Journal Mittwoch, 15. April 2026 – Wokey Wokey von Nora Abdel-Maksoud an den Kammerspielen

Donnerstag, 16. April 2026 um 6:39

Beim Weckerklingeln ausgesprochen verärgert aufgewacht, weil im Traum die U6 einen ganzen langen Übergang von einem U-Bahnhof in den nächsten so gut wie gar nicht ausgeschildert war. In Betongängen über Außenbereiche durch Tiefgaragen suchten ich und mehrere Gruppen anderer Menschen nach Hinweisen, verirrten uns, hatte die eine wichtige Abfahrtszeit im Nacken – vereint durch das Kopfschütteln, wie schlecht man nur solch einen Übergang führen kann. Aber erzählen Sie mir gerne nochmal, man habe selbst in der Hand, wie man emotional auf äußere Umstände reagiert und worüber man sich aufregt.

Wenn schon die Mood Organ aus Philip K. Dicks Do Androids Dream of Electric Sheep? auf lange Sicht Phantastik bleibt (dann wieder: Es gibt ja Bauvorhaben für Fusionskraftwerke mit Zeitplan, wieso dann nicht auch für Penfield Mood Organs? Hallo BMFTR? Hallo Frau Bär?), könnte man doch zumindest bei Traum-Gefühlen schonmal üben.

Der Himmel weiterhin monochrom düster, die Luft kühl, aber trocken. Kleidung zur allgemeinen Selbstbelustigung und weil ich abends ins Theater gehen würde.

Wenn ich mich einfach auf Self Laugh statt Self Love konzentriere?
(Hier eine weitere empfehlenswerte Leitlinie beim Styling.)

Der Biergarten am Bavariapark macht sich startklar.

Am Schreibtisch startete ich mit erwarteter Zackigkeit, allerdings verzögerte sich weiterhin die für Dienstagnachmittag angekündigte Aufgabenlieferung mit Rückgabe-Deadline 12 Uhr. Zwar arbeite ich schnell, bin aber ans Raum-Zeit-Kontinuum gebunden. Es klappte dann gerade mal so, wegen schlecht einzuschätzender Auffassung von “final” wurde das Ergebnis möglicherweise nicht mein bestes.

Dann aber kurz raus auf einen Mittagscappuccino ins Westend, unter weiterhin geschlossener Wolkendecke und in (korrekt April-)kühler Luft.

Später gab es zu Mittag Skyr mit Joghurt, Orange, Leinsamenschrot.

Ich schaffte den frühen Feierabend, der mir genug Energie für einen Theaterbesuch ließ, und ging über die Theresienwiese heim – recht erstaunt über die Dutzenden Polizeiautos am östlichen Rand, sehr viele Uniformierte dazwischen. Dass die Mehrzahl mit “Zoll” beschriftet war, legte nahe, dass wegen Schwarzarbeit ermittelt wurde, die Gruppen von Polizei- und Zollautos bis zum Nußbaumpark, dass das hier eine wirklich große Aktion war. Und tatsächlich:
“Polizei und Zoll starten Großrazzia im Münchner Bahnhofsviertel”.
Es war eher Zufall, dass ich meinen Weg gestern nicht durch die von der Razzia blockierte Landwehrstraße legte, denn tatsächlich plante und machte ich einen Abstecher in einen Laden mit bulgarischen Spezialitäten in der Schillerstraße (der offensichtlich nicht gefilzt wurde).

Eine Runde Yoga, zum nur leicht vorgezogenen Nachtmahl hatte Herr Kaltmamsell die Hälfte des Ernteanteil-Weißkrauts nochmal zu köstlichem Paradeiserkraut verarbeitet.

Nachdem ich in den ersten drei Monaten des Jahres gefühlt wöchentlich im Theater gewesen war, kam erstmal eine Pause. Aber jetzt war ich wieder als Abonnentin “aufgerufen”, wie ich es von der Theaterkasse gelernt habe: Wokey Wokey von Nora Abdel-Maksoud, ein richtiges fürs Theater geschriebenes Theaterstück, allein das nahm mich schonmal positiv für den Abend ein.

Im sehr gut besetzten Theatersaal (aha, das Publikum mag sowas) sah ich eine erst vor drei Wochen uraufgeführte Farce über den aktuellen Kulturkampf um eine von Rechts “woke” bezeichnete Gesellschaftshaltung und was ihr alles zugeschrieben wird. Eingebettet ist das in Rückblenden auf die Dreharbeiten von Filmregisseurin Gordon (wieder großartig: Johanna Eiworth), die in einer Neuverfilmung von George Orwells 1984 zeigen will, dass heutzutage die Denkverbote vom Tugendterror der Linken ausgesprochen werden (eine Perspektive, die ich in den vergangenen Jahren mehrfach in Echt gelesen und gehört habe). Dabei auf der Bühne ihre vier Hauptdarsteller, die Texte drehen sich satirisch überzeichnet wild um Stereotype gesellschaftlicher Aufgeschlosseneheit, ihre Auswüchse und den Backlash, der alles davon bekämpft. Immer wieder behandeln Gordons Erklärungen, was eigentlich Wahrheit in Erzählungen ist.

Die Bühne selbst wird eingerahmt von der Begrenzung einer Kinoleinwand, in der gespielt wird, mit Fingerschnipsen dirigiert die Regisseurin das Spotlight auf Personen und Szenen (hin und wieder wird ihr dieses Schnipsen aus der Hand genommen), es ist viel Film-Sprech eingearbeitet. Das Ganze jagt in einem tumultösen Tempo über die Bühne, nur bei (Film-)Schnitten kehrt kurz Ruhe ein und die Figuren erstarren in Scherenschnitten.

Das Publikum hatte hörbar eine Gaudi, mich rissen die immer weiteren Verschraubungen der bekannten Haltungen pro und contra nicht recht mit – das mag aber an meiner Tagesform gelegen haben.

Dass die Inszenierung nur 90 Minuten dauerte, begrüßte ich hingegen sehr, ich kam nach einem Spaziergang durch kühle, trockene Aprilluft nicht zu spät ins Bett.

§

Ich gebe dem Volksverpetzer recht: Nicht immer nur die Siege der AfD weitergeben und schreind im Kreis laufen, sondern auch ihre Niederlagen feiern.
“Die AfD verliert alle Wahlen im Osten – und keiner bekommt es mit”.

§

Mek allein in einer Kneipe ohne Handy:
“bei leerem Telefon”.

die Kaltmamsell

4 Kommentare zu „Journal Mittwoch, 15. April 2026 – Wokey Wokey von Nora Abdel-Maksoud an den Kammerspielen“

  1. Rainer meint:

    Großer Applaus für die Zoll Aktion gestern. Und auch in der Schillerstraße wurde überprüft! Hoffentlich mit Ergebnissen und abschreckender Wirkung. Übrigens: die Aufgaben des Zoll beschränken sich nicht nur auf Schwarzarbeit…

  2. Bobbie meint:

    Liebe Frau Kaltmamsell, was für ein herrliches Outfit. Originell, mutig und ja auch lustig! Self Laugh statt Self Love. Wunderbar. Made my day.

  3. die Kaltmamsell meint:

    Klar, Rainer – ich nehme sogar an, diese Aufgabe von Zollbeamt*innen ist die weniger bekannte. Und wenn große Mengen davon in einer Innenstadt (oder in der Nähe von Baustellen) auftauchen, liegt dieser Schluss nahe.

  4. Croco meint:

    Geiles Outfit .:)

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