Journal Freitag, 1. September 2023 – Bov Bjerg, Der Vorweiner

Samstag, 2. September 2023 um 8:35

Ein seltsamer letzter Arbeitstag einer seltsamen Arbeitswoche. Die ersehnte Aufhellung des Wetters war beim frühen Aufstehen (nach Aufwachen kurz vor fünf nur Sorgenunruhe statt Schlaf) immer noch nicht eingetreten, nachts hatte Regen wieder die Straßen und Wege naß gemacht.

Also kein Kleid mit schwingendem Rock angezogen, sondern Hose, warme Schuhe, warme Jacke. Im Büro die Jacke erstmal anbehalten, zusätzliches Wärmen mit heißem Tee.

Kleinteilige Arbeit am Vormittag, doch ich fand Zeit für einen entfernteren Mittagscappuccino.

Mal wieder befürchte ich, ich könnte ein wenig schwierig sein.
Wo ich nur kurz meinen möglichst guten Cappuccino trinken möchte,
– nerven mich die Coffee Bro’s, die laut über Anbau, Röstung, Mahlen, Aufgießtemperaturen, Säuregehalt nerden,
– nerven mich die Nachbarschaftskuschler, die auf ein Gespräch aus sind,
– nerven mich die Business-Besprecher*innen mit ihrem schlechten Englisch,
– nerven mich die Business-Besprecher*innen mit unangenehm dröhnenden Stimmen,
– frage ich mich, warum die nicht einfach auch alle nur ein möglichst gutes Kaffeebohnen-basiertes Getränk einnehmen.
Andere Menschen sind nämlich keineswegs davon genervt, sondern feiern das als Community, siehe Lesetipp ganz unten.
Oder ich bin gar nicht schwierig? Sondern will einfach die Inhouse-Cafeteria zurück, in der ich mir meinen Mittagscappuccino zum Trinken am Schreibtisch holen konnte? (Weiter keine Aussicht auf Neubesetzung dort übrigens.)

Auf dem Rückweg schien meist die Sonne, und sie wärmte.

Am Schreibtisch empfing mich ein unvermuteter Tornado, ich wirbelte mit. Mittagessen zwischendrin: Eingeweichte Haferflocken mit Joghurt, Bananen.

Der Tornado machte den Nachmittag ein wenig angespannt. Ich gab meinen Plan für einen pünktlichen Feierabend auf, nahm schlussendlich den Arbeitsrechner mit heim. Unterwegs Lebensmitteleinkäufe im Vollcorner.

Ich kam so spät heim, dass ich das geplante Kuchenbacken auf Samstagmorgen verschob, nur den Ruccola aus Ernteanteil für Salat zum Nachtmahl vorbereitete (Kirschbalsamico-Walnussöl-Dressing, Blauschimmelkäse). Zum Anstoßen aufs Wochenende mixte ich uns unseren ersten Negroni spagliato. Es war warm genug für Aperitivo auf dem Balkon.

(Motiv entdeckt von Herrn Kaltmamsell)

Eigentlich hatten wir für den Abend eine Restaurantreservierung, aber wenige Tage nach Buchung festgestellt, dass wir gar keine Lust auf Ausgehen am Freitagabend hatten: Schon am Mittwoch storniert.

Statt dessen hatte Herr Kaltmamsell Entrecôte gebraten, ganz ausgezeichnetes Fleisch diesmal. Dazu gab es Kartoffelgratin und Ruccolasalat, ich machte eine Flasche roten KalkundKiesel auf, den ich auf einen Tipp der Weinhändlerin gekühlt hatte (nicht ganz so kalt schmeckt er mir besser, vor allem brauchte er ein wenig Luft).

Mühsamer Weg zu einem neuen Paar Schuhe: Seit Monaten möchte ich blaue Turnschuhe (“Sneaker” für die jüngeren), gestern sah ich an einer eleganten Passantin ein Modell, das mir besonders gut gefiel. Sauberes Branding machte die Online-Suche einfach, doch der Laden ließ mich nicht zahlen: Jede Zahlmöglichkeit erzeugte Fehlermeldungen, in drei verschiedenen Browsern, ich kam nicht an diese Schuhe. Fühlte mich an New-Economy-Zeiten erinnert, in denen Server-Crashs als Erfolgsbeweis galten. Zum Glück fand ich das Modell auf einer weiteren Plattform (wenn auch etwas teurer) und bestellte dort.

§

Als sie nach dem kurzen Winter wieder auf Bartels Datsche hinauskutschierte, herrschte ein ganz formidables Wetter

Gleich der erste Satz des Haupttextes von Bov Bjergs Der Vorweiner machte mir klar, dass dieser Roman mit verstellter Stimme erzählt wird. Diese Kunstsprache, die auch Wörter immer wieder ganz knapp neben den gewohnten erfindet, macht das größte Lesevergnügen aus.

Speculative fiction ist in der deutschsprachigen Literatur eher selten (mir fällt noch Matthias Nawrat ein), selbst Science fiction und Utopien mit Gesellschaftsentwürfen begegne ich häufiger. Bov Bjerg hat diesmal richtig groß ausgeholt und ein Schelmenstück an Roman abgeliefert, durch das in meinen Augen viel von dem (politischen und gesellschaftskritischen) Schabernack scheint, der seinen kabarettistischen Jahresrückblick ausmacht – es sprüht vor Einfällen.

Die eigentliche und überschaubare Handlung ist weniger der Treiber des Romans: Sie spielt in einer unbestimmten nahen Zukunft, in der wohl die Klimakatastrophe weite Teile der Erde unbewohnbar gemacht hat. Die Gesellschaft hat sich in eine wohlhabende Elite und eine Dienstleisterschicht weiterentwickelt, Nachrichteninhalte sind von Tatsachen fast komplett entkoppelt. Die wohlhabende Hauptfigur “A wie Anna” zahlt viel Geld dafür, bei weniger Privilegierten Realität erleben zu dürfen, von Gärtnern bis Schlachten.

Doch es sind die Erzählmittel und die Sprache, die zum Weiterlesen treiben und Lesevergnügen bereiten. Den Kapiteln (das erste kommt erst an dritter Stelle) ist eine Zusammenfassung vorangestellt, die wie Lesewerbung formuliert wird, in der beschriebenen Welt ist alles aus der Gegenwart wiedererkennbar – und doch bis zur Satire verformt. Die Neologismen sind dabei so treffend, dass ich mir umgehende Einverleibung in die Gegenwartssprache wünsche. Meine Lieblinge unter den Wörtern anzuführen, die Bov für den Roman erfunden hat, kommt einem Spoiler gleich – ich lasse Sie die selbst entdecken. (Aber einen davon hat Herr Kaltmamsell einen halben Abend lang immer wieder mit einem Lächeln vor sich hin gemurmelt.)

Ich empfehle die ausführliche Rezension und Analyse von Carsten Otte für den SWR:
“Buchkritik
Bov Bjerg – Der Vorweiner”.

Ebenfalls erhellend die Besprechung von Herrn Rau, dessen populärliterarische Bildung sehr viele Anspielungen und Bezüge findet:
“Bov Bjerg, Der Vorweiner”.

§

Schöne Geschichte über ein US-amerikanisches Café, das für Gabriel Yoran eine eigene Welt war:
“Sie haben jetzt auch Cold Brew in Berlin”.

(Selbst, das wissen Sie vielleicht, möchte ich bitte nicht im Café gekannt werden. Das durfte nur ein Lokal, Marietta im Westend, und das ab meinem ersten Besuch – ich weiß bis heute nicht, warum mein Eigenbrötlerinnentum bei ihr und Kellner Ricco eine Ausnahme machte. Meine Erinnerung profitiert natürlich davon, dass diese Zeit auf etwa drei Jahre begrenzt war, weil sie dann keine Lust mehr hatte und zumachte: Ich musste mit keinen Veränderungen fertig werden, die schöne Zeit dort kann in ihrer abschlossenen Kapsel strahlen.)

die Kaltmamsell

8 Kommentare zu „Journal Freitag, 1. September 2023 – Bov Bjerg, Der Vorweiner

  1. Karin meint:

    Bin ich die einzige, die jetzt gern ein Foto der sneakers sehen möchte?
    Und danke für einen weiteren Tipp in Sachen Literatur – jetzt bitte noch Tipps für mehr Lesezeit….

  2. martini meint:

    NACHBARSCHAFTSKUSCHLER! (laut gelacht)

  3. Sebastian meint:

    Ich sehe Parallelen zwischen den Cappuccino-Genervtheiten und dem sofortigen Vertrauen zu einer Gastronomin, die sich dann keine Lust aufs Gästehaben erlaubt hat. (Keine Diagnose, nur Selbsterfahrung.)

    Tollstes Septemberbalkonbild.

  4. Beate meint:

    Danke für den Link zum Artikel. Dieser Absatz

    “Ich erzählte B., wie auffällig ich es fand, dass auf dem »emergency meeting« niemand vorgeschlagen hatte, mit Leuten von the other side zu diskutieren oder herauszufinden, warum sie so jemanden gewählt hatten. In Deutschland würde jetzt erstmal diskutiert. B. gab mir eine wichtige Message mit: Du hast nur begrenzte Kraft; für wen willst du sie aufwenden? Sei für die Leute da, die Hilfe und Zuwendung brauchen. Die Leute, die Trump gewählt haben, können warten.”

    In Deutschland wird den “Trump-Wählern” viel zu viel Aufmerksamkeit geschenkt und viel zu wenig gegen sie getan.

  5. Ivana meint:

    Nein, ich wäre auch interessiert…

  6. Eva meint:

    Auch von mir herzlichen Dank für den Link zur Geschichte von Gabriel Yoran. Ich fand die Beschreibung des Flusses, der in beide Richtungen fließt, so spannend, dass ich jetzt weiß, dass sie Ästuare heißen und weiter nachrecherchiert habe.
    Ich liebe es sehr, solche Dinge im Internet (meinem Internet) zu finden.
    Die Bov-Bjerg-Links lese ich dann, wenn ich das Buch selbst gelesen habe.
    Glückwunsch auf diesem Wege zum 20. Bloggeburtstag nachträglich; ich bin seit der Hälfte der Zeit dabei, als unsere Tochter zum Studium nach München ging und ich zufälligerweise auf ein Münchner Blog stieß, geschrieben von einer interessanten Frau in ungefähr meinem Alter mit einem gänzlich anderen Alltag (Kinder-keine Kinder, selbständig-angestellt, faul-sportlich, uvm.) und doch so vielen gemeinsamen Gedanken.
    Ich glaube, es war über Herrn Buddenbohm oder Frau Brüllen, dass ich zu Ihnen gefunden habe und seither bereichert es mein Leben. Danke!
    Herzliche Grüße
    Eva

  7. Sonni meint:

    Ich halte es auch kaum aus ;-)

  8. Nadine meint:

    Liegt es an München? Mit dem Cappuccino und den Beschwernissen dabei? Ich hab in Bremen Lieblingscafes, wo ich schnacken (reden) kann und genauso gibt es genug, wo ich einfach bestelle und meine Ruhe habe. Selbst im Lieblingscafe muss ich überhaupt nicht reden, das wird alles akzeptiert.
    Hier ist keiner aufdringlich (es ist halt auch Norddeutschland, es gibt da ja auch Klischees, die vielleicht zu treffen).

    Ich weiß z.B. noch, dass es hier mal was Besonderes war, wenn Cafes lange Tische hatten, wo sich potentiell fremde Menschen gemeinsam dran setzen. Das war nahezu revolutionär…

    Wie wäre es sonst mit einem guten Mehrwegbecher? Cappuccino holen und am eigenen Schreibtisch genießen?

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