich sehr auf schöne Frauen mit endlosen Beinen und Federbuschen auf dem Kopf. Die aktuelle Show heißt Arise, die Vorstellung war noch eine Vorpremiere.

Noch geübt wurde auch das Eintrittsprozedere: Mit der aktuellen Regelung mussten wir vor Betreten des Gebäudes nicht nur Ticket, sondern auch Impf-Zertifikat plus Identifikation vorzeigen, es bildeten sich lange Schlangen. Leider hatte uns unser Ticket zum falschen Eingang geschickt – das erfuhren wir natürlich erst, als wir endlich drankamen und es vorzeigten. Also nochmal an einer neuen Schlange angestellt, wir schafften es aber pünktlich zum Vorstellungsbeginn auf unsere Sitze.

Und was für eine Vorstellung! Wir saßen recht nah an der Bühne, so sah ich nicht nur die sensationellen Kostüme, sondern in den Gesichtern auch die wirklich unterschiedlichen Persönlichkeiten. Tolle Choreografien, darin auch eine unerwartet ernste Nummer ganz glitzerfrei, die Inszenierung arbeitete großartig mit der riesigen Bühne, auch das Orchester war zu sehen. Und es gab artistische Einlagen inklusive Trapez – das hatte ich zuletzt vor 30 Jahren live gesehen. Zudem bekam ich ganz viele lange Beine: Ich lernte, dass „die Reihe“ mit allen Tänzerinnen, die untergehakt ihre Beine hochwerfen, ein fester Bestandteil jeder Revue ist.

4. After-show-Drinks mit Frauen aus dem Internet

Schon in der Pause waren wir auf zwei Bloggerinnen der ersten Stunde gestoßen, Frau Indica und Creezy, die sich nach Absprache mit uns spontan um Karten für die Show bemüht hatten. Mit ihnen zogen wir in Café Nö, wo eine befreundete Maskenbildnerin der Show zu uns stieß, die ich seit Jahren von Twitter kenne (aber nicht gewusst hatte, dass sie dort arbeitet). Sie versorgte uns mit vielen spannenden Hintergrundinfos zur Inszenierung, ich erfuhr unter anderem, dass während der Show zehn Maskenbildnder*innen im Einsatz sind und dass der ständige Kostümwechsel genau so viel exakte Planung und Orga erfordert, wie ich mir das so vorgestellt hatte.

Dazu gab es Wein (bei mir zu viel – es war eine dumme Idee nachzubestellen), die Herrschaften um mich stillten ihren Hunger. Ein wenig Update mit den vertrauten Bloggerinnen.

Nach Mitternacht (!) nahmen Herr Kaltmamsell und ich eine U-Bahn von der Mohrenstraße zurück zum Hotel.

§

Sie erinnern sich, wie am Anfang der Pandemie nach und nach Probleme mit den globalen Lieferketten auftauchten? Sie sind immer noch da. Die New York Times schildert, wie viele Bereiche weit entfernt von vorherigen Zuständen sind, unter anderem das britische Gesundheitssystem, das bestimmte Bluttests nicht durchführen kann, weil Teile dafür fehlen.
„The World Is Still Short of Everything. Get Used to It.“

Ich finde durchaus interessant, wie jetzt die so umjubelte lean production mit Just-in-time-Lieferung der benötigten Teile zurückschlägt, die Lagerkosten und -raum sparen sollte – und das Risiko auf die Zulieferer schieben (ich habe seinerzeit detailliert mitverfolgt, wie José Ignacio López de Arriortúa dieses System bei Volkswagen einführte).

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Ausdruckstanz am Limit.

via @Klugscheisser

die Kaltmamsell

7 Kommentare zu „Journal Dienstag, 31. August 2021 – Berlin 2: Von Spätgothik bis Revuebeine“

  1. N. Aunyn meint:

    Der Hinweis auf das Stadtbad Oderberger hat mich daran erinnert, daß dort Anfang der 1990iger Jahre ein angesagter Ausstellungsort war. Hier einige interessante Einblicke von damals: http://www.israeli-art.com/meshulash/2006/eden.htm

  2. Joe meint:

    Danke für den Bericht. Als ein in Berlin geborener, aufgewachsener und lebender, ist es immer noch spannend, auf Restaurant-Internetseiten nur in Englisch zu treffen. Die Berlin „innerhalb der Ringbahn“ und Touristen-Welt ist doch sehr verschieden von meiner.

  3. Friederike meint:

    Jetzt haben Sie mich ja neugierig gemacht auf die neu gekaufte Kette (und das passende Outfit dazu).
    Schöne weitere Berlin-Tage noch!

  4. Rainer meint:

    Ich drücke fest die Daumen für Samstag!!! Wir freuen uns schon auf euch!

  5. Stedtenhopp meint:

    Ich wollte auch schon fragen, ob es ein #609060- Foto vom Revuebesuchsoutfit gibt.

  6. Anne meint:

    Spannend zu lesen, wie Sie einen Tag in meiner Nachbarschaft gestalten. Da schau ich mir was ab!

  7. Nina meint:

    Schön klingt das, was Sie da erleben in Berlin. In den Friedrichstadtpalast will ich jetzt auch mal. Ich habe das bisher für Touristen-Entertainment gehalten. Aber was Sie da schreiben, macht mich neugierig.

    Die Tage der M*****Straße sind zum Glück gezählt. Sowohl die Straße selbst, als auch die U-Bahnstation werden umbenannt. https://m.tagesspiegel.de/berlin/nach-rassismus-debatte-mohrenstrasse-in-berlin-mitte-soll-kuenftig-wilhelm-amo-strasse-heissen/27079218.html

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