Archiv für Juli 2024

Journal Donnerstag, 11. Juli 2024 – Byzantinische Penrose-Treppen

Freitag, 12. Juli 2024

Besonders guter Schlaf, eventuell nur nicht genug. Das Wetter ist derzeit eine Überraschungstüte, gestern stand ich zu unvorhergesehenem Regen auf.

Doch mein Marsch in die Arbeit fiel genau in die halbe Stunde mit blauem Himmel und Nach-Regen-Frische vor der nächsten Schwül-Welle – super. Unterwegs fiel mir eine Frau auf, die mit ihrem Handy die oberen Hälfte eines schlichten Gebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite fotografierte. Ich folgte ihrem Blick: Da saß ein Falke überm Fenster!

Emsiger Vormittag mit eher Unvorhergesehenem. Mittags ging ich auf einen externen Cappuccino, lief gleich weiter für Käsekauf zum Markt auf dem Georg-Freundorfer-Platz – doch der Käsestand war nicht da! Ich hoffe, dass die Betreibenden nur im Urlaub sind. Käse bekam ich dann in einem Obst-/Gemüse-Feinkostladen auf dem Rückweg.

Mittagessen war Pumpernickel mit Butter, viele Pfirsiche.

Nachmittags wurde es interessant und lustig – wenn auch nicht lustig gemeint. Die byzantinischen Schleifen und Muster mancher Abrechnungsprozesse winden sich so weit entfernt von jeder Verhältnismäßigkeit, dass ich hiermit nie wieder über die Penrose-Treppe von Change-Management-Beratungsagenturen witzeln werde. Effizienz und Nutzen sind sehr wahrscheinlich schlicht überschätzt, Hauptsache die Leute sind weg von der Straße und haben genug zu tun. Notfalls halt Erfundenes.

Zu spät durfte es nicht werden, da ich gestern Ernteanteil-Abholdienst hatte, Herr Kaltmamsell war beruflich verhindert. Es war gerade mal wieder sonnig, dazu schwülheiß. Ernteanteil abgeholt (unser Verteilerpunkt bei einem Coworking-Space im 1. Stock eines schraddligen Nachkriegsbaus ist ein ganz kleiner mit nur acht Kisten), daheim ausgepackt, zum Teil gewaschen.

Die Wohnung war kühl genug für eine wirklich wohltuende Runde Gymnastik, die genau richtig anstrengte, damit ich mich sportlich fühlte.

Als Nachtmahl machte ich einen Salat aus Ernteanteil: Lollo rosso, Gurke, Lauchzwiebel (zugekauft, musste weg), eine gehackte Karotte mit Joghurtdressing. Dann gab’s noch Käse, zum Nachtisch Schokolade.

Im Bett startete ich neue Lektüre: Vicki Baum, Es war alles ganz anders. Erinnerungen. Schon die ersten Seiten (Bildschirme) bewiesen wieder, wie gut sie schreiben konnte.

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Eine Mauerseglerretterin erklärt in einem Mastodon-Thread Hintergründe ihrer Einsätze.

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Rücksichtsvolles Reisen bezog sich ja bislang vor allem auf CO2-freundliche An- und Abreise. Jetzt kommt für mich zusätzlich das schlechte Gewissen hinzu, wenn ich am Zielort durch meinen Tourismus die Alltagsstruktur der Einheimischen zerstöre. Ausgerechnet dieses Jahr habe ich auf Mallorca gebucht. Reiner Wandler hat für die taz aufgeschrieben, was ich und die anderen Massentourist*innen dort angerichtet haben:
“Massentourismus auf Mallorca:
Vertreibung aus dem Urlaubsparadies”.

Mallorca hat 308.000 Hotelplätze und 104.000 Plätze in Ferienvermietungen. Hinzu kommen die Ferienvermietungen, die ohne Lizenz abgewickelt werden. Wie viele Wohnungen dadurch dem örtlichen Wohnungsmarkt zusätzlich entzogen werden, weiß niemand so genau. Dazu kommen die Ausländer – meist aus Mittel- und Nordeuropa –, die sich eine Ferienwohnung kaufen. Diese steht dann bis auf ein paar Monate im Jahr leer. Ein Drittel aller 2023 auf den Balearen verkauften Wohnungen gingen an ausländische Kunden.

(Zudem taucht in dem Artikel das komplett irrsinnige System des spanischen Wegs zu einem Beamtenposten auf, die oposiciones.)

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Auf insta zeigt unsere Gärtnerei des Kartoffelkombinats, wie’s den Tomaten geht!

Journal Mittwoch, 10. Juli 2024 – Wiederaufnahme der Orthopädie

Donnerstag, 11. Juli 2024

Mittelunruhige Nacht, aber ich bekam genug Schlaf. Zu meiner Überraschung stand ich zu einem milden, trockenen Morgen auf, der mir sogar Morgenkaffee auf dem Balkon ermöglichte – der Sommer war beim Gehen dann doch in der Tür nochmal stehen geblieben, das kenne ich selber gut beim Abschied.

Blick über eine Balkonbrüstung in Bäume und blauen Morgenhimmel

Ich hatte etwas mehr Zeit am Morgen, denn der Tag startete mit einem Termin bei einer neuen Orthopädie. Mittlerweile nehme ich bei wahrscheinlichen Altersbeschwerden wie im Moment einfach den nächstbesten, und im nahegelegenen Orthopädie-Zentrum mit vielen angestellten Ärzt*innen gab es schnell einen Termin.

Dass Ärzt*innen deutlich jünger sind als ich, kenne ich ja seit Jahrzehnten. Darauf habe ich mich mittlerweile aktiv so sehr eingestellt, dass ich gestern bereit war, den Arzthelfer-Lehrling mit reichlich Metall und Tinte in der Haut als meinen neuen Orthopäden zu akzeptieren. SO alt bin ich. Behandelt wurde ich dann aber von einer Orthopädin in auch für mich ersichtlich erwachsenem Alter.

Auch diese Dr. Orth interessierte sich für nichts außer dem konkreten schmerzenden Fuß (ich nannte nur den linken, die rechte Ferse ist halt Plantarfasziitis, recht zweifelsfrei selbstdiagnostiziert mit Hilfe von Dr. Internet, geht von allein wieder weg) – ist meine Laien-Sicht so verkehrt, dass gerade orthopädische Beschwerden immer im Zusammenhang mit dem gesamten Bewegungsapparat stehen, rein physikalisch? Zumindest fasste sie mich auch an und war mir sympathisch. Ich hatte von Anfang an die Lizenz zu “kann man nix machen” ausgestellt, zumal ich wie vorhergesehen ihre Tipps von Dehnen bis Muskelstärkung Fußgewölbe eh schon befolge. Aber jetzt habe ich ein Rezept für neue Einlagen (das Vorläufermodell ist von vor Hüft-OP), und Frau Dr. dachte so lang nach, bis sie mir Fußübungen anbieten konnte, die ich noch nicht kenne und mache. Die dreiseitige Anleitung bekam ich als PDF zum Download aus meiner Kundenakte der Praxis. (Patient*innenfragebogen gab’s an der Anmeldung per QR-Code aufs eigene Handy, schick!)

Das alles ging inklusive Formalien sehr flott, nach 15 Minuten stand ich wieder auf der Sendlinger Straße und machte mich auf den Weg in die Arbeit. Es war immer noch sommerlich, dazu ging ein leichter Wind, ich genoss den Fußmarsch.

Auf einer Wiese in einem Park ein Zelt aus silbernen PLatten, darunter schläft ein Mensch

Im Nußbaumpark gerade Kunst, die der tatsächlichen Nutzung entgegen kommt.

Im Büro empfing mich erstmal Querschussfeuer, doch nach einer halben Stunde konnte ich mir die eigentlichen Aufgaben des Tages vornehmen. Ausgebremst wurde ich von der Technik – aber auf völlig neue und unerwartete Weise, ich konnte mich nicht über Langeweile beklagen.

Screenshot einer Fehlermeldung "Verfügbare Aufgaben sind derzeit nicht verfügbar"

Mittagscappuccino bei Nachbars. Eher spätes Mittagessen war dann eingeweichtes Muesli mit Joghurt, Pfirsiche.

Erst um drei verdunkelte sich der Himmel wirklich bedrohlich, die angekündigten Unwetter. Es dauerte aber noch über eine Stunde, bis es wirklich gewitterte.

Der Arbeitstag endete mit der schlimmen Erkenntnis, dass erst Mittwoch war.

Heimweg nach dem Regen über Lebensmitteleinkäufe. Doch der hellere Himmel hatte getrogen: Trotz immer klarerem Sonnenschein wurde ich auf den letzten 500 Metern kräftig angeduscht.

Zu Hause eine Einheit Pilates, strengte an und tat gut. Herr Kaltmamsell war beruflich aushäusig, ich machte mir als Nachtmahl Rahmspinatsuppe mit verlorenen Eiern, setzte mich zum Essen auf den Balkon.

Auf einem Balkon Holztisch und Holzbank, auf dem Tisch ein Teller mit Spinat, ein Wasserglas, ein aufgeklappter Laptop, vor dem Balkon Bäume und Abendsonne

Zum Nachtisch gab’s vom restlichen Pfirsich-Crumble mit Buttermilcheis und noch ein wenig Schokolade. Überraschender Vogel-Besuch im Baum vorm Balkon: Eine Wacholderdrossel, die ich aus den Isarauen gut kenne und deren Schnarren ich deshalb gleich erkannte. Mal sehen, ob sie bleibt.

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Gaga hat ihre Mutter verloren und kümmert sich jetzt um die Bestattung.
Neben den Aufgaben, die das umfasst, beschreibt sie auch ihre Gefühl dabei.

Journal Dienstag, 9. Juli 2024 – Lerchenlauf in Teilzeit-Sommer

Mittwoch, 10. Juli 2024

Eine gute Nacht, der sehr frühe Wecker holte mich aus tiefem Schlaf. Doch ich wollte ja dringend vor der Arbeit Laufen gehen: Diese Woche war sehr wahrscheinlich kein weiterer Sommerwettermorgen drin, und im August würde es wahrscheinlich vor der Arbeit schon wieder zu dunkel sein.

Draußen roch es herrlich, die Sonne strahlte von wolkenlosem Himmel, über den Isarauen hing immer wieder leichter Morgendunst. Ich roch die nächste Welle Lindenblüten, aus der Süddeutschen weiß ich inzwischen, dass es in München unterschiedliche Sorten gibt, die nacheinander blühen, alle dieses Jahre besonders intensiv. Das ist selbst mir dieses Jahr ein bissl zu arg, meinetwegen dürfte es jetzt auch mal wieder anders riechen.

Das Laufen war erstmal beschwerlich, weil meine Füße besonders stark schmerzten (links sehr unangenehm Mittelballen und Zeigezehe, rechts weniger schlimm die Ferse); es brauchte eine Weile, bis das weggelaufen war – dann genoss ich das Traben (zahlte aber mit bösen Schmerzen beim Gehen den ganzen Tag über – Orthopädietermin in Kürze, aber ohne große Hoffnung).

Blick durch eine alte gemauerte Brücke auf Fluss und Flussauen, im Hintergrund Kirchtürme

Flusslandschaft von den Auen aus, mit Steinen, Bäumen

Holzsteg mit Reling zwischen Bäumen, in der Morgensonne

Blick über hölzerne Ballustrade auf einen schäumenden Fluss mit Gischt

Grabsteine auf altem Friedhof in Morgensonne mit Schatten der Fotografierenden

Daheim schwitzte ich aus, während ich die Wohnung hitzefest machte. Duschen und Fertigmachen, Fußmarsch in die Arbeit, wieder traf ich 40 Minuten später als sonst ein (was wirklich kein Problem ist).

Emsiger Vormittag, aber ich konnte auf einen Mittagscappuccino raus.

Cappuccino auf Bank vor Fenster, daneben nacktes Bein in braunem Wildlederschuh
Fast garnicht gestellt.

Hier war ich schon lang nicht mehr gewesen – und wusst nach dem ersten Nippen auch wieder warum: Für meinen Geschmack ist der Cappuccino zu stark. Aber allein wegen des Spaziergangs durch Sommerdüfte und immer noch lediglich -wärme hatte sich der Ausflug gelohnt.

Mittagessen später am Schreibtisch: Rote-Bete-Rest vom Vorabend, Mango mit Sojajoghurt.

Nachmittag mit verschiedenem Interessanten, aber auch Anstrengenden. Es wurde eher spät.

Schöne Überraschung gleich hinter der Arbeit: Eine Eidechse lief mir über den Weg. Es war mittlerweile auch heiß genug dafür.

Kurzer Einkauf für den Abend. Daheim in der gut gekühlten Wohnung machte ich erstmal den Nachtisch nach einem Rezept, das gerade auf dem Weg in ein Kochbuch ist, auf das ich mich sehr freue: Pfirsich-Rosmarin-Crumble.

Das eigentliche Nachtmahl machte Herr Kaltmamsell mit dem Ernteanteil-Spitzkohl: Okonomiyaki.

Na gut, auf den neuen Bast-Sets sehen die Glasteller wirklich gruslig aus.

Serviert mit dem im Rezept empfohlenen Buttermilcheis (aber nicht in Einzelportionschälchen zubereitet). Sehr guter Nachtisch. Während wir aßen, verabschiedete sich der Sommer nach lediglich etwas mehr als einem Tag wieder: Der Himmel zog mit Gewitterwolken zu, die Wettervorhersage machte keine Hoffnung. Ich nutzte die letzte Trockenphase für Lesen auf dem Balkon. Im Bett las ich weiter Fang Fang, Michael Kahn-Ackermann (Übers.), Glänzende Aussicht – ein sehr seltsamer Roman: sprachlich immer wieder ungelenk (die Übersetzung?), viele Erzähltechniken lesen sich gewollt originell, ohne wirkich motiviert zu sein.

Journal Montag, 8. Juli 2024 – Was soll schon sein an einem Montag

Dienstag, 9. Juli 2024

Eher unruhige Nacht, teils durch Außengeräusche gestört, teils durch sonstiges Aufwachen.

Die Wetter-App hatte sich wieder vom realen Wetter entkoppelt, der Regen draußen überraschte. Da für den weiteren Tagesverlauf Wärme angekündigt war, ging ich ohne Jacke aus dem Haus, fror dann auch nicht mal und wurde nur wenig angetröpfelt.

Gut gefüllter Arbeitsvormittag, Mittagscappucino bei Nachbars, Mittagessen Laugenzöpferl sowie Mango mit Sojajoghurt.

Über den Arbeitsnachmittag sah ich das Wetter draußen besser werden, nach Feierabend trat ich in einem angenehm warmen Sommertag.

Umfangreiche Einkäufe beim Vollcorner, daheim eine längere Runde Gymnastik.

Herr Kaltmamsell sorgte wieder fürs Nachtmahl, er verarbeitete eine große Rote Bete aus Ernteanteil zu Gemüse mit Apfel, Zwiebel, Schmand, gewürzt unter anderem mit Piment. Das schmeckte ausgezeichnet. Nachtisch Schokolade, vor zu viel aufgehört – super!

Früh ins Bett zum Lesen bei offenem Fenster, die Luft von draußen roch zum ersten Mal richtig nach Sommerabend.

Journal Sonntag, 7. Juli 2024 – Vergnügter Isarregenlauf und Ausdauerbügeln

Montag, 8. Juli 2024

Diesmal mittelguter Schlaf, aber davon genug. Ich zog den Rollladen zu dunklem Himmel und kühler Luft hoch, der Regen hatte aufgehört – vorläufig, bereits für den Vormittag war mehr Regen angekündigt.

Er setzte genau dann ein, als ich nach Bloggen und Milchkaffee kurz nach zehn das Haus für eine Laufrunde an der Isar verließ. War mir egal, ich hatte mich ausgerüstet.

Selfie einer Frau mit beiger Schirmmütze und Brille in einer modernen U-Bahn

U-Bahn nach Thalkirchen, dort regnete es sanft – so blieb das auch die ganze Laufrunde von 100 Minuten hindurch. Doch ich zog die Kapuze der Jacke über meine Schirmmütze und lief vergnügt bis Pullach und zurück: Mein Körper machte gestern ganz besonders gut mit, und der Regen war nicht so stark, dass er mich vom Rumgucken abhielt. Beeinträchtigt war ich lediglich auditiv: Die Kapuze über der Kappe raschelte so laut, dass ich sonst fast nichts hörte.

Für das schlechte Wetter waren überraschend viele weitere Läuferinnen und Läufer unterwegs; den meisten schien der Regen ebenfalls nichts auszumachen, die sahen keineswegs unglücklich drein.

Rechts kleine Hütte mit Graffiti, links Wehranlage mit Bäumen

Teich mit Wehranlage im Hintergrund, auf dem Wasser im Vordergrund erwachsene und junge Schwäne

Blick von oben auf einen verästelten Fluss, dazwischen Pfade, umgeben von Bäumen

Dunstiger Blick ins Tal, im Vordergrund eine nasse Sitzbank, umgeben von Bäumen, im Hintergrund Hügel

Feuchte Linse -> David-Hamilton-Filter.

Blick von der Bank aus ins regnerisch-neblige Isartal

Hydrant in hoch gewachsener Wiese vor Bäumen und regendunklem Himmel

Beim Kreuzen dieser hohen Wiese mit nackten Waden lernte ich: Auch nass stechen Brennnesseln, ich hatte noch lange etwas davon.

U-Bahn zurück nach Hause, dort ausgiebige Körperpflege (die durchgeweichte Haut meiner nassen Füße nutzte ich gleich mal für Fußpflege – nächste Woche soll es ein bis zwei Tage mit Sandalenwetter geben, dafür habe ich jetzt schöne Füße).

Frühstück kurz nach eins (wie so normale Leute am Sonntag): letzter Rest Rindfleisch von Freitagabend – köstlich, Joghurt und Quark mit Nektarinen.

Wer viele Wochen nicht bügelt, muss das lange nachholen und steht zweieinhalb Stunden am Bügelbrett. Machte mir fast nichts aus, weil das Wetter eh schlecht war und ich offene Tabs weghören konnte, nämlich zwei verpasste Sessions von der re:publica.

Zum einen Carolin Emcke, “Queer Leben – Eine Intervention” (wie ich mich freue, dass sie sich auf der re:publica daheim zu fühlen scheint – ich erinnere mich noch gut an ihren ersten Auftritt, an ihre Aufregung, und dann ging gleich mal technisch was schief, und sie seufzte, genau deshalb sei sie bislang nie gekommen; dabei geht doch auf der re:publica um ganz Anderes):

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https://youtu.be/bMCoIE6mAao?si=6ACGEqlOV7gBj_Q3

Keine leichte Kost – aber Emcke macht es weder sich noch uns einfach. Und das ist gut so.
Ich lernte den Begriff “utopischer Vorgriff”: Wenn man so lebt, als sei die Gesellschaft schon dort, wo man sie hinhaben will. Das mache ich von Kindheit an gegen Frauen-Stereotypen.

Dann hörte ich zur Verarbeitung ein wenig Musik. Zweiter Vortrag, den ich mir wegen unbedingt eingemerkt hatte: Esra Karakaya, “Ich weiß nicht, wie du es siehst – aber zukunftsfähig ist das nicht”.

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https://youtu.be/4-n7TbLvLeE?si=r_ugRTyc3Y68_ywq

Esra schilderte eine bessere Zukunft der Medien in Deutschland.

Es blieb noch genug Zeit für eine Runde Gymnastik mit Gabi Fastner – die sich länger hinzog als geplant, weil unterwegs das Internet ausfiel. Ich musste erstmal eine Ersatzlösung finden, bis ich weiterturnen konnte. Es wurde der Handy-Bildschirm, mit dem ich die Einheit beendete. (Unkomfortabel.)

Herr Kaltmamsell servierte als Nachtmahl Ernteanteil-Zucchini-Spaghetti, sehr gut. Nachtisch 1 war die restliche misslungene Panna cotta.

Auf weißen Teller ein gestürzter weißer Pudding in drei Schichten, drumrum Erdbeersauce

Und ein Stück hervorragender Kirschkuchen, den Herrn Kaltmamsell von einem gestrigen Ausflug zu seinen Eltern mitgebracht hatte.

Das schönste am Tag aber war das Ergebnis des zweiten Durchgangs der Parlamentswahlen in Frankreich: Es wird keine rechtsextreme Regierung geben, statt dessen liegt die links-grüne Volksfront vorn – es ging dann wohl doch in erster Linie um Veränderung. Und die Wähler*innen sind vielleicht doch zur Besinnung gekommen, dass Rechtsextremismus die vielen Probleme im Land nicht lösen würde.

Journal Samstag, 6. Juli 2024 – Ein paar Stunden Hochsommer

Sonntag, 7. Juli 2024

Herrlich gut und über neun Stunden geschlafen – so erfrischt und ausgeruht hatte ich mich seit Langem nicht gefühlt.

Blick über einen Balkontisch hinaus über die Brüstung in blauen Himmel, Sonnenschein und leuchtend grüne Bäume, auf dem Tisch eine Tageszeitung, ein Glas Wasser, eine große Tasse Milchkaffee

Draußen wunderschöner Sommer, endlich wieder Balkonkaffee – ohne Bloggen, weil Herr Kaltmamsell vereinbarungsgemäß ein gründliches Back-up des Blogs laufen ließ. Ich las ein wenig Zeitung, kochte für den Abend Panna cotta, die sich Herr Kaltmamsell gewünscht hatte (ohne Nelken).

Dann konnte ich wieder an mein Blog, dazu Wasser und Tee. Ich freute mich auf Schwimmen und Sonnenbaden im Dantebad, hoffte, dass das Wetter bis dahin halten würde: Es waren bereits für den Nachmittag Gewitter angekündigt.

Erstes Radeln in kurzer Hose, mit Trägershirt und Sandalen echtes Hochsommer-Outfit. Die Schwimmbahnen im Dantebad waren ziemlich voll (aber immer noch kein Vergleich zur Menschensuppe im Schneckenbecken), mit der doppelten Breite und freundlichen Menschen konnte ich dennoch ruhig meine Bahnen ziehen. Der Sonnenschein hielt nahezu durchgehend, an meine 3.000 Meter anschließend legte ich mich nach kurzem Duschen und Sonnencremen auf die Wiese, Musik auf den Ohren.

Freibadwiese, im Hintergrund wenige Menschen, einige alte Bäume, der Rand eines Schwimmbeckens, dahinter eine betonierte Tribüne und ein Betonleuchter

Nackte Beine auf rotem Handtuch längs aus der Perspektive der Beinbesitzerin

Freibadfotos bei Freibadwetter schwierig, wenn man niemanden ungefragt erkennbar mitfotografieren möchte.

Nach einer Stunde hatte ich genug UV-Strahlung getankt. Heimradeln über Espressobohnen- und Semmeleinkäufe in Schwabing, in der Sonne war es knapp unter zu heiß. Aber die Farben! Das Sommerlicht!

Die riesige und sehr dicht befahrene Kreuzung Dachauer Straße (dreispurige Straße plus Abfahrten, Geh- und Radwege auf beiden Seiten, in der Mitte Trambahntrasse) Landshuter Allee (Abfahrten von der Überführung über die Kreuzung, Geh- und Radwege) ums Ecke vom Dantebad ist seit Monaten eine Baustelle mit immer wieder neuer und spannender Wegführung erzwungen durch Trennwände. Gestern auf dem Rückweg waren alle Ampeln ausgefallen, und ich bildete mir ein, dass dadurch die Verkehrsteilnehmenden endlich aufeinander achteten: Die Autos fuhren Schritttempo, ließen einander in Gruppen vorbei, Fußgänger*innen gaben Radeln Tipps, wie sie durchs Labyrinth auf den gegenüberliegende Straße kamen, Kinderwagenschiebende wurden zu Bordsteinabsenkungen gelotst. Insgesamt aber eine eher bizarre Szenerie.

Frühstück daheim deutlich nach drei: Körnersemmel, Pfirsich mit Joghurt. Dann erst Duschen und weitere Körperpflege. Als ich frisch und fertig ins Wohnzimmer kam, zeichnete sich bereits deutlich ab, dass das Wetter nicht für den ersehnten Biergartenbesuch halten würde (Steckerlfisch im Hirschgarten).

Blick über Balkonbrüstung in Bäume, dahinter deutlich dunkelgrauer Himmel

Keine halbe Stunde nach dem Foto stürmte und regnete es.

Blick über Balkonbrüstung in Bäume, die von Wind und heftigem Regen geschüttelt werden

Restlicher Nachmittag mit Zeitunglesen – und langsamem Kleidungs-Aufrüsten, für kurze Hose und Träger-Shirt wurde es immer deutlicher zu kalt.

Statt Steckerlfisch gab es als Nachtmahl ein Ernteanteil-Karotten-Thaicurry von Herrn Kaltmamsell, ich schnippelte dazu als Salat Tomaten, Ernteanteilgurke, eine Karotte (roh vertrage ich sie ja nicht so gut), süße Zwiebel, mischte die restlichen Salatblätter unter. Aperitif Calvados-Tonic, Nachtisch mit pürierten Erdbeeren Panna cotta – die mir leider misslungen war: Die Gelatine hatte sich abgesetzt. Muss ich beim nächsten Versuch also die Mischung wieder unter Rühren abkühlen lassen, bevor ich sie in die Förmchen gieße (zumindest glaube ich mich zu erinnern, dass das früher mein Trick war).

Im Bett begann ich meine nächste Lektüre, diese wieder aus der Münchner Stadtbibliothek: Fang Fang, Michael Kahn-Ackermann (Übers.), Glänzende Aussicht. Mir hatte ihr Weiches Begräbnis ja sehr gut gefallen, jetzt nahm ich mir den Roman 1987 vor, den ersten großen Erfolg der chinesischen Autorin.

Journal Freitag, 5. Juli 2024 – #WMDEDGT

Samstag, 6. Juli 2024

Frau Brüllen fragt, “Was machst Du eigentlich den ganzen Tag?” und schart für den 5. des Monats wieder Tagebuchblogger*innen um sich unter dem Hashtag #WMDEDGT: Hier die Ausbeute für Juli 2024.

Wie erwartet schwer eingeschlafen, unruhig geschlafen, zudem aber auch viel zu früh aufgewacht – das Wochenende wird das rausreißen müssen. Ich fühlte mich nur leicht dumpf, wusste aber, dass mich der Schlafmangel am Vormittag einholen würde.

Das Wetter hatte die Vorhersagen nicht gelesen, war statt sommerlich deutlich düster und kühl, ich griff wieder zu langen Hosen, zu geschlossenen Schuhen und zu Jacke. Auf dem Weg in die Arbeit wurde ich sogar feuchtgeregnet.

Handy-Screenshot mit Anzeige "16 Grad" und Sonnensymbol

Was die App behauptete.

Blick auf hohes modernes Bürogebäude vor dunkelgrauem Himmel

Wie’s vorm Bürofenster aussah.

Auf den Gängen und Fluren freitägliche Homeoffice-Ruhe, so ließ sich gut arbeiten. Morgen-Routine: Rechner starten, Tasche auspacken (Brotzeit, Zeitung), Wasser für Tee aufsetzen, in Rechner einloggen, Tee kochen.

Beim Arbeiten merke ich immer deutlicher die Nachteile der kaputten Suchmaschinen. Bis vor kurzem dienten mir Google-Suchen auch bei der Einschätzung, wie gebräuchlich ein Fachbegriff ist und in welchem Kontext er verwendet wird. Wenn ich jetzt für einen Begriff sehr wenige Treffer bekomme, kann das auch bedeuten, dass Websites, auf denen er vorkommt, vom aktuellen Such-Algorithmus schlicht als irrelevant eingestuft werden. Es ist verheerend. Jetzt erst wird mir bewusst, für wie viele Zwecke ich Google genutzt habe, die gar nicht vorgesehen waren.

Normal emsige Arbeit, ließ sich auch mit Schlafmangel gut bewerkstelligen.

In der Challenge “Wie skurril kann ein Beschaffungsprozess werden?” wurde eine neue Benchmark erreicht: Ein Formular, mit dem ich durch Unterschrift versichern muss, dass ich die Regeln für das Ausfüllen eines älteren, weiterhin verpflichtenden Formulars kenne.

Mittagscappuccino im Westend, jetzt ließ sich endlich die Sonne sehen, wenn auch nur phasenweise und mit frischem Wind.
Zu Mittag gab es ein großes Stück Empanada vom Vorabend.

Nachmittags Routineaufgaben, ich konnte pünktlich Feierabend machen. Allerdings kämpfte ich jetzt mit Schwindel, die Einkäufe beim Vollcorner waren mühsam. Aber ich freute mich an Wärme und Sonne.

Gymnastik war daheim bei anhaltender Wackeligkeit wenig attraktiv, statt dessen kümmerte ich mich ausführlich um Finger- und Zehennägel, es war höchste Zeit. Das dauerte so lang, dass fast schon Zeit für Abendessenszubereitung war, ich setzte mich nur kurz zum Ausruhen hin.

Zum dritten Mal in Folge und innerhalb weniger Wochen teilte mir ein Online-Anbieter nach Kauf mit, dass die bestellte Ware doch nicht verfügbar war. Hmpf. Diesmal war es ein Sonderangebots-Bikini mit Neckholder, wie ich sie beim Draußenschwimmen bevorzuge – ich hatte gezielt nach einem Back-up für meinen derzeitigen einzigen gesucht.

Fürs Nachtmahl, freitäglich eigentlich traditionelle Kuh auf Wiese (gebratenes Rindfleisch mit Salat), machte ich eine Weinentdeckung der jüngsten Verkostung auf:

Stilglas mit dunklem, leicht trüben Weißwein, dahinter eine Weinflasche, dahinter Geschirrschrank

Gsellmann aus Gols hat einen Traminer, spontanvergoren und im Eichenfass sowie in Amphore ausgebaut, der echt abgefahren, aber wirklich fein schmeckt: Teerose in der Nase, dann trocken und aromatisch im Mund.

Eine große, dicke Scheibe rohes Rindfleisch mit Fettrand auf weißem Einwickelpapier

Ich hatte mir Côte de Boeuf gewünscht, Herr Kaltmamsell hatte beim Eisenreich am Viktualienmarkt ein sehr schönes gefunden.

Dieselbe Scheibe Fleisch dunkel und kross gebraten auf einem weißen Schneidebrett, im Hintergrund eine tiefe, schwarze Eisenpfanne

Gedeckter Tisch mit Stroh-Sets, zwei Glastellern mit Tranchen Rindfleisch, dazwischen eine weiße Schüssel mit grünem Salat

Dazu gab’s Ernteanteil-Salat mit Zitronensaft-Vinaigrette und süßer Zwiebel. Schmeckte alles hervorragend, der Wein passte auch zum Salat, vom Trumm Fleisch blieb nur wenig übrig (ich durfte den Knochen abnagen – wir sind eine Knochennag-Familie im Gegensatz zu der von Herrn Kaltmamsell).

Die Platz-Sets sind neu: Ich hatte sie über eine instagram-Werbung für Kleidung bei einem spanischen Shop entdeckt, der in Spanien produzierte Produkte anbietet – und sie erinnerten mich sehr an spanische Bast-Sets meiner Kindheit, die meine Mutter schön gefunden hatte. Hier ging die Bestellung dann doch gut, nachdem die erste Rückmeldung gelautet hatte, es gebe die Sets nur noch in Blau (indiskutabel, diese Farbe war die einzig korrekte). Doch nachdem ich meine Bestellung storniert hatte, wurden sie mir dann doch wie gewünscht bestätigt, ich bestellte erneut (und für günstiger). Erwähnenswert: Die runden Untersetzer sind eigentlich Brotteller, in besagtem spanischen Shop gibt es eine große Auswahl Brotteller – für spanische Privathaushalte offensichtlich sinnvoll, weil es wohl bis heute zu allem Brot gibt.

Nachtisch Schokolade. Ich war sehr, sehr müde, versuchte mich aber bis nach neun wach zu halten – eigentlich nur, weil mir Schlafengehen am hellichten Tag komisch vorkam.

Von draußen drang seit Stunden Baustellen-Lärm herein; er klang, als würde eine Straße weiter gleichzeitig ein Haus abgerissen und eine aufgerissene Straße aufgefüllt und festgerüttelt. Als würde jemand gleichzeitig mit Spundwänden Mikado spielen. Und das in der Freitagnacht. Ich griff wieder zu Ohrstöpseln, musste dennoch das Fenster schließen, denn ich wollte wirklich, wirklich schlafen.

§

Gestern las ich Dana von Suffrin, Otto aus.

Mir gefiel der Roman gut, in dem eine junge Frau als Ich versucht, das Leben ihres sterbenden Vaters Otto aufzuschreiben, die Geschichte ihrer wirren und seltsamen Familie – in der sich die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, auch die Europas spiegelt (der Vater ist ein Jude aus Siebenbürgen). Sie beginnt in der Gegenwart in einem Münchner Krankenhaus, von dort geht es in Erinnerungen und in wirren Dialogen mit ihrem Vater hin und her – irgendwie schafft sie es ganz ungeordnet dann doch.

Es gibt keine eigentliche Handlung nach diesem Anfang im Krankenhaus, wo sie ihren Partner kennenlernt – der Roman liest sich ein wenig wie ein Werkstattbericht über das Schreiben dieses Buchs. Doch das machte nichts, denn es gibt einige interessante Figuren, denen man nahe kommt, und mir gefiel, wie viel München drin ist (Olympiastadt, Isar, Trudering). Immer wieder schreibt die Erzählerin schöne Beobachtungen auf:

Ganz am Schluss ein Hadern mit dem Festhalten von vielleicht doch nur Oberflächlichem (passt gut zum heutigen #WMDEDGT):

Mittransportiert werden Informationen, wie jüdischer Alltag heute in Deutschland aussehen kann, säkular, zwischen allen Stühlen.